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Abkühlungs-Apparate, Emotionslosigkeit und Kälte – Die »kalte persona« – Fassbinders Figuren: Lola

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Hauptteil - Kontextklärung
2.1. Helmut Lethen und die „kalte persona“
2.2. Scham und Schuld – Abkühlen und Erhitzen
2.3. Fassbinder und die „kalte persona“

3. Fassbinders Figuren
3.1. Fassbinders Trilogie – Lebensversuche nach dem 2. Weltkrieg?
3.2. Lola – Die Figuren
3.3. Semantische Räume – Polarisieren und das Spiel mit den Farben
3.4. Spiel mit der Wahrheit ? - Innen und Außen

4. Schlussteil
4.1. Zusammenfassung
4.2. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Tatsächlich werden Kunstwerke desto weniger genossen, je mehr einer davon versteht. Eher war sogar die traditionelle Verhaltensweise zum Kunstwerk, soll sie den durchaus für es relevant sein, eine von Bewunderung: daß sie an sich so sind, nicht für den Betrachter.“[1]

Einen Film von Fassbinder zu genießen gleicht eigentlich einem Ding der Unmöglichkeit oder? Aber soll dies auch nicht so sein? Adorno machte uns darauf aufmerksam, dass wirkliche bzw. authentische Kunst etwas ungenießbares ist und somit keine reine Unterhaltung oder „ästhetischer Hedonismus“. So lässt sich das Werk von Fassbinder, als besonders künstlerisch begutachten. Den „ein“ Fassbinder, sowie vor allem seine Figuren und dessen Handlungen, hinterlassen eigentlich immer Fragezeichen im Kopf des Konsumenten - spätestens nach dem „Konsum“. Optimal ist es sogar, wenn ein Freiraum der Verwirrung hinterlassen wird, der nicht unbedingt mit Klärung gefüllt wird. Aber dafür zum Nachdenken animiert. Eine Lösung soll wohl auch gar nicht gefunden werden: Die Suche ist das entscheidende. Wahrlich „adornisch“ und „heideggerisch“ angelehnt, ist es die Frage an sich, die große Kunst ausmacht. Kunst muss fragen aufwerfen, Gesellschaft verklären und keine Antworten geben; oder adornisch gesagt, Kunst muss Wunden aufreißen.[2]

Ziel dieser Arbeit soll es sein, exemplarisch vor allem an dem Film Lola[3], Fassbinders Figuren zu untersuchen. Dabei soll es im Wesentlichen um einen etwas gewagten Übertragungsversuch gehen. Ich würde daher gern Lethens literarisches Konstrukt der kalten persona[4], also die »Ich-Verpanzerung«, auf die Figurenkonstruktion von Fassbinder „anwenden“. Das Problem des zeitlichen Kontextes soll dabei aber nicht untergehen, sondern mit in die Untersuchung einfließen. Spannend erscheint mir dabei der Kriegsaspekt bei dem Film Die Ehe der Maria Braun[5], also den Lebensversuchen nach dem zweiten Weltkrieg, was direkt an Lethens gewagte These anschließen könnte. Lethens Konzept soll also weiter gesponnen werden, auch kulturell, über den ersten Weltkrieg hinaus, was eventuell noch mit Adornos Philosophie und seinem Bild der „Wunde“ weiter untersucht werden könnte, hier aber nur als Randbemerkung verbleiben wird. Schließlich sind die Figuren, die auserwählten Träger des Films und dessen Kunst. Doch hauptsächlich gilt es das Verhalten und vor allem das strategische Verhalten der Figuren zu analysieren wie z.b. in Pioniere in Ingolstadt[6] (Schminke zur Steigerung der Chancen). Interessant wäre es auch dabei zu sehen wie sich das Verhalten der Figuren ändert, falls ein Paradigmenwechsel in der Chronologie der Werke Fassbinders gesehen werden kann, was die Opposition zwischen inhaltslosen „Menschen“ und inhaltsvollen „Menschen“ angeht. Tatsächlich könnten sicher alle Fassbinder Werke und Figuren auf diesen Aspekt hin untersuchen werden wie z.B. die (unbewusste) Emotionslosigkeit in Katzelmacher[7] . Schließlich wollen wir erfahren wie sich Fassbinders Figuren „verhalten“ und wieso sie so sind wie sie sind – welche Funktion dem inne wohnt. Verstärkt auf Lethen, soll anhand von Lola analysiert werden, was die Figuren bezwecken. Wird irgendwann der „innere Kern“ der Figuren sichtbar und wird damit (bewusst) gespielt? Geht es den Figuren darum sich nur durch zu Schlagen wie z.B. in Berlin Alexanderplatz[8] oder in Fontane Effi Briest[9] ? Aber auch um Identität wird es gehen müssen wie in dem Angleichen an das „Außen“ durch das fehlen von Privaträumen zur generellen Entwicklung einer eigenen Identität wie in Querelle[10] und um die strategische Verwischung der eigenen Spur, dem Problem der Neuen Sachlichkeit. Ich will also untersuchen ob es einen Zusammenhang zwischen der Figurendarstellung und Lethens Thesen gibt und wie der sich „verhält“.

