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Systemische Familientherapie

Ein Vergleich der Wirksamkeit verschiedener Therapiemethoden bei verhaltensauffälligen Jugendlichen

Bachelorarbeit 2010 32 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Suche nach einer effektiven Therapie für verhaltensauffällige Jugendliche

2. Literaturrecherche

3. Die Entstehungsgeschichte der systemischen Therapie
3.1. Was heißt „systemisch“?
3.2. Die Anfänge der systemischen Therapie
3.3. Systemische Therapie heute

4. Vorgehen bei einem familientherapeutischen Setting

5. Wie lässt sich die Wirksamkeit empirisch messen?

6. Verhaltensauffälligkeiten bei Jugendlichen und deren Behandlung
6.1. Unterschied Verhaltensauffälligkeiten und –Störungen
6.2. Essstörungen
6.2.1. Anorexie und Bulimie
6.2.2. Empirische Nachweise zur Wirksamkeit verschiedener Therapiemodelle
6.2.3. Vergleich der Ergebnisse
6.3. Aggressionen und Delinquenz
6.3.1. Formen der Aggression bei Jugendlichen
6.3.2. Empirische Nachweise zur Wirksamkeit verschiedener Therapiemodelle
6.3.3. Vergleich der Ergebnisse
6.4. Substanzmissbrauch
6.4.1. Substanzmissbrauch im Jugendalter
6.4.2. Empirische Nachweise zur Wirksamkeit verschiedener Therapiemodelle
6.4.3. Vergleich der Ergebnisse

7. Wie wirksam ist nun die systemische Therapie?

8. Reflexion und Anregungen für weitere Forschung

9. Literaturverzeichnis

1. Die Suche nach einer effektiven Therapie für verhaltensauffällige Jugendliche

Spätestens seit den allgemein bekannten TV-Formaten wie „Die Super Nanny“ oder „Die Ausreißer“ wird deutlich, was viele Pädagogen schon seit langem befürchteten: Verhaltensauffällige Kinder scheinen immer häufiger und in immer größeren Ausmaßen zum Alltag dazu zu gehören. 20 bis 25% der Kindergarten- und Schulkinder gelten als verhaltensauffällig oder gar psychisch gestört. Dies äußert sich beispielsweise in Form von Schlaf- oder Essstörungen, depressivem oder aggressivem Verhalten, im Jugendalter zudem in Form von Drogenmissbrauch oder Zerstörungswut. Die Ursachen dieser Verhaltensweisen liegen meist in der frühen Kindheit. Denn erst durch Interaktionen mit der Umwelt, insbesondere den anderen Familienmitgliedern oder Freunden, kann sich das Kind entwickeln. Treten Verhaltensauffälligkeiten auf, muss daher die Familie als Ganzes als auch die Beziehungen der einzelnen Mitglieder untereinander bei der Ursachenforschung einbezogen werden (Textor, 2009).

Es gibt für die Vielzahl an Verhaltensauffälligkeiten jedoch kein Wundermittel. Die pädagogische Praxis versucht daher mit Hilfe verschiedener Beratungsstrategien, Defizite der Kinder bzw. Jugendlichen auszugleichen. Ein Beispiel hierfür ist die systemische Beratung. Da aber in schwerwiegenden Fällen, wie beispielsweise bei psychischen Störungen, Beratung allein nicht ausreicht, ist oftmals eine spezielle Therapie des Kindes unumgänglich.

In der vorliegenden Arbeit soll daher untersucht werden, wie wirksam die systemische Familientherapie (SFT) verhaltensauffälliger bzw. –gestörter Jugendlicher ist. Hierzu wird die SFT mit anderen Therapieformen verglichen, um herauszufinden, inwiefern die systemische Therapie bei verhaltensauffälligen Jugendlichen wirksamer als andere Therapiemethoden ist.

Da allerdings keine allgemeine Form der Verhaltensauffälligkeit existiert, wurden drei Formen zur Veranschaulichung ausgewählt. Dazu gehören Essstörungen, aggressives Verhalten sowie Substanzmissbrauch bei Jugendlichen.

