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Der Bond der Zeit - Zum Wandel des filmischen James Bond-Charakters im Kontext sozio-ideologischer Veränderungen der Gesellschaft

Bachelorarbeit 2008 50 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Medienanalyse mittels Cultural Studies
2.1 Das Projekt der Cultural Studies
2.2 Zur Entstehung und Weiterentwicklung der Cultural Studies
2.3 Cultural Studies im deutschsprachigen Raum
2.4 Von der Einimpfungstheorie zum komplexen Rezeptionsmodell

3 Analyse
3.1 Zum Referenzrahmen der Analyse – die filmische James Bond-Figur
3.2 Zum Analysegegenstand – der Film Casino Royale
3.3 Beschreibung des Analyserasters
3.4 Analyse des Films Casino Royale
3.5 Auswertung der Analyseergebnisse
3.6 Interpretation der Analyseergebnisse

4 Ausblick

5 Literatur- und Quellenverzeichnis

6 Anhang
6.1 Filmographie – die offiziellen Filme der James Bond-Reihe
6.2 Abbildungen / Schnappschüsse aus dem Film Casino Royale
6.3 CD mit Videodatei

7 Danksagung

8 Erklärung

1 Einleitung

Im November 2006 war es soweit. Nach der zweitlängsten Pause der erfolgreichsten und langlebigsten Filmreihe der Welt lief mit Casino Royale der 21. James Bond-Film in den Kinos an. Bereits nach wenigen Minuten war für das nicht ganz unkundige Publikum klar, dass bei diesem Film einiges anders werden sollte. So ist die Anfangssequenz des Films in schwarz-weiß gehalten und die Titelfigur Bond erledigt darin einen Tötungsauftrag wider jeden Gentlemen-Betragens auf ebenso physische wie brutale Art und Weise. Die Gunbarrel -Sequenz, mit der jeder offizielle Bond-Film startet, ist hierbei zum ersten Mal in die Handlung integriert. Der dadurch eingeleitete Vorspann wird erstmals seit knapp 20 Jahren wieder von einem männlichen Interpreten musikalisch untermalt und zeigt abschließend durch eine Großaufnahme Bonds überdeutlich, dass der Charakter nun einen neuen Mimen hat, der blond und blauäugig ist - Daniel Craig (siehe Abb. 3 im Anhang).

Die weltweite Forschung hat das Phänomen James Bond von seinem literarischen Beginn an facetten- und umfangreich erfasst. Die Einbeziehung des Films Casino Royale (2006) ist bisher jedoch nicht erfolgt. So findet sich diese Thematik weder bei dem promovierten Filmwissenschaftler Siegfried Tesche, der als einer der James Bond-Experten gilt, noch im Rahmen der derzeit verfügbaren medienanalytischen Arbeiten der Cultural Studies. Mit der vorliegenden Arbeit soll diese Forschungslücke geschlossen werden. Zu diesem Zweck stelle ich folgende zwei Thesen auf:

1. In dem aktuellen Bond-Film Casino Royale (2006) hat ein Wandel des James Bond-Charakters stattgefunden.
2. Dieser Wandel der filmischen Bond-Inszenierung ist mit sozio-ideologischen Veränderungen[1] in der deutschen Gesellschaft verbunden.

Um meine Arbeit auf eine feste theoretische Grundlage zu stellen, werde ich mich auf das Projekt der Cultural Studies stützen und mich zum Zweck der Analyse des filmischen James Bond-Charakters an der Diskursanalyse John Fiskes orientieren (siehe Kapitel 2). In Kapitel 3 werde ich den Analysegegenstand vorstellen, die Analyse von Film und zeitgenössischen Äußerungen durchführen und schließlich versuchen, die beiden Thesen anhand der Ergebnisse zu verifizieren.

2 Medienanalyse mittels Cultural Studies

2.1 Das Projekt der Cultural Studies

Den Begriff Cultural Studies (CS) zu definieren und dabei die gegenwärtigen Ansätze, Thesen und Ausprägungen auf einen Nenner zu bringen, ist ein schwieriges, wenn nicht unmögliches, Unterfangen. Die Probleme sind u. a. darin begründet, dass sich das Phänomen Cultural Studies weder synchron noch gleichförmig in der Welt etabliert hat, sondern seinen Ursprung in Großbritannien nahm und im Laufe der Jahrzehnte expandierte, d. h. in immer mehr Ländern und Kulturkreisen der Welt aufgegriffen, weiterentwickelt und auf zahlreiche neue Bereiche und Theorien angewandt wurde bzw. wird. Die CS werden von ihren VertreterInnen als Projekt verstanden. Die Gemeinsamkeiten der unterschiedlichen theoretischen und methodischen Umsetzungen der Cultural Studies auf dem gesamten Globus bedeuten dabei das Projekt. Die Unterschiede werden als Formationen bezeichnet. Laut Göttlich & Winter (1999: 25) sind mit dem Begriff Formationen nicht die häufig mit Cultural Studies betitelten Fächer, Studienangebote und -gänge gemeint. „Formationen sind Netzwerke, die aus Personen und der Verbindung von Texten und Personen über Zeiträume und Fachgrenzen zu bestimmten Forschungsthemen bestehen“ (ebd.).[2] Darüber hinaus wird eine Klärung des Begriffs Cultural Studies dadurch erschwert, dass sich dessen VertreterInnen weiterhin gegen eine eindeutige inhaltliche Festschreibung wehren.[3] So verstehen sich die Cultural Studies im Allgemeinen „als offen für andere theoretische Interventionen, vor allem Interventionen von FeministInnen, gender studies und postcolonial studies. Andererseits macht diese Offenheit der Cultural Studies für jede Ausrichtung von kritischer Theorie es schwierig, ihren Gegenstand generell zu definieren“ (Matsuzaki & Zerbian 2003: o.S.). Demgemäß weigern sich viele Wissenschaftler des Projekts der CS, ihre eigene Herangehensweise (nur) einem bestimmten methodischen oder theoretischen Ansatz zu unterwerfen (vgl. Hepp 2004: 15). Trotz aller Unstimmigkeiten liefert Göttlich (2001: 36, zitiert nach: Hißnauer & Klein 2002b: 41) folgenden Definitionsversuch:

„Als das Charakteristikum der Cultural Studies und ihrer unterschiedlichen Formationen kann die Analyse kultureller Kontexte als die Erforschung und Kritik der Bedingungen der Möglichkeiten kultureller Selbstvergewisserung von Einzelpersonen sowie von gesellschaftlichen Gruppen und Schichten in ihrem Alltag und ihrer kulturellen Praxis unter sich wandelnden Machtkonstellationen gesehen werden […], die vorwiegend anhand von kulturellen Repräsentationen erfolgt.“

Diesbezüglich lässt sich vorerst zusammenfassen, dass die differenzierte Analyse von Machtverhältnissen in spezifischen kulturellen Kontexten bzw. gesellschaftlichen Feldern und dessen Verzahnung bzw. gegenseitige Wechselwirkung den übergeordneten Gegenstand der Cultural Studies darstellen (vgl. Wirth 2002: o.S.). Der Kulturbegriff der CS setzt sich dabei aus den kulturellen Praktiken, den Produkten einer Kultur und deren kontextueller Einbindung zusammen. In allen sozialen Kontexten wohnen auch Machtverhältnisse inne, die ihnen ihre jeweilige Gestalt verleihen. Diese sozialen Differenzen lassen Kultur zu einer Plattform für Machtkämpfe der Gesellschaft werden (vgl. Winter 1997: 47). Die postmodernen Gesellschaften sind laut Winter (ebd.) von Dezentralisierung, Diskontinuität, Fragmentierung und Zerstreuung geprägt, was zur Aufhebung stabiler Identitäten der ihnen angehörigen Individuen geführt hat. „Vor diesem Hintergrund […] heben die Cultural Studies hervor, dass Kultur ein Kampf um Bedeutungen ist, ein nie zu beendender Konflikt über Sinn und Wert von kulturellen Traditionen, Praktiken und Erfahrungen“ (ebd.). Der Ansatz der CS, Kultur stets in den jeweiligen Kontexten eingebettet zu betrachten (radikale Kontextualität), hat dazu geführt, dass der Begriff Cultural Studies und die mit ihm verbundenen Theorien usw. einem ständigen Wandel und verschiedenen Auslegungsweisen unterliegen (z.B. verschiedene theoretische Perspektiven und länderspezifische Formationen). Demgemäß lassen sich die Cultural Studies nicht als eine Fachdisziplin deuten, sondern müssen als inter- oder transdisziplinäres Projekt begriffen werden, als ein Feld, in dem unterschiedliche wissenschaftliche Unternehmen und Methoden zusammenlaufen und miteinander Verwendung finden. Die Metapher des Projekts und die oberste Prämisse, die verwendeten Theorien, Methoden und Untersuchungsgegenstände stets auf den jeweiligen Kontext zu beziehen, heben deutlich hervor, dass sich die CS als (Forschungs-)Ansatz fortwährend neu definieren müssen, um nicht ihre Ausrichtung auf aktuelle kulturelle Entwicklungen in Gesellschaften zu verlieren (vgl. Hepp 2004: 15f). [4]

2.2 Zur Entstehung und Weiterentwicklung der Cultural Studies

Der Ausgangspunkt der Cultural Studies liegt im Großbritannien der 1950er Jahre. Im Allgemeinen wird die Entstehung der britischen Cultural Studies und somit ferner des gesamten weltweiten Phänomens auf drei Texte von Richard Hoggarts, Raymond Williams und E. P. Thompson zurückgeführt, die Ende der 1950er Jahre veröffentlicht wurden. Zwar ist laut Stuart Hall keine genaue Datierung der Entstehung auszumachen, die eben genannten Texte seien jedoch als Ausgangspunkt der Cultural Studies anzusehen (vgl. Bromley 1999: 9). Das Projekt Cultural Studies war von Beginn an nicht nur eine akademische Disziplin, sondern folgte auch einem politischen und pädagogischen Konzept, da die meisten Schlüsseltexte auf den Erfahrungen ihrer Autoren in der Erwachsenenbildung beruhen und zum Ziel hatten, die Entwicklungen und Darstellungen, die an Universitäten nicht thematisiert wurden, zu erarbeiten. Zudem gingen die Texte aus einer gesellschaftlichen und kulturellen Neuerung hervor, der vielfältigen Beschäftigung mit Tradition, Klasse, Arbeitswelt und Freizeit, die auch in den höheren Bildungsmilieus getätigt wurde (vgl. ebd.: 10). Die britischen Anhänger der Cultural Studies der 1950er und 60er Jahre (wenngleich diese Bezeichnung dabei nicht immer Verwendung fand) hatten das Ziel, die kulturellen Privilegien, die politische Macht und die Autorität der dominierenden Klasse zu beenden, und sahen sich somit als Reformer der britischen Gesellschaft. Aus der Kritik an der kulturkonservativen Tradition in Großbritannien entstand seinerzeit das den Cultural Studies eigene Verständnis von Kultur. Im Mittelpunkt stand damals, den Begriff der Klasse, die Beziehung Kultur und Macht sowie den Zusammenhang von Konsumption und Produktion stetig zu diskutieren und zu analysieren. Die (damit verbundene) Bildung wurde als der Weg angesehen, der zu Machtgewinn der unteren und mittleren Klasse und schließlich zum demokratischen Wandel führen sollte (vgl. ebd.: 12). Die erste Form der Institutionalisierung erfuhren die Cultural Studies 1964 mit der Gründung des Center for Contemporary Cultural Studies (CCCS) in Birmingham als organisatorisches und wissenschaftliches Zentrum der CS durch Richard Hoggart. Auf diese Weise verwirklichte Hoggart die ersten wissenschaftlichen, nicht-elitären Forschungen über die Alltagskultur der britischen Arbeiterklasse (vgl. ebd.: 14f und Göttlich & Winter 1999: 38). 1969 wurde der Leiterposten des CCCS von Stuart Hall übernommen, der den Fokus auf die inter- bzw. multidisziplinäre Untersuchung von verschiedenen Kulturen, wie z.B. Analyse der Medien- und Ideologietheorie, Arbeiten zu jugendlichen Subkulturen oder Beschäftigung mit feministischen und ethnischen Fragestellungen, verschob. Mit der Zeit veränderte das CCCS zudem seinen institutionellen Charakter, indem die disziplinären Grenzen des traditionellen Bildungssystems aufgebrochen und das Studium von Kultur demokratisiert wurde, d. h., dass die fakultative Zuständigkeit für bestimmte kulturelle Fragestellungen abgeschafft wurde und der Blick sich fortwährend auf Kultur als Ganzes und auf die Thematisierung ihrer unterschiedlichen Ausprägungen richtete (vgl. Matsuzaki & Zerbian 2003: o.S.). Hall selbst zeichnete, neben seinen Tätigkeiten als Leiter des CCCS und Herausgeber zahlreicher Bücher, für eine außergewöhnlich große Menge an Artikeln, Aufsätzen und Zeitschriftenbeiträgen verantwortlich. Dieses Gesamtwerk ließ Hall laut Bromley (1999: 19) zu einer der wirkungsvollsten Figuren der Cultural Studies werden. Am CCCS arbeiteten neben Hall noch weitere namhafte VertreterInnen der CS, die noch heute in diesem Bereich tätig sind, wie z.B. Dick Hebdige und David Morley. Vor allem ihnen ist die theoretische Erweiterung der Cultural Studies, z.B. der RezipientInnenorientierte Ansatz, zu verdanken (vgl. Matsuzaki & Zerbian 2003: o.S.). Des Weiteren erfuhren die Cultural Studies in den 1980er Jahren in vielen Teilen der Erde eine themenspezifische Ausweitung und ansteigende Internationalisierung. Seit Mitte der 1980er Jahre fand zudem eine stetige Ausweitung der CS auf andere Bereiche, wie z.B. die Medienanalyse (siehe Punkt 2.4) und eine begriffliche und inhaltliche Ausdifferenzierung der Populärkulturanalyse statt (vgl. Göttlich & Winter 1999: 38f). Darüber hinaus war eine geografische Expansion in Form der weitgehenden Verlagerung von Cultural Studies in andere kulturelle Kontexte, wie z.B. die USA und Australien, zu verzeichnen. Seit einigen Jahren sind zudem Tendenzen zu erkennen, dass sich der Fokus in Richtung Postmoderne sowie postkoloniale Kritik im Zusammenhang der Globalisierung verschiebt (vgl. Matsuzaki & Zerbian 2003: o.S.). Dabei ist der Blickwinkel der Cultural Studies meist länder- bzw. kulturspezifisch, da sich die theoretischen Interessen von den verschiedenen Traditionen und historischen Hintergründen ableiten (vgl. Bromley 1999: 22). Zum Beispiel besteht in den USA das Interesse hauptsächlich in der Beschäftigung mit der Theorie, vor allem mit der der Identitätsproblematik, die Fragen nach Rasse, Geschlecht und Sexualität mit sich bringt. Dabei wird der Bereich der Klassengegensätze weitgehend ausgeblendet, da man sich in einer vermeintlich klassenlosen Gesellschaft wähnt. Deswegen widmen sich die dortigen VetreterInnen der CS verstärkt dem Umgang mit der vielfältigen populären Kultur des Staatenbundes, mit Konzentration auf Textanalysen. Gleichsam wurden poststrukturalistische und feministische Elemente in den Diskurs aufgenommen (vgl. Mikos 2006: 179).[5]

2.3 Cultural Studies im deutschsprachigen Raum

Mit dem Ende des letzten Jahrhunderts haben sich die Cultural Studies neben den o. g. auch in vielen weiteren Ländern und Regionen der Erde zunehmend etabliert. Jedoch tut sich das Projekt der CS immer noch schwer damit, in Mitteleuropa im Allgemeinen und insbesondere in Deutschland, Fuß zu fassen. Den Grundstein für die Cultural Studies im deutschsprachigen Raum legte Mitte der 1970er Jahre eine Ausgabe der Zeitschrift Ästhetik und Kommunikation, die zwei Aufsätze über Fußballfans und jugendliche Subkulturen mit dem Schwerpunkt Freizeit im Arbeiterviertel und eine Selbstdarstellung des CCCS enthielt. Folglich wurde der Fokus speziell auf dieses bestimmte gesellschaftliche Milieu gelegt und verlagerte sich erst später zunehmend auf jugendliche Subkulturen. Zu Beginn der 1980er Jahren erweiterte sich das Rezeptionsfeld durch mehrere Studien und Aufsätze des CCCS, die nicht mehr länger nur in der Soziologie, sondern auch in der Pädagogik und der Sprachwissenschaft Anklang fanden (vgl. Mikos 2006: 197f). Von der weltumspannenden Expansion des Projekts der CS profitierten auch die deutschen Formationen. Wurden bis zu jener Zeit vor allem die britischen Cultural Studies rezipiert, so waren es in den 1990er Jahren vorrangig die amerikanischen. Laut Mikos (ebd.: 180) war es die von den amerikanischen VertreterInnen vollführte Wende von eher soziologisch und ethnografisch orientierten Ansätzen zu stärker geisteswissenschaftlichen und textanalytisch orientierten, die den deutschen VertreterInnen die Rezeption erleichterten, da sie diese mit den Arbeiten postmoderner Theoretiker zusammenbringen konnten. Auf der anderen Seite führte diese Erleichterung dazu, dass diesbezüglich nicht inter- und transdisziplinär (wie es sich CS von Anfang an zur Aufgabe gemacht hatten), sondern traditionell geisteswissenschaftlich gearbeitet wurde. Im Allgemeinen erfolgt die Rezeption der Cultural Studies in Deutschland nicht losgelöst von den vorherrschenden akademischen und disziplinären Zusammenhängen, da es hier keine Vorbilder für die radikale Kontextualität und das konflikttheoretische Kulturverständnis gibt. Die disziplinäre Differenzierung des deutschen Hochschulsystems mit ihrer fachlichen Spezialisierung ist nicht nur historisch gewachsen, sondern wird zudem als hochgradig relevant für dessen Leistungsfähigkeit angesehen, wobei die interdisziplinäre Herangehensweise der CS mit ihren zusammenführenden Zugängen und übergeordneten Fragestellungen dieser entgegensteht. Zudem werden in Deutschland mit kulturwissenschaftlichen Studiengängen und Forschungsprojekten andere Ziele als die der Cultural Studies verbunden (vgl. Göttlich & Winter 1999: 30ff). Obwohl die jeweiligen Konzepte sehr unterschiedlich sind, lassen sich seit vielen Jahren in Deutschland Projekte erkennen, die direkt oder zumindest mittelbar mit den Cultural Studies in Verbindung stehen, wie z.B. in der Anglistik, Amerikanistik, der Medien- und Kommunikationswissenschaft sowie in der Populärdebatte (vgl. Göttlich & Winter 1999: 32). In diesen Bereichen liegt eine Vielzahl von Überschneidungen vor, wobei sich dieses Geflecht an thematischen Querverbindungen vor allem in den 1990er Jahren vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Fragen des kulturellen Wandels, der Rolle der Medien und der Entwicklung von Jugendkulturen und kulturellen Identitäten stark verdichtet hat (vgl. ebd.: 33). Wenn Cultural Studies in Deutschland rezipiert wurden, dann meist im Rahmen von Einzeldisziplinen, was teilweise an der kritischen und mehrperspektivischen Herangehensweise der CS an die Populär- und Medienkultur gelegen haben mag, da diese stark von der deutschen Tradition kultur- und mediensoziologischer Forschung abweicht. Wie Göttlich, Albrecht und Gebhardt (2002: 10) hervorheben, ist diese Situation auf ein Missverständnis zurückzuführen. Aufgrund des (Selbst-)Bildes der Cultural Studies als VertreterInnen der Unterschichten und Subkulturen mit ihren eigenen wissenschaftlichen Zugangsweisen zu den vielfältigen Ausprägungen der Popkultur, wird den traditionellen Kulturwissenschaften und somit auch der klassischen deutschen Kultursoziologie als Vertreter der Kultur der herrschenden Oberschicht ihre Kompetenz im Bereich der populären Kultur abgesprochen. Des Weiteren tendieren die traditionellen Kulturwissenschaftler noch immer dazu, die mannigfaltigen Ausprägungen der Popkultur entweder als minderwertige Spaßkultur abzutun oder sie erst gar nicht der Beschäftigung für wert zu befinden. „Damit wird freilich nicht nur ein historisch falscher, sondern gerade unter spätmodernen Bedingungen auch ein unfruchtbarer Gegensatz konstruiert, der Mythos von der jeweiligen Exklusivität von populärer >Volks- oder Alltagskultur< und elitärer >bürgerlicher< Hochkultur“ (Göttlich, Albrecht & Gebhardt 2002: 10). Mit der Jahrtausendwende ist es jedoch zu einem Wendepunkt im Bereich der Medien- und Kommunikationswissenschaft gekommen. Zum einen ist man im hiesigen wissenschaftlichen Diskurs zu der Einsicht gekommen, dass man in einigen Bereichen, beispielsweise der Medienanalyse, nur noch mit interdisziplinären Ansätzen erklärend und interpretierend weiterkommen kann. Fehlte es darüber hinaus zur weiteren Verbreitung der Cultural Studies lange Zeit an wissenschaftliche Arbeiten, die z.B. die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der traditionellen deutschen Kultur- und Mediensoziologie und den CS oder zwischen deren Publikumsforschung und der Medienwirkungs- und Rezeptionsforschung explizit herausstellen (vgl. Göttlich & Winter 1999: 36f), so sind innerhalb der letzten zehn Jahre im deutschsprachigen Raum nicht nur zahlreiche Reader mit Übersetzungen anglo-amerikanischer VertreterInnen der Cultural Studies erschienen, sondern es bildeten sich im Internet zudem Netzwerke von AutorInnen, die sich intensiv mit Ansätzen der CS beschäftigen (vgl. Krucsay 2008: o.S.). Wurde die Beschäftigung mit den Cultural Studies hierzulande stets durch fehlende Übersetzungen von (Schlüssel-)Texten erschwert, so erschienen zur Jahrtausendwende neben einigen Sammelbänden (wie Göttlich, Winter & Mikos 2001; Hörning & Winter 1999), eine Vielzahl von Aufsätzen und zudem das erste Lehrbuch (Hepp 1999/2004), das ausdrücklich eine Verbindung zwischen den Cultural Studies und der Medienanalyse herstellt (vgl. Mikos 2006: 181). Die Rezeption der Cultural Studies durch die deutsche Kulturwissenschaft hat sich in den letzten Jahren deutlich intensiviert. Diesbezüglich spricht Jacke (2004: 176, zitiert nach: Mikos 2006: 181) „[v]on einer ersten vorsichtigen Etablierung der Cultural Studies in Zweigen der deutschsprachigen Medien- und Kommunikationswissenschaft.“ Trotz aller Entwicklungen steht die Auseinandersetzung darüber, inwieweit die inter- und transdisziplinären Ansätze der CS den traditionellen Disziplinen neue Zugänge zu medienvermittelten populärkulturellen Phänomenen eröffnen können, noch ganz am Anfang (vgl. ebd.). Dabei sollte nicht übersehen werden, dass die Populärkultur zwar ein (wahrscheinlich sogar das) wesentliche(s) Thema der Cultural Studies im deutschsprachigen Raum, wie auch weltweit, darstellt, trotzdem aber nicht als ihr alleiniger Gegenstand verstanden werden darf. Im Allgemeinen stellt die Kultur im Sinne von verschiedenen gelebten Alltagskulturen den primären Gegenstand der CS dar. Im Besonderen hängt das Forschungsfeld davon ab, wie der/die einzelne VertreterIn den Begriff Kultur konzeptualisiert (vgl. Diaz-Bone 2002: 141).[6]

2.4 Von der Einimpfungstheorie zum komplexen Rezeptionsmodell

Wie bereits erwähnt, stellt die Beschäftigung mit populärer Kultur nicht das alleinige Tätigkeitsfeld der Cultural Studies dar.[7] Da der Analysegegenstand dieser Arbeit, ein Film der wohl populärsten Filmreihe der Welt bzw. dessen namensgebender Protagonist, jedoch eindeutig der Populärkultur zuzuordnen ist, werde ich mich im Folgenden mit den Ansätzen der CS, popular culture und insbesondere das Medium Film zu analysieren, befassen. Um Filme zu analysieren, ist es notwendig, sie als Kommunikationsmedien zu begreifen. Die Macher hinter dem Produkt Film haben die Absicht, mit den Rezipienten in Verbindung zu treten, weil sie z.B. eine Botschaft zu vermitteln haben oder weil sie nur dann von ihrer Arbeit den eigenen Lebensunterhalt bestreiten können, wenn sie ausreichend zahlendes Publikum für ihr Produkt zu interessieren wissen. Für eine gelungene Kommunikation mit den Rezipienten bedarf es der Bezugnahme auf deren kognitive und emotionale Fähigkeiten sowie auf mögliche Erwartungen. Auf der anderen Seite geht das Produkt der Filmemacher eine Kommunikation mit dem Publikum ein, indem es von diesem einerseits rezipiert und andererseits benutzt bzw. angeeignet wird. Mit Rezeption ist dabei die rein audiovisuelle Wahrnehmung eines Filmes gemeint, die sich von der Benutzung oder Aneignung, z.B. wenn man mit Freunden über einen Film ins Gespräch kommt, unterscheidet (vgl. Mikos 2003: 19f). Im Rahmen der Cultural Studies entstanden viele Konzepte, die fortwährend kritisiert und weiterentwickelt werden, um diese Art von Prozessen beschreiben und analysieren zu können. Im weiteren Verlauf wird sich diese Arbeit auf die Theorie von John Fiske zur Analyse von Populärkultur stützen, da diese m.E. für die Analyse und Interpretation des Untersuchungsgegenstandes am geeignetsten ist.

Als zentraler Ausgangspunkt für die Medienstudien der CS gilt im Allgemeinen das Encoding/Decoding-Modell von Stuart Hall, das dieser Anfang der 1970er Jahre erstmals veröffentlichte. Es entstand als Resultat von Halls umfassender Auseinandersetzung mit den damals (und z.T. auch heute noch) etablierten Ansätzen zur Medienanalyse, deren Reichweite er als unzureichend erachtete. Die Studien der CS aus diesen Tagen beschäftigten sich mit der Frage, mit welchen semiotischen Verfahren die Medienmacher bestehende gesamtgesellschaftliche Gegensätze in ihren Medientexten zu einem Konsens bringen konnten, sodass die Rezipienten den Status quo aufrechterhalten und nicht gegen diese Gegensätze aufbegehren. Im Mittelpunkt des Encoding/Decoding-Modells steht hingegen die Idee, Medienkommunikation als Prozess zu sehen, bei dem der Medientext in einem Bereich zwischen encoding (Produktion) und decoding (Rezeption) zu finden ist (vgl. Hepp 2004: 112). Mediale Botschaften sind dabei keinesfalls transparent, sondern hochkomplex und schwer zu bestimmen, da die Prozesse des Encodings und Decodings jeweils in bestimmte Kontexte eingebunden sind (wobei sich die Prämisse der radikalen Kontextualität der CS zeigt). Der Produzierende wie der Rezipierende entstammen einem soziokulturellen Umfeld, welches sie mit kulturellen Wissensvorräten ausgestattet hat. Je mehr sich diese Wissensvorräte gleichen, desto einwandfreier kann der Kommunikationsprozess funktionieren. Trotzdem ist es sehr unwahrscheinlich, dass eine bestimmte Botschaft vom Rezipienten als das decodiert wird, als was sie vom Produzenten encodiert wurde (vgl. Winter 1997: 38). Darüber hinaus geht Hall davon aus, dass Medientexte polysem (mehrdeutig) sind und keine eindeutige Bedeutung innehaben, sondern dass sie durch bedeutungsgenerierende Mechanismen ein mehrschichtiges Bedeutungsangebot schaffen. Aus diesem Grund können Rezipienten mit unterschiedlichen soziokulturellen Kontexten Medientexten unterschiedliche Bedeutungen verleihen (vgl. Hepp 2004: 277). Diese verschiedenen Bedeutungen sind jedoch nicht gesellschaftlich gleichwertig. So neigt laut Hall (1980: 134, zitiert nach: Hepp 2004: 114) „[j]ede Gesellschaft/Kultur […], wenn auch mit unterschiedlichen Graden des Schließens, dazu, ihre Klassifikationen der sozialen und kulturellen und politischen Welt aufzuerlegen. Diese konstituieren eine dominante kulturelle Ordnung, auch wenn sie weder univokal noch unumstritten ist.“ Die Feststellung, dass Medientexte zwar derart polysem, ihre konnotativen Bedeutungen jedoch nicht gleichrangig sind, veranlasste Hall dazu, von drei verschiedenen Lesarten auszugehen. Unter Lesart wird dabei das soziokulturell vermittelte Verständnis eines spezifischen Medientextes verstanden, wobei ein solcher keine objektive, durch eine spezifische Methode zugängliche, Bedeutung hat (vgl. ebd.: 276). Die favorisierte Lesart ist dann vorhanden, wenn die vorher encodierte konnotative Bedeutung des Medientextes vom Rezipienten vollständig übernommen wird, weil dieser innerhalb der dominanten Ideologien des Textes positioniert ist. In der ausgehandelten Lesart akzeptiert der Rezipient grundsätzlich die Definition von Situationen und Ereignissen, erkennt dabei aber, dass die Bedeutungskonstruktion auf der Basis von davon abweichenden Regeln erfolgt. Die oppositionelle Lesart liegt vor, wenn der Rezipient die konnotativen und die denotativen Bedeutungsaspekte eines Medientextes versteht, sich diesen jedoch in einem alternativen Bezugsrahmen aneignet (vgl. ebd.: 115f). Halls Modell wurde nach seiner Veröffentlichung in vielfältiger Weise kritisiert[8], trotzdem hatten es und die ihm zugrunde liegenden Überlegungen laut Winter (1997: 38) „für die Medienforschung der Cultural Studies richtungweisende Bedeutung.“ Auf diese Weise konnte die Vorstellung von einer vollkommenen Passivität des Publikums zugunsten unterschiedlicher Decodierungs-Lesarten überwunden werden.

Der Brite John Fiske, der als einer der wichtigsten Vertreter der Cultural Studies gilt, griff Halls Modell auf, entwickelte es weiter und führte empirische Studien zur Fernseh- und Populärkultur durch, die ihn weltweite Berühmtheit erlangen ließen. Fiske befürwortet Halls Ansatz, mediale Texte als relativ offen zu betrachten, sodass sie den Rezipienten nicht vorrangig ideologisch manipulieren. Zusammengefasst zeichnen sich Texte der Populärkultur laut Fiske dadurch aus, dass sie nicht nur produzierte, sondern auch produzierbare Texte sind und die Besonderheit der Polysemie aufweisen. Diese polysemen populären Texte werden von the people (den Leuten) als aktiven Rezipienten bzw. aktives Publikum im Kontext der sozialen Auseinandersetzungen des Alltags angeeignet. Intertextualität und pleasure (Vergnügen) spielen für diesen Prozess der Aneignung eine wichtige Rolle. Auf diese Weise ist die Aneignung populärkultureller Texte als Teil des gesellschaftlichen Kampfes um Bedeutung zu sehen (vgl. Mikos 2001: 362f). Demzufolge sind produzierbare Texte keine geschlossenen Gebilde, deren determinierte Bedeutung vom Rezipienten nur noch entschlüsselt werden muss. Sie werden von Fiske stattdessen als semiotische Ressource verstanden, die ihre „Leser, Hörer und Zuschauer als Mitglieder einer semiotischen Demokratie [behandelt], die mit diskursiven Fähigkeiten zur Bedeutungsbildung ausgestattet sind, an diesem Prozess der Bedeutungsbildung zu partizipieren“ (Fiske 1987: 95, zitiert nach: Mikos 2001: 363). Ausschließlich über diese Beteiligung der Rezipienten kann ein populärer Text in dem sozialen und kulturellen Kreislauf von Bedeutung verankert werden. Im Prozess der Aneignung treffen zwei miteinander verwobene Sets der Determination aufeinander, einerseits die Determination, die sich auf die Subjektivität des Rezipienten auswirkt und andererseits die textuelle Determination, die die Textualität des Medientextes beeinflusst. Fiske verortet somit, in Anlehnung an Hall, die Aneignung von (populären) Medientexten am Schnittpunkt von sozialer und textueller Determination und geht damit einen interdisziplinären Schritt weiter als in der werkorientierten Sichtweise

[...]


[1] Unter Sozio-Ideologie werden hier Vorstellungen bzw. Orientierungsmuster zur Interpretation der Welt und der menschlichen Gesellschaft in einer von Interessen (z.B. das geregelte Zusammenleben betreffend) geleiteten und damit von verfälschenden Sichtweisen (z.B. durch sozial Mächtige) geprägten Welt verstanden (vgl. Hepp 2004: 276).

[2] Zur besseren Lesbarkeit stehen auch die zitierten Texte in der gängigen Rechtschreibung, wodurch eine Kennzeichnung ihrer z.T. nicht mehr gültigen Ursprungsschreibweise entfällt. Zudem sind die Hervorhebungen in den Zitaten deckungsgleich aus den jeweiligen Originalen übernommen, weshalb auch in diesen Fällen eine Kennzeichnung ausbleibt.

[3] Zur Verdeutlichung der enormen Vielfalt der weltweiten Formationen siehe die thematische Auflistung bei Bromley 1999: 22.

[4] Die weltweiten Cultural Studies werden seit Anfang der 1990er Jahre zu einem immer festeren bzw. etablierteren Teil der Wissenschaft, was ihre VertreterInnen mit der Frage konfrontiert, ob die stetige Analyse und Kritik der Herrschaftsverhältnisse in Anbetracht der eigenen Institutionalisierung und folglich der Teilhabe am System noch gerechtfertigt sind (vgl. Matsuzaki & Zerbian 2003: o. S. und Hepp 2004: 19).

[5] Siehe dazu neben Mikos 2006: 197f auch Matsuzaki & Zerbian 2003: o.S. und Bromley 1999: 22ff.

[6] Im Allgemeinen wird der Textbegriff in den Cultural Studies sehr weit gefasst. So subsumieren die CS neben literarischen und musikalischen Texten und Programminhalten der Medien auch Einkaufszentren, Strände, Sportereignisse etc. unter ihren Begriff von Populärkultur (vgl. Hügel 2003: 8 und Fiske 2000).

[7] Der Begriff der populären Kultur bzw. der Populärkultur wird bis heute sehr kontrovers gehandelt. Seine Ausgestaltung ist derart stark umstritten, dass sich keine genauere Bestimmung anführen lässt. Zur Problematik der Definition siehe Hügel 2003: 1-19.

[8] Zur Kritik an Halls Encoding/Decoding-Modell siehe Hepp 2004: 116-118.

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Titel: Der Bond der Zeit - Zum Wandel des filmischen James Bond-Charakters im Kontext sozio-ideologischer Veränderungen der Gesellschaft