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Kommunikation, Argumentation und Funktion des "philosophus" in Peter Abaelards "Gespräch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen"

Hausarbeit 2007 24 Seiten

Philosophie - Philosophie des Mittelalters (ca. 500-1300)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gesprächssituation im Prolog

3. Erste Collatio
3.1 Kommunikation innerhalb der ersten Collatio
3.2 Argumentation innerhalb der ersten Collatio

4. Zweite Collatio
4.1 Kommunikation innerhalb der zweiten Collatio
4.2 Argumentation innerhalb der zweiten Collatio

5. Einordnung der Ergebnisse

6. Schlusswort

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Das einleitend verwendete Zitat der Figur des Christen in Peter Abaelards Dialogus veranschaulicht, dass Argumentation nicht ohne irgendeine Form von Kommunikation stattfinden kann.[1] Von dieser Annahme ausgehend soll der Philosoph, in seiner jeweiligen Interaktion mit den anderen Gesprächsteilnehmern, Hauptgegenstand der nachfolgenden Untersuchungen sein. Die Fokussierung auf die Figur des Philosophen resultiert aus der Tatsache, dass er die einzige Person mit Redeanteilen während allen Teilen des Dialogus ist. Da keine direkte Kommunikation zwischen Jude und Christ einerseits, sowie zwischen dem Richter und den beiden zuvor genannten Figuren andererseits stattfindet, bildet der Philosoph zudem das kommunikative Bindeglied zwischen allen Parteien.

Es soll daher zunächst untersucht werden, ob und wie sich die Kommunikation des Philosophen gegenüber seinen verschiedenen Gesprächspartnern ändert. Daran anschließend gilt es jeweils herauszufinden, ob die Art der Kommunikation mit dem argumentativen Stellenwert der beteiligten Gesprächsteilnehmer korreliert. Unter diesen beiden Gesichtspunkten werden, dem Verlauf des Dialogus folgend, zunächst exemplarische Beiträge des Prologs, dann Schlüsselstellen der ersten und zweiten Collatio untersucht. Schließlich wird in einem letzten Schritt der Versuch unternommen, von den festgestellten Ergebnissen Rückschlüsse auf die von Abaelard intendierte Funktion des Philosophen zu ziehen.

2. Gesprächssituation im Prolog

Die dem Ich-Erzähler und designierten iudex „nach Art einer Vision“[2] erscheinenden drei Kolloquenten sprechen ihre ersten Worte zunächst gemeinsam. Auf dessen Frage nach der Urheberschaft dieser Zusammenkunft und dem Grund ihn dabei als Richter auszuwählen, ist es jedoch der Philosoph der die Initiative ergreift: „Auf meine Bemühung hin ist dies unternommen worden, da ja dies die genuine Aufgabe der Philosophen ist, mit Vernunftgründen die Wahrheit zu erforschen und in allem nicht der Meinung der Menschen, sondern der Führung der Vernunft zu folgen.“[3]

Mit dem Hinweis „auf meine Bemühung“ gibt sich der Philosoph also explizit als Initiator des Dialogus aus, was ihm bereits eine gewisse Sonderrolle zukommen lässt. Diese, auf eigener Aussage basierende Sonderrolle, wird weiter durch den auf Jude und Christ bezogenen Satz gestützt: „Beide gestehen dem Philosophen eine Vorrangstellung beim Aufeinandertreffen in diesem Kampfe zu.“[4] Implizit gibt der Philosoph in seinem ersten Redebeitrag aber auch zu erkennen, dass ohne seine Bemühungen, aus Sicht der anderen Gesprächsteilnehmer, möglicherweise gar keine Notwendigkeit für einen Richterspruch bestanden hätte. Folglich existiert seinerseits eine besondere Motivation zu diesem Streitgespräch, was er mit der späteren Bemerkung „meinem Seelenheil nachjage“[5] auch deutlich zu erkennen gibt. Wenn der Philosoph seinem Seelenheil nachjagt kann schwerlich von Gelassenheit gesprochen werden. Vielmehr lässt sich eine fast als Zeitdruck aufzufassende Motivation erkennen, endlich dem folgen zu können „was in höherem Maße mit der Vernunft übereinstimmt.“[6]