Anhand der Analyse verschiedener empirischer Arbeiten soll die Wirksamkeit der unterschiedlichen Therapieformen bei diesen Störbildern miteinander verglichen werden. Zunächst wird auf den Vorgang der Literaturbeschaffung eingegangen und im Anschluss die Geschichte der systemischen Therapie aufgezeigt. Im Hauptteil der vorliegenden Arbeit werden je drei Studien zu einer Verhaltensauffälligkeit ausgewertet und miteinander verglichen. Abschließend werden weitere Möglichkeiten für die Forschung auf diesem Gebiet aufgezeigt.

2. Literaturrecherche

Die Literatur der vorliegenden Arbeit wurde der Universitätsbibliothek Regensburg und dem Magazin entnommen. Dabei wurden beispielsweise die Suchbegriffe „Systemische Therapie“, „Familientherapie“ und „Wirksamkeit“ verwendet.

Die Studien wurden ausschließlich im Internet gefunden. Die wichtigsten Quellen, in denen recherchiert wurde, waren die Datenbank Wiley Interscience, Sagepub und der Springer Verlag, zu deren Veröffentlichungen die Universität Regensburg ihren Studenten freien Zugang ermöglicht.

Wiley Interscience, eine seit 1997 bestehende Sammlung wissenschaftlicher, technischer und medizinischer Inhalte, verfügt mittlerweile über mehr als 1400 Zeitschriften und 6000 Online-Bücher und damit über drei Millionen Artikel.

Der 1965 gegründete SAGE Publications Verlag verfügt über eine große Auswahl an unabhängigen wissenschaftlichen Zeitschriften und Büchern und ermöglicht eine umfassende Literatursuche im sozial- und geisteswissenschaftlichen, aber auch im medizinischen und technischen Bereich.

Der Springer-Verlag ist weltweit einer der größten Verlage auf den Gebieten Wissenschaft, darunter auch Geistes- und Sozialwissenschaften, Technik und Medizin.

In diesen Fachdatenbanken wurde zunächst mit den Schlagwörtern „effectiveness“ und „family therapy“ gesucht. Aufgrund der hohen Trefferquote wurden weitere Schlagworte wie beispielsweise „juvenile“ bzw. „youth“ oder „family systems theory“ ergänzt.

Desweiteren wurde Google Scholar herangezogen. Hier wurden vor allem Studien gefunden. Google Scholar zeichnet sich dadurch aus, dass es bei der Suche Fachzeitschriften mit einbezieht und ein Abstract des gefundenen Artikels bereitstellt, in vielen Fällen ist jedoch auch der Volltext verfügbar. War dies nicht der Fall, so konnte dieser häufig über oben genannte Fachdatenbanken gefunden werden. Auf den ersten Blick kann die Anzahl der Zitationen abgelesen werden und somit meist auf die Güte des jeweiligen Artikels geschlossen werden. Für die vorliegende Arbeit wurden nur Artikel ausgewählt, die mindestens 50 Zitationen aufwiesen.

Aus der Vielzahl wissenschaftlicher Artikel über die systemische Familientherapie wurden nur diejenigen ausgewählt, die nach dem peer-review System veröffentlicht wurden oder oftmals in anderen vergleichbaren Artikeln zitiert wurden. Somit wurde gewährleistet, dass es sich um seriöse wissenschaftliche Arbeiten handelte.

Trotz einer Vielzahl an Möglichkeiten, die den Studenten zur Verfügung gestellt werden, war es nicht immer möglich, an alle Texte oder Studien unentgeltlich zu gelangen, sodass die vorliegende Arbeit nur auf frei zugänglichen Quellen beruht und einige oft zitierte Werke nicht aufgenommen werden konnten.

