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Stereotype und Vorurteile – Eine Untersuchung zum Deutschlandbild schwedischer Studenten

Magisterarbeit 2009 164 Seiten

Skandinavistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Teil I Stereotyp und Vorurteil

1. Das Vorurteil
1.1 Das Vorurteil im Allgemein
1.2 Das Vorurteil als Einstellung
1.2.1 Definition des Begriffs „Einstellung“
1.2.1.1 Drei Komponenten der Einstellung
1.2.1.2 Veränderbarkeit von Einstellungen
1.2.1.3 Merkmale zur Klassifizierung von Einstellungen
1.2.2 Vorurteilshafte Einstellungen
1.3 Das Vorurteil als Folge kognitiver Prozesse
1.3.1 Urteilsbildung und Kategorisierung
1.3.2 Wahre Urteile, Vorurteile und Vorausurteile
1.4 Soziale und Individuelle Vorurteile
1.5 Ursachen für die Entstehung von Voruteilen
1.5.1 Ansätze in der Vorurteilsforschung
1.5.2 Persönlichkeitsbezogene Ursachen
1.5.3 Soziale Ursachen
1.5.3.1 Gruppenabgrenzung als Ursache von Vorurteilen
1.5.3.1.1 Entwicklung der Gruppenzugehörigkeit und das Erlernen von Vorurteilen
1.5.3.1.2 In-group versus Out-group
1.5.3.2 Vorurteile als Folge von Unsicherheit und Anomie
1.5.3.3 Die Frustrations-Aggressions-Hypothese
1.5.3.4 Die Sündenbock-Theorie
1.6 Die Funktionen des Vorurteils
1.6.1 Die Funktionen des Vorurteils in der klassischen Einteilung
1.6.2 Einteilung der Funktionen des Vorurteils nach Estel
1.7 Vorurteilslosigkeit als gesellschaftliche Norm – Ein Problem für die Vorurteilsforschung
1.7.1 Neue oder „subtile“ Vorurteile
1.8 Zusammenfassung des Kapitels über Vorurteile

2. Das Stereotyp
2.1 Begriffsentwicklung
2.1.1 Lippmanns Die öffentliche Meinung
2.1.2 Von Katz & Braly zur kognitiven Sozialpsychologie
2.2 Die theoretischen Ansätze in der Stereotypenforschung
2.3 Normative und nicht-normative Stereotype
2.4 Auto- und Heterostereotype
2.5 Ursachen und Funktionen des Stereotyps
2.5.1 Das Stereotyp – Ein Netz von Kategorien
2.5.1.1 Gruppen als kognitive Kategorien
2.5.1.2 Die Reizklassifikationstheorie
2.5.1.3 Stereotype und Distanz
2.5.2 Wahrnehmung und Stereotyp
2.5.2.1 Illusory correlations
2.5.2.2 Attribution
2.5.2.3 Der voreingenommene Blick(winkel)
2.5.3 Die Selbst-erfüllende-Prophezeihung-Eigenschaft des Stereotyps
2.5.3.1 Rekonstruktion
2.5.3.2 Konstruktion
2.6 Das stereotypisierte Individuum – Kongruenz der Exemplare und Veränderbarkeit des Stereotyps
2.7 Zusammenfassung des Kapitels über Stereotype

3. Abgrenzung und Definition der Begriffe „Stereotyp“ und „Vorurteil“
3.1 Gemeinsamkeiten von Stereotyp und Vorurteil
3.2 Unterschiede zwischen Stereotyp und Vorurteil
3.3 Kausalität und Zusammenhang
3.4 Abgrenzende Definition – Zwei Konzepte

4. Die sprachliche Realisierung von Stereotypen und Vorurteilen
4.1 Stereotype und Vorurteile auf der semantischen Ebene
4.1.1 Satzebene
4.1.2 Wortebene
4.2 Kriterien

Teil II Schweden und Deutschland: Selbst- und Fremdbild

5. Selbstbilder und Fremdbilder
5.1 Vorbemerkung
5.1.1 Zur Terminologie
5.1.2 Das Problem der objektiven Selbstbetrachtung
5.2 Die Idee vom Nationalcharakter
5.2.1 Staat, Nation und Nationalismus
5.2.2 Welche Rolle spielt der Nationalcharakter?
5.3 Wechselwirkung von Auto- und Heterostereotyp
5.3.1 Der Zusammenhang von Selbst- und Fremdbild
5.3.2 Die Rolle des „Fremden“
5.3.3 „Erwartete“ Heterostereotype