Ich wandte mich also auch der Lehre der Juden und Christen zu, indem ich beider Glauben und Gesetze oder Vernunftgründe erörterte. Ich habe es erfahren, daß die Juden töricht, die Christen verrückt sind, um dies einmal, ohne deinen inneren Frieden zu verletzen, der du dich Christ nennst, auszusprechen.[7]

Indem sich der Philosoph bereits vor diesem Zusammentreffen mit „beider Glauben und Gesetze oder Vernunftgründe“ beschäftigte weist er auf eine Vorgeschichte der jetzigen Zusammenkunft hin. Diese Beschäftigung ließ ihn auch die leidliche Erfahrung des zweiten Zitatsatzes machen, „daß die Juden töricht, die Christen verrückt sind“. Aufgrund der Gesprächssituation ist dieser Satz primär an den Ich-Erzähler gerichtet. Es darf jedoch, wie auch im gesamten übrigen Dialogus, nicht vergessen werden, dass alle Aussagen zugleich unter Anwesenheit aller anderen Gesprächsteilnehmer getroffen werden. Dass damit Konsequenzen verbunden sind, veranschaulicht die spätere Reaktion des Christen auf oben stehende Aussage. Auf diese Reaktion wird jedoch bei näherer Betrachtung der zweiten Collatio noch genauer einzugehen sein.

Welche verschiedenen Wirkungen mit der, zunächst rein als Seitenhieb und anmaßend erscheinenden Bemerkung des Philosophen verbunden sein können, lässt sich anhand eines Kommunikationsmodells von Friedemann Schulz von Thun erläutern: Kommunikation bedarf demnach stets eines Senders und eines Empfängers. Jede sprachliche Botschaft des Senders lässt sich weiter in vier verschiedene Aspekte untergliedern: Sachinhalt, Selbstoffenbarung, Appell und Beziehung.[8] Der Sachinhalt der Bemerkung des Philosophen wäre die Information, dass „Juden töricht“ (Iudaeos stultos) und „Christen verrückt“ (Christianos insanos) sind. Auf der Selbstoffenbarungsebene wäre zu erfahren, dass der Philosoph seiner Enttäuschung über die jüdische und christliche Glaubensrichtung Ausdruck verleihen möchte. Bereits hier ließe sich allerdings die Frage stellen, in wiefern eine solche Erfahrung die geeignete Grundlage für einen Dialog darstellen mag.

Der an den Ich-Erzähler gerichtete Appell des Philosophen wäre die Bitte, Unterstützung und Hilfe bei der endgültigen Klärung der Ausgangsfrage zu gewähren. Schließlich könnte auf der Beziehungsebene festgestellt werden, dass der Philosoph dem künftigen Richter Vertrauen schenkt. Dies überraschender Weise, obwohl der iudex selbst als Christ vorgestellt wird und mit beleidigt werden könnte. Dass dem Philosophen diese mögliche Beleidigungswirkung durchaus bewusst ist zeigt er mit dem Einschub „ohne deinen inneren Frieden zu verletzen“. Wenn der Philosoph eine Beleidigung billigend in Kauf nimmt und den Ich-Erzähler (in Einvernehmen mit den anderen Gesprächsteilnehmern) dennoch als Richter bei der Entscheidung der Ausgangsfrage einsetzen möchte, könnte dies einen Hinweis auf die besondere Autorität des Richters liefern. Dieser ist, als Ergebnis der Betrachtung der verschiedenen Sprachebenen, für den Philosophen also kein gewöhnlicher verrückter Christ sondern nimmt eine Sonderstellung ein.

