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Die Ehescheidung zwischen weltlichem Recht und kirchlicher Doktrin

Ehe - Scheidung - Wiederheirat

Hausarbeit 2009 22 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzsichnis

1. Einleitung

2. Scheidung in Klassik und Spätantike
2.1 Römisches Scheidungsrecht
2.2 Die Scheidungsfrage des frühen Christentums in der Spätantike

3. Scheidung und Mitgift

4. Frühmittelalter
4.1. Durchsetzung des Christentums in Ehefragen
4.2. Eheformen des Frühmittelalters

5. Die Durchsetzung der Kirche in der Ehegerichtsbarkeit am Beispiel Hinkmars „Denuptiis Stephani, et filiae Regimundi comitis“

6. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Suggestion, die sakramentale „christliche“ Ehe nehme im Sinne einer kirchlichen Sozialordnung ihren Anfang mit der Stiftung der Kirche selbst, besitzt kein geschichtliches Gewicht.[1] Stattdessen muss man, betrachtet man das christliche Eherecht, insbesondere im Hinblick auf seine Vorstellungen bezüglich Scheidung, von einer weitläufigen Entwicklung ausgehen.

Die vorliegende Arbeit soll zeigen inwieweit sich die Kirche und deren katholisch-christliche Vorstellungen von Ehe, aus dem Blickwinkel der Ehescheidung, bis zum frühen Mittelalter durchgesetzt haben. Dabei soll betrachtet werden, inwieweit jüdische, griechische und vor allem römische Ehegebräuche Einfluss übten und wie sich das christliche Eherecht in der Spätantike zunehmend gegenüber dem germanischen Recht durchsetzte. Darf hier von einer Verschmelzung von germanisch-heidnischen Gewohnheiten und katholisch-christlichen Vorstellungen gesprochen werden? Ob und inwieweit sich christliche Ehevorstellungen bis zum Frühmittelalter zu einem Eherecht entwickeln und gegenüber dem weltlichen Recht durchsetzen konnten soll auch am Beispiel Hinkmar von Reims Gutachten bezüglich der Synode von Toucy „De nuptiis Stephani, et filiae Regimundi comitis“ (Epistola XXII) untersucht werden.

2. Scheidung in Klassik und Spätantike

2.1 Römisches Scheidungsrecht

Ähnlich frei in der Scheidungsfrage wie das jüdische[2] und altgriechische[3] Recht war das römische Recht. Die römische Ehe war sehr instabil[4], wozu eine sehr hohe Sterblichkeitsrate wie auch eine vergleichsweise hohe Scheidungsrate beitrugen. Lag die Lebenserwartung bei der Geburt bei etwa 25 Jahren, so wurde vermutlich jede sechste Ehe innerhalb von fünf Jahren durch den Tod einer der beiden Ehepartner aufgelöst.[5] Die römische Konzeption der Ehe, die allein vom fortbestehenden Konsens der beiden Ehepartner abhängig war, hatte die leichte Auflösbarkeit der Ehe zur Konsequenz. Nach römischer Rechtsvorstellung war die Ehe nicht Rechtsverhältnis, sondern eine rechtlich anerkannte soziale Tatsache, die sich im Zusammenleben der Ehepartner verwirklichte. Eheerzeugende Heiratsregularien kannten die Römer nicht, sakralrituelle Eheschließungsformen waren seit der Vorklassik nicht mehr gebräuchlich.[6] Sobald der Konsens nicht mehr bestand hatte auch die Ehe aufgehört zu bestehen.

