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John Rawls und Ronald Dworkin

Überlegungen zur Idee des Urzustands und den Gerechtigkeitsprinzipien

Seminararbeit 2010 14 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 John Rawls
2.1 John Rawls über den Urzustand
2.2 Freie und gleiche Bürger
2.3 Die zwei Gerechtigkeitsprinzipien
2.4 Problemstellung

3 Ronald Dworkin über Gerechtigkeit und Rechte
3.1 Hypothetische Verträge
3.2 Kritik am Urzustand

4 Kritische Würdigung
4.1 Zu der Idee des Urzustandes
4.2 Zu den Gerechtigkeitsprinzipien

5 Resumé

6 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

In der Einleitung möchte ich einen kurzen Überblick über die beiden Philosophen John Rawls und Ronald Dworkin, die in dieser Arbeit die Hauptrolle spielen werden, geben und meine Ziele, die ich mir für diese Arbeit gesetzt habe, vorstellen.

John Rawls wurde vor allem für seine Theorie der Gerechtigkeit als Fairness bekannt, die er zum ersten Mal in seinem Werk „A Theory of Justice“[1] formulierte. Darin beschreibt er seine Idee einer Gesellschaft mit freien Bürgern, die alle dieselben Grundrechte haben und in einem egalitären ökonomischen System zusammenwirken. Diese Idee entwickelte Rawls in vielen weiteren seiner Werke weiter.[2] Einige Grundgedanken, die er in diesem Werk formuliert lauten: Ein wichtiges Kriterium von politischen Institutionen ist die Gerechtigkeit als Fairness. Diese Idee der Gerechtigkeit als Fairness steht im direkten Widerspruch zu einer utilitaristischen Interpretation von Gerechtigkeit. Das Ziel einer wissenschaftlichen Ethik wäre es, ein reflektives Gleichgewicht zwischen all seinen generellen und spezifischen politischen Überzeugungen herzustellen. Abstrakte Überzeugungen können daher spezifische Urteile erklären. Obwohl ein perfektes reflektives Gleichgewicht in Wirklichkeit nicht erreichbar ist, kann es dennoch als Methode verwendet werden, um dem Ziel seine Urteile und Überzeugungen zu rechtfertigen, so nah wie möglich zu kommen.[3]

Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt auf der bekannten Arbeit „Gerechtigkeit als Fairneß“[4] von John Rawls. Da es den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde den gesamten Text zu bearbeiten, beschränke ich mich auf bestimmte Bereiche wie Rawls Idee des Urzustands und Rawls Gerechtigkeitsprinzipien. Ich möchte zunächst die wichtigsten Ideen und Annahmen die Rawls zu diesen Themen formuliert, vorstellen und danach mit dem Text „Gerechtigkeit und Rechte“ aus Ronald Dworkin´s Buch „Bürgerrechte ernstgenommen“[5] vergleichen. Stephen Guest schreibt über den Einfluss von Dworkin: „Ronald Dworkin´s legal und political theories have a complexity, novelty and moral power that have excited a wide range of academic and political thinkers.“[6] Seine Theorie der Gerechtigkeit beruht auf der Vorstellung, dass jedes politische Urteil auf dem Fundament der Gleichheit aller Menschen beruhen muss und die Umstände ihrer Herkunft unberücksichtigt lassen muss. In einigen seiner frühen Artikel kann man auch den Einfluss von John Rawls erkennen. Dworkin verwendet beispielsweise auch Rawls Idee des reflektiven Gleichgewichts, doch er verwendet es, anders als Rawls, direkt, um moralische Argumente zu konstruieren.[7] Einen ebenfalls sehr wichtigen Teil dieser Arbeit werden die Analyse und die kritische Reflexion der beiden Texte ausmachen. Dabei sollen vor allem die Probleme, die Rawls Gerechtigkeit als Fairness mit sich bringt genauer betrachtet werden und der Versuch eine Lösung anhand der Ausführungen von Dworkin gestartet werden. Ziel dieser Arbeit ist es, einen Gesamtüberblick über beide Texte und deren Schwachstellen zu gewinnen und einen möglichen Ausweg aus den besprochenen Problemen zu finden.

2 John Rawls

In diesem ersten Abschnitt soll es darum gehen, den Haupttext und somit die darin enthaltenen Grundgedanken und Ideen von John Rawls vorzustellen, um danach die Probleme, die sich aus den Texten ergeben, besser zu verstehen und analysieren zu können.

2.1 John Rawls über den Urzustand

Die zwei Grundideen des Urzustandes und die Idee der Bürger als freie und gleiche Personen sind zwei von sechs Grundideen die Rawls in den Paragraphen sechs und sieben seines Buches „Gerechtigkeit als Fairneß“[8] bespricht.