Wie bewusst sich der Philosoph der Wirkung seiner Worte ist demonstriert er kurz darauf. Hier beweist er die Fähigkeit, auch einen ganz anderen Ton anschlagen zu können:

Je mehr dir also der Ruhm vorauseilt, mit dem Scharfsinn deiner Begabung und der Kenntnis jeder beliebigen Schriftstelle zu glänzen, um so unangefochtener steht fest, daß du fähig bist, diesen Urteilsspruch zu befürworten oder zu verteidigen und dich dem Widerstand jedes einzelnen von uns gewachsen zeigen zu können[9]

Mit dem Hinweis auf vorauseilenden Ruhm und „Scharfsinn deiner Begabung“ zeigt sich der Philosoph demnach in der Lage, je nach Anlass, auch schmeichelnde Worte einzusetzen. Vom Ich-Erzähler wird die Aussage, genau in diesem Sinne, daher auch als „Öl der Schmeichelei“[10] verstanden. Der vorher überheblich und verletzend klingende Ton des Philosophen wirkt in vorliegendem Beispiel beinahe ehrfürchtig.

Gleichzeitig zeigt sich jedoch eine gewisse Inkonsequenz im Umgang mit Autoritäten. Auf der einen Seite fordert der Philosoph Vernunftgründe (wie im ersten der vorgestellten Zitate), auf der anderen Seite ist er dazu bereit, sich dem „Urteilsspruch“ einer entsprechend qualifizierten Autorität zu beugen. Die zuvor angezweifelten „Meinungen der Menschen“[11] holen ihn auf diese Weise nun doch wieder ein. Folglich findet lediglich eine Verschiebung der Problematik des Autoritätsbegriffs zugunsten der Person statt, die sich aus Sicht des Philosophen als autoritäts würdig erwiesen hat. Autoritätswürdig zu sein inkludiert in konkreten Fall allerdings die Bereitschaft, sich „dem Widerstand jedes einzelnen von uns“ auszusetzen. Unter diese Widerstände fallen demnach auch die Vernunfteinwände des Philosophen. Daher erweist sich die Autorität des Richters gerade dadurch, dass er sich selbst diesen Einwänden gewachsen zeigen muss.

Der Tatsache, dass es überhaupt einer Instanz wie der des Richters bedarf, kommt aber noch eine weitere, nicht unerhebliche Bedeutung zu. Hierdurch gibt der Philosoph implizit zu, dass seine eigenen Fähigkeiten offenbar nicht ausgereicht haben, um die anderen Gesprächsteilnehmer bereits im Vorfeld des jetzigen Dialogus von seinem Standpunkt zu überzeugen. Möglicherweise ergibt sich die besondere Motivation des Philosophen zu diesem Streitgespräch also auch aus dem Spannungsfeld von demonstriertem Selbstbewusstsein einerseits, sowie dem impliziten Eingeständnis der Begrenztheit der eigenen Fähigkeiten andererseits.

[...]


[1] Peter Abaelard, Gespräch eines Philosophen, eines Juden und eines Christen, hrsg. und übersetzt von Hans Wolfgang Krautz, Frankfurt a. M. 1996, S.125.

[2] Ebd., S. 9.

[3] Ebd., S. 9.

[4] Abaelard, Dialogus, S. 15.

[5] Ebd., S. 21.

[6] Ebd., S. 11.

[7] Ebd., S. 11.

[8] Vgl. Schulz von Thun, F., Miteinander reden 1. Störungen und Klärungen, Reinbek bei Hamburg, 1981, S. 25-30.

[9] Abaelard, Dialogus, S. 11.

[10] Ebd., S. 11.

[11] Abaelard, Dialogus, S. 9.

Details

Seiten
24
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640714988
ISBN (Buch)
9783640715305
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157988
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Philosophisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Peter Abaelard Kommunikation Argumentation Funktion Abaelards Gespräch Philosophen Juden Christen

Autor

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