6. Die Selbst- und Fremdbilder der Schweden und Deutschen
6.1 Die Schweden im Fremdbild
6.1.1 Schweden: Ein Idyll – ein Modell
6.1.2 Die „kalten Nordländer“
6.1.3 Die Ursachen für das widersprüchliche Schwedenbild
6.1.4 Der „Touristenblick“
6.1.5 Der schwedische Kommunikations- und Umgangsstil
6.2 Die Schweden im Selbstbild
6.2.1 Homogenität als geschichtliche Basis
6.2.2 Modernität: Schweden als Vorreiter
6.2.3 Sozialer Umgang und Konfliktvermeidung
6.2.4 Was ist das Beste an Schweden?
6.2.5 Schwedische Selbstkritik
6.3 Die Deutschen im Selbstbild
6.3.1 Die deutschen Tugenden
6.3.2 Das negative Selbstbild: Zweiter Weltkrieg und Völkermord als Basis
6.3.3 Wer will schon deutsch sein? Oder: Verleugnung des Deutschseins und der typisch deutsche Alltag
6.3.4 Das politische Selbstbild und die Angst vor Deutschland
6.3.5 Wirtschaft und Wohlstand
6.3.6 Eine neue Normalität? – Das Selbstbild im Wandel
6.4 Die Deutschen im Fremdbild
6.4.1 Die “hässlichen“ Deutschen
6.4.2 Die Deutschen aus schwedischer Sicht
6.4.2.1 Das historische Deutschlandbild
6.4.2.2 Angst vor Deutschlands Europa
6.4.2.3 Das heutige Deutschlandbild

7. Zusammenfassung des Kapitels Selbst- und Fremdbild
7.1 Das internationale Schwedenbild und Deutschenbild im Vergleich

Teil III Das Deutschlandbild schwedischer Studenten

8. Aufbau der Untersuchung
8.1 Methode, Vorgehen und Ziel
8.2 Aufbau des Fragebogens
8.3 Aufbau der Interviews
8.4 Vorgehen bei der Auswertung der Untersuchung

9. Auswertung der Fragebögen
9.1 Allgemeine Daten
9.1.1 Gruppe T (Deutschtudenten)
9.1.2 Gruppe N (Studenten mit anderem Studienfach)
9.1.3 Die beiden Gruppen im Vergleich
9.2 Stichwörter
9.2.1 Vorgehen bei der Auswertung der Stichwörter
9.2.2 Stichwörter Gruppe T
9.2.3 Stichwörter Gruppe N
9.2.4 Oberkategorien der Stichwörter
9.2.5 Vergleich Stichwörter Gruppe T und Gruppe N
9.3 Eigenschaftslisten
9.3.1 Vorgehen bei der Auswertung der Eigenschaftslisten
9.3.2 Ergebnisse beider Gruppen im Vergleich
9.4 Kommentare zu den positivsten und negativsten Eigenschaften
9.4.1 Kommentare zu den positivsten Eigenschaften
9.4.2 Kommentare zu den negativsten Eigenschaften
9.4.3 Kommentare zu den Eigenschaften – Vergleich der beiden Gruppen
9.5 Vergleich nach Aufenthaltsdauer und Herkunft des Deutschlandbildes
9.5.1 Aufenthaltsdauer
9.5.2 Herkunft des Deutschlandbildes
9.6 Veränderbarkeit des Deutschlandbildes
9.7 Vergleich nach Altersgruppen
9.8 Interessantes und Auffälliges
9.9 Gesamtergebnis Fragebögen
9.10 Kritik an Fragebogen und Vorgehen

10. Auswertung Interviews
10.1 Inhalt der Interviews
10.2 Analyse und Ergebnis der Interviews
10.3 Ergebnisse der Auswertung von Interviews und Fragebögen im Vergleich

11. Abschluss der Untersuchung

12. Versuch zur Unterscheidung von Stereotypen und Vorurteilen in den Ergebnissen der Untersuchung
12.1 Kriterien für die Unterscheidung
12.2 Stereotyp
12.3 Vorurteil
12.4 Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Fazit und Forschungsausblick

Literaturverzeichnis

Anhänge

Einleitung

Diese Arbeit behandelt nationale Stereotype und Vorurteile. Sie ist daher in den Rah- men der interkulturellen Kommunikation einzuordnen.

Interkulturelle Kommunikation ist interdisziplinär. So befassen sich u.a. Soziologie, Anthropologie und Psychologie, aber auch Linguistik mit diesem Bereich. In der Lingu- istik lassen sich die Themen der interkulturellen Kommunikation den linguistischen Disziplinen Psycholinguistik, Soziolinguistik und Pragmatik zuordnen.

