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Im Westen nichts Neues - Wirklich ein Antikriegsbuch?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kriegs- oder Antikriegsbuch – Der Versuch einer Grenzziehung

3. Im Westen nichts Neues und das Konzept der Leerstelle
3.1. Feindbilder
3.2. Krieg und Gewaltdarstellungen
3.3. Heldentum und Dolchstoßlegende
3.4. Kameradschaft

4. Fazit

5. Literaturangaben
5.1. Primärliteratur
5.2. Sekundärliteratur

6. Eigenständigkeitserklärung

1. Einleitung

Der deutsche Weltbestseller Im Westen nichts Neues gilt heute scheinbar unumstritten als der Antikriegsroman schlechthin. Mit Attributen wie zeitlos, übernational und realistisch geht er seit seinem Erscheinen in 1929 immer wieder in die Neuauflage, sodass man mittlerweile von etwa 20 Millionen verkauften Exemplaren ausgeht. Betrachtet man allerdings seine Rezeptionsgeschichte, so wird deutlich, dass die Einstufung des Romans als „gegen den Krieg“ oder „pazifistisch“ nicht seit jeher in aller Munde ist. Vielmehr entbrannte sich nach dem Erscheinen und noch mehr durch den grandiosen Erfolg, den es daraufhin zu verbuchen hatte, eine äußerst kontroverse Diskussion. So waren durchaus auch Kommentare wie die folgenden zu finden, die dem Werk einen völlig anderen Charakter zusprachen. 1929 schrieb die Berliner Zeitschrift Die Welt am Abend: „Das Buch fördert nicht so sehr den Abscheu vor dem Kriege, als es die latent gewordene Kriegslust weckt.“[1] Andere Zeitschriften bezeichneten Im Westen nicht Neues als heroisches Buch[2], das eher den Frontgeist als das pazifistische Gefühl erwachen lasse.[3]

Solche Kommentare sind in der jüngeren Zeit zu einer Ausnahme geworden, doch sind sie tatsächlich völlig von der Hand zu weisen?

Die vorliegende Arbeit wird anhand ausgesuchter Textstellen nachweisen, dass Im Westen nichts Neues, bezüglich der Einstufung als Antikriegsroman, äußerst kritische Elemente enthält, wobei vorerst der Versuch notwendig ist, Merkmale festzusetzen, die ein Kriegsbuch von einem Antikriegsbuch unterscheiden. Aufgrund des festgesetzten Rahmens wird diese Arbeit sich nur mit den problematischen Aspekten des Werkes auseinandersetzen und sie nicht solchen gegenüberstellen, die eine relativierende oder aufhebende Wirkung hätten.

2. Kriegs- oder Antikriegsbuch – Der Versuch einer Grenzziehung

Obgleich immer wieder festgestellt wurde, dass es für den modernen Krieg „keine adäquate sprachliche und emotionale Reaktion mehr gibt“[4] und „jede Erzählperspektive als unzureichend“[5] erscheint, gibt es eine enorme Fülle an Werken, die sich mit dem modernen Krieg auseinandersetzen. Das Kriegsbuch als auch das Antikriegsbuch haben natürlich die Gemeinsamkeit, dass der Krieg in ihnen thematisiert wird, was zwar auf unterschiedlichste Weise passieren kann, aber dennoch oft zu dem Dilemma führt, dass die Intention des Autors, wenn sie nicht unverrückbar klar geäußert wird, schnell kriegsaffirmativ aufgefasst wird. Im Folgenden werde ich deshalb versuchen, Kriterien aufzustellen, die ein Antikriegsbuch von einem Kriegsbuch unterschieden sollten.