Als sich die sine-manu Ehen durchsetzten, bei denen die Frau in der potestas ihres Vaters verblieb, wurden auch vom Vater der Ehefrau eingeleitete Scheidungen häufiger, so Gestrich.[7] Schließlich konnte auch eine Frau, die in einer sine-manu Ehe verheiratet war und die nach dem Tod ihres Vaters sui iuris geworden war, sich ohne weiteres von ihrem Mann trennen. In der späten Republik und frühen Kaiserzeit seien Männer und Frauen was das Scheidungsrecht anbelangte im Wesentlichen gleichgestellt gewesen, so Saar.[8] Zu den Scheidungsgründen aus der Sicht des Mannes gehören Ehebruch der Frau, Unfruchtbarkeit, Vergiftung der Kinder und (versuchte) Abtreibung.[9] Vor allem in den Oberschichten, im römischen Adel, waren Ehescheidungen häufig. Manche Politiker nutzten das Instrument der Ehe zu politischen Zwecken und trennten sich dementsprechend für die Schließung neuer Familienbündnisse von ihren Frauen. Auch die Notwendigkeit eines Erbens war kein seltener Scheidungsgrund.[10]

Konflikte zwischen Ehepartnern aus der Sicht der Frau hatten vor allem ihre Ursache in der schlechten Behandlung der Ehefrau durch den Ehemann sowie in Geldstreitigkeiten. Übergriffe des Ehemannes auf das Vermögen der Ehefrau und daraus sich ergebende Zwistigkeiten zwischen den Familien und Gewalt seien häufig gewesen, so Gestrich.[11] Der am häufigsten gegen Ehefrauen erhobene Vorwurf war der Ehebruch. Lediglich von der Frau, nicht aber vom Mann, wurde eheliche Treue verlangt. Verkehr mit den eigenen Sklavinnen war üblich und galt nach römischen Verständnis nicht als Ehebruch. Bis zu Kaiser Augustus war die Ahndung des Ehebruchs im Wesentlichen persönliche Angelegenheit des geschädigten Ehemannes und unterfiel der privaten Rechtshandlung.[12] Im Extremfall konnte er den Ehebrecher und seine Frau töten, ohne hierfür mit einer Strafe rechnen zu müssen. Erst durch ein Gesetz des Augustus, die „lex Julia de adulteriis“[13], wurde die Verfolgung des Ehebruchs von staatlicher Seite geregelt.[14].

2.2 Die Scheidungsfrage des frühen Christentums in der Spätantike

Die nachklassischen Scheidungsgesetze sind entstanden, nachdem das Christentum im Anschluss an die letzte Christenverfolgung unter Diokletian zunächst toleriert worden war und seit etwa Konstantin dem Großen nach und nach zur Staatsreligion geworden ist. Allerdings, so Saar, wird angenommen, dass die nachklassische Gesetzgebung keine gemeinsame Basis mit der christlichen Sicht der Ehe hatte.[15] Der Einfluss des Christentums auf das weltliche Recht müsse nach wie vor mit Distanz gesehen werden. Der kleinste gemeinsame Nenner, der die Kirchenväter und die römischen Kaiser seit Konstantin verband, war die Vorstellung, dass die Ehe für die jeweiligen Partner nicht frei disponibel sei.