Unter Pragmatik ist im weitesten Sinne sprachliches Handeln zu verstehen. Die Pragma- tik fragt, wie auch die Semantik, nach der „Bedeutung“. Die Grenze zwischen beiden ist deswegen nicht eindeutig zu ziehen, da sie sich teilweise überschneiden und ineinan- dergreifen. In der Theorie lassen sie sich so voneinander abgrenzen, dass Semantik die

„Satzbedeutung“ untersucht, während Pragmatik die „Aussagebedeutung“ untersucht. Das heißt, Pragmatik bezieht Sprecher, Hörer, Setting und Kontext in die Analyse der „Bedeutung“ ein.

Die „Bedeutung“ einer Aussage kann also, je nachdem in welchem „Kontext“ diese steht, variieren. Unter „Kontext“ ist ein gemeinsames Wissen der Kommunikationspart- ner zu verstehen, das als bekannt vorausgesetzt werden kann und auf das sich bezogen werden kann, ohne dass es einer weiteren Erklärung bedarf. „Kontexte“ können also u.a. sozial bestimmt sein. Ein oft nicht berücksichtigter „Kontext“ ist der „ kulturelle Kontext“.

Die Kultur1 stattet Individuen einer Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Kontext aus.

Das heißt: Viele Aspekte, die den Kontext in Kommunikationssituationen ausmachen, sind kulturell bedingt, so z.B. Kenntnis der Welt, Wissen um Ereignisse und Wissen um Abläufe (action-chains), Situationen und Personen. Treffen Individuen aus verschiede- nen Kulturen aufeinander, kommt es leicht zu Fehlinterpretationen und Missverständ- nissen, da Sprecher und Hörer aus verschiedenen „Kontexten“ heraus agieren.

Auch wenn es sich bei Deutschland und Schweden auf den ersten Blick um zwei sehr ähnliche Länder handelt, die geographisch nahe beieinander liegen und dem gleichen Kulturkreis angehören, so gibt es doch auch hier kulturelle Unterschiede. Und ebenso gibt es auch gegenseitige Vorstellungen und Bilder voneinander, die einer jeden Inter- aktionssituation zwischen Schweden und Deutschen vorausgehen und diese mit beein- flussen.

In dieser Arbeit wird der Versuch unternommen die schwedische „Idee“ von den Deut- schen zu erfassen: Dafür wird das Deutschlandbild schwedischer Studenten untersucht. Der in der Arbeit verwendete Begriff „Deutschlandbild“ bezieht sich, da es sich um die Untersuchung interkultureller Interaktion handelt, vor allem auf „die Deutschen“. Von besonderem Interesse ist das Deutschenstereotyp als Teil des Deutschlandbildes, da Stereotype interkulturelle Begegnungen beeinflussen und in der interkulturellen Kom- munikation hinderlich sein können. Im alltagssprachlichen Gebrauch werden die Begrif- fe „Stereotyp“ und „Vorurteil“ oft gleichgesetzt. Dies ist jedoch wissenschaftlich nicht korrekt.

Ziel dieser Arbeit ist es …

… eine abgrenzende Definition der Begriffe Stereotyp und Vorurteil zu erarbeiten.

… zu untersuchen, welche Merkmale das Deutschenstereotyp in Schweden ausma- chen.

… anhand einer Umfrage zu ermitteln, wie stark das Deutschlandbild schwedischer Studenten wirklich von diesem Stereotyp bestimmt ist.

… zu überprüfen ob die in der Arbeit entwickelten abgrenzenden Definitionen sich praktisch zur Unterscheidung von „Stereotyp“ und „Vorurteil“ anwenden lassen.

In Teil I der Arbeit wird eine Definition und eine Abgrenzung der Begriffe „Stereotyp“ und „Vorurteil“ vorgenommen. Teil II der Arbeit behandelt schwedische und deutsche Auto- und Heterostereotype. In Teil III werden die Ergebnisse der Untersuchung zum Deutschlandbild der schwedischen Studenten ausgewertet.

Teil I Stereotyp und Vorurteil

1. Das Vorurteil

Der Begriff Vorurteil kommt in der Forschung oft im Zusammenhang mit den artver- wandten Begriffen Stereotyp, Einstellung und Meinung vor. Diese Begriffe beziehen sich auf abstrakte Konstrukte zur Erklärung kognitiver Vorgänge, die nicht sichtbar sind. Somit sind sie nur anhand der Handlungen, die sie auslösen, überprüfbar, können aber niemals direkt untersucht werden. Diese Konstrukte sind rein theoretisch und über- schneiden sich teilweise; dennoch sollte es möglich sein, sie voneinander abzugrenzen. Ein Versuch zur Abgrenzung von Stereotyp und Vorurteil soll im Teil I dieser Arbeit unternommen werden. Zuerst soll eine Definition des Vorurteilsbegriffs und dann eine für den Begriff des Stereotyps erarbeitet werden.

