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Klassifikationsversuche von Routineformeln bei Coulmas und Stein

Seminararbeit 2010 16 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

Einleitung

I. Definition

II. Einteilungsversuche
II.1. Coulmas
II.1.1 Funktionale Differenzierung
II.1.2 Systematisierung, Typologie und das Modell der Typzuweisung
II.2 Stein
II.2.1 Grobgliederung
II.2.2 Gesprächssteuernde Formeln und die Methode der Funktionszuweisung

III. Abschließende Bemerkungen

Literatur

Einleitung

Als ein kommunikative Handlungen ständig begleitendes Phänomen der Sprache wurden Routineformeln in den letzten Jahrzehnten von zahlreichen Linguisten (F. Coulmas, R. Gläser, S. Stein, P. Kühn, H. Lüger, um nur wenige zu nennen) in noch zahlreicheren Forschungsarbeiten untersucht.

War diese „eher unscheinbare Gattung von der Sprache bereitgestellter feststehender Ausdrücke“ zur Zeit der Abfassung jener Werke in der Phraseologieforschung noch „am wenigsten beachtet“ (Coulmas, 1981: 66), so ist die Fülle der Beiträge zu dieser Thematik inzwischen ebenso vielfältig wie die darin vertretenen Ansichten. Dass sich Routineformeln als Teilbereich der Phraseologie inzwischen so großer Beliebtheit in der Forschung erfreuen, ist sicher unter anderem auch auf die allgemeinen Fortschritte in der Phraseologieforschung des letzten Jahrhunderts zurückzuführen, die ein Vordringen in diese doch eher den Randbereichen zuzuschreibenden Gebiete erst möglich gemacht haben. Zumindest sind sie inzwischen ein weitestgehend anerkannter Teil der Phraseologie, sodass sie im Rahmen dieses Phraseologie-Seminars nun auch eigens betrachtet wurden.

Es genügt dabei ein recht kurzer Blick über die verschiedenen Werke, um starke Differenzen zwischen den Typologien, Systematiken und Einteilungsversuchen festzustellen, die die Frage offenlassen, inwiefern sich Routineformeln überhaupt einheitlich klassifizieren lassen können.

Auf den folgenden Seiten wird daher versucht werden, von einer allgemeineren Definition ausgehend zwei wissenschaftliche Arbeiten zu betrachten, die im Rahmen ihres Gegenstandes unter anderem Klassifikationsversuche unternehmen, die sich von der Herangehensweise bipolar unterscheiden. Auf der einen Seite ist das Routine im Gespräch von Florian Coulmas (1981) und auf der anderen die jüngere Arbeit Formelhafte Sprache von Stephan Stein aus dem Jahr 1995. Ziel soll sein, beide Methoden darzustellen und die Vor- und Nachteile dieser herauszuarbeiten, wobei die Frage zu beantworten versucht werden wird, ob einer von ihnen der Vorzug zu geben ist.

Die Auswahl der beiden Werke hat weniger mit einem offenkundigen Vorzug anderen Arbeiten gegenüber zu tun, als mit ihrer Eignung als exemplarische Beiträge zur sprachwissenschaftlichen Auseinandersetzung mit routinisierter Sprache.

I. Definition

In seiner Abhandlung über Routine im Gespräch macht Coulmas bereits zu Beginn seines Werkes darauf aufmerksam, dass eine Bestimmung von Routineformeln anhand formaler Kriterien durch deren starke formale Heterogenität kein wirklich sinnvoller Ansatz sein kann (vgl. Coulmas, 1981: 66). Ginge man nach den Klassifikationsbegriffen Burgers (2007) vor, würde man sowohl auf lexikalischer (satzwertige Strukturen wie Die Verhandlung ist eröffnet stehen Einwort-Formeln wie oder? gegenüber) als auch idiomatischer (vollidiomatisch/exosemisch: Da wird ja der Hund in der Pfanne verrückt! ↔ halbidiomatisch/endo-exosemisch: Abwarten und Tee trinken ↔ nichtidiomatisch/endosemisch: Wie gesagt ) und auf der die Stabilität betreffenden Ebene (vom stabilen Grüß Gott! bis hin zu mehr oder weniger frei formulierbaren diskursiven Formeln wie Er hat es gut gemeint/Eine gut gemeinte Aussage/Sie meint es nur gut usw.) lediglich zu dem Ergebnis kommen, dass sich Routineformeln formal überall eingliedern lassen würden. Stein stimmt ihm nach einem auf diese Art geführten und letztendlich mehr oder weniger fruchtlosen Einteilungsversuch in diesem Punkt zu (1995: 149).

Von diesem Ansatz abweichend entwickelt Coulmas eine kommunikationssituative Einteilung und definiert Routineformeln als

funktionsspezifische Ausdrücke mit wörtlicher Bedeutung zur Realisierung rekurrenter kommunikativer Züge (1981: 69).

