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Die antiautoritäre Erziehung am Beispiel der Summerhill School von A.S. Neill

Mit einem kritischen Vergleich zu den pädagogischen Grundsätzen von F. Schleiermacher

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 19 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die antiautoritäre Erziehung
2.1 Entstehung und Grundprinzipien
2.2 Hauptrichtungen
2.2.1 Die liberale Position
2.2.2 Die sozialistische Konzeption

3. Die Privatschule Summerhill
3.1 Schulgründung
3.2 Grundprinzipien
3.3 Kritik: pro und contra

4. Vergleich der Prinzipien Schleiermachers & Neills

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In dieser Arbeit sollen die pädagogischen Prinzipien des antiautoritären Erziehungsstils untersucht werden. Zunächst beschäftige ich mich mit der Frage, wie sich diese Form der Erziehung entwickelt hat und was ihre Kennzeichen und deren zugrunde liegenden Überlegungsansätze sind. Um ein praxisbezogenes Beispiel zu geben, stelle ich die von A.S. Neil gegründete Privatschule Summerhill vor. Ich lege die Grundprinzipien Neils dar, welche ihm bei der Führung dieser Schule wichtig sind und diskutiere ihre Vor- und Nachteile. Im Anschluss daran wird verglichen, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede diese Grundprinzipien zu den pädagogischen Überlegungen Schleiermachers aufweisen. Dabei soll unter anderem auf die Prägnanz der wechselseitigen Generationenbeziehungen Bezug genommen werden. Abschließend möchte ich zusammenfassen, in welcher Hinsicht die pädagogischen Grundüberlegungen der antiautoritären Erziehung wirklich positiv zu bewerten sind, welche Rolle dieser Erziehungsstil im Kontext der Entwicklung der Erziehung spielt und darüber hinaus noch aktuelle Relevanz zeigt.

Vorab soll erwähnt werden, dass die von mir verwendete Literatur zu einem sehr großen Teil aus den 70er Jahren stammt. Deshalb kann es sein, dass die Meinung einzelner Autoren veraltet erscheinen mögen. Allerdings war es mir wichtig die Autorenmeinungen aus der Blütezeit der antiautoritären Erziehung zu betrachten um ihre Bedeutung im historischen Wandel der Erziehungsstile zu erkennen und interpretieren zu können.

Bevor ich in das Thema einsteige möchte ich zunächst noch eine, meiner Meinung nach, für diese Arbeit adäquate Definition des Begriffs „Erziehungsstile“ gegeben werden: Weber meint, wenn er den Begriff Erziehungsstile verwendet, eine „relativ sinneinheitlich ausgeprägte Möglichkeit erzieherischen Verhaltens, die sich durch typische Komplexe von Erziehungspraktiken charakterisieren“[1].

2. Die antiautoritäre Erziehung

2.1 Entstehung und Grundprinzipien der antiautoritären Erziehung

Die antiautoritäre Erziehung entstand Ende der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts und hatte ihre Blütezeit in den 70er Jahren. In Deutschland ging die Einführung der antiautoritären Erziehung von der linken Studentenbewegung 1967[2] aus, um gegen die spätkapitalistische Gesellschaft und ihren autoritären Erziehungsstil zu revoltieren[3]. Die autoritäre Erziehung wurde nicht nur von der linken Studentenbewegung, sondern auch schon früher von vielen Pädagogen, Literaten und Philosophen strikt abgelehnt.

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts kritisierte Heinrich Mann, dass die autoritäre Erziehung die Kinder an die Gefühle von „Ohnmacht, Minderwertigkeit und Schwäche“[4] gewöhne. Das unumstrittene Familienoberhaupt in dieser Erziehungsmethode stellte der „unnahbare, angsteinflößende Vater“[5] dar, von dem die Repression und die Unterdrückung ausgeht.

