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Analyse anthropologischer Zeitschriften in der Zeit von 1933 bis 1945

Seminararbeit 1997 46 Seiten

Biologie - Humanbiologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorbemerkung

2. Deutschsprachige anthropologische Zeitschriften der Jahre 1933 bis 1945
2.1. Anthropologischer Anzeiger
2.2. Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie
2.3. Der Erbarzt
2.4. Fortschritte der Erbpathologie und Rassenhygiene
2.5. Verhandlungen der Gesellschaft für Physische Anthropologie
2.6. Zeitschrift für angewandte Anatomie und Konstitutionslehre
2.7. Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie
2.8. Zeitschrift für Rassenkunde

3. Anthropologischer Anzeiger 1933 bis 1945
3.1. Anthropologischer Anzeiger 1933:
3.2. Anthropologischer Anzeiger 1934
3.3. Anthropologischer Anzeiger 1935
3.4. Anthropologischer Anzeiger 1936
3.5. Anthropologischer Anzeiger 1937
3.6. Anthropologischer Anzeiger 1938
3.7. Anthropologischer Anzeiger 1939
3.8. Anthropologischer Anzeiger 1940
3.9. Anthropologischer Anzeiger 1941/42
3.10. Anthropologischer Anzeiger 1943/44

4. Literatur

„Rassismus wurde am 30. Januar 1933 offizielle deutsche Regierungspoli­tik als Hitler Reichs­kanzler wurde. (…) Und die Wissenschaft selbst ließ sich weiterhin vom Rassismus korrumpieren. Vor allem die Anthropo­logie, die so maßgeblich am Aufstieg des Rassis­mus beteiligt war be­nutzte jetzt die Endlösung für ihre eigenen Zwecke.“[1]

1. Vorbemerkung

Der Titel dieser Arbeit ist etwas zu hoch gegriffen: Eine umfassende Analyse anthropologischer Zeitschriften in der Zeit von 1933 bis 1945 bedürfte ein Vielfaches an Zeit und Raum als hier zur Verfügung steht. Deswegen beschränkt sich der Autor zunächst auf eine Bestandsaufnahme deutsch­sprachiger anthropologischer Zeitschriften, die sich auch aus der Zeit des Nationalsozialismus in der Bibliothek des Instituts für Humanbiologie an der Universität Hamburg finden.

Anschließend soll anhand von Beispielen aus demAnthropolo­gischen Anzeigerexemplarisch skizziert werden, wie sich deut­sche Anthropologen, aber auch Wissenschaftler anderer Diszi­plinen, mehr oder weniger dem damaligen Zeitgeist anpassten oder ihn prägten. Es soll aufgezeigt werden, wie sie ihre Arbei­ten und Lehre zunehmend ideologisch ausrichteten, rassistische Literatur veröffentlichten und sich in den Dienst der Diktatur stellten – sofern sie sich nicht von dieser distanziert hatten. Dies soll in Form einer Collage geschehen, die gleich einer Zeitreise historische Daten mit bewusst einseitig ausgewählten Textfrag­menten, Buchbesprechungen, Zitaten und Kurzmeldungen ausdem Anthropologischen Anzeigerverknüpft. Diese Vorge­hensweise soll die „Gleichschaltung“ des Wissenschaftsbetrie­bes dokumentieren. Mehr als eine bruchstückhafte Quellen­sammlung zu diesem Themenkomplex kann und will diese Ar­beit nicht sein.

2. Deutschsprachige anthropologische Zeitschriften der Jahre 1933 bis 1945

In der Bibliothek des Institutes für Humanbiologie der Universi­tät Hamburg finden sich diverse deutschsprachige an­thropologische Zeitschriften – zum Teil vollständig seit dem Er­scheinen der ersten Ausgabe – archiviert. Darunter fallen verschiedene Fachblätter, die sich für eine Spurensuche über die faschistische Ära in Deutschland hervorragend anbieten. Im Ein­zelnen handelt es sich hierbei um folgende Publikationen:

2.1. Anthropologischer Anzeiger

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

DerAnthropologische Anzeiger[2]ist heute das Mitteilungsorgan der „Gesellschaft für Anthropologie“. Er erschien erstmals im Jahre 1924 als Vierteljahreszeitschrift. Als Herausgeber fungierte damals Professor Dr. Rudolf Martin, Direktor des Anthropologi­schen Institutes der Universität München. Er schreibt in der er­sten Ausgabe „Zur Einführung“:

„Seitdem dasZentralblatt für AnthropologieundSchwal­bes Jahresberichteeingegangen sind und die noch beste­henden anthropologischen Zeitschriften infolge der schwierigen Zeitumstände in bedeutend eingeschränktem Umfange erscheinen müssen, fehlt eine anthropologische Bibliographie, die der wissenschaftlich Arbeitende nicht länger entbehren kann. Auch das Ausland besitzt kein Or­gan, das rasch und umfassend über die Neuerscheinungen auf anthropologischem Gebiet orientiert.

Diesem Übelstand soll derAnthropologische Anzeigerab­helfen. Er wird in vierteljährlich erscheinenden Heften in erster Linie eine möglichst vollständige Übersicht der in- und ausländischen Literatur der physischen Anthropolo­gie bringen und daher prähistorische und ethnologische Publikationen nur insoweit berücksichtigen, als sie phy­sisch-anthropologische Angaben enthalten. Im Hinblick auf die engen Beziehungen aber, welche die physische Anthropologie zu verschiedenen medizinischen For­schungsgebieten, wie zur pathologischen Anatomie, zur Konstitutionsforschung, Kinderheilkunde, Hygiene und Psychiatrie, ferner zur Erblichkeitsforschung, Pädagogik und Sportwissenschaft besitzt, sollen auch Arbeiten aus diesen Gebieten, sofern sie für Anthropologen von Inter­esse sind, Aufnahme finden. (…)

Ein zweiter Abschnitt desAnzeigersenthält kurze kritische Besprechungen der wichtigsten Arbeiten aus Zeit- und Gesellschaftsschriften und selbständiger Druckwerke (…)

Ein dritter Abschnitt wird, soweit es der verfügbare Raum gestattet, kleinere Originalarbeiten, besonders auch Aus­züge und Zusammenfassungen aus nicht im Druck er­schienene Dissertationen umfassen, um die Resultate die­ser Forschungen nicht in den Archiven der Fakultäten un­tergehen zu lassen.

Ein vierter Abschnitt mit der Überschrift „Mitteilungen“ soll den Leser über die wichtigsten, die Entwicklungen der Anthropologie betreffenden Ereignisse – Forschungsrei­sen, Funde, Versammlungen, Lehrbetrieb, Sammlungswe­sen, Personalien usw. – auf dem Laufenden halten. (…)“[3]

2.2. Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie

DasArchiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie einschließlich Rassen- und Gesellschaftshygiene[4]ist eine von 1904 bis 1937 erschienene Zeitschrift, die sich laut ihrem Selbstverständnis nach folgendermaßen verstand:

„Zeitschrift für die Erforschung des Wesens von Rasse und Gesellschaft und ihres gegenseitigen Verhältnisses, für die biologischen Bedingungen ihrer Erhaltung und Entwick­lung, sowie für die grundlegenden Probleme der Ent­wicklungslehre.“[5]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zunächst von Dr. med Alfred Ploetz in Verbindung mit Dr. jur. A. Nordenholz (Jena) und Professor Dr. phil. Ludwig Plate (Berlin) herausgegeben, war sie während des Dritten Reiches das wissenschaftliche Organ der „Deutschen Gesellschaft für Rassenhygiene“ und des „Reichsausschusses für Volksgesund­heitsdienst“. Herausgeber war in dieser Zeit der zum Prof. Dr. med., Dr. phil. h.c. avancierte Alfred Ploetz sowie eine Reihe von Mitherausgeber (vgl. Faksimile oben).

In der Ankündigung von 1904 verwahrten sich die Macher der Zeitschrift ausdrücklich dagegen, „das Archiv für eine be­stimmte wissenschaftliche, sozial- oder rassenpolitische Rich­tung festzulegen.“[6]So hieß es im Vorwort:

„Das Wachsen biologischer Einsicht in den letzten Jahr­zehnten hat dazu Veranlassung gegeben, auch die Grundlagen der menschlichen Gruppierungen, seien sie rassenhafter oder gesellschaftlicher Natur, einer biologi­schen Betrachtung zu unterziehen. Wie es bei wissen­schaftlichem Neuland gewöhnlich der Fall ist, sind neben den wenigen grundlegenden Arbeiten von Forschern zahl­reiche Arbeiten von Laien veröffentlicht worden, bei de­nen häufig weder die geschickte Abfassung, noch das reichliche Tatsachenmaterial, noch auch wertvolle Anre­gungen über das mangelhafte Beherrschen des Stoffs und der wissenschaftlichen Methode hinwegtäuschen können, und die deshalb nicht imstande sind, einen festen Er­kenntnisgrund zu legen, auf dem ernsthaft aufgebaut werden könnte.

Da bei der großen Wichtigkeit der Familien und des ge­samten Volkes solche Arbeiten nicht nur einem großen In­teresse begegnen infolge ihres pseudowissenschaftlichen Charakters auch einen großen Einfluß ausüben, erscheint es an der Zeit, dem gegenüber die strenger wissenschaftli­chen, leider bis jetzt meist in vielen Fachzeitschriften zer­streuten Arbeiten in einer Zeitschrift als Originalien oder Referate zu sammeln und sie so allen denen zugänglich zu machen, die keine Zeit oder Gelegenheit haben, die wis­senschaftliche Presse vieler Einzelfächer zu verfolgen. (…).“[7]

2.3. Der Erbarzt

Pseudowissenschaftliche und empiristische Begründungen für den Zweiten Weltkrieg, für Rassismus und für die Judenvernich­tung finden sich in der zunächst als Beilage zumDeutschen Ärzteblatterschienenen ZeitschriftDer Erbarzt[8].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Vorwort der Ausgabe vom Januar 1942 schreibt der Heraus­geber (im ersten und zweiten Jahrgang fungierten noch der „Deutsche Ärztevereinsbund“ und der „Verband der Ärzte Deutschlands“, der sog. „Hartmannsbund“, als Herausgeber), Prof. Dr. Otmar Frhr. von Verschuer, Direktor des Kaiser-Wil­helm-Institutes für Anthropologie in Berlin-Dahlem, u.a.:

„Bei dem letzten Zweijahresrückblick im Januarheft 1940 wurde als wichtigstes Ereignis der deutschen Rassenhy­giene festgestellt: Der Erbstrom des deutschen Volkes, der sich im Laufe der Geschichte in zahlreiche Einzelströme aufgeteilt hatte, konnte wieder zusammengeführt werden, die deutschen Stämme in der Ostmark waren damals zum Hauptstrom wieder zurückgeleitet worden. Diese letzten nun abgeschlossenen zwei Jahre erfüllt ein gleiches so be­deutsames Ereignis: Auch die deutschen Stämme in der Westmark sind dem mächtigen deutschen Erbstrom wie­der zugeführt. Eupen-Malmedy, Luxemburg, Lothringen und das Elsaß sind mit dem Deutschen Reich wieder verei­nigt oder als Nebenländer angegliedert. Im Süden des Rei­ches ist die Südsteiermark zum Reich zurückgekommen. Damit hat der Traum der Deutschen aller Zeiten – Groß­deutschland – seine Verwirklichung gefunden. (…)Der Er­barzt, der sich im Frieden schon für die Gesundheit und die Erhaltung der rassischen Eigenart unseres Volkes ein­gesetzt hat, erlebt die Gegenwart mit dem ganzen Volk als größte Zeit unserer Geschichte, aber auch als größtes Er­eignis in der Rassen- und Erbgeschichte unseres Volkes.

Die Bevölkerung der Erde betrug im Jahre 1938 2 169 Mil­lionen Menschen. Davon wohnten 530 Millionen (24,4 %) in Europa. Deutschland (ohne Protektorat) hatte damals eine Volkszahl, die 4,6 % der Erdbevölkerung ausmachte; es hatte dabei aber nur 0,5 % des Erdraumes zur Verfü­gung. Dieses Mißverhältnis beleuchtet, wie gerechtfertigt unsere Ausweitung des uns zur Verfügung stehenden Raumes ist. (…)

In den 7 Jahren von 1934–1940 zusammen sind dem deutschen Volk allein im Altreich über 2 1/2 Millionen Kinder mehr geschenkt worden, als nach den Heirats- und Fortpflanzungsverhältnissen der Jahre 1932/1933 zu er­warten gewesen wären. In diesen Ziffern kommt der bio­logische Kraftzuwachs, den wir in den letzten Jahren er­halten haben, deutlich zum Ausdruck. (…)

Auch in der wissenschaftlichen Grundlegung der Rassen­hygiene sind aus der Berichtszeit bedeutungsvolle Ereig­nisse zu melden. Ein neues Universitäts-Institut für Erb- und Rassenhygiene der Deutschen Karls-Universität ist in Prag durch Professor Thums begründet worden. Für die Reichs-Universität in Straßburg sind zwei Lehrstühle, ein ordentlicher und ein außerordentlicher, für Rassenhygiene und Rassenkunde vorgesehen. Andere Universitäten be­mühen sich um die Schaffung neuer Lehrstühle und Insti­tute, damit die Rassenhygiene als Pflicht- und Prüfungs­fach des Medizinstudiums überall eine selbständige Ver­tretung findet. (…)

Noch nie in der Geschichte ist die politische Bedeutung der Judenfrage so klar hervorgetreten wie heute: Gesamt­europa im Bunde mit dem von Japan geführten Ostasien steht im Kampf gegen die durch das Judentum gemeinsam geführte englisch-amerikanisch-russische Weltmacht. Die mit uns vereinten Völker erkennen mehr und mehr, daß die Judenfrage eine Rassenfrage ist, und daß sie deshalb eine Lösung finden muß, wie sie von uns zunächst für Deutschland eingeleitet wurde. Inzwischen haben zahlrei­che andere Länder, wie z.B. Italien, Frankreich, Ungarn und Rumänien, Rassengesetze erlassen, die zeigen, daß die Judenfrage bereits eine gesamteuropäische Angele­genheit geworden ist. Ihre endgültige Lösung als Welt­frage steht mit zur Entscheidung in diesem Kriege.“[9]

2.4. Fortschritte der Erbpathologie und Rassenhygiene

Unter der Ägide von Obermedizinalrat Dr. Johs. Schottky aus Hildburghausen sowie abermals Prof. Dr. Otmar Frhr. von Ver­schuer aus Frankfurt/Main schrieben „zahlreiche Fachgelehrte“ in der ZeitschriftFortschritte der Erbpathologie, Rassenhygiene und ihrer Grenzgebiete[10]über Themen wie: „Vererbung norma­ler morphologischer Eigenschaften des Menschen“, „Die Erb­psychologie hoher Begabungen“ oder über die „Erbpathologie der Haustiere“.[11]Zur Einführung der Zeitschrift im Jahre 1937 veröffentlichen die Herausgeber:

„Vererbungswissenschaft und Rassenhygiene haben sich in den letzten Jahren nicht nur inhaltlich und methodisch sehr entwickelt; es sind auch ihre vielfältigen Wechselwir­kungen mit zahlreichen anderen Wissenschaftsgebieten ständig im Wachsen begriffen. Dieser Einfluß erstreckt sich auf fast alle Einzelfächer der Medizin und viele der Natur­wissenschaft. Weiterhin werden auch die Anschauungen über das soziale Zusammenleben der Menschen, der Fa­milien, Völker und Rassen in Gegenwart und Vergangen­heit, ebenso aber auch die Geisteswissenschaften und schließlich Sitte, Erziehung, Gesetz, Rechtsprechung und Verwaltung immer stärker von rassenhygienischen Gedan­kengängen beeinflußt, welchen wiederum die Ergebnisse der Vererbungswissenschaft zugrunde liegen. Wichtigste praktische Maßnahmen erbbiologischer und bevölke­rungspolitischer Art sind von zahlreichen Staaten auf Grund der Forschungsergebnisse bereits durchgeführt worden oder sie sind in Vorbereitung.

[...]


[1]Mosse, George L.: „Rassismus: Krankheitssymptom in d. europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“, 1978, S. 184 und 206.

[2]ab Band 1, 1924 bis heute, vollständig in der Bibliothek des Institutes für Humanbiologie der Universität Hamburg unter der Signatur 3

[3]Rudolf Martin: Zur Einführung, in:Anthropologischer Anzeiger, Heft 1, 1924, S. 1f. .

[4]ab Band 1, 1904–1937, Signatur S 1. Vgl. auch das Skript von Florian Zeitler über dasArchiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie; einschließlich Rassen- und Gesellschaftshygieneim Seminarordner „Geschichte der Anthropologie“

[5]vgl. aaO.:Titelseite aller Bände.

[6]vgl. Alfred Ploetz/A. Nordenholz/Ludwig Plate: „Vorwort“, in:Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie einschließlich Rassen- und Gesellschafts-Hygiene, 1. Jahrgang, 1904, S. VI.

[7]Alfred Ploetz/A. Nordenholz/Ludwig Plate: „Vorwort“, in:Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie einschließlich Rassen- und Gesellschafts-Hygiene, 1. Jahrgang, 1904, S. III f. .

[8]ab Band 1, 1934 bis 1942, Signatur S 5

[9]Der Erbarzt, Band 10, Heft 1, Januar 1942, Seite 1f.

[10]Band 1 bis 4, 1937 bis 1940, Signatur S 4

[11]alle Titelangaben aus Band 4.

Details

Seiten
46
Jahr
1997
ISBN (eBook)
9783640712632
ISBN (Buch)
9783640713417
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158193
Institution / Hochschule
Universität Hamburg – Institut für Humanbiologie
Note
Schlagworte
Rassismus Drittes Reich Gleichschaltung des Wissenschaftsbetriebs Nationalsozialismus Herbert Hofmann

Autor

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Titel: Analyse  anthropologischer  Zeitschriften in der Zeit von 1933 bis 1945