1.1 Das Vorurteil im Allgemeinen

Was also ist ein Vorurteil? Umgangssprachlich wird Vorurteil meist im Sinne einer ne- gativen, abwertenden oder diskriminierenden Ansicht über Personen oder Personen- gruppen verwendet. Vorurteile basieren oft auf Rasse bzw. ethnischer Gruppe, Ge- schlecht, Klasse oder Religion. Obwohl der Begriff oft negativ verwendet wird, ist es nicht zwingendermaßen ein Merkmal von Vorurteilen, negativ zu sein. Es gibt auch positive Vorurteile, allerdings kommen diese seltener vor und fallen nicht so störend auf wie negative. Allport bezeichnet sie als „love-prejudice“ (Allport 1954: 25f) im Gegen- satz zu „hate-prejudice“. Ein bestehendes „love-prejudice“ ist zunächst einmal unbe- denklich, meist resultiert daraus jedoch ein „hate-prejudice“, wenn der Gegenstand des eigenen „love-prejudice“ vermeintlich bedroht wird. So kann aus überhöhter Liebe zum Vaterland Hass gegen andere Nationen werden, der sich in negativen Vorurteilen ihnen gegenüber zeigt. Hierbei fällt jedoch nicht das positive Vorurteil oder „love-prejudice“ gegenüber dem eigenen Land auf, sondern die negative Folge daraus: das „hate- prejudice“. Vorurteile bestehen gegenüber Gruppen und werden auf Individuen ange- wendet, die diesen Gruppen – korrekter- oder fälschlicherweise – zugeordnet werden. Dabei wird im Rahmen eines Vorurteils immer eine Verallgemeinerung und Generalisierung vorgenommen, d.h. allen Individuen einer über ein bestimmtes Merkmal defi- nierten Gruppe werden Eigenschaften zugeordnet, unabhängig von ihrer individuellen Persönlichkeit. Also zum Beispiel ein anti-semitisches Vorurteil: Alle Juden (Merkmal Religionszugehörigkeit) sind machthungrig (der Gruppe zugeordnete Eigenschaft). Ein Vorurteil ist also „an avertive or hostile attitude toward a person who belongs to a group, simply because he belongs to that group, and is therefore persumed to have the objectionable qualities ascribed to the group“. (Allport 1954: 7) Ein weiteres Merkmal von Vorurteilen ist ihre Hartnäckigkeit. Sind sie erst einmal etabliert, sind sie nur schwer oder gar nicht zu überwinden. Auch lassen Personen, die Vorurteile haben, sich in der Regel nicht von anderen Meinungen überzeugen. Die Gründe hierfür werde ich in den folgenden Unterkapiteln näher erläutern, da hier sowohl die Persönlichkeit der vor- urteilshaften Person als auch die Funktion, die das Vorurteil für diese hat, sowie die Eigenschaften des Vorurteils an sich eine Rolle spielen.

Um den Begriff Vorurteil genauer zu definieren, werde ich zunächst das Vorurteil als Form der Einstellung betrachten und dann auf die Schwierigkeit der Unterscheidung von Vorurteilen (prejudice) und Vorausurteilen (prejudgement) eingehen. Im zweiten und dritten Abschnitt dieses Kapitels werde ich mich den Ursachen und Funktionen von Vorurteilen zuwenden.

1.2 Das Vorurteil als Einstellung

Um zu erklären, in welchem Sinne ein Vorurteil eine Einstellung sein kann oder was eine vorurteilshafte Einstellung ausmacht, soll hier zunächst einmal kurz auf Einstellun- gen im Allgemeinen eingegangen werden.