Die autoritäre Erziehung entwickelte sich während der industriellen Revolution, um den Heranwachsenden die Werte der Arbeitsmoral, Disziplin und des Konkurrenzstrebens zu verinnerlichen[6]. Der auf diese Weise erzogene Mensch, so Heinrich Mann, lässt sich durch „starres Oben/Unten-Denken, Schicksalsgläubigkeit, ständige Aggressionsbereitschaft gegen Schwächere, [], stereotype Vorurteile, Fetischisierung von Traditionenn und Konventionen“ charakterisieren[7]. Diesem Menschen fehlt eine „wesentliche Eigenschaft der Autonomie“[8] und ist im Grunde unpolitisch, weil er große Angst vor Konfliktsituationen hat[9]. Zusammenfassend beschreibt Sass, dass „der autoritäre Mensch mit seinen sadomasochistischen Grundeinstellungen verantwortlich ist für die Zementierung von Verhältnissen, unter denen er selbst leidet, ohne ein Bewußtsein davon zu haben“[10].

Wie bereits erwähnt entwickelten sich aus dieser Unzufriedenheit mit der vorherrschenden üblichen Erziehungsmethode erste Überlegungsansätze zu einer antiautoritären Erziehung, die auch als Gegenerziehung bezeichnet wurde. Als erster Ideengeber für diese Art von Erziehung lässt sich der Erziehungsroman Emile von Jean-Jacques Rousseau aus dem 18. Jahrhundert nennen, aus dem die Überlegung stammt, dass der Erzieher als solcher nie selbst in die Entwicklung des Kindes eingreifen soll[11]. Die Kinder müssen, so Rousseau, durch eigene Erfahrungen klug werden[12].. Die Befürworter des antiautoritären Erziehungsstils berufen sich des Weiteren auf philosophische und sozialanalytische Überlegungsansätze von Karl Marx oder die psychoanalytischen Thesen Siegmund Freuds hinsichtlich der Lustbefriedigung und Triebunterdrückung und kommen so auf den Schluss, dass sich der Mensch von jeglicher Repression und allen Zwängen in jeglicher Hinsicht befreien muss[13]. Weber zielt ebenfalls auf die Thesen von Marx ab und postuliert, dass jegliche Form von Autorität grundsätzlich abzulehnen sei[14]. Denn jedes Kind hat ein „Recht auf sich selbst, auf seine eigene Persönlichkeit und seine eigene Entwicklung“[15]. Zur Umsetzung dieses Vorhabens müsse man, so Sass, jede überflüssige Herrschaft abschaffen[16], so dass der „Entwicklung des Kindes so wenig Grenzen wie möglich“[17] gesetzt werden. Hehlmann benennt die Grundprinzipien der antiautoritären Erziehung als „Selbstregulierung, Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung unter Ausschluß der Repression anderer“[18].

Besonderer Wert wird unter anderem auf die freiheitliche sexuelle Entwicklung gelegt. Dieser Aspekt lässt sich besonders in den Beschreibungen von Kinderläden in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder finden.[19] Neben vielen anderen betonte Henningsen die Wichtigkeit dieses Aspekts und forderte von den Erziehern, dass man die kindliche Sexualität und deren Entwicklung „voll und ganz bejaht werden“[20] soll. Dies könne beispielsweise durch die Toleranz von partnerschaftlichen Beziehungen und das willkommene nackte spielen, sowie aufklärenden Doktorspielen gefördert werden.

Ein weiterer Hauptaspekt, auf den im antiautoritären Erziehungsstil besonderer Wert gelegt wird, ist die demokratische Erziehung. Dabei sollen die Kinder und Jugendlichen sich gegenseitig demokratisch erziehen und lernen soziale Konflikte zu lösen[21]. Dabei sollen die Erzieher, ob es nun die Eltern selbst oder andere Personen sind, weitestgehend vermeiden in Streitsituationen einzugreifen. Erst wenn die Situation zu eskalieren droht und die physische, sowie psychische Gesundheit der Heranwachsenden gefährdet wird, soll von den Erziehern beratschlagend eingegriffen werden. Dadurch soll die verbal-rationale Konfliktlösekompetenz der Heranwachsenden gefördert werden[22].

Als praktische Beispiele, in denen die Theorie der antiautoritären Erziehung umgesetzt wurde, lässt sich zum einen, die Summerhillschool des Begründers A.S. Neil, auf die im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch eingegangen wird, sowie die bereits erwähnten Kinderläden im Deutschland der 70er Jahre nennen.

