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Distributionalismus versus Generative Grammatik

Ein Beitrag zur sprachwissenschaftlichen Debatte im 20. Jahrhundert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 18 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Strukturalismus in der Sprachwissenschaft
2.1 Die Prager funktionale Linguistik
2.2 Die Kopenhagener Glossematik
2.3 Der Amerikanische Strukturalismus
2.3.1 Die Bloomfield-Ära
2.3.2 Der Distributionalismus von Harris
2.3.2.1 „Utterance“ als Gegenstand des Distributionalismus
2.3.2.2 Die Distributionsanalyse
2.3.2.3 Harris und die Transformation

3. Die Generative Grammatik
3.1 Chomskys Sicht des Spracherwerbs
3.2 Zum Vorgehen der Generativen Grammatik

4. Unterschiede zwischen den Theorien Chomskys und Harris´
4.1 Die wissenschaftliche und methodologische Grundposition
4.2 Die Sicht des Spracherwerbs
4.3 Weitere Unterschiede

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als 1916 die Arbeiten von Ferdinand de Saussures nach seinem Tode veröffentlicht wurden, begann eine bedeutende sprachwissenschaftliche Phase des 20. Jahrhunderts. Denn de Saussure prägte nicht nur den Strukturalismus im Allgemeinen, sondern auch eine bestimmte strukturelle Schule, den Amerikanischen Strukturalismus, deren letzte Phase der sogenannte Distributionalismus von Zellig Harris darstellte. Die Überwindung dieser Strömung erfolgte durch die Generative (Transformations-) Grammatik von Noam Chomsky, der aus dem Strukturalismus seine Konsequenzen zog und das Verständnis von Sprache und Sprachentwicklung entscheidend veränderte.

Die hier vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit der Fragestellung, welche Unterschiede zwischen der letzt genannten strukturellen Schule (dem Distributionalismus) und der Generativen Grammatik bestehen, gerade mit dem Hintergrund, dass Chomsky ein Schüler von Harris war und damit vieles von ihm übernommen, beziehungsweise modifiziert, hat. Um die Gemeinsamkeiten soll es im Folgenden jedoch nicht gehen. Dem Umfang dieser Arbeit entsprechend können auch die Unterschiede nur auf bestimmte Bereiche innerhalb der Theorien Bezug nehmen. Der Umstand, dass Chomskys Grammatikmodell immer wieder erneuert wurde- sei es von ihm selbst, oder einem seiner Anhänger – verschärft diesen Umstand. Deshalb besteht die erklärte Motivation dieser Arbeit nicht darin, die beiden Theorein einem genauen Abgleich zu unterziehen, sondern exemplarisch ihre wesentlichen Unterschiede aufzuzeigen. Zu diesem Zweck werden zunächst die einzelnen Schulen des Strukturalismus, welche innerhalb der sprachwissenschaftlichen Diskussion eine Rolle spielen, in Form einer Überblicksdarstellung referiert, bevor die Entwicklung des amerikanischen Strukturalismus (von Bloomfield bis Harris) dargestellt wird, um dann Chomskys Theorie näher beleuchten zu können. In einem letzten Schritt werden dann in Form eines Fazits die wesentlichen Unterschiede zusammengefasst.

2. Der Strukturalismus in der Sprachwissenschaft

Der Strukturalismus ist eine Strömung verschiedener geistes- bzw. kulturwissenschaftlicher Disziplinen (Literaturtheorie, Ethnologie, Psychologie, Anthropologie) vorwiegend in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der ursprünglich für die Sprachwissenschaft entwickelt wurde und dafür in besonderer Hinsicht prägend blieb (Sokol 2001:18). Besonders im Strukturalismus hat Ferdinand de Saussures Konzeption seine Fortsetzung und Verwirklichung gefunden (Helbig 21973:46). Denn de Saussures Bemühungen finden erst in der strukturellen Linguistik ihre Anwendung (ebd.:46).