In seiner weiteren Untersuchung, um das schon einmal vorwegzunehmen, teilt er sie in zwei große Gruppen auf, die diskursiven und die situationsabhängigen Formeln, welches Konzept auch Burger in seiner „Phraseologie“ (2007: 53) übernimmt. Inwiefern Coulmas die „wörtliche Bedeutung“ im weiteren Verlauf seiner Untersuchungen rechtfertigen kann, steht zur Diskussion, zumal er selbst betreffend der Bedeutungsbeschreibung von Routineformeln weiter angibt, sie beruhe unter anderem auf dem „Grad ihrer Standartisiertheit in der Sprache bzw. für die Mitglieder der Sprachgemeinschaft“ (1981: 77)

Bei Stein findet sich eine ähnliche Definition, wenn sich diese (wie das Werk im Gesamten) auch mehr auf die Coulmaschen diskursiven Formeln beschränkt:

Gesprächsspezifische Formeln sind mehrgliedrige (komplexe) und formal (relativ) feste Einheiten unterschiedlicher Bauart und Größe, die typisch sind für dialogische Texte, in die sie als fertige und reproduzierte Einheiten einfließen, um eine oder mehrere kommunikative Funktionen zu übernehmen. (Stein 1995: 130)

Auch Stein widerspricht später seiner eigenen Definition insofern geringfügig, als in dem von ihm benutzten Material Einwort-Formeln wie nicht? und ähnliche als gesprächsstrukturierende Formeln interpretiert werden.

Was jedoch klar aus diesen Definitionen hervorgeht, ist die kommunikativ-pragmatische Herangehensweise an den Begriff „Routineformel“, was Coulmas bereits im Untertitel seines „Routine im Gespräch“ ankündigt, wenn er von der „pragmatischen Fundierung der Idiomatik spricht“. Sein Ansatzpunkt lautet:

Eine Theorie der Routineformeln muß […] im wesentlichen eine pragmatische Theorie sein; die Beschreibung geht nicht von grammatischen Gesichtspunkten aus, sondern von kommunikativen Funktionen in einer Sprachgemeinschaft. (1981: 71)

Stein konstatiert dazu:

Eine adäquate Beschreibung muß bei den kommunikativen Funktionen ansetzen und sich pragmatische Kriterien zunutze machen. Nur so können die funktionale Vielfalt einzelner Formen und die Tatsache, daß formal verschiedene Formeln gleiche Funktionen übernehmen können, erklärt werden. (1995: 149)

II. Einteilungsversuche

Auf der Grundlage des vorangegangenen Abschnittes kann nun auf die beidenKlassifikationsversuchesowie deren Vorzüge und Schwächen eingegangen werden.

II.1. Coulmas

Wie bereits oben erwähnt, versucht Florian Coulmas in seinem Werk „Routine im Gespräch“ Routineformeln von ihren Funktionen her einzuteilen. Kommunikation ist für ihn „grundsätzlich situationsgebunden und in unterschiedlichem Maße situationsabhängig.“ (77) Er zählt vier Gesichtspunkte auf, um die Situationsabhängigkeit von Routineformeln zu präzisieren (81 ff.): Die Voraussagbarkeit im Kommunikationsablauf, die Obligiertheit für die einzelnen Sprecher, die Abhängigkeit der Bedeutung und Verständlichkeit von der Äußerungssituation und schließlich die Kulturspezifik , welche besonders für die Übersetzung von Routineformeln von Bedeutung ist. Aus der Analyse einzelner Beispiele wird ersichtlich, dass die Komplexität der Situationsabhängigkeit – ersichtlich allein aus der Anzahl der Komponenten, die eine Sprechsituation charakterisieren: Ort, Zeit, Sprecher, Hörer, interindividuelle und soziale Beziehung zwischen ihnen, Teilnehmerkonstellation usw. (vgl. 83) – „sehr unterschiedliche Funktionsprofile“ (86) für Routineformeln bedingt. Funktionen sind für Coulmas nicht nur Mittel zur Bedeutungsfindung (die klassische denotative Ermittlung von Bedeutung ist für ihn bei Routineformeln nicht sinnvoll anwendbar[1] ), sondern auch Hauptkriterium zur Differenzierung des Gegenstandes.

[...]


[1] Zu seiner Begründung sei ein von ihm selbst gewähltes Beispiel genannt:

„Von der denotativen Bedeutung einer Ausdruckseinheit wie ,Grüß Gott’ zu reden und dieselbe als aus einem nominalen, ein Objekt denotierenden Ausdruck bestehend zu analysieren, ist (…) ersichtlich unangemessen und fast ebenso sinnlos wie zu behaupten, die denotative Bedeutung der Ausdruckseinheit ,Servus’ sei „Diener“, wenn es sich dabei um eine Grußformel handelt.“ (75)

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640714339
ISBN (Buch)
9783640714483
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158107
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Schlagworte
Phraseologie Routineformeln Coulmas Stein Germanistische Linguistik

Autor

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