2. Hauptteil - Kontextklärung

2.1. Helmut Lethen und die „kalte persona“

„Der Verlust gesellschaftlicher Instanzen von unumstrittener Geltung wurde durch die Einführung von Verhaltenslehren, die in Zeiten des Normwandels in großer Zahl angeboten wurden, ausgeglichen.“[11]

Beeinflusst durch Plessner und „seiner“ Positionierung des Menschen ins exzentrische, also das Wenden zum „Außen“ hin (Psychologie des Außen[12] ), zum Beobachten und Beobachtbaren, versucht Lethen ein System des Bewegens[13] zu bilden. Anthropologisch, zwischen Schuld und Scham, der Ich-Instanz; muss der Mensch sich weiter „bewegen“ können. Dabei fragt Lethen sich wie das nach dem Krieg möglich sein kann? Als Kultur- und Literaturwissenschaftler[14], untersucht Lethen Zusammenhänge der Weimarer Republik und der Kultur der 20ern mit Literatur und speziell der Verhaltensweise von fiktiven Figuren dieser Zeit. Dabei unterscheidet Lethen erstens zwei Kulturen; nämlich die Scham- und die der Schuldkultur. Zweitens entwickeln sich aus der ersteren Kultur drei Konstruktionen: die „kalte persona“, der „Radar-Typ“ und die „Kreatur“[15]. Die Schamkultur - dabei ist es erst einmal egal wie der wechsel vollzogen wurde - ist die direkte Reaktion, im kollektiven Bewusstsein, auf den Weltkrieg und die Verdrängung von Schuld. Diese verknüpft Lethen mit dem literarischen Konstrukt der „kalten persona“: „Unter ihrem Ichpanzer verkümmerten, hört man, alle eigentlichen Qualitäten des Humanen, das ausschließlich, an seiner Vernetzbarkeit zu erkennen sei.“[16] Weiter wird versucht nachzuvollziehen wie eine Zurechtfindung zwischen den Weltkriegen möglich sei. Also wie die gesellschaftliche Wunde, verursacht durch den 1. Weltkrieg, zu schließen sei. Wobei gleichzeitig das Verschwinden von jeglichen Autoritäten, welche vorher „Schuld“ steuern konnten, zu Beschleunigern der Herausbildung neuer Systeme verhalfen. Die Schuld soll sich dabei in die Verhaltenslehren verlagert haben – die Wunde wurde nicht ausbluten gelassen: Die Scham setzt sich darüber.

2.2. Scham und Schuld – Abkühlen und Erhitzen

„Die Ehre ist das äußere Gewissen und das Gewissen die innere Ehre.“[17]

Lethens Werk ist eine Zeitdiagnose, welche verdeutlicht wie sich im Individuum der Nachkriegszeit, die Frage zwischen Erwartung(s haltung ) und zweckmäßigen Verhalten wiederspiegelt. Durch den Weltkrieg habe sich die Schuldkultur[18] zu einer Schamkultur verschoben. Dabei lässt sich die Schamkultur als eine „kalte“ Kultur beschreiben, eine Kultur, die sich innerhalb eines Abkühlungsprogramms nach Außen hin konzentriert. Also in einer bestimme Situation, mit dem „richtigen“ oder angemessenen Verhalten reagiert - wie eine Maxime. Hingegen lässt sich die Schuldkultur als eine „heiße“ Kultur beschreiben, eine Kultur, die sich innerhalb eines Erhitzungsapparates nach Innen hin konzentriert; nämlich dem Gewissen und der Schuld. Die Apparatur ist dabei analog zur Konvention. Neben bei bemerkt handelt es sich bei „heißen“ Kulturen, auch um fortschrittliche Kulturen und bei „kalten“, eher um traditionsbewusste.[19] Die beiden Kulturen sind sich also konträr und unterscheiden sich im Wesentlichen radikal in ihren Instanzen des intersubjektiven Miteinanders: Verhalten und Gewissen – Außen und Innen. Die „[A]ufmerksamkeit für die innere Stimme, die interne Kontrollinstanz“[20] wird der „[A]ufmerksamkeit für die äußere Stimme, die externe Kontrollinstanz“[21] von Lethen gegenübergestellt. Gewissensangst wird der sozialen Angst gegenübergestellt, was die Motivation betrifft, so wie die Zielgerichtetheit, im guten Gewissen liegt bzw. angemessenen, funktionalistischen Veralten.