Neben den drei bedeutendsten Schulen des Strukturalismus, der Prager funktionalen Linguistik, der Kopenhagener Glossematik und dem Amerikanischen Strukturalismus, gibt es weitere, wenn auch weniger einflussreiche Schulen: die Genfer Schule, die Moskauer Schule, die Londoner Schule und den französischen Strukturalismus (Kucharczik 2010:679). Allerdings ist solch eine Unterscheidung immer noch recht grob, da es auch innerhalb der einzelnen Schulen (besonders in der USA) eine Vielzahl von weiteren Differenzierungen gibt (Helbig 21973:46). De Saussures Cours de linguistique générale (im Folgenden: Cours ) und ihre verschiedenen Interpretationen gelten als Ausgangspunkt für die Entwicklung der verschiedenen Schulen, wobei Bierwisch sogar soweit geht, dass er ihre Verschiedenheit auf die unterschiedlichen Lesarten der nicht immer begrifflich klaren Aussagen de Saussures in seinen Cours zurückführt (Bierwisch 21972:25). Ihnen allen gemein ist die Sprache als ein Beziehungssystem und immanente Struktur aufzufassen, womit an de Saussures Thesen angeknüpft wird, dass der Gegenstand der Sprachwissenschaft nur die Sprache an sich sei, dass Sprache ein Netz von synchronischen Beziehungen sei ,und dass sie nicht Substanz sondern Form sei (Helbig 21973:46). Damit wurde angesprochen, dass de Saussure selbst nie von Struktur gesprochen hat, allerdings Sprache als ein systéme verstanden hat, dessen Funktionieren man als mécanisme begreifen sollte (vgl. ebd.). Zudem wurde seine Unterscheidung zwischen synchroner und diachroner Sprachbetrachtung grundlegend für die Sprachwissenschaft.

Die Entwicklung der Schulen ist zudem durch ein weiteres gemeinsames Merkmal gekennzeichnet, das sich darin ausdrückt, dass ihre Forschungsbemühungen allesamt bei der Phonologie und Grammatik ansetzen (ebd.:46). Dabei wird besonders auf die von de Saussure betonte Beziehung von dem Bezeichnenden ( signifiant ) und dem Bezeichneten ( signifié ) eingegangen (vgl. ebd.). Diese Fokussierung auf die Struktur der Sprache bildet zum einen eine Ablehnung der junggrammatischen Sicht (ebd.:47). Die Ablehnung junggrammatischer Sicht drückt sich durch die Ablehnung von Atomismus (das Interesse für die konkreten Sprechakte der einzelnen Individuen), von Physiologisierung und Psychologisierung aus (ebd.:47). Zum anderen bedeutet die genannte Ausrichtung auf Struktur die Ausgrenzung jeglicher außersprachlichen Faktoren bei der Sprachbeschreibung, „[…] Sprache wird vielmehr auf synchronischer Ebene betrachtet als eine Struktur „sui generis“, als ein System von reinen Beziehungen mit Methoden, deren Exaktheit die Sprachwissenschaft den Naturwissenschaften annähern soll“ (ebd.). An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass hier eine Parallele zur junggrammatischern Sicht besteht, da die Junggrammatiker der Sprachwissenschaft den Charakter einer exakten Naturwissenschaft verleihen wollten (Vgl. auch Kucharczik 2010:684).