3. Die Entstehungsgeschichte der systemischen Therapie

3.1. Was heißt „systemisch“?

Das Wort „systemisch“ kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet so viel wie „was zusammen steht“ (Schweitzer & Zwack, 2010, S. 76). Allgemein heißt dies, dass ein System eine aus verschiedenen Elementen zusammen gesetzte Einheit ist, die einer gewissen Ordnung folgt. Daher unterschieden systemtheoretische Ansätze ursprünglich zwischen Teilen, also beispielsweise Familienmitgliedern, und dem Ganzen, der Familie. Es wurde angenommen, dass sich die Summe der einzelnen Elemente eines Systems anders verhält als das System als Ganzes. Neuere Ansätze dagegen unterscheiden zwischen Systemen und deren Umwelt (Simon, Clement & Stierlin, 1999). Die Systemische Familientherapie geht davon aus, dass jedes Individuum Teil eines größeren Systems ist. Eingebettet in eine Vielzahl von sozialen Beziehungen, und damit verschiedenen Systemen, wirkt sich dies auf das eigene Verhalten des Menschen aus (Morschitzky, 2007). Anfangs nur auf das System der Familie begrenzt, weitete sich der Rahmen auf alle Formen, in denen sich Menschen sozial organisieren können aus und beinhaltet heute das gesamte Herkunftssystem des Klienten und dessen Lebensumstände mit seinen sozialen und gesellschaftlichen Strukturen. Somit wurde der Begriff der „Familientherapie“ weitestgehend durch den der „systemischen Therapie“ ersetzt (Fellner, 2004).

Ein wichtiges systemisches Konzept ist die Zirkularität. Dabei wird angenommen, dass sich Individuen stets gegenseitig beeinflussen. Das Verhalten einer Person kann sowohl Ursache als auch Wirkung des Verhaltens anderer sein. Im Fall der Auffälligkeiten heißt dies, dass ein solches Verhalten einerseits als Reaktion auf das soziale Umfeld verstanden werden kann, aber auch andererseits das soziale Umfeld selbst beeinflusst (von Sydow, Beher, Retzlaff & Schweitzer, 2007). Zirkuläre Fragen sollen den Klienten anregen, über die innerfamiliären Beziehungsmuster zu sprechen. Dadurch erkennt der Therapeut, wie das System organisiert ist und kann eingefahrene Strukturen aufbrechen. Eine weitere Methode ist beispielsweise die Familienskulptur, bei der der Klient die Familienmitglieder selbst oder für diese stellvertretend Holzfiguren o.ä. im Raum aufstellt und somit die Beziehungen zueinander offen legt (Stehling, 2002).

3.2. Die Anfänge der systemischen Therapie

Die Systemische Familientherapie lässt sich nicht auf eine zentrale Gründerfigur zurückführen, vielmehr entwickelte sie sich aus verschiedenen Ansätzen (Schweitzer & Zwack, 2010). Wichtige Vorreiterrollen spielten beispielsweise die Kommunikationstheorie nach Watzlawik oder die Bindungstheorie nach Bowlby. Watzlawik ist bekannt für seine Aussage zur Unmöglichkeit des Nichtkommunizierens und die verschiedenen Ebenen der Kommunikation, beispielsweise der Inhalts- und Beziehungsebene. Grundlage der Bindungstheorie ist die Annahme, dass Kinder die Nähe zu Bezugspersonen suchen und auf Trennung negativ reagieren (von Sydow et al., 2007).

Bereits 1890 sah die Sozialarbeiterin Zilpa Smith ihre Klienten nicht als Einzelpersonen, sondern deren Familien als ganze Einheit. Es folgten Kurt Lewin, Jacob Moreno, der Begründer des Psychodramas und Alfred Adler, der die ganze Familie in die Beratungssituation miteinbezog (von Schlippe & Schweitzer, 2000). Bekannt im Zuge der Entwicklung der Familientherapie wurden vor allem die Mitglieder des Mental Research Institute in Palo Alto (Kalifornien) in den 50er Jahren. Don Jackson, Jay Haley, Virginia Satir und Paul Watzlawik legten Wert auf den Einbezug des sozialen Umfelds ihrer Klienten. Neben individuellen Merkmalen sollten auch Familienmitglieder, Freunde sowie das schulische, berufliche und kulturelle Umfeld bei der Therapie beachtet werden (von Sydow et al., 2007), da man davon ausging, dass nicht eine Einzelperson erkrankt sei, sondern deren gesamte Familie (Morschitzky, 2007). Desweiteren verstanden sie die Familienmitglieder als Personengruppe, die in gegenseitigem, andauernden Kontakt zueinander und in Verbindung mit ihrer Umwelt stehen (Cottrell & Boston, 2002).

Mara Selvini-Palazzoli entwickelte in den 70er Jahren das sog. „Mailänder Modell“. Deren Konzepte, wie beispielsweise Zirkularität und Neutralität, sind heute aus dem systemischen Methodenkoffer nicht mehr weg zu denken. Ihr Ziel war es, Familien aus dem Gleichgewicht zu bringen indem eingefahrene Strukturen aufgebrochen werden und den Familien somit eine neue Sichtweise ermöglicht wurde (von Schlippe & Schweitzer, 2000). Hierfür wurde erstmals ein therapeutisches Setting eingeführt, bei dem zwei Therapeuten direkt in Kontakt mit der Familie standen, zwei weitere dienten als Beobachter der Sitzung. Dadurch wurde gewährleistet, dass die Therapeuten kein wichtiges Detail übersehen oder Stellung beziehen (Morschitzky, 2007).

Ebenfalls in den 70er Jahren entstanden die lösungsorientierte Kurzzeittherapie nach Steve de Shazer, die strukturelle Familientherapie nach Salvador Minuchin, die strategische Familientherapie nach John Haley sowie die erlebnisorientierte Form der Therapie nach Virginia Satir, die allesamt eine vergleichbare Vorgehensweise haben (von Schlippe & Schweitzer, 2000).

Ende der 70er wurde in Deutschland die „Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Familentherapie“ (DAF) und Ende der 80er der „Dachverband für Familientherapie und systemisches Arbeiten“ (DFS) gegründet. Im Jahr 2001 schlossen sich beide zur „Deutschen Gesellschaft für systemische Familientherapie“ (DGSF) zusammen (Stehling, 2002).

3.3. Systemische Therapie heute

Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie (DGSF) bietet die Ausbildung zum „Systemischen Kinder- und Jugendlichentherapeuten“ an. Die Fortbildung dauert gewöhnlich ein Jahr und umfasst mindestens 330 Unterrichtseinheiten. Durch das Institut erfolgt eine ständige Evaluation der Weiterbildung. Zugelassen werden Interessenten, die bereits eine Fortbildung zum systemischen Therapeuten oder Berater haben und eine abgeschlossene Berufsausbildung im psychosozialen Bereich mit ausreichender Berufserfahrung vorweisen können. Die Ausbildung geht auf entwicklungspsychologische Besonderheiten des Kindes- und Jugendalters und in dieser Zeitspanne auftretende Beziehungssysteme sowie verschiedene Therapiemöglichkeiten ein. In den ersten Einheiten erlernen die Fortbildungsteilnehmer mit Hilfe von Supervisoren das systemische Arbeiten. Nach einer gewissen Anzahl selbst durchgeführter und dokumentierter Therapiestunden und bestandener Abschlussprüfung erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat der DGSF.

Bei der Ausbildung stehen verschiedene Qualitätskriterien im Vordergrund, die die Handlungsgrundlage des systemtherapeutischen Arbeitens bilden. Dazu gehört beispielsweise das Arbeiten im Haus der betroffenen Familie unter Einbezug des Umfeldes oder die Mitarbeit eines zweiten Therapeuten, was das reflektierende Arbeiten ermöglicht. Die Behandlungszeit ist auf mindestens 26 bis maximal 52 Wochen begrenzt, sodass das eigenverantwortliche Arbeiten der Familien erhalten bleibt, die vorhandenen Ressourcen weiter ausgeschöpft werden können und eine Abhängigkeit vom Therapeuten verhindert wird. Als besonders wichtig wird bei der DGFS vor allem die Evaluation der Therapiesitzungen, welche mindestens 5% des gesamten Zeitbedarfs ausfüllen soll, erachtet. Die Wirksamkeit der Therapie selbst wird anhand eines Katamnesegesprächs überprüft (DGSF-Mitgliederversammlung, 2009).

4. Vorgehen bei einem familientherapeutischen Setting

Die Familientherapie zeichnet sich dadurch aus, dass die beteiligten Familienmitglieder gemeinsam mit Hilfe des Therapeuten nach Lösungen für ein sie betreffendes Problem suchen (Schweitzer & Zwack, 2010). Dies erfolgt in mehreren aufeinander folgenden Schritten. Zunächst lädt der Therapeut möglichst viele Familienmitglieder und andere involvierte Personen ein und versucht mit Hilfe der verschiedenen Sichtweisen das Problem zu definieren. Im Anschluss werden einzelne Ziele definiert und Schwerpunkte gebildet. Dabei ist die Neutralität des Therapeuten von großer Wichtigkeit. Schuldzuweisungen müssen abgewiesen und das geschilderte Problem als Problem der gesamten Familie, nicht eines Einzelnen dargestellt werden. In den folgenden Sitzungen werden verschiedene Szenarien einer problemfreien Umwelt erarbeitet. Ziel ist es, die Familie zu stabilisieren und falls keine Verbesserung möglich ist, den Umgang mit dem Problem zu erlernen (Stanton & Heath, 2003). Desweiteren soll die Autonomie und der Selbstwert jedes Familienmitgliedes gestärkt, der Zusammenhalt untereinander gefestigt, die Kommunikation verbessert und schädigende Beziehungsmuster verändert werden (Stehling, 2002). Der Therapeut gibt dem Klienten keine Lösung vor, vielmehr stellt er diesem verschiedene Fragen, welche ihm ermöglichen sollen, Lösungen seines Problems aufzudecken. Die Betonung liegt hierbei immer auf den bisher erreichten Zielen, nicht auf mögliche Folgeschwierigkeiten (Fellner, 2004).

5. Wie lässt sich die Wirksamkeit empirisch messen?

Bei der systemischen Familientherapie ist mehr als eine Person an der Behandlung beteiligt. Dies wirft jedoch die Frage auf, was letzten Endes gemessen werden soll bzw. woran sich der Erfolg der Therapie erkennen lässt. Zum einen können Veränderungen des Patienten, der Geschwister oder der Eltern gemessen werden. Zum anderen kann die Veränderung der Symptome oder die Zufriedenheit mit der Therapie untersucht werden. Auch kann eine niedrige Abbrecherquote für die Güte einer Therapieform sprechen, ebenso die Länge des Zeitraumes, in der die behandelten Symptome nicht mehr auftreten. Die meisten Studien befassen sich mit der Verringerung der auftretenden Symptome, nur wenige erforschen die Auswirkung der Veränderung eines Symptoms auf die anderen Familienmitglieder (Cottrell & Boston, 2002).

Markus, Lange und Pettrigrew (1990) verglichen in einer Metaanalyse 19 Studien miteinander und untersuchten die Effektstärke der Studien anhand von Cohen’s d. Dies errechnet sich aus der Differenz der Punktzahl, die die Experimentalgruppe und die Kontrollgruppe erreichte, geteilt durch die zusammengefasste Standardabweichung. Ein Wert von d < .020 bedeutete einen kleinen Effekt, also eine geringe Wirksamkeit, ein Wert zwischen .020 und .080 einen mäßigen Effekt und ein Wert von d > .080 einen großen Effekt. Zusammenfassend für alle untersuchten Studien kamen die Autoren zu dem Ergebnis, dass die Familientherapie einen mäßigen Effekt (d = .070) erzielte, was jedoch im Vergleich zu den Kontrollgruppen auf eine höhere Effektivität hinweist.

Ebenfalls anhand von Cohen’s d untersuchten Shadish, Ragsdale, Glaser und Montgomery (1995) 163 Studien, davon 101 Studien zur Familientherapie sowie 14 zur systemischen Therapie. Ihr Ergebnis war, dass Klienten der Familientherapien besser abschnitten (d = .53), als Kontrollgruppen ohne Behandlung (k.A.). Desweiteren stellten sie fest, dass Studien, die genaue Ziele definierten, bessere Ergebnisse erzielten, als andere, die beispielsweise allgemeinen Fragen zur Zufriedenheit nachgingen.

6. Verhaltensauffälligkeiten bei Jugendlichen und deren Behandlung

6.1. Unterschied Verhaltensauffälligkeiten und –Störungen

Im folgenden Abschnitt werden Studien zu verschiedenen Formen der Verhaltensauffälligkeiten und –Störungen Jugendlicher analysiert. Nach Heinemann & Hopf (2008) zählen Aggressionen oder delinquentes Verhalten sowie Essstörungen zu den psychischen Störungen. Ebenso vergleichen von Schlippe und Schweitzer (2000) ein breites Spektrum an Verhaltensauffälligkeiten miteinander, darunter Essstörungen oder Delinquenz. Laut dem „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM-IV), das von der American Psychiatric Association (APA) herausgegeben wurde, gehören unter anderem Essstörungen und Persönlichkeitsstörungen, wie beispielsweise antisoziales Verhalten, zu den mentalen Störungen (American Psychiatric Association, 2007).

Was aber unterscheidet Verhaltensauffälligkeiten von – Störungen?

Unter einer Verhaltensauffälligkeit versteht man ein Verhalten, das sich von der Norm abhebt. Dies kann auch als eine Vorstufe für gestörtes Verhalten verstanden werden. Dabei muss man jedoch im Hinterkopf behalten, dass gewisse von der Norm abweichende Verhaltensweisen im Kindes- und Jugendalter entwicklungsbedingt, d.h. nur vorübergehend sind. Daher ist nicht jedes abnorme Verhalten sofort behandlungsbedürftig und kann bis zu einem gewissen Grad durch gezielte Förderung und verändertes Erziehungsverhalten ausgeglichen werden.

Bei den Verhaltensstörungen unterscheidet man externalisierende, d.h. nach außen gerichtete Verhaltensweisen wie beispielsweise Aggressionen, und internalisierende Störungen, d.h. nach innen gerichtete Verhaltensweisen wie etwa Depressionen. Eine allgemein gültige Definition gibt es allerdings nicht. Allen Definitionsansätzen liegt allerdings zu Grunde, dass das Kind nicht zwangsläufig andere stören muss, sondern vielmehr sich selbst durch das eigene Verhalten in seiner Entwicklung behindert (Ettrich & Ettrich, 2007). Die folgenden Studien können, bis auf die zuerst analysierten Essstörungen, nicht eindeutig Verhaltensauffälligkeiten oder –Störungen zugeordnet werden, da die Grenze zwischen beiden nicht eindeutig festgelegt werden kann. Auch die Autoren der Studien verwendeten nicht explizit die Bezeichnung „Verhaltensstörung“ oder „Verhaltensauffälligkeit“.

Die aufgeführten Studien wurden, trotz der Untersuchung verschiedener Verhaltensauffälligkeiten, ausgewählt, um verschiedene Bereiche der systemischen Therapie abzudecken und deren Wirksamkeit miteinander zu vergleichen. Da Aggressionen und Substanzmissbrauch tendenziell eher bei männlichen Jugendlichen vorkommen, wurden zudem Essstörungen als zu untersuchende Verhaltensauffälligkeit ausgewählt, da hier zumeist Mädchen betroffen sind.

Die nachfolgende Tabelle bietet einen Überblick über die verwendeten Studien. Zunächst werden die Studien zum Thema „Essstörungen“ analysiert, gefolgt von „Aggression und Delinquenz“ sowie schließlich „Substanzmissbrauch“. Die Anzahl der Probanden bei den Studien zum Substanzmissbrauch und zu Aggressionen lassen auf repräsentative Ergebnisse schließen. Desweiteren ist das Durchschnittsalter bei allen Studien vergleichbar mit ca. 15 Jahren. Größere Unterschiede zeigen sich jedoch bei der Anzahl und dem Abstand der verschiedenen Messzeitpunkte.

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Details

Seiten
32
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640744787
ISBN (Buch)
9783640745272
Dateigröße
682 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158638
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Philosophische Fakultät II
Note
1,0
Schlagworte
Systemische Therapie Familientherapie Verhaltensauffälligkeiten Jugendliche; Wirksamkeit

Autor

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Titel: Systemische Familientherapie