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Die "Eigenlogik von Städten" erkennen

Ein Städtevergleich am Beispiel von Berlin und München

Hausarbeit 2010 17 Seiten

Soziologie - Wohnen, Stadtsoziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Soziologische Begriffsdefinition von Stadt

3 Theorie zur Eigenlogik von Städten in der Stadtforschung
3.1 Einblicke in das Eigenlogikkonzept
3.2 Die Differenzen zwischen Städten erkennen

4 Städtevergleich
4.1 Berlin
4.2 München
4.3 Konnex Berlin und München

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

7 Internetquellenverzeichnis

8 Abbildungsverzeichnis

9 Eidesstattliche Versicherung

1 Einleitung

Unter der Rubrik „Leben“ titelte die Süddeutsche Zeitung am 16. März 2007: „Weg aus New York. Aber wohin? München ist zu bussibussi. Hamburg zu kühl, Köln zu schwul“.

Das ZEITmagazin Leben (Ausgabe Nr. 32 vom 2. August 2007) fragte sich: „Wo wird was gegoogelt?“ und druckte die Ergebnisse der einzelnen Städte als Deutschlandkarte ab. Der Plan zeigt, dass z. B. die Einwohner Osnabrücks im Internet am meisten nach Liebe, Freiheit und Sex suchten. Die Erfurter nach Drogen, die Münchner nach Karriere, Profit, Sport und Freude und die Berliner nach Kultur, Faul­heit, Heimat, Frieden, Vernunft und Melancholie.

Die Redaktion gab für diese Untersuchung 64 Begriffe vor und auch wenn diese Studie nicht wirklich repräsentativ erscheint, so kann man die Liste von Städtevergleichen mit ihren Bewohnern ohne weiteres fortführen. Diese beiden Beispiele zeigen bereits die (öffentliche) Brisanz dieses Themas auf. Es geht um die Besonderheit einer Stadt, um ihr „unique selling proposition“.

Die Eigenlogik von Städten ist ein noch relativ junger und neuer Forschungsansatz aus der Stadt-forschung. Es ist der Versuch sich von den bisherigen traditionellen Forschungsmethoden zu lösen, die Orte oftmals nur mit der Analyse von Gesellschaft verbinden oder allein Sozialforschung in Städten betreiben. In den Anfängen wurde oftmals der Kontrast zwischen Stadt und Land untersucht und seit Mitte der Achtzigerjahre des 20. Jahrhunderts lag die Aufmerksamkeit in der Stadtforschung überwiegend auf kleinräumigen Vergesellschaftungsprozessen – z. B. Milieus oder besondere Ortsteile innerhalb einer Stadt. Obwohl die Differenz im weltweiten Wettbewerb immer mehr an Bedeutung gewinnt, wird die globale Angleichung erst seit Mitte der 1990er Jahre viel umfassender erforscht.
Die Idee der Eigenlogik der Städte ist es, soziale Phänomene als eigenständiges, die Stadt als Ganzes sehendes Gebilde zu verstehen und zu erklären und damit die Orte selbst zu analysieren – und sich damit von den anderen Methoden zu lösen. Für die vorliegende Hausarbeit werden zwei zentrale Fragen hinsichtlich des neues Ansatzes überprüft: Was sind die wesentlichen Aussagen des Forschungsansatzes und wie kann Eigenlogik empirisch ermittelt werden?

Es ist zumindest offensichtlich, dass sich die Bewohner von Orten voneinander unterscheiden. So differenziert sich ein Ur-Bayer im Vergleich zu einem Ur-Hamburger bereits in seiner Aussprache. Daher ist ebenfalls davon auszugehen, dass sich Städte nuancieren und eine Eigendynamik entwickeln. Bereits Walter Christaller hat 1933 in seiner Theorie aus seiner Arbeit „Die zentralen Orte in Süddeutschland“ postuliert, dass die einzelne Stadt eingebunden ist in eine Hierarchie und in ein Nebeneinander verschiedener und gleichartiger Städte.