1.2.1 Definition des Begriffs „Einstellung“

Eine Einstellung besteht, wenn das Reaktionsmuster einer Person auf bestimmte Ge- genstandsklassen, Personen und Meinungsgegenstände (abstrakte Gedanken, soziale Geschehnisse) in sozialen Situationen, in denen sie mit diesen konfrontiert wird, immer ähnlich ausfällt. Eine Einstellung liegt also dann vor, wenn Personen

im Laufe ihrer Lern- und Erfahrungsprozesse bestimmte Reaktionsbereitschaften entwickelt ha- ben, d.h. eine Geneigtheit zeigen, auf diese Gegenstände, Personen oder Personengruppen oder

Sachverhalte in bestimmter Weise sowohl affektiv-emotional wie auch in ihrem Verhalten (ver- bal, [...]; handlungsmäßig, [...]) über einen relativ langen Zeitraum hinweg relativ ähnlich zu re- agieren. (Barres 1978: 25)

Oder wie Triandis es mit einem Zitat von Campbell ausdrückt: „Einstellungen stellen Reaktionskonsistenz gegenüber sozialen Sachverhalten dar.“ (Triandis 1975: 2)

Über das simple Reagieren auf einen Sachverhalt hinaus ist allerdings die emotionale Komponente ein essentieller Bestandteil der Einstellung, wie es bereits im Zitat von Barres angedeutet ist. So kann sich eine Einstellung in Sympathie- oder Antipathiege- fühlen zeigen.

1.2.1.1 Drei Komponenten der Einstellung

Triandis unterteilt Einstellungen in drei Komponenten: eine kognitive, eine affektive und eine Verhaltenskomponente. Er erläutert diese drei Komponenten anhand von Au- tos.

1) Kognitive Komponente: Die kognitive Komponente ist eine Vorstellung, die einer Kategorie des menschlichen Denkens entspricht, z.B. die Kategorie „Autos“. Der Prozess des Kategorisierens ist grundlegend im menschlichen Denken, auf ihn werde ich später ausführlicher eingehen. Er fasst Objekte, Sachverhalte etc. in übergeordnete und untergeordnete Kategorien zusammen. So gehören „Autos“ zu der übergeordneten Kategorie Fahrzeuge und lassen sich nach verschiede- nen Aspekten in Unterkategorien einteilen, Audi, Mercedes, Porsche oder Sportwagen, Famili- enauto, Campingbus. Die Kategorie „Autos“ kann dadurch erschlossen werden, dass Leute ähn- lich auf verschiedene Automarken oder Autotypen reagieren, und dadurch, dass Leuten benen- nen können, was „Autos haben...“ und was „Autos sind...“.
2) Affektive Komponente: Die affektive Komponente ist eine Emotion, die die Vorstellung beglei- tet. Die Gefühle, die jemand empfindet, wenn er an eine Kategorie denkt, zeigen, ob er eine po- sitive oder negative affektive Komponente zu Elementen dieser Kategorie hat. Wenn also je- mand „sich wohlfühlt“ wenn er an Autos denkt, dann zeigt er einen positiven Affekt gegenüber der Kategorie Autos.
3) Verhaltenskomponente: Die Verhaltenskomponente ist die Prädisposition zu Handlungen wie das Lenken, Fahren, Kaufen oder Bewundern von Autos. (vgl. Triandis 1975: 4)

Meiner Meinung nach ist jedoch die kognitive Komponente, das Vorhandensein einer Kategorie, nur die Grundvoraussetzung für die Entwicklung von Einstellungen; ihre bloße Existenz heißt jedoch nicht automatisch, dass eine Einstellung besteht, obwohl es höchst wahrscheinlich ist, dass zu jeder Kategorie auch eine affektive und eine Verhaltenskomponente bestehen und sich somit von einer Einstellung sprechen lässt. Selbst wenn man zum Beispiel auf ein unbekanntes Objekt stößt, dessen Funktionen und Ei- genschaften man nicht kennt, so wird es im Denkprozess einer Kategorie zugeordnet werden. Vielleicht zunächst einmal zur Kategorie „Unbekanntes“ oder „Merkwürdi- ges“; dadurch wird dem Objekt die affektive Komponente, die mit dieser Kategorie ver- knüpft ist und sich z.B. aus früheren Erfahrungen mit unbekannten Objekten zusam- mensetzt – Angst, Vorsicht, Neugier oder Begeisterung – entgegengebracht. Die pas- sende Verhaltenskomponente folgt. Es lässt sich also erstens schließen, dass Menschen zu jedem Objekt, Sachverhalt etc. eine Einstellung haben, die sich an der Einstellung zu ähnlichen Objekten, Sachverhalten in der gleichen Kategorie orientiert, und zweitens, dass diese Einstellungen in sich konsistent sind, also ihre drei Komponenten überein- stimmen. (Triandis 1975: 105f) Wenn jemand somit auf ein neues Objekt oder eine ihm unbekannte Person trifft, wird er oder sie versuchen, bekannte Merkmale zu erkennen um dieses Objekt oder diese Person einer Kategorie zuzuordnen. Auf den Prozess der kognitiven Kategorisierung wird noch ausführlicher in Kapitel 1.3.1 eingegangen.