Während im weltlich römischen Recht die Ehe je nach Form des Eheabschlusses einen formlosen Konsensualvertrag unter den beiden Gatten darstellen konnte, der ohne größere Probleme, vor allem von männlicher Seite, wieder aufgelöst werden konnte[16], steht in der Bibel die Aussage Jesu diesem entgegen: "Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen, und die zwei werden ein Fleisch sein (...)“. Weil Verheiratete eine von Gott gestiftete Einheit bilden[17], ergibt sich daraus eine lebenslange Gemeinschaft von Mann und Frau: „So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“[18] Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet."[19] Diese kategorische Aussage schränkt Matthäus in der sogenannten Unzuchtsklausel ein: "Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch."[20] Von der Ehescheidung handelt Paulus und gibt differenziertere Vorschriften über die Trennung von Ehepaaren: „Den Verheirateten aber gebiete nicht ich, sondern der Herr, dass die Frau sich nicht von ihrem Mann scheiden soll – hat sie sich aber geschieden, soll sie ohne Ehe bleiben oder sich versöhnen – und dass der Mann seine Frau nicht verstoßen soll.“[21] Das angesprochene Scheidungsverbot gilt beiden Eheleuten. Nach Paulus scheint das Scheidungsverbot in seiner selbst die bloße Trennung ausschließenden Strenge nur für jene zu gelten, die ihre Ehe als Christen geschlossen haben. Eine vor dem Eintritt in die Gemeinde vollzogene Scheidung ist deshalb nicht als Ehebruch angesprochen.[22] Bringt der Heide soviel religiöse Toleranz auf, dass er an seiner Ehe festhält, so soll auch der Christ die Ehe nicht beenden.[23] Geht die Initiative zur Scheidung dagegen vom ungläubigen Gatten aus, „… so lass ihn sich scheiden… Zum Frieden hat euch Gott berufen.“[24] Für einen Ungläubigen, der außerhalb der Gemeinde steht und den das Bekenntnis seines christlichen Ehegatten zur Scheidung veranlassen mag, ist das Scheidungsverbot unverbindlich. Auch von einem Christen wird Widerstand gegen eine Scheidung nicht verlangt, damit er seinen Frieden nicht verliert. Ein Eheleben in religiöser Unstimmigkeit wiege schwerer als die Verantwortlichkeit gegenüber dem ungläubigen Partner.[25] Dem Christ bleibt somit die Freiheit zur Passivität. Ob Geschiedene erneut heiraten dürfen bleibt dagegen offen. Der 1. Korintherbrief stellt keinen Freibrief aus, erzwingt aber auch nicht den Schluss, dass eine neue Ehe nach Scheidung gleichzeitig verboten ist.

In seinen Anfängen rekrutierte sich das Chistentum nicht nur oder auch nur vornehmlich aus den unteren Schichten der Bevölkerung, Es handelte sich um eine urbane und gutsituierte Bewegung, deren Anhänger nach den Regeln weltlichen Rechts Zugang zur Ehe hatten.[26] Es sei also davon auszugehen, so Selb, dass es verheiratete Christen gab, die sich der Scheidung sowie der Wiederheirat enthielten und so die weltlichen Gesetze überboten, aber ebenso habe es Christen gegeben, die sich schieden und neue Ehen eingingen.[27] Eine Ehegesetzgebung nach kirchlichem Recht, so Selb, gab es nicht.[28]

Dabei fehlte es nicht an Frömmigkeit, sondern an der Kenntnis jener noch sich im Werden befindenden Lehren, die Männer der Kirche aus der vagen biblischen Überlieferung herzuleiten versuchten. Anders betrachtet handelten sie in Übereinstimmung mit dem jüdischen, altgriechischen oder römischen Recht unter dem sie lebten. Die liberale Haltung , die das römische Recht in dieser Hinsicht auszeichnet, wurde von den Kirchenvätern nicht geteilt und missbilligt.[29]

[...]


[1] Vgl. Ritzer, Korbinian, in: Eherecht und Familiengut in Antike und Mittelalter, München 1992, S3f.

[2] Vgl. Gestrich, Andreas, Geschichte der Familie, Stuttgart 2003, S23ff. Die Kompetenz zur Scheidung lag beim Mann und nur in sehr seltenen Fällen war die Frau dazu befugt eine Trennung zu fordern. Nach keiner rabbinischen Lehre war eine Scheidung von bestimmten Scheidungsgründen oder Umständen abhängig. Schon alleine das Gefallen einer anderen Frau genügte um auf Seiten des Mannes die Verbindung aufzulösen.

[3] Vgl. Ebd., S23ff. Der Mann konnte die Frau ohne weiteres in ihre väterliche Familie zurück schicken (apopempsis), sofern er in der Lage war die Mitgift zurückzuzahlen. Die Frau musste dagegen augenscheinlich vor dem Archon Eponymos erscheinen, damit die Scheidung (apoleipsis) registriert wurde. Prinzipiell war es somit auch der Frau möglich die Scheidung einzuleiten, wenngleich sie für einen solchen schwerwiegenden Schritt für gewöhnlich der Zustimmung ihres früheren Kyrios, des Familienoberhaupts, bedurfte, in dessen Haushalt sie nach der Scheidung zurückkehren musste. Folglich hing der Gebrauch der Frau von ihrem Recht auf Ehescheidung ganz wesentlich von dem Rückhalt ab, den sie bei ihrem Vater oder anderen männlichen Verwandten fand.

[4] Vgl. Ebd., S 119f.

[5] Vgl. Ebd., S 119. Jede dritte Ehe innerhalb von 10, beinahe jede zwei innerhalb von 15 und drei Fünftel innerhalb von 20 Jahren.

[6] Vgl. Saar, Stefan, Ehe, Scheidung, Wiederheirat, Sigmaringen 1984, S.9f.

[7] Vgl. Gestrich, Geschichte der Familie, S 120f.

[8] Vgl. Saar, Ehe, Scheidung, Wiederheirat, S. 12f.

[9] Vgl. Weimar, Ehe, I. Römisches Recht, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 3, Spalten 1621-1623.

[10] Vgl Gestrich, Geschichte der Familie, S. 120.

[11] Vgl. Ebd., S. 118.

[12] Vgl. Saar, Ehe, Scheidung, Wiederheirat, S. 12.

[13] Vgl. Gestrich, Geschichte der Familie, S. 118f.

[14] Vgl. Ebd., S.118ff. Hiernach hatten, wenn die Ehefrau und ihr Liebhaber in flagranti erwischt wurden, sowohl der Ehemann als auch der Vater die Möglichkeit der Privatrache, wobei allerdings die Rechte des Vaters gegenüber seiner Tochter umfassender waren. Er konnte sowohl die seiner potestas unterstehende Tochter als auch den Ehebrecher töten, der Ehemann nur letzteren, nicht aber seine Ehefrau, die er lediglich verstoßen durfte. Der Ehemann wurde verpflichtet sowohl die Ehefrau als auch ihren Geliebten anzuklagen. Er hatte dazu eine Frist von 60 Tagen. Widersetzte er sich konnte er selbst wegen Kuppelei (lenocinium) angeklagt werden. Verstrich die Anklagefrist, so stand es auch Unbeteiligten frei den Ehebruch vor Gericht zu bringen. Die verurteilte Ehefrau wurde mit der Verbannung bestraft. In der Spätantike drohte sogar die Todesstrafe.

[15] Vgl. Saar, Ehe, Scheidung, Wiederheirat, S. 84f.

[16] So z. B. bei Ulpian: "Nuptias non concubitus, sed consensus facit." (D 50, 17, 30) Vgl. Ambrosius mit seiner Schrift "De institutione virginis": "(...) non enim defloratio virginitatis facit coniugum, sed pactio coniugalis." (C. 6 n. 41 [PL 16, 316]).

[17] 1. Mose 2:24.

[18] Matthäus 19:6; Markus 10:9.

[19] Mk 10, 7-12.

[20] Mt 5, 31f.

[21] Vgl. Saar, Ehe, Scheidung, Wiederheirat, S.37; 1. Korinther 7:10f.

[22] Vgl. Ebd., S.37.

[23] 1. Korinther 7:12 bis 14.

[24] 1.Korinther 7:15.

[25] Vgl. 1. Korinther 7:16.

[26] Selb in: Eherecht und Familiengut in Antike und Mittelalter, S13f.

[27] Vgl. Ebd.,S.3.

[28] Vgl. Ebd.,S. 4.

[29] Vgl. Saar, Ehe Scheidung, Wiederheirat, S. 54f.

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640728220
ISBN (Buch)
9783640728169
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158433
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Mittelalterliche Geschichte
Note
1,0
Schlagworte
Ehescheidung Recht Doktrin Scheidung Wiederheirat Mittelalter ehe römisches recht kanonisches recht

Autor

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