Um nun diese Differenzen aber auch ihre Gemeinsamkeiten von Städten herauszukristallisieren, wird in dem neuen Forschungsansatz der „Eigenlogik von Städten“ das zentrale methodische Instrument, der Städtevergleich, verwendet und in der vorliegenden Hausarbeit zwischen Berlin und München angewandt. Dies erfolgt unter Bezugnahme des bereits durchgeführten Konnex von Martina Löw in ihrem Buch „Soziologie der Städte“ (2008).

2 Soziologische Begriffsdefinition von Stadt

Der Begriff Stadt muss für die vorliegende Hausarbeit zunächst genauer definiert werden.
Eine allgemeine Stadt-Definition lautet sinngemäß, dass eine Stadt eine größere, geschlossene Siedlung, mit bestimmten Rechten ausgestattet und administrativer, ökonomischer und sozial-kultureller Mittelpunkt eines Gebietes ist (vgl. hierzu Definition des Dudenverlags, 2007).

Eine „statistische Definition“ sieht folgende Kennzahlen für eine Stadt in Deutschland vor:
5.000 bis 20.000 Einwohner = Kleinstadt; ab 20.000 bis 100.000 Einwohner = Mittelstadt; ab 100.000 Einwohner = Großstadt (vgl. hierzu Definition des Gabler Verlages, 2010).

Doch eine einheitliche allgemeingültige sowie eine konforme soziologische Definition von Stadt gibt es nicht. Die Kenngrößen von (Groß-) Städten variieren über die Zeit sehr stark. Bei Georg Simmel (1903) sind die Merkmale die zahlenmäßige Größe, Dichte, Arbeitsteilung und Kosmopolitismus. Städte werden als Teil der Gesellschaft angesehen, ebenso wie z. B. bei Max Weber (1922). Bei Hans-Paul Bahrdt (1961) sind diese Kennzeichen Polarität zwischen Öffentlichkeit und Privatheit. Bei Louis Wirth (1938) sind es die Kriterien „size“, „density“ und „heterogenity“.

Und genau diese Formmerkmale von Größe (z. B. unterschiedliche Zivilisationsschübe), Dichte (die sich z. B. von Ort zu Ort und von Zeitpunkt zu Zeitpunkt unterscheidet) sowie Heterogenität (vor allem als Komplementärbegriff zu Dichte, der z. B. das Aufkommen von Wissens- und Menschenströmen bezeichnet) versuchen, Stadt als eine spezifische räumliche Vergesellschaftungsform konzeptionell zu erfassen. Stadt kann etwas höchst Unterschiedliches bedeuten, und die bisherige wissenschaftliche Abhandlung ist kaum noch zu überschauen und kann ebenso von der jeweiligen Wissenschaftsdisziplin eines Landes abhängig sein.

Für die vorliegende Hausarbeit ist „>>Stadt<< nicht nur Kontext, Hintergrund, Feld, Medium, sondern zuallererst >>Form<<, räumliche Form, oder präziser, ein sehr spezifisches räumliches Strukturprinzip“ (Berking/Löw 2008: 19).

3 Theorie zur Eigenlogik von Städten in der Stadtforschung

3.1 Einblicke in das Eigenlogikkonzept

„Die durchgängige Substitution des Forschungsobjektes >>Stadt<< durch >>Gesellschaft<<“ (Berking/Löw 2008:8) in der Stadtforschung soll mit dem neuen Ansatz der Eigenlogik überwunden werden und die Stadt selbst als sozialer Tatbestand hervortreten. Das vorherige Paradigma, dass Ortschaften zu unterschiedlich seien, um sie selbst als Gegenstand von Wissenschaft zu betrachten, soll durchbrochen werden.

„Jede Stadt hat eine individuelle Gestalt, und die ist auf zwei Ebenen entstanden. Zum einen natürlich durch die je eigene Geschichte, auf der anderen Seite durch das Messen mit anderen Städten – etwas, das heute Städtekonkurrenz heißt“ (Berking 2008).