1.2.1.2 Veränderbarkeit von Einstellungen

Einstellungen zeichnen sich durch eine relative Beständigkeit aus, d.h. wenn jemand eine Einstellung gegenüber einem Objekt (im Weiteren werde ich den Term Objekt stellvertretend für alle Einstellungsgegenstände inkl. Personen und Sachverhalte ver- wenden) hat, dann lässt sich erwarten, dass er in einer bestimmten Weise auf dieses Objekt reagiert. Manche Objekte lösen komplexere Reaktionen aus, wodurch die auf das Objekt bezogenen Handlungen nach außen hin widersprüchlich erscheinen können, obwohl sie es in Wirklichkeit nicht sind. Triandis formuliert es folgendermaßen „[...] Einstellungen sind weder notwendige noch hinreichende Gründe für das Verhalten. Es sind ‘entscheidungskanalisierende’ Gründe [...]“ (Triandis 1975: 22)

Diese Beständigkeit bedeutet aber nicht, dass Einstellungen unveränderbar sind. Bem geht davon aus, dass Einstellungen Schlussfolgerungen aus Syllologismen sind (Bem 1974: 25), also sich durch Verknüpfungen von Werten und Meinungen auf verschiede- nen Ebenen herleiten. Eine Veränderung an einem der Glieder der Herleitungskette kann zu einer Einstellungsänderung führen. Triandis hingegen sieht den Kernpunkt für die Bildung von Einstellungen in der Belohnung. Je wahrscheinlicher eine Belohnung für bestimmtes Handeln ist, desto wahrscheinlicher ist auch eine positive Einstellung dem Objekt der Handlung gegenüber. Wenn nun aber ein Verhalten, das der eigenen

Einstellung widerspricht, eine Belohnung verspricht, so kann dies zu einer Einstellungs- änderung führen, da sich dann die affektive Komponente der Verhaltenskomponente anpasst, um die unangenehme Inkonsistenz zu überwinden. Zum Beispiel ist es wahr- scheinlich, dass jemand, der Computer verabscheut, aber gezwungen ist, mit ihnen zu arbeiten, da er dann effektiver und wettbewerbsfähiger ist, seine affektive Komponente gegenüber Computern im Laufe der Zeit zum positiven ändern wird, da so wieder Kon- sistenz zwischen seinem Verhalten und der affektiven Komponente hergestellt wird.

Grundsätzlich ist es also wahrscheinlich, dass die affektive Komponente der Handlung folgt, jedoch ist es nicht zwingend notwendig. Es ist ebenso gut denkbar, dass die Per- son in obigem Beispiel Computer weiterhin verabscheut; in dem Fall handelt es sich dann allerdings vermutlich bereits um eine vorurteilshafte Einstellung.

1.2.1.3 Merkmale zur Klassifizierung von Einstellungen

Barres nennt vier Merkmale von Einstellungen

1) ihre emotional-affektive Richtung (Qualität)
2) den Abstraktionsgrad des jeweiligen Einstellungsobjektes bzw. die Spezifität oder Generalität der Einstellung
3) die Bedeutsamkeit der Einstellung im Gesamtgefüge der Einstellungen einer Person
4) die Intensität der Einstellung bzw. den Grad der Überzeugtheit der Person von der Richtigkeit ihrer Einstellung gegenüber dem betreffenden Einstellungsobjekt

(Barres 1978: 65)

Die emotional-affektive Richtung einer Einstellung zeigt sich in den Gefühlen einer Person gegenüber einem Einstellungsobjekt. Dies kann auf einer Skala von extrem ne- gativ bis extrem positiv reichen. Der Abstraktionsgrad ist die Abhängigkeit einer Ein- stellung von einer Situation. So kann z.B. Krieg generell abgelehnt und dennoch ein bestimmter Krieg in einer speziellen Situation befürwortet werden. Bei der Bedeutsam- keit der Einstellung handelt es sich um den Rang oder Stellenwert der jeweiligen Ein- stellung im Verhältnis zu anderen Einstellungen dieser Person. Wenn zum Beispiel im Einstellungsgefüge einer Person Bequemlichkeit einen hohen Rang einnimmt und Um- weltschutz einen niedrigen, so ist es wahrscheinlich, dass diese Person auch eine kurze Strecke mit dem Auto zur Arbeit fährt. Ist das Verhältnis umgekehrt, also nimmt Um- weltschutz einen hohen Rang ein und Bequemlichkeit einen niedrigeren, so ist es nicht überraschend, wenn die betreffende Person auch eine längere Strecke mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt. Die Intensität der Einstellung zeigt, zu welchem Grad eine Person ihre eigene Einstellung für richtig hält und wie stark sie diese nach außen hin vertritt.

