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Sprachsozialisation einiger nicht-europäischer Kulturen im Vergleich

Seminararbeit 2009 20 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

Abstract

1. Einleitung

2. Sprachsozialisation

3. Die Studien
3.1. Inuit: Soziale Tradition vs. Individuelle Moderne
3.2. Kwara'ae: Soziale Kompetenz in der Egalität
3.3. Basotho: Sprache als Überlebensmittel
3.4. Kaluli: Das Gleichgewicht der Gesellschaft bewahren
3.5. Japanisch: Soziale Unterwürfigkeit
3.6. Taiwan: Autoritäres Beschämen als Moralerziehung

4. Vergleich und Diskussion

5. Fazit

6. Referenzen

Abstract

Spracherwerb ist gleichzeitig auch Erwerb kultureller Kompetenzen, was unter dem Begriff Sprachsozialisation bekannt geworden ist. Diese Arbeit beleuchtet zunächst den theoretischen Begriff um dann Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Sprachsozialisation einiger ausgewählter Sprachen zu zeigen, deren definitive Vergleichbarkeit aber noch zu untersuchen wäre.

1. Einleitung

Viele Studien wurden durchgeführt zu untersuchen, wie der Spracherwerb vonstatten geht. Erst spät merkte die Spracherwerbsforschung, dass man sich hierbei zu sehr auf die westliche Welt konzentrierte und die restliche ignorierte. Als dies überwunden war, stellte man fest, dass verschiedene Kulturen verschiedene Strategien nutzen, ihren Kindern Sprache beizubringen, wobei sie ihnen aber vor allem auch stets ihre kulturellen Besonderheiten und soziale Kompetenz vermitteln, was man Sprachsozialisation nennt.

Eine Frage ist, welche Strategien interkulturell genutzt werden und worin sich verschiedene Kulturen bei dem Lehren ihrer Sprachen unterscheiden und auch gleichen. Dies möchte ich zumindest ansatzweise untersuchen. Aufgrund der teils großen Unterschiede in den Studien betreffend die Probanden (v.a. Anzahl, Alter, Entwicklung) werden keine absolut gültigen Aussagen zu treffen sein, doch soll es auch eher um den groben Überblick und allgemeine Tendenzen gehen.

Nicht untersucht werden z.B., wie sich Schule oder Zweitspracherwerb auswirken, da dies diesen Rahmen sprengen würde. Einige der folgenden Studien (v.a. Cook (2008) und Crago et. al. (1993) ) wiesen aber bereits darauf hin, dass ein Teil der Sozialisation erst in der Schule geschieht. Andere Kulturen wiederum aber haben gar keine Schule.

Die Gliederung sieht daher wie folgt aus: Zunächst sollte ich kurz erklären, was Sprachsozialisation ist und welche Auswirkungen sie haben kann. Daraufhin zeige ich erfolgte Studien zu teils grundverschiedenen Sprachen und Kulturen, gefolgt von der Diskussion.

2. Sprachsozialisation.

Nach Crago (1992) lernen Kinder Sprachen stets in einem sozialen und kulturellen Kontext. Der Begriff Sprachsozialisation käme ursprünglich von Ochs & Schieffelin (1984), nach denen kommunikative Kompetenz nötig sei um ein gutes Mitglied sowohl einer Gesellschaft als auch einer Kultur zu werden. Studien der Sprachsozialisation haben die Aufgabe herauszufinden, wie dies geschieht und welche Rolle dabei die Sprache spielt. Wenn Erzieher zu ihren Kindern Sprache benutzen tragen diese Äußerungen zeitgleich auch stets Hinweise darauf, was diese Kultur erwartet. Das lässt sich auch in unseren Kulturen sehen, wenn z.B. einem Kind ein Märchen erzählt wird, bei dem es um moralische Werte geht.