„In diesem Polaritäts-Schema bildet die »Schamkultur« eine gläserne Konstruktion von Konventionen, in der die Fremdzwänge, die das Verhalten regulieren, sichtbar sind und die Personen einer Dramaturgie der Selbstinszenierung folgt, die Achtung der eigenen Person in den Augen der anderen zu schützen.“[22]

Die Ich-Instanz geht in den „Winterschlaf“ und unterliegt (konventionellen) Abkühlungsprogrammen, die jegliche „Gewissensbisse“ von Außen, an einer erkalteten bzw. verhärteten Außenschale, abprallen lässt. Die „kalte persona“ ist also Teilhaber der „kalten“ Kultur und nimmt somit auch automatisch die Verhaltenslehren dieser Kultur an. Das eigene Gewissen wird dabei nach außen gestülpt und aufs Auge des Beobachters angepasst, was es ermöglicht das eigene Ich von der Oberfläche verschwinde zu lassen. Da das Gewissen ausgeklammert wird, aber Schuld oder Schuldempfinden impliziert; wird auch dieses gleichzeitig mit ausgeklammert. Das Innere bleibt Innen und das Außen wird das wesentliche. Im Kontext der Krieges, geht es auch um eine Verdrängung des Gewissens, um eben weiter machen zu können oder, wie schon gesagt, um weiter Handeln zu können – sich weiter „bewegen“ zu können. Gracián, auf den Lethen immer wieder verweist, verwendet dabei das Bild des Minenfeldes, wenn er seine „kalte persona“, natürlich im Kontext der barocken Hofgesellschaft in Spanien, spinnt, wo angemessenes Verhalten noch so etwas wie eine Kardinaltugend war, eine Figur; die sich durch Intelligenz und Anpassung bemerkbar macht:

[...]


[1] Adorno. T. W., Ästhetische Theorie, Shurkamp, 1995, S. 27.

[2] Vgl. Ebd. (Die Wunde ist ein Bild für „vergesellschaftlichungs“ Prozesse und Traditionen in der Philosophie Adornos).

[3] Lola, Fassbinder, R. W., (Produktionsjahr 1981), Kinowelt GmbH, Deutschland, 2008.

[4] Lethen, Helmut, Verhaltenslehre der Kälte – Lebensversuche zwischen den Kriegen, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1994.

[5] Die Ehe der Maria Braun, Fassbinder, R. W., (Produktionsjahr 1978), Kinowelt GmbH, Deutschland, 2009.

[6] Pioniere in Ingolstadt, Fassbinder, R. W., (Produktionsjahr 1970), Antitheater, Deutschland, 1971, (nach einem Stück von Marieluise Fleisser).

[7] Katzelmacher, Fassbinder, R. W., (Produktionsjahr 1969), Kinowelt GmbH, Deutschland, 2009.

[8] Berlin Alexanderplatz, Fassbinder, R. W., (Produktionsjahr 1979), Süddeutsche Zeitung GmbH, Deutschland, 2007.

[9] Fontane Effi Briest, Fassbinder, R. W., (Produktionsjahr 1974), Kinowelt GmbH, Deutschland, 2005.

[10] Querelle, Fassbinder, R. W., (Produktionsjahr 1982), Paramount Home Entertainment, Frankreich/Deutschland.

[11] Lethen, Helmut, Verhaltenslehren der Kälte – Lebensversuche zwischen den Kriegen, Shurkamp, S. 36.

2

[12] Ebd. S.10.

[13] Mit Bewegung ist auch die Notwenigkeit des Handelns bzw. Handeln könnens gemeint, Ebd. S. 51.

[14] http://www.single-generation.de/kohorten/68er/helmut_lethen.htm (Stand 13.07.2010 [14uhr52]).

[15] Lethen, Helmut, Verhaltenslehren der Kälte – Lebensversuche zwischen den Kriegen, Shurkamp, S. 11.

[16] Ebd. S. 69.

[17] Schopenhauer, Arthur, Aphorismen zur Lebensweisheit, Kapitel IV – Von Dem, was Einer Vorstellt, Reclam, 1949.

[18] Der Begriff der „heißen“ und „kalten“ Kultur bzw. Schuldkultur, natürlich im übertragenen Sinne, bezieht sich auf das Essay von Jan Assman, Das kulturelle Gedächntis, Kap. III: Option kultureller Erinnerung: „Heiße“ und „kalte“ Erinnerung; als auch auf die Terminologie von Strauss und Focault.

[19] Ebd. Assman, Jan.

[20] Lethen, Helmut, Verhaltenslehren der Kälte – Lebensversuche zwischen den Kriegen, Shurkamp, S. 32.

[21] Ebd.

[22] Ebd. S. 33.

Details

Seiten
20
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640717439
ISBN (Buch)
9783640717538
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158165
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Philosophische Fakultät
Note
2,3
Schlagworte
Fassbinder Film Lethen Kälte Emotionslosigkeit Lola BRD Abkühlungs-Apparatur kalte persona Nachkriegsjahre Kunst Melodram semantische Räume Schuld Scham Verdrängung Figuren

Autor

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Titel: Abkühlungs-Apparate, Emotionslosigkeit und Kälte  – Die »kalte persona« – Fassbinders Figuren: Lola