1.2.2 Vorurteilshafte Einstellungen

Vorurteilshafte Einstellungen unterscheiden sich in einigen der oben genannten Merk- male von anderen Einstellungen. Sie zeichnen sich durch eine starke emotional- affektive Richtung aus, d.h. sie tendieren zu Extremwerten entweder im Positiven oder im Negativen. Eine Einstellung, bei der es sich um ein Vorurteil handelt, nimmt einen bedeutenderen Rang im Einstellungssystem der Person ein, als es durch die reale Le- bensumwelt notwendig oder gerechtfertigt ist. Das heißt: jemand, der eine stark negati- ve Einstellung Schwarzen gegenüber hat und dies bei jeder sich ihm bietenden Gele- genheit zur Sprache bringt, obwohl er keine Schwarzen in seiner Nachbarschaft, bei seiner Arbeit oder in anderen Bereichen seines Lebensumfeldes hat, der zeigt damit ein Vorurteil, da seine Einstellung gegenüber Schwarzen einen zentraleren Rang in seinem Einstellungsgefüge einnimmt als angebracht. Des Weiteren ist die Intensität der Einstel- lung bei Vorurteilen sehr bis extrem hoch, die Person ist also sehr stark davon über- zeugt, dass ihre Einstellung gegenüber dem Einstellungsobjekt richtig und gerechtfertigt ist.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass manche Einstellungen Vorurteile sind. Ein Vorurteil ist eine Art der Einstellung einer Person, also einem Einstellungsobjekt, ge- genüber mit den oben aufgezeigten Ausprägungen der Einstellungsmerkmale. Darüber hinaus ist ein Vorurteil auch ein Urteil über das Einstellungsobjekt. Auf die Unterschie- de zwischen Vorurteilen und anderen Arten von Urteilen werde ich in Kapitel 1.3.2 ein- gehen.

1.3 Das Vorurteil als Folge kognitiver Prozesse

1.3.1 Urteilsbildung und Kategorisierung

Der Prozess der Urteilsbildung beruht auf der Zuordnung von neuen Informationen zu bereits bestehenden Kategorien oder auf der Bildung neuer Kategorien bzw. Unterkate- gorien. Die kognitiven Kategorien – wie Objekte (Autos, Hausfrauen) und Werte (Frei- heit, Liebe, Selbstverwirklichung) – eines Menschen sind untereinander in verschiede- ner Weise verbunden. Außerdem bestehen Verbindungen zwischen einzelnen Kategorien und Emotionen, die den jeweiligen Kategorien zugeordnet sind. Die Emotionen, die mit einer Kategorie zusammenhängen, beeinflussen die Einstellung zum einzelnen Ob- jekt, das dieser Kategorie zugeordnet wird, ebenso wie die Einstellung zum Objekt die mit der Kategorie verbundenen Emotionen beeinflusst. Je nachdem mit welchen weite- ren Kategorien eine bestimmte Kategorie verknüpft ist, beeinflusst dies auch, welche Emotionen mit hineinspielen bei der Beurteilung eines Objektes dieser Kategorie. Wenn zum Beispiel für jemanden die Kategorie „Auto“ mit dem Wert „Freiheit“ verbunden ist und dieser mit positiven Emotionen besetzt ist, so wird auch die Kategorie „Auto“ mit diesen positiven Emotionen in Verbindung gebracht. (Triandis 1975: 113)

Der Prozess der Kategorisierung ist für das menschliche Handeln notwendig, da er die Identifizierung von Objekten erleichtert und Handlungsvorgaben liefert, die auf Erfah- rung basieren. Er ermöglicht das Handlungsfähig-Bleiben in einer komplexen Umwelt. Ohne dieses Kategorisieren müsste jedes Objekt bei jeder Begegnung neu geprüft und dann eine Handlungsstrategie entwickelt werden, was unvermeidlich zu Handlungsun- fähigkeit führen würde. Der Nachteil am Prozess der Kategorisierung ist, dass oft Fehl- kategorisierungen vorkommen, also Objekte vorschnell oder der Einfachheit halber ei- ner Kategorie zugeordnet werden, zu der sie nicht gehören. Oder aufgrund von fälschli- cherweise einem Objekt zugeordneten Attributen eine Zuordnung vorgenommen wird, die oft später nicht mehr überprüft wird. Auch führen Kategorien aufgrund ihres verein- fachenden Charakters zu einer ungenauen oder verzerrten Weltsicht.