Wie aber kommt Rawls überhaupt dazu, eine Idee wie den Urzustand zu entwickeln? Und wozu braucht er eine solche Idee und was kann sie leisten? Genau diese Fragen möchte ich nun beantworten. Rawls sieht die Gesellschaft als ein System in dem freie und gleiche Bürger miteinander kooperieren. Das wichtige an diesem System ist, dass es ein faires System ist, was bedeutet, dass es faire Kooperationsbedingungen geben muss. Aber wie sollen diese fairen Kooperationsbedingungen geschaffen werden? Laut Rawls müssen die Bürger selbst die Bedingungen durch eine Übereinkunft miteinander festlegen. Damit diese Übereinkunft aber eine politisch gültige sein kann, muss sie unter ganz bestimmten Bedingungen getroffen werden. Der Urzustand wird als eine Möglichkeit betrachtet, diese fairen Bedingungen zu ermöglichen. Eine weitere Frage, die sich stellt ist, wie man es schafft eine faire Übereinkunft zwischen freien und gleichen Personen zu erreichen. Das Problem hierbei ist, dass der Blickpunkt, von welchem die Übereinkunft getroffen wird, nicht durch die speziellen Gegebenheiten der Grundstruktur beeinflusst werden darf. Der Blickpunkt, durch den die freie Übereinkunft zwischen freien und gleichen Personen erreicht werden kann, ist der Urzustand. Ein besonderes Charakteristikum dieses Urzustandes ist der so genannte „Schleier des Nichtwissens“. Rawls beschreibt ihn wie folgt: „Im Urzustand dürfen die Beteiligten weder die soziale Stellung noch die besonderen Globaltheorien der von ihnen repräsentierten Personen kennen. Ebensowenig kennen sie die rassische und ethnische Gruppenzugehörigkeit der Person, ihr Geschlecht oder ihre diversen angeborenen Fähigkeiten wie Stärke und Intelligenz[…]. Diese Informationsbeschränkung kennzeichnen wir metaphorisch und sagen, die Beteiligten befänden sich hinter einem Schleier des Nichtwissens.“[9] Der Schleier des Nichtwissens ist wichtig, weil er verhindern soll, dass angeborene Fähigkeiten, Macht oder Reichtum von Personen die Übereinkunft auf die Grundprinzipien beeinflussen. Wichtig zu erwähnen ist, dass der Urzustand als etwas Abstraktes betrachtet werden muss. Aus diesem Merkmal folgt, dass die Vereinbarung, die im Urzustand getroffen wird, erstens hypothetisch und zweitens nichthistorisch ist. Hypothetisch ist die Vereinbarung, weil nach den möglichen und nicht nach den tatsächlichen Prinzipien, auf die sich die Parteien geeignet haben, gefragt wird. Nichthistorisch ist sie, weil es einen solchen Vertrag und eine solche Vereinbarung nie gegeben hat und wahrscheinlich auch nie geben wird, was aber irrelevant ist. Aus dem Gesagten folgt, dass der Urzustand als ein Darstellungsmittel betrachtet werden muss. Er ist ein Gedankenexperiment und ein Modell für die fairen Bedingungen unter denen sich die freien und gleichen Menschen auf die fairen Verhältnisse der Kooperation der Menschen untereinander einigen und ein Modell dafür, welche Gründe angemessen sind, um bestimmte Prinzipien zu akzeptieren oder abzulehnen. Weil der Urzustand ein Modell für diese beiden Momente ist, kann man davon ausgehen, dass die Prinzipien, die durch die Übereinkunft der freien und gleichen Personen getroffen werden, faire Kooperationsbedingungen schaffen. Das Verhältnis der Personen im Urzustand ist ein symmetrisches, weile alle Bürger als gleich betrachtet werden (sie haben die nötigen Voraussetzungen um kooperierende Mitglieder der Gesellschaft zu sein) und sie daher auch gleich behandelt werden müssen.[10]