Ochs & Schieffelin (1984) schrieben, dass Spracherwerb und Sozialisation, die durch Sprache erfolgt, einst als strikt getrennt gesehen wurden. Kulturelle Faktoren beim Spracherwerb nannte man bloß Kontext. Tatsache ist aber, dass Erzieher, Eltern, Pfleger und wer sonst für die Kindeserziehung zuständig ist, starken Wert darauf legen den Kindern auch kulturelle Werte und soziale Verhaltensweisen zu vermitteln. Sprachsozialisation ist demnach ein Vorgang der Sozialisation, der durch kulturspezifische sprachliche Mittel den Kindern zuteil wird, derweil diese gleichzeitig besonders auch selber die angewendeten sprachlichen Mittel dabei lernen. Man kann keinem Kind soziales Verhalten beibringen ohne dabei Sprache zu benutzen und wer Sprach lehren will nutzt häufig Beispiele, die täglich vorkommen und praktischer Natur sind. Spracherwerb und Sozialisation sind also nicht, wie früher angenommen, voneinander trennbar. Studien erfolgten jedoch nur wenige; die meisten versuchten noch Kultur und Erwerb zu trennen. Dies merkt man vor allem an Studien, die Kinder der eigenen Sprache untersuchen: Die meisten Studien konzentrieren sich auf westliche Kinder und werden von westlichen Forschern erstellt, denen kulturspezifische Mittel und Formen gar nicht mehr auffallen. In Sprachsozialisationsstudien muss man demnach vor allem auf das sprachliche Umfeld des Kindes und die Erwartungen der Eltern an das Kind sprachliche und soziale Strukturen aufzunehmen achten. Dazu werden meist Longitudinal-Studien durchgeführt, bei denen der Forscher viele Stunden natürlicher Handlungen aufnimmt.

Peters & Boggs (1986) gingen das Thema etwas theoretischer an; benannten interaktionale Routinen, die Grundlage für den Spracherwerb von Kindern, durch die sie auch soziale Regeln lernen, wobei es schon immer ein Problem für Forscher war, diese Routinen zu erkennen. Besonders fixe, formelhafte Routinen sind leichter zu entdecken. Im Deutschen sind dies z.B. Dinge wie 'Was ist das?' - 'Das ist...', viele Höflichkeitsfloskeln und Wortspiele, die man mit den Kindern spielt. Bei diesen erkennt das Kind, sobald es sie gelernt hat, welche Antwort bei einer Äußerung gefordert ist, manchmal auch unterstützt durch Intonation. Allein durch die Intonation schon erkennt der Erwachsene später dann meist eine Verabschiedungsfloskel. Oft sind die Sprecher einer Kultur sich aber selber nicht mehr bewusst, dass solch eine Routine besteht, was wieder zu dem Problem des Forschers gehört. Routinen helfen dem Kind auch anders eine Sprache zu lernen. Hat es z.B. einen Teil einer Äußerung nicht verstanden, kann es diesen Teil bei häufiger Wiederholung derselben Äußerung wesentlich leichter lernen. Andere Routinen fordern von dem Kind Aufmerksamkeit, welche die Lernfähigkeit erhöht. Werden Routinen minimal verändert, kann das Kind diese Veränderungen leichter lernen. Oft werden Routinen mit wachsendem Alter und Aufnahmefähigkeit des Kindes erschwert und komplizierter; einige Kulturen beginnen z.B. mit einer vereinfachten Sprache, dem Babytalk.

Ein Beispiel für eine Routine, in der die Mutter dem Kind gleichzeitig sprachlichen Ausdruck beibringt, ist das Folgende:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hier sieht man einige der Variablen, die Peters & Boggs aufstellen, wie Betonung, Reduktion und vor allem auch Wiederholung. Ganz langsam werden hier dem Kind (1;2) sowohl Phrasen als auch Wörter und Routinen beigebracht.

Durch Routinen lernen Kinder meist wie gesagt auch soziale Regeln und kulturelle Umgangsformen, Normen und ähnliches. Ab einem bestimmten Alter können und sollen die Kinder solche Routinen meist selbst initialisieren. Von da ab kann auch von der Formelhaftigkeit zu lockeren und damit komplexeren Formen übergegangen werden.

Laut Crago (1992) wird die Sprachsozialisation erst seit etwa der 1970er untersucht und stammte ursprünglich aus der Ethnographie, weshalb viele Studien sowohl ethnographische als auch (psycho)linguistische Methoden anwenden. Neben der sprachlichen Analyse der Longitudinal-Studien gehören dazu aber natürlich auch Analysen der sozialen Praktiken, Organisation und kultureller Werte.

Nach Ochs & Schieffelin (1984) gibt es ein paar Strategien, die einige Kulturen anwenden, andere jedoch nicht. Zunächst einmal muss nicht die Mutter die Erziehende sein. Wer auch immer erzieht muss auch nicht zwangsweise mit dem Baby sprechen. Sprechsituationen können diadisch (Kind und Erziehender), triadisch (die beiden und eine dritte Person) oder größer sein. Simplifizierte Versionen der Sprache, das sogenannte Babytalk, findet man nicht in allen Sprachen[1]. Größere Strategien, die vor allem für bereits sprechende Kinder angewandt werden, wollen wir in den Studien unten sehen.