Es gibt keine einheitliche Definition von antiautoritärer Erziehung und so benennen die verschiedenen Autoren sie, je nach dem Hauptaugenmerk ihrer Umsetzung. So ist z.B. von der „freiheitlichen Erziehung, der konsequent demokratischen Erziehung, der repressionsfreien Erziehung, [...], der triebbejahenden Erziehung oder der sexualfreundlichen Erziehung“[23] die Rede. Abschließend lässt sich aber sagen, dass sich zwei Hauptrichtungen der antiautoritären Erziehung unterscheiden lassen: zum einen die liberale Position und zum anderen die sozialistische Position.

2.2 Hauptrichtungen der antiautoritären Erziehung

2.2.1. Die liberale Position

Die liberale Position der antiautoritären Erziehung ist „individualistisch und privatistisch orientiert“[24]. Bei ihr steht das individuelle Glück eines Menschen im Vordergrund und nicht der Kampf gegen die Gesellschaft. Sie beruft sich auf die naturalistische Erziehungstheorie des 18. Jahrhunderts von J. J. Rousseau (1712-1778) und seiner „natürlichen Erziehung“ und dem von Natur aus gutem Kind[25]. Nach Rousseau soll dem Kind eine altersgemäße Behandlung zukommen und die Möglichkeit, alle Altersstufen gegenwärtig ausleben zu können ohne dass ein Erzieher autoritär eingreift[26]. Es sollen von außen nur vereinzelt Lernhilfen gegeben werden, ohne dass das Kind Abhängigkeit oder Beeinflussung anderer Menschen erfährt[27]. Das Kind soll durch seine eigenen Erfahrungen mit der Welt und ihren Grenzen lernen, wie es sich richtig zu verhalten hat. Diese eigenen Erfahrungen kann es nicht machen, wenn es nur auf die Anordnungen eines Erziehers hört. Wenn sich ein Kind dennoch falsch verhält, so soll es nicht durch Strafe, sondern aus den rückwirkenden Folgen seines Verhaltens lernen. Diese naturalistische Erziehungstheorie von Rousseau schließt sich zu Beginn unseres Jahrhunderts an die „Pädagogik vom Kinde aus“ an. Für diese Pädagogik ist das Gewährenlassen des Kindes und die starke Autoritätskritik wesentlich. In ihrem Namen kam es Beispielsweise zur Anklage der öffentlichen Schulen als „Strafanstalten“ und „Zwangsschulen“. Angestrebt wurde eine „freie Schule“[28]. An dieser Tradition hält auch die Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung in „Summerhill“ von A. S. Neill fest, denn auch ihr Modell ist eher unpolitisch und soll an anderer Stelle näher erläutert werden. Inzwischen hat sich die liberale Richtung zum größten Teil erschöpft, weil manche ihrer Forderungen in das allgemeine pädagogische Bewusstsein eingedrungen und zum Teil realisiert worden sind[29].

[...]


[1] Weber, 1970, S. 18

[2] vgl. Weber, 1974 S. 35

[3] Henningsen, 1973 S. 11

[4] Mann, 1918 S. 256,ff.; zitiert nach Sass, 1974, S. 26

[5] ebd.

[6] vgl. Sass, 1974, S. 26

[7] Mann, 1918 S. 256,ff.; in Sass, 1974, S. 26

[8] Sass, 1972, S. 27

[9] vgl. Freyhold 1971; zitiert nach Sass, 1974, S. 27

[10] Sass, 1974, S. 27

[11] vgl. Weber, 1974, S. 37

[12] vgl. Rousseau, 1963, S.210; zitiert nach Weber, 1974 S. 38

[13] vgl. Henningsen, 1973, S. 15

[14] vgl. Weber, Erich 1974 S. 35

[15] Sass, 1974, S. 27

[16] vgl. Sass, 1974, S.

[17] ebd.

[18] Böhm, 2000, S. 27

[19] vgl. Weber, 1974, S. 73ff.

[20] Henningsen, 1973, S. 54

[21] vgl. Sass, 1974 S. 28

[22] vgl. Henningsen, 1974, S. 55

[23] Weber, 1974, S. 35

[24] Weber, 1974, S. 36

[25] Weber, 1974, S. 37

[26] vgl. Weber, 1974, S. 37

[27] ebd. S.38

[28] ebd. S.41

[29] vgl. Böhm, 2000 S.28

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640716913
ISBN (Buch)
9783640716975
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158676
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
1,3
Schlagworte
Erziehung Beispiel Summerhill School Neill Vergleich Grundsätzen Schleiermacher

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