In einem Kriegsbuch wird der Krieg einseitig als etwas Heroisches und Rühmliches dargestellt, der einem höheren Ziel dient und diesem die Bedeutung des Einzelnen unterordnet. Fragen nach Sinn oder Ursachen bleiben aus, weshalb man wohl von einer Glorifizierung sprechen kann. Der Krieg bildet also sozusagen den Rahmen, in dem sich ein tapferer Held, der vor Männlichkeit strotzt, bewähren kann. Der Soldat bekämpft, erfüllt von Vaterlandsliebe und Nationalstolz, seinen Feind, der häufig das personifizierte Böse, Barbarische oder Amoralische darstellt. Gefühle des Einzelnen sind nicht wichtig, zumal meistens ohnehin keine negativen Gedanken, wie Zweifel, Gewissensbisse, Angst oder Sorge zugelassen werden. Sollten diese doch vorkommen, dann nur, damit der Held sie überwinden und danach noch stärker als zuvor für das „höhere Ziel“ einstehen kann. Zwischenmenschliche oder ethische Probleme finden auch keinen Eingang, es sei denn den Feind betreffend.

„Demzufolge standen in den völkischen Kriegs- und Frontromanen [zwischen 1929 und 1933] vornehmlich Leitvorstellungen wie Nation, völkische Schicksalsgemeinschaft, Kameradschaft, Heroismus, Tatgesinnung, blindes Vertrauen, berauschender Instinkt, ja ekstatische Sehnsucht nach einem deutschbewußten Führerstaat im Vordergrund. […] In all diesen Werken ging es ständig um das „Wir“, das heißt, um eine sehnlichst herbeigewünschte Gemeinschaft von Führer und Volk.“[6]

Es erscheint recht einfach, Prinzipien eines Kriegsbuches festzulegen, doch welche Kriterien hat ein Antikriegsbuch zu erfüllen? Aufgrund der Vorsilbe anti- müsste es gegen den Krieg gerichtet sein, aber bedeutet dies, dass es dem Kriegsbuch diametral sein muss in all seinen Inhalten oder muss es lediglich in seiner Gesamtaussage den Krieg ad absurdum führen?

Wichtig erscheint vor allem, dass es auf die Hintergründe des Krieges eingeht und erkennen lässt, dass der Krieg von Menschen ‚gemacht’ wird und somit Verantwortliche angeklagt werden können. Nicht der Soldat, sondern der Mensch hinter diesem sollte im Vordergrund stehen, mit seinen Ängsten und Zweifeln, die ihn eines jeden Heldentums, der Unfehlbarkeit, ja in gewissem Sinne vielleicht sogar seiner Männlichkeit berauben. „Der Ästhetisierung und der Verklärung des männlichen Kriegserlebnisses stehen Neurosen und Psychosen, seelische und körperliche Verkrüppelungen einer Masse von Kriegsteilnehmern gegenüber.“[7] Protagonist des Antikriegsbuches sollte dementsprechend ein Antiheld sein, der weder Nationalstolz besitzt noch Vaterlandsliebe empfindet. Der Krieg unterstünde also keinem höheren Ziel mehr, sodass die Sinnlosigkeit für den Einzelnen erkennbar werden müsste sowie die weitläufigen Auswirkungen des Irrsinns.

Die Darstellung der Gewalt führt allerdings schon zu einer Kontroverse, da diese nicht unbedingt eine abschreckende Wirkung hat und somit zur Ablehnung führt, sondern zugleich auch eine starke Anziehungskraft besitzt. Bedeutet dies aber, dass ein Antikriegsbuch keine Kampfhandlungen, keine grausamen Schlachtszenen enthalten sollte, so wie der Film „Jarhead“ von Sam Mendes, in dem eine Horde Soldaten dem Krieg hinterherläuft, um endlich ‚mal zum Schuss zu kommen’? Würde das Antikriegsbuch so nicht einen Teil seiner Authentizität einbüßen, da Gewalt grundsätzlicher Bestandteil des Krieges ist?

Durch das Stichwort Authentizität gelangt man zum Punkt der Erzählweise. Schneider erwähnt in seinem Aufsatz Zur deutschen Kriegsliteratur im Ersten Weltkrieg gültige Standards der Kriegsliteratur, nämlich: „Anspruch auf Authentizität, die chronologische Erzählweise, die (scheinbare) Identität von Autor und erzählendem Ich […]“[8] und konstatiert an einer anderen Stelle: „Der Schritt, der aus dem Dilemma führen könnte, jegliche mediale Repräsentation des Krieges als Fiktion zu betrachten, muß noch gewagt werden.“[9]

3. Im Westen nichts Neues und das Konzept der Leerstelle

An den Anfang dieses Kapitels soll das Vorwort des Romanes gestellt werden, da in ihm jene Aspekte Erwähnung finden, die wesentlich zum Erfolg des Buches beigetragen haben, doch zugleich auch zur Problematik der vielseitigen Interpretationen.

„Dieses Buch soll weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein. Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Krieg zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.“

Dieses Vorwort spiegelt die Prämissen des Ullstein-Konzerns[10] wieder, aufgrund derer das Werk als ein Dokumentarbericht vermarktet wurde, der wahrheitsgetreue Kriegsschilderungen eines einfachen Soldaten enthalte. Der Eindruck der Authentizität, der vermittelt werden sollte, war von großer Bedeutung für die Wirksamkeit des Werkes sowie sein Identifizierungspotential,[11] doch zugleich auch Standard der Kriegsliteratur. Obgleich Remarque nach vorerst einigen widersprüchlichen Äußerungen, die von „Stilübung“ bis „selbsttherapeutische Zwecke“ reichten, letztendlich erklärte, die Handlung sei „a collection of the best stories that I told and my friends as we sat over drinks and relived the war.“[12], wird die Sichtweise Remarques auf den Krieg immer wieder mit der des Erzählers Paul Bäumer gleichgesetzt[13], wodurch der Glaube, mit Im Westen nicht Neues einen Augenzeugenbericht vor sich zu haben, weiterhin tradiert wird.

Um ein möglichst breites Publikum anzusprechen, ist der Erzähler „ein Mensch, wie Du und Ich“[14], der sich einer einfachen Sprache bedient, der Sprache der Remarqueschen Zielgruppe: „Wenn Lieschen Müller mich versteht […] nur dann habe ich mein Ziel erreicht.“[15]

Identifizierungspotential liegt zudem in der Erweiterung der Perspektive Paul Bäumers, der gleichermaßen in der Ich- wie in der Wir-Form berichtet. Eingeschlossen in dieses „Wir“ sind nicht nur seine Kameraden und seine Kompanie, sondern auch die gesamte Generation der damals 18jährigen, die durch den Krieg desillusioniert und zerstört wurde. Hermand stellt dabei fest, dass

[...]


[1] Die Welt am Abend. Berlin 1929. In: Berliner Illustrierte Zeitung 27/1929.

[2] Tremonia. Dortmund 1929. In: Berliner Illustrierte Zeitung 27/1929.

[3] Der Jungdeutsche. Berlin 1929. In: Berliner Illustrierte Zeitung 27/1929.

[4] Horn, Peter. S. 85.

[5] Ebd. S. 86.

[6] Jost, Hermand. S. 13.

[7] Szczepaniak, Monika. S. 165.

[8] Schneider, Thomas F.: Zur deutschen Kriegsliteratur im Ersten Weltkrieg. S. 111.

[9] Ebd. S. 113.

[10] Schneider, Thomas F.: Die Meute hinter Remarque. S. 145f.

[11] Hermand, Jost. S. 15f.

[12] Zitiert nach Chambers II/Schneider. S. 10.

[13] ebd. S. 11.

[14] Hermand, Jost. S. 16.

[15] Zitiert nach Jost Hermand. S. 19.

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640715589
ISBN (Buch)
9783640715749
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158306
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,3
Schlagworte
Westen Neues Wirklich Antikriegsbuch

Autor

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Titel: Im Westen nichts Neues - Wirklich ein Antikriegsbuch?