2.1 Die Prager funktionale Linguistik

Die strukturelle Linguistik fand in ihrer Entwicklung ihren Ausgang in der Prager Schule (Helbig 21973:48). Im Jahre 1926 entstand der „Cercle Linguistique de Prague“ zu deren Hauptvertretern Vilém Mathesius, Bohumil Trnka, Josef Vachek, Nikolaj Sergejevic Trubetzkoy, Roman Jakobson und Bohuslav Havrànek sowie Sergej Karcevskij zählen (Kucharczik 2010:685). Die primären Schwerpunkte waren die Phonologie, die besonders an den Namen Trubetzkoy geknüpft ist, sowie die Morpho(phono)logie (vgl. ebd./ Helbig 21973). In ihren seit 1929 veröffentlichten Thèses wird Sprache als „un système de moyens d`expression appropiès à un but“ aufgefasst, was einerseits bedeutet, dass kein Element der Sprache außerhalb seines Systems betrachtet werden kann, und anderseits den funktionalen Aspekt der Prager Schule erklärt (Helbig 21973:49).[1] Im Gegensatz zu anderen strukturellen Schulen ist das Ziel der Prager Schule von der Beobachtung des konkreten Sprachmaterials auszugehen, keine strenge Trennung von Synchronie und Diachronie vorzunehmen und „Sprache immer als Korrelat der außersprachlichen Wirklichkeit an[zu]sehen“ (ebd.:50). Besonders für die Prager Phonologie, die Trubetzkoy und Jakobson entwickelten und das Kernstück der Prager Schule darstellt, ist dieser funktionelle Gesichtspunkt bedeutsam geworden (Kucharczik 2010:686). Dabei legte Trubetzkoy großen Wert auf eine gültige Abgrenzung von Phonologie und Phonetik: Während Phonetik die materielle Seite der menschlichen Rede untersucht, fasst die Phonologie die Funktion im Spachgebilde ins Auge (Helbig 21973:52). Durch den Begriff der Distinktivität, den Trubetzkoy Phonemen zuschreibt, wird der funktionale Aspekt innerhalb der Phonologie deutlich: Phoneme besitzen bedeutungsdifferenzierenden Charakter, deren Wert sich erst durch die binäre Opposition mit anderen Phonemen ergibt (ebd./ Kucharczik 2010:687).

De Saussures Wirkung innerhalb der Prager Schule findet sich besonders in ihrem Interesse für „langue“ und „parole“, allerdings wurde ihr immer wieder eine Entfernung von de Saussures durch ihr Verständnis des Funktionalismusbegriffs vorgeworfen, der Sprache als reine Form versteht (ebd.).

2.2 Die Kopenhagener Glossematik

Die Kopenhagener Schule wurde 1933 unter Louis Hjelmslev und Viggo Brøndal gegründet. Ihr Hauptverdienst liegt darin, dass sie die „phonologische“ Methode zur Beschreibung eines Phomens auf die inhaltliche Seite übertrugen (Helbig 21973:60). Den Begriff „Glossematik“[2] prägten sowohl Uldall als auch Hjelmslev, die sich dadurch explizit von der Prager Schule abgrenzen wollten, da die Kopenhagener Glossematiker – im Gegensatz zu den Prager Strukturalisten- Sprache als Form ohne Substanz verstanden[3] (ebd.:63). In Anlehnung an de Saussures bezeichnet Sprache ein autonomes System von Relationen, das in höchst abstrakter Weise untersucht wurde (Kucharczik 2010:688).[4] Wesentlich innerhalb ihrer Theorie und im Sinne de Saussures ist die Annahme einer Inhaltsebene und einer Ausdrucksebene, innerhalb derer wiederum zwischen Form und Substanz unterschieden wird (ebd.:60). Durch diese Unterscheidung entstehen vier Strata , denen jeweils eine Wissenschaft zugeordnet wird.[5] Neben dieser Unterscheidung definiert sich Hjemlslev den Funktionsbegriff als Relationsbegriff: Funktion sei eine Abhängigkeit zweier Funktive und Funktiv eine Größe, die eine Funktion bzgl. anderen Größen besitzt (ebd.:66). Damit steht die Kopenhagener Glossematik im genauen Gegensatz zur Prager Schule, die Funktion als die Verwendung, den Gebrauch bzw. als Beziehung zur bezeichneten Sache definierte (ebd.). Hjemlslev glaubte mit diesem Konzept de Saussures Cours am richtigsten verstanden zu haben, und richtig ist, dass de Saussures tatsächlich am meisten auf Hjemlslev eingewirkt hat, allerdings wurde ihm deshalb teilweise auch vorgeworfen, die Cours radikalisiert zu haben (ebd.:62/ Kucharczik 2010:688).