(2) Samoanische Mutter weist Kind an zu reportieren, welches dadurch ein wichtiges Sozialverhalten der Kultur lernt (Ochs & Schieffelin (1984: 297))

a) Mutter fai o Elegoa lea. 'Sage Elenoa (ist) hier.'
b) Kind Sego lea 'Elenoa (ist) hier.'

Nach Lieven (1994) basieren Universalitätsansprüche den Spracherwerb betreffend meist auf Studien westlicher Mittelklassen, müssen jedoch auch mit anderen Kulturen verglichen werden. Probleme beim Vergleich beruhen meist darauf, dass westliche Studien oft eine große Anzahl Versuchspersonen zu Verfügung haben, andere Studien sich jedoch mit dem meist wenigen begnügen müssen, das gegeben ist. Wie schon gesagt kann daher zumindest in dieser Arbeit auch nicht absolut verglichen werden. Ein zweites Problem ist, dass gleich aussehende Verhaltensweisen nicht unbedingt dieselben Funktionen haben müssen. Dies betrifft uns hier aber nicht, da wir keine Typologie aufstellen wollen; darauf hinweisen werden wir trotzdem. Nach Crago (1992) muss man aber beachten, dass a) Sprachen auch intern Variationen aufweisen können[2], b) einige Strategien nur bei einer, viele bei mehreren Kulturen vorkommen und c) sich Sprachsozialisation im Laufe der Zeit auch wandeln kann, was bei vielen Kulturen vor allem unter westlichen Einfluss geschah.

Laut Lieven (1994) basieren die meisten westlichen Studien auf Mutter-Kind-Dyaden, obwohl die meisten Kinder der Welt polyadisch aufwachsen. Dies ist ein Punkt, den wir im Folgenden überprüfen wollen. Andere Punkte die wir betrachten wollen, sind: Wie die verbale Umgebung des Kindes aussieht, also ob (normal oder mit Babytalk[3] ) zu ihnen gesprochen wird oder ob sie sonstige Einflüsse haben; ob und wenn ja wie stark sich auch andere Kinder und Geschwister mit den Kindern beschäftigen; ob die Eltern der Meinung sind, Sprache müsse man direkt beibringen und in welchem Umfang die Erziehenden Direkte nutzen; welche Sprachsozialisatierungsstrategien verwendet werden.

3. Die Studien

Westliche Kulturen und Sprachen, vor allem aber das Englische und auch das Deutsche, wurden häufig genug in der Geschichte der Spracherwerbsforschung untersucht. Ihre Sozialisationierungsstrategien legen meist (wenngleich es auch regionale und soziale Unterschiede gibt) den Fokus auf das Individuum, sein Selbstbewusstsein, Umgang mit Spielsachen, seltener auch noch auf christliche, moralische oder sonstige Werte sowie einfache Höflichkeitsformen. Sie scheinen oft das Gegengewicht zu bilden gegenüber Kulturen, die mehr Wert auf die gesamte Gesellschaft legen. Nach Crago (1992) wurden früher vor allem Experimente angewendet etwas über den Spracherwerb herauszufinden, wozu die Kinder (und vielleicht ihre Erzieher) in ein absolut unnatürliches Umfeld kamen und oft für ihre Kultur unpassende Handlungen durchführen mussten. Hat eine Kultur z.B. keine Spielzeuge, macht es kaum Sinn die Kinder spielen zu lassen um zu sehen, wie sie damit umgehen.

Im Folgenden sollen Studien den Vorrang haben, die wenig untersuchte Sprachen und Kulturen betreffen bzw. solche, die nicht im normalen Fokus liegen. Dazu gehören z.B. sogenannte Eingeborene der 'Dritten Welt' ebenso wie Japaner und Chinesen. Es wird keine spezielle Reihenfolge verfolgt.

[...]


[1] Interessant ist dabei auch, dass einige Sprachen eine simplifizierte Version für Ausländer haben, jedoch nicht für Kinder.

[2] Dies werden wir vor allem an den Inuit sehen.

[3] Crago (1992) wies aber bereits darauf hin, dass ein spezielles Babytalk oder 'Motherese' längst nicht in allen Sprachen gefunden wurde.

Details

Seiten
20
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640725618
ISBN (Buch)
9783640725854
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158473
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,5
Schlagworte
Sprachsozialisation Kulturen Vergleich

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