1.3.2 Wahre Urteile, Vorurteile und Vorausurteile

Der Prozess der Kategorisierung läuft unbewusst ab. Durch ihn bilden Personen sich Urteile über Objekte und Sachverhalte. Urteile können allerdings nur dann als richtig oder wahr gelten, wenn die urteilende Person ausreichend Informationen hat und der beurteilte Sachverhalt als richtig bewiesen wurde, also eine Tatsache ist.

In den meisten Fällen sind Urteile nicht „wahr“, da sie auf dem eingeschränkten Erfah- rungsschatz der urteilenden Person basieren.

Es muss sich dann jedoch noch nicht gleich um Vorurteile handeln; meistens handelt es sich hier um Vorausurteile, nach Allport: „prejudgements“. Mit dem Begriff des Vor- ausurteils bezeichnet Allport voreilig gezogene Schlüsse im Kategorisierungsprozess. Diese sind unvermeidbar, da selbst Sachverhalte, die als wissenschaftlich bewiesen, gelten sich im späteren Verlauf als falsch herausstellen können, z.B. „Atomkraft ist un- gefährlich“ oder „Die Sonne kreist um die Erde“ und dergleichen. Die meisten Urteile basieren aber, wie bereits erwähnt, nicht auf wissenschaftlichen Tatsachen, sondern auf persönlichen Eindrücken und Erfahrungen einer Person und können damit an sich kei- nen Generalitätsanspruch stellen. Das sie es dennoch tun, liegt an der Kategorisierung oder auch Überkategorisierung, „overcategorization“ (Allport 1954: 8) – der eigene Erfahrungsschatz wird als ausreichende Datengrundlage für Urteile betrachtet.

Ebenso sind simple „misconceptions“ (Allport 1954: 9), also Fehlauffassungen oder Fehlverständnisse, noch keine Vorurteile; es handelt sich einfach um die fehlerhafte Organisation von Informationen oder die Organisation von fehlerhaften Informationen. Was also unterscheidet Vorausurteile von Vorurteilen? Bei einem Vorausurteil wird die betreffende Person ihr Urteil ggf. revidieren, wenn neue Informationen auftauchen, die das Vorausurteil widerlegen. Nicht so bei einem Vorurteil. Hier werden neue und dem Vorurteil widersprechende Informationen wenn möglich ignoriert oder so umgewandelt, dass sie das Vorurteil bestätigen, anstatt es zu entkräften. Diese „bestätigenden Informa- tionen“ werden der Kategorie hinzugefügt und als Beweis für die Richtigkeit des Vorur- teils gewertet. Des Weiteren wird die Reaktion auf eine Kritik eines Vorurteils emotio- naler ausfallen als bei einem Vorausurteil. Im folgenden Dialog (entnommen aus All- port 1954: 13f) wird die Tendenz der vorurteilshaften Person zur Umdeutung von posi- tiven, das negative Vorurteil über Juden widerlegenden Fakten in vorurteilsbestätigende Fakten deutlich.

Mr. X: The trouble with the Jews is that they only take care of their own group.

Mr. Y: But the record of the Community Chest campaign shows that they give more generously, in proportion to their numbers, to the general charities of the community, than do non-Jews.

Mr. X: That shows they are always trying to buy favor and intrude into Christian affairs. They think of nothing but money; that is why there are so many Jewish bankers.

Mr. Y: But a recent study shows that the percentage of Jews in the banking business is negli- gible, far smaller than the percentage of non-Jews.

Mr. X: That’s just it; they don’t go in for respectable business; they are only in the movie busi- ness or run night clubs.

Falls die Gegenbeweise nicht ignoriert oder umgewandelt werden können, so wird die vorurteilshafte Person dies als eine Ausnahme werten. Wenn also jemand das Vorurteil gegen Schwarze hat, dass diese alle kriminell, schlechte Menschen usw. sind, so wird er Begegnungen mit freundlichen, ehrlichen Schwarzen als Ausnahmen werten. Zu der Kategorie „Schwarze“ mit all ihren negativen Attributen wird eine Unterkategorie „gute

Schwarze“ entstehen. So bleibt die Kategorie „schlechte Schwarze“ intakt und damit auch sein Vorurteil.

Die semantisch-linguistische Struktur des Vorurteils entspricht der des Urteils. Da ein Urteil eine Behauptung formuliert, die 1. wahr ist und 2. empirisch bewiesen, leitet sich hieraus eine Verbindlichkeit des Urteils ab. Trifft dies nicht zu, ist das Urteil falsch. Das Vorurteil besitzt die gleiche Aussagestruktur: Y=X (Y ist X). (Hort 2002: 41) Dies ver- leiht dem Vorurteil – zