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"Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben..." - Adornos Kulturkritik und dessen Folgen in der Kulturkritik und Gesellschaft

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 27 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theodor W. Adorno
2.1. Frankfurt am Main und Wien
2.2. Von Frankfurt nach Amerika
2.3. Zurück in Deutschland

3. Kulturkritik und Gesellschaft
3.1. Was ist Kultur?
3.2. Zur Kulturkritik
3.3. Kulturkritik und Gesellschaft

4. „Nach Auschwitz ein Gedicht“
4.1. Adorno und ein Zitat
4.2. Auschwitz als barbarische Kultur
4.3. Ein neuer kategorischer Imperativ

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„In einem Nachruf auf Adorno habe ich gesagt, was ich hier wiederholen möchte: Wenn ein geistiger Mensch in unserer Zeit des Übergangs den Namen des Genies tragen darf, dann gebührt er ihm.“[1]

Max Horkheimer bezeichnete Adorno nach seinem Tod als Genie, wobei hervorzuheben ist, dass Adorno selbst dem Genie-Begriff ablehnend gegenüber stand, da seiner Ansicht nach, durch den Begriff des Genies die gesamte Arbeit des Subjektes auf einen Begriff reduziert wird und in der Folge nicht ausreichen und genügen kann, diese Arbeit zu repräsentieren. Horkheimer, langjähriger engster Vertrauter Adornos, muss von dieser Ablehnung gewusst haben, dennoch verwendet er bewusst den Titel Genie, da nur er das gesamte Werk und das Schaffen Adornos zu umschreiben vermag. Adorno war weder nur Philosoph, noch nur Soziologe, noch nur Musikkritiker oder nur Komponist. Adorno war zu Lebzeiten stets alles zugleich, wobei in den verschiedenen Phasen seines Lebens die Gewichtung seiner Aufmerksamkeit jeweils unterschiedlich ausfiel.

Theodor W. Adornos Werke werden unter anderem von drei Hauptthemen dominiert: die Gesellschaft, die Kultur, beziehungsweise die Kritik an der Kultur sowie der Nationalsozialismus und hier im Besonderen Auschwitz[2]. Diese Themen durchziehen sehr stark seine Werke und lassen sich in Adornos Philosophie besonders seit den 1940er Jahren finden.

Adorno, wie Max Horkheimer ein Vertreter der so genannten kritischen Theorie, ist einer derjenigen Denker, der schon zu Beginn des Faschismus in Deutschland und bereits nach dem Ende des 2. Weltkrieges und dem damit verbundenen Ende des Dritten Reiches vor dem Vergessen des Holocaust warnt und mahnende Worte gegen das Vergessen, Verdrängen und den Umgang mit den Gräueltaten des Nationalsozialismus richtet. Adorno verleiht dem Grauen schon 1947 den Namen Auschwitz.[3] Des Weiteren betrachtet Adorno die Kultur, welche sich für ihn immer mehr zu einer Kulturindustrie wandelt, und die Kulturkritik. In seinen Jahren im Exil in Amerika lernte Adorno die seiner Ansicht nach schlechten Seiten der Kultur kennen: die Industrialisierung und ökonomische Abhängigkeit der Kultur. Ebenfalls sieht Adorno u. a. die hierin verwobene Kulturkritik als problematisch an.

Im Folgenden soll in dieser Arbeit gezeigt werden, wie Adorno die Kulturkritik und die Kulturindustrie kritisiert. Hierbei liegt im Zentrum der Betrachtungen Adornos Aufsatz Kulturkritik und Gesellschaft[4]. Es gilt zu klären, wo für Adorno die Probleme der Kultur und der ihr beiwohnenden Kritik liegen. Deshalb wird der Versuch unternommen, der Struktur des Textes folgend, Adornos Argumentation herauszuarbeiten. Ein weiterer Aspekt, der betrachtet werden soll, ist eine der berühmtesten oder zumindest am häufigsten rezitierten Textstelle Adornos, dass sich nach Auschwitz kein Gedicht mehr schreiben lasse.[5] Es soll dargelegt werden, wie Adorno zu dieser Aussage kommt und wie er diese Zeilen gemeint haben könnte.

2. Theodor W. Adorno

Ehe auf Adornos Aufsatz Kulturkritik und Gesellschaft eingegangen werden kann, soll zunächst der Blick auf die Person Adorno, seine Philosophie und sein Leben geworfen werden.[6] Wo, wenn nicht im Bereich der Gesellschaft und der Kultur, ist das eigene Leben, die Umstände und die Gegebenheiten der äußeren Umgebung sinn- und begriffsbildend. Gerade Adornos Kulturverständnis ist wesentlich geprägt von seinen Kindheitsjahren, den eigenen Begegnungen mit Musik und Philosophie sowie dem Erleben der amerikanischen Kultur und der Ereignisse im polnischen Auschwitz. In Adornos Biographie lassen sich immer wieder Momente und Ereignisse finden, die Adorno Anlässe und Denkanstösse für neue Schriften und Theorien lieferten. Adorno fühlt sich dem Menschen in der Gesellschaft und den konkreten Dingen verpflichtet. In seinen Ausführungen lassen sich stets Beispiele und Erläuterungen finden, die einen Bezugspunkt im menschlichen bzw. in Adornos Leben haben und nicht rein „theoretischer“ Natur sind.

2.1. Frankfurt am Main und Wien

Adorno wurde als Theodor Wiesengrund Adorno am 11. September 1903 in Frankfurt am Main geboren. Frankfurt sollte Zeit seines Lebens, selbst während seiner Aufenthalte in Wien, im Exil in Oxford, New York und Los Angeles, Adornos Lebensmittelpunkt bleiben, zu dem er stets heimkehrte. Adornos Vater, Oscar Wiesengrund, war ein vom Judentum zum Protestantismus konvertierter Weingroßhändler, während seine Mutter, Maria Calvelli-Adorno, eine Katholikin italienischer Herkunft war.[7] Die jüdische Linie seines Vaters verband Adorno näher als andere deutsche Intellektuelle schon frühzeitig mit dem Schicksal der Juden im nationalsozialistischen Deutschland, obwohl Adorno selbst den Namen seiner Mutter annahm und den Doppelnamenzusatz Wiesengrund im Exil in den USA zu W. verknappte, wobei diese Verknappung eher auf pragmatische Gründe als auf eine Ablehnung der jüdischen Vergangenheit zurückzuführen ist.[8] Jedenfalls war sich Adorno seiner Wurzeln bewusst, da sie sich ihm gegenüber bereits in den Jahren am Gymnasium offenbarten, da der junge Adorno antisemitischen Hänseleien seiner Mitschüler ausgesetzt war.[9] Trotzdem beendete er sein Abitur bereits mit 17 Jahren und begann ein Studium der Philosophie, Musikwissenschaft, Psychologie und Soziologie an der Universität Frankfurt, an der er später eine Professur für Philosophie und Musiksoziologie antrat.

Sein Leben war seit seiner Kindheit belegt mit den Themen, die ihn auch als Erwachsenen beschäftigen sollten und die er sowohl kritisierte als auch selbst behandelte. Aufgewachsen in großbürgerlichen Verhältnissen sah er sich einerseits konfrontiert mit dem Antisemitismus des beginnenden 20. Jahrhunderts[10], andererseits hatte er in seiner Familie freien Zugang zu Kunst, Musik und Politik und wurde von diesen sehr beeinflusst.[11] Adorno lernte früh von seiner Tante, die ebenfalls wie die Mutter ausgebildete Sängerin und zudem Pianistin war, das Klavierspielen und bekam parallel zum Schulunterricht Kompositionsstunden bei Bernhard Sekles. Adorno besaß schon in seiner frühen Jugend ein umfangreiches Wissen über Kammermusik im Speziellen als auch über Musik und Symphonie im Allgemeinen.[12]

Der Student Adorno begann neben seinem Studium eine Tätigkeit als Musikkritiker, was im Hinblick auf seine spätere Auseinandersetzung mit der Kulturkritik, an der er seit seinem Studium selbst Teil gewesen war, zu erwähnen ist. Schon mit 21 Jahren schloss Adorno sein Studium mit einer Promotion über Edmund Husserl bei seinem philosophischen Lehrer Hans Cornelius ab, welcher ebenfalls Förderer von Max Horkheimer, dem späteren Freund und Mitverfasser der Dialektik der Aufklärung, war.[13] 1925 zog es den jungen Adorno für ein Jahr nach Wien, wo er bei Alban Berg ein Kompositions- und bei Eduard Steuermann ein Klavierstudium betrieb und nebenbei weiterhin Musikkritiken verfasste. Er lernte dort u. a. Arnold Schönberg und Anton von Webern persönlich kennen. Besonders faszinierte ihn Schönbergs atonale Zwölftonmusik, der Adorno eine weitaus größere gesellschaftsphilosophische Wirkung bescheinigte, als Schönberg selbst gefiel.[14] Obwohl Adorno bereits an seiner philosophischen Habilitation[15] arbeitete, die er jedoch 1928 auf Anraten seines Lehrers Cornelius und dessen Assistent Horkheimer zurückzog, beschäftigte sich Adorno weiterhin mit der Musik und war von 1928 – 1931 Redakteur der Wiener Musikzeitschrift ‚Anbruch’.[16]

„Dieser merkwürdige Kopf hat die berufliche Entscheidung zwischen Philosophie und Musik sein Leben lang abgelehnt.“[17]

2.2. Von Frankfurt nach Amerika

Gleichwohl konnte Adorno die intensive Arbeit auch an eigenen Kompositionen und mit Musik im Besonderen nicht von der Philosophie lösen. Nach seiner Rückkehr in Frankfurt fand Adorno im Rahmen des Institutes für Sozialforschung, dessen Direktor inzwischen Horkheimer war, eine neue Betätigung. Das Institut untersuchte u. a. den Selbstauflösungsprozess der bürgerlichen Gesellschaft, in welchem sich die mündigen Bürger entgegen ihrem eigentlich freien Willen den Herrschenden unterwerfen. Adorno nahm als Musiktheoretiker an den interdisziplinären und empirischen Forschungen zur kritischen Theorie teil. Er beschäftigte sich mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Musik. Hierbei verband er die soziologischen Untersuchungen der Musikwerke mit rein ästhetischen Betrachtungen. Bei diesem Vorhaben kam ihm sein musikalisches Wissen zu Hilfe und ermöglichte ihm, musikalische Analysen mit musiksoziologischen Erkenntnissen zur Verbreitung sowie den Folgen der Musik zu vereinen.

Aber weiterhin konnte sich Adorno nicht allein auf seine Arbeit fokussieren und so arbeitete er zeitgleich an einer neuen Habilitationsschrift über Kierkegaard. 1931 trat Adorno die Stelle eines Privatdozenten an der Universität Frankfurt an, musste aber bereits 1933, nach Entzug der Lehrerlaubnis durch die Nationalsozialisten auf Grund seiner jüdischen Abstammung, seine Lehrtätigkeit aufgeben und emigrierte kurze Zeit später mit seiner Frau nach Oxford. 1938 folgte er seinem Freund Horkheimer in die USA, wo dieser das Institut für Sozialforschung, zunächst in New York, dann in Los Angeles leitete.[18]

Doch auch in den USA war Adorno nicht auf seine philosophisch-soziologische Arbeit zu begrenzen. So arbeitete er für das Princeton Radio Research Project als musikalischer Leiter und musste hier die Abwandlung der empirischen soziologischen Forschungsmethoden erkennen. Es wurde untersucht, welche Musik am Besten geeignet ist, bestimmte Produkte durch Radiowerbung besser zu verkaufen. Adorno missfiel die bloße Aufteilung der Wirkung der Musik in ‚Gefallen’ und ‚Nicht-Gefallen’ und ihm wurden die kulturellen Eigenheiten seines neuen Zuhauses gewahr.[19] Adorno genoss die Möglichkeit, als Exilant die Kultur und Gesellschaft der USA von Außen zu betrachten. Er sah sich selbst nie als Amerikaner, obwohl auch er Pläne hegte, ähnlich wie Thomas Mann, die amerikanische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Seine bisher in Deutschland entstandenen Schriften waren in Amerika noch kaum bekannt und ermöglichten ihm somit, sich frei in der amerikanischen Kultur bewegen zu können. Adorno erkannte in den USA die fortschreitende Industrialisierung der Kultur, die sich dem Diktum der Warenproduktion und der Ökonomie unterwarf. Die Kultur beziehungsweise die Gegenstände und Erzeugnisse der Kultur wurden zu standardisierten und nach Profit strebenden Produkten im Gegensatz zur eigentlich autonomen und freien Kunst. Kunst und Kultur waren zu einem Produkt geworden.

Des Weiteren gelang es Adorno während der Jahre in Amerika an den unterschiedlichsten Werken zu arbeiten und er blieb seinem generalistischen Wesen treu. So verfasste er zusammen mit Horkheimer die Dialektik der Aufklärung[20] und arbeitete an seinen Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben[21]. Ebenso entwarf er eine Philosophie der neuen Musik und schrieb für Thomas Mann musiktheoretische und musikästhetische Aspekte für dessen Roman Doktor Faustus nieder.[22]

2.3. Zurück in Deutschland

„ […] dass man lieber dort etwas zu ändern sucht, wo die eigene Erfahrung ihr Zentrum hat, als dass man eines anderen Milieus wegen sich aufgibt. Ich wollte einfach dorthin zurück, wo ich meine Kindheit hatte, am Ende aus dem Gefühl, dass, was man im Leben realisiert, wenig anderes ist als der Versuch, die Kindheit verwandelnd einzuholen.“[23]

[...]


[1] Horkheimer, Max 1969. Zitiert nach: Clausen, Detlev: Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie. Frankfurt am Main 2003. Umschlagrückseite.

[2] Eine gelungene historische Darstellung der Ereignisse in Auschwitz liefert Steinbacher, Sybille: Auschwitz. Geschichte und Nachgeschichte. München 2007.

[3] Vgl.: Clausen, Detlev: Nach Auschwitz. Ein Essay über die Aktualität Adornos. In: Diner, Dan (Hg.): Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz. Frankfurt am Main 1988. S. 54f.

[4] Vgl.: Adorno, Theodor W.: Kulturkritik und Gesellschaft. In: Ders.: Gesammelte Schriften Band 10.1. Kulturkritik und Gesellschaft I. Prismen. Ohne Leitbild. Frankfurt am Main 2003. S. 11-30.

[5] Vgl.: Ebd. S. 30.

[6] Die nachfolgende Kurzfassung des Lebens Adornos muss auch als eine solche Kurzfassung betrachtet werden. Für eine tiefere Beschäftigung mit Adornos Biographie gibt es zahlreiche und umfassendere Schriften. So ist hier z. B. Clausen 2003 zu nennen. Dennoch scheint es unerlässlich, die wichtigsten Lebensstationen Adornos zu skizzieren.

[7] Vgl.: Schweppenhäuser, Gerhard: Theodor W. Adorno zur Einführung. Hamburg 1996. S. 9.

[8] Vgl.: Clausen 2003. S. 150f.

[9] Vgl.: Clausen 2003. S. 78f.

[10] Es ist anzumerken, dass es antisemitische Ereignisse im weitestgehend liberalen Frankfurt am Main bis in die 1920er Jahre, mit Ausnahme der erwähnten Schulhänseleien, kaum gab. Auf jeden Fall sah sich Adorno nie einem öffentlichen Antisemitismus ausgesetzt. Erst in den USA wurde ihm der einschränkende Antisemitismus mit z. B. Verboten, bestimmte Restaurants zu betreten gewahr. Siehe hierzu: Scheible, Hartmut: Theodor W. Adorno. Hamburg 1993. S. 8f. sowie S. 13.

[11] Vgl.: Schweppenhäuser 1996. S. 10.

[12] Vgl.: Scheible 1993. S. 8f. sowie S. 151.

[13] Vgl.: Schweppenhäuser 1996. S. 10.

[14] Vgl.: Scheible 1993. S. 50-57.

[15] Unter dem Titel: ‚Der Begriff des Unbewussten in der transzendentalen Seelenlehre’.

[16] Vgl.: Scheible 1993. S. 151.

[17] Mann, Thomas: Die Entstehung des Doktor Faustus. Frankfurt am Main 1978. S. 709. Zitiert nach: Schweppenhäuser 1996. S. 10.

[18] Vgl.: Schweppenhäuser 1996. S. 11-13.

[19] Vgl.: Scheible 1993. S. 99f.

[20] Vgl.: Adorno, Theodor W. / Horkheimer, Max: Dialektik der Aufklärung. In: Ders.: Gesammelte Schriften Band 3. Frankfurt am Main 1996.

[21] Vgl.: Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. In: Ders.: Gesammelte Schriften Band 4. Frankfurt am Main 1980.

[22] Vgl.: Schweppenhäuser 1996. S. 13-15.

[23] Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften Band 20.1. Vermischte Schriften Theorien und Theoretiker. Gesellschaft, Unterricht, Politik. Frankfurt am Main 1986. S. 394.

Details

Seiten
27
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640715572
ISBN (Buch)
9783640715732
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158281
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Philosophie und Philologie
Note
1,7
Schlagworte
Adorno Auschwitz Kulturkritik Kulturphilosophie Nach Auschwitz ein Gedicht schreiben

Autor

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Titel: "Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben..." - Adornos Kulturkritik und dessen Folgen in der Kulturkritik und Gesellschaft