Seit den 1990er Jahren reagierte man auf die weltweite Vernetzung und den damit verbundenen städtebaulichen Entwicklungen mit neuen Erklärungsversuchen (z. B. Global Cities; geprägter Begriff von Saskia Sassen). Das aber seitdem in der gesellschaftlichen Praxis vorherrschende Bestreben, die Chancen von Globalisierung zu nutzen und von dieser immer mehr abhängig zu werden, geht damit einher, dass die lokalen Strukturen in den Hintergrund geraten. Die Ausrichtung der Finanzmärkte, Bankenzentralen und Großkonzerne im Zentrum des sich herausbildenden transnationalen Stadtsystems führt zu einer Homogenisierung, einer Angleichung und zum Einebnen so verschiedener Stadtgestalten (wie z. B. Nürnberg oder Dresden) und damit zu einer Abkehr des Lokalen. Gesellschaften und Städte bestehen allerdings nicht nur aus einer Hierarchisierung anhand ökonomischer Indikatoren, sondern besitzen eine eigene Identität jenseits der globalen Logik und gerade diese zeichnet eine Ortschaft aus. Außerdem sagt die deutsche Stadtsoziologie, nach Berking, zwar „viel über Stadt als Laboratorium der Gesellschaft“ aus, hier, vor allem orientiert an der Chicago School, „aber bisher nur wenig über die Stadt als distinktes Wissensobjekt der Sozialwissenschaften“ (Berking/Löw 2008:9).

Die vergleichende Studie zu Manchester und Sheffield des Forscherteams Ian Taylor, Karen Evans und Penny Fraser, 1996 veröffentlichtet, kann als ein Ausgangspunkt dieses neuen Ansatzes betrachtet werden. Die Überzeugung des Forscherteams war: „dass es immer noch sinnvoll ist, selbst in diesen globalisierten Zeiten, lokale kulturelle Differenzen zwischen Städten wahrzunehmen“ (S. XII; Übers. Löw 2008: 57).

Es ging in der Untersuchung in erster Linie um den Vergleich lokaler Praktiken von zwei nordenglischen Industriestädten, die beide mit dem postindustriellen Verfall zu kämpfen haben und mit einem rapiden Ansteigen der Arbeitslosigkeit. Der Blick wurde auf die Organisation des öffentlichen Nahverkehrs und das Einkaufen in beiden Metropolen gelegt und damit auch auf Zukunftsmöglichkeiten, die die eine Stadt öffnet und die andere verschließt.

Die Studie erhärtete den Verdacht, „dass Städte viel grundlegender eigenlogisch funktionieren“ (Berking/Löw 2008: 39), es also Grundstrukturen gibt, „die alle Lebensbereiche durchziehen“
(ebd. 2008: 39). Diese müssen auch nicht einmalig sein, nein, es ist sogar davon auszugehen, dass es mehrere Orte mit ähnlichen Strukturmustern gibt. Erst der Vergleich mit anderen Städten zeigt, wie einzigartig das Lebensgefühl in einer Stadt ist.

Die Stadt wird somit selbst zum Materialobjekt der Wissenschaft, um etwas über die Differenzen, aber auch der Affinität, von Ballungsgebieten herauszufinden und ganz nach den Worten von Helmut Berking die „Idee einer lokalspezifischen, eigensinnigen Wirklichkeit von Städten “ (Berking/Löw 2008:7) aufzuzeigen.

Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Städten sollen systematisch berücksichtigt werden. Armut, Reichtum oder Prostitution sind keine exklusiven Stadtphänomene. Es geht daher nicht um Reichtum in München, Armut in Berlin oder Prostitution in Frankfurt am Main, sondern um Münchner Reichtum, Berliner Armut und Frankfurter Prostitution als stadtspezifisches Phänomen mit all seinen Bedeutungen, Wahrnehmungen und Facetten. Denn überall unterscheidet sich Armut, Reichtum oder Prostitution – jedes davon als Ausdruck einer lokalspezifischen Ausdifferenzierung aufgrund der jeweiligen Stadtkultur. Damit einhergeht, dass die eigenlogische Struktur eines Ortes sich auch auf die Bewohner auswirkt. Bereits Winston Churchill äußerte einst 1943 bei einer Debatte über den Wiederaufbau des House of Commons: „First we shape our buildings, and afterwards our buildings shape us“. Danach verändern sich Menschen, je nachdem in welcher Stadt sie leben.

Die Untersuchung von der Stadt als Ganzes, ihrer individuellen Gestalt, die zum analytischen Gegenstand werden soll, geschieht am besten durch eine raum-strukturelle Form der Verdichtung. Raum ist hierbei „nicht einfach eine Widerspiegelung der Gesellschaft, sondern ihr Ausdruck. Mit anderen Worten: Der Raum ist keine Fotokopie der Gesellschaft, er ist Gesellschaft“ (Castells 2003: 466).

Die vorher angedeutete Sichtweise die Stadt als spezifische räumliche Form zu konzeptualisieren, setzt allerdings eine Differenz zu anderen räumlichen Formen voraus.

„Raum ist die durch den Wahrnehmungshorizont begrenzte und mit materiellen Dingen erfüllte, nach oben, unten, rechts und links, Nähe und Ferne gegliederte Ausgedehntheit, die im qualitativen Erfahrungscharakter abhängig ist von der Beschaffenheit der Dinge und dem Zustand des Erfahrenden und perspektivisch bezogen ist auf dessen augenblicklichen Standort“ (Halder/Müller 1998).

Das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst fördert seit 2008, im Rahmen der Landes-Offensive zur Entwicklung wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz (LOEWE) für zunächst drei Jahre, den Schwerpunkt „Eigenlogik der Städte“, eine Kooperation der Hochschule und der Technischen Universität in Darmstadt. Diese fasst auf Ihrer Website den Begriff der Eigenlogik treffend und prägnant wie folgt zusammen: „´Eigenlogik´ steht dabei als Arbeitsbegriff für die je spezifischen und ´typischen´ Eigenschaften und stillschweigend wirksamen Prozesse der Sinnformung einer Stadt“ (Doxa).
Diese beeinflussen das Handeln von Individuen und Gruppen. Die Eigenlogik durchzieht alle Lebensbereiche, vor allem den menschlichen Körper (Habitus).

Die Eigenlogik der Stadt bezeichnet somit „ein komplexes, ineinander verwobenes Ensemble an Wissensbeständen und Ausdrucksformen, das auf regelgeleiteten, routinierten und über symbolische wie auch materielle Ressourcen stabilisierte Handlungsformen basiert“ (Löw 2009: 55). Und genau dies führt dazu, dass Städte sich zu Sinnprovinzen verdichten, die in einem inneren Zusammenhang stehen.

Beispiele für die Eigenlogik von Städten können lokalspezifische Praktiken (sprachliche Wendungen), Normen (spezifische Höflichkeitsformen) oder Werte (Geschichte, besondere Sehenswürdigkeiten) sein. Der neue Ansatz soll vor allem die grundlegenden soziokulturelle Spezifik von Orten verstehen sowie Relationen und Ähnlichkeiten zwischen den Städten nachvollziehen und somit neue Werkzeuge und neues Wissen entwickeln, welches die lokalen Besonderheiten von Ortschaften erkennt und effektiv fördert und stärkt. Weil die Eigenlogik aber von vielen (z. B. naturräumlichen, technischen) Faktoren abhängig ist und sich vielmehr in einem kontinuierlichen Prozess kultureller Selbst- wie Fremddefinition städtischer Identität herausbildet, wird eine interdisziplinäre, komparative Stadtforschung angestrebt.

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