2.2 Freie und gleiche Bürger

John Rawls sieht Personen in seiner Theorie der Gerechtigkeit als Fairness als Wesen, die zu einer lebenslangen Kooperation in der Gesellschaft fähig sind. Solche Wesen brauchen nach Rawls zwei bestimmte moralische Vermögen, die wie folgt lauten: Das erste moralische Vermögen ist die Anlage zum Gerechtigkeitssinn und das zweite moralische Vermögen ist die Fähigkeit sich eine Vorstellung davon zu machen, was das Gute ist. Eine Anlage zum Gerechtigkeitssinn zu besitzen bedeutet für Rawls, dass die betreffende Person in der Lage sein muss bestimmte Prinzipien, welche die politische Gerechtigkeit betreffen, zu verstehen und anzuwenden. Sich eine Vorstellung vom Guten machen zu können bedeutet einfach nur, dass die betreffende Person eine bestimmte Vorstellung davon hat, welche Dinge von Wert sind und was als wertvolles Leben gelten soll. Was nun die Konzeption der Person bei Rawls betrifft, ist es wichtig zu bemerken, dass Rawls mit seiner Theorie der Gerechtigkeit als Fairness, eine politische Theorie und keine Globaltheorie aufstellen möchte. Rawls Konzeption der Person ist daher eine politische und keine psychologische Konzeption. Die Gleichheit der Bürger besteht darin, dass sie alle die nötigen Fähigkeiten (moralische und sonstige) besitzen, um ihr ganzes Leben lang an der Kooperation der Gesellschaft teilnehmen zu können. Die moralischen Fähigkeiten sind damit das Fundament der Gleichheit der Personen. Man muss auch zwischen einer demokratischen Gesellschaft und dem Gedanken einer Gemeinschaft unterscheiden. Gemeinschaften kann man verlassen, Gemeinschaftsmitglieder haben dieselben Ziele und Werte und eine Gemeinschaft kann ihre Mitglieder für die Erfüllung bestimmter Werte und Ziele besonders belohnen oder auszeichnen. Aus einer demokratischen Gesellschaft kann man nicht einfach austreten und außerdem können die Mitglieder einer solchen politischen, demokratischen Gesellschaft nicht nach Belieben unterschiedlich behandelt werden, da alle als Gleiche akzeptiert werden. Daher können sie nur in dem Maß unterschiedlich behandelt werden, wie es ihre Konzeption von Gerechtigkeit vorsieht. Frei sind die Bürger nach Rawls in zweierlei Hinsicht: Sie sind insofern frei, als sie sich selbst und anderen die Fähigkeit eine Vorstellung des Guten zu vertreten, zu reflektieren und modifizieren, zuschreiben. Sie brauchen also das Vermögen eine Konzeption des Guten zu entwerfen, um als freie Bürger zu gelten. Zweitens sind die Bürger als freie Personen zu verstehen, weil sie sich als sich selbst beglaubigende Quellen verstehen, die gegenüber bestimmter Institutionen Ansprüche geltend machen, um ihre Konzeptionen des Guten durchzusetzen. Die Konzeptionen des Guten müssen jedoch mit den öffentlichen Gerechtigkeitsprinzipien kompatibel sein, um die Ansprüche an die Institutionen geltend machen zu können.[11] Zusammenfassend kann man sagen, dass Rawls die Menschen im Urzustand deswegen als gleich erachtet, weil er sie „[…] als Wesen mit einer Vorstellung von ihrem Wohl und einem Gerechtigkeitssinn“[12] sieht. Genau diese zwei Punkte sind es, die die Gleichheit der Menschen ausmacht.

[...]


[1] Vgl. RAWLS, J., 1975, Eine Theorie der Gerechtigkeit, Suhrkamp, Frankfurt am Main.

[2] Vgl. WENAR, L., "John Rawls", The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Fall 2008 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL = <http://plato.stanford.edu/archives/fall2008/entries/rawls/>.

[3] Vgl. HÖFFE, O., 1977, Über Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit, Suhrkamp, Frankfurt am Main, S. 13

[4] Vgl. RAWLS, J., 2003, Gerechtigkeit als Fairneß. Ein Neuentwurf, Suhrkamp, Frankfurt am Main.

[5] Vgl. DWORKIN, R., 1984, Bürgerrechte ernstgenommen, Suhrkamp, Frankfurt am Main.

[6] Vgl. GUEST, S., 1991, Ronald Dworkin, Stanford University Press, Edinburgh, S. 1

[7] Vgl. GUEST, 1991, Ronald Dworkin, S. 1 ff.

[8] Vgl. RAWLS, 2003, Gerechtigkeit als Fairneß.

[9] Ebd. S. 40

[10] Ebd. S. 38 ff.

[11] Ebd. S. 44 ff.

[12] Vgl. RAWLS, 1975, Eine Theorie der Gerechtigkeit, S. 36.

Details

Seiten
14
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640722266
ISBN (Buch)
9783656208426
Dateigröße
375 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158478
Institution / Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz
Note
1
Schlagworte
John Rawls Ronald Dworkin Gerechtigkeitsprinzipien Urzustand freie und gleiche Bürger Differenzprinzip

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Titel: John Rawls und Ronald Dworkin