2.3 Der Amerikanische Strukturalismus

Die dritte große strukturalistische Schule ist eigentlich nur eine Sammelbezeichnung für verschiedene Richtungen innerhalb des Strukturalismus, deren Namen besonders an die Personen Edward Sapir, Leonard Bloomfield und Zellig S. Harris geknüpft ist (vgl. Kucharczik 2010). Einen großen Einfluss – besonders auf Sapir und Bloomfield – hatten in den Anfängen des amerikanischen Strukturalismus die Arbeiten Franz Boas, der sich Ende des 19. Jahrhunderts mit Indianersprachen beschäftigte. Leonard Bloomfield gilt als der Begründer des Amerikanischen Strukturalismus, dessen nachhaltiges Werk „Language“ (1933) die Tradition der vergleichenden Sprachwissenschaft mit dem Strukturalismus Ferdinand de Saussures und dem ethnolinguistisch fundierten Deskriptivismus (Franz Boas) verband (Dürr/Schlobisnki 2006:82). Damit schuf er das Standartwerk der amerikanischen strukturellen Linguistik und leistete für die amerikanischen Schulen damit das, was Trubetzkoy mit seinem Hauptwerk Grundzüge der Phonologie für die Prager Schule und Hjemlslev mit Prolegomena to a Theory of Language für die Kopenhagener Schule leisteten (Helbig 21973:73). Als Grundlage des Amerikanischen Strukturalismus gelten vor allem die systematische Untersuchung von sprachlichen Strukturen bei möglichst strikter Operationalisierung, sowie die Systematisierung von Verteilungsverhältnissen und der distributionalistische Aufbau von sprachlichen Strukturen (Dürr/Schlobinski 2006:82). Bloomfields Verdienst liegt darin, dafür die Grundlagen bereit gestellt zu haben, auf denen Charles Hocket und Zellig Harris weiterführende operationale Verfahren entwickelt haben (ebd.).

[...]


[1] Der Funktionalismus kann sich dabei sowohl auf die Funktion sprachlicher Systeme, als auch auf die Beziehungen zwischen verschiedenen Elementen eines sprachlichen Systems beziehen, wobei letzteres von größerer Bedeutung für die Prager funktionale Linguistik ist (Kucharczik 2010:686).

[2] Der Ausdruck „Glossematik“ stammt aus dem Griechischen „glossa“: Sprache (Vgl. Helbig 21973: 63), allerdings ist dieser Ausdruck in Anlehnung an Bloomfields Begriff des Glossems entstanden, das die kleinste bedeutungstragende sprachliche Einheit darstellt (Kucharczik 2010:687).

[3] Interessant ist die scheinbare Paradoxie der Namensfindungen der einzelnen Schulen: Während die Prager Schule lieber funktionalistisch als strukturalistisch genannt werden möchte, um sich von den Kopenhagenern abzugrenzen, bestehen die dänischen Strukturalisten auf den Begriff „Glossematiker“, ebenfalls um nicht mit den Prager Linguisten verwechselt zu werden (Helbig 21973:63).

[4] Diese abstrakte Sichtweise stammt aus der logistischen Sprachtheorie (u. a. Whitehead, Carnap) und stellt neben de Saussure einen weiteren wesentlichen Einflussfaktor für den Kopenhagener Strukturalismus dar (ebd.:69).

[5] Vgl. hierzu Helbig 21973: S.61: Auf der Ebene des Ausdrucks werden Phonetik und Phonologie, auf Ebene des Inhalts Grammatik und Semantik zugeordnet.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640710645
ISBN (Buch)
9783640710829
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v158026
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Philologie
Note
2,0
Schlagworte
Distributionalismus Zellig Harris Chomsky Noam Chomsky Harris Sprachwissenschaft Sprachwissenschaftliche Theorien Linguistik Strukturalismus Generative Grammatik Amerikanischer Strukturalismus Bloomfield-Ära Prager funktionale Linguistik Kopenhagener Glossematik Transformation Spracherwerb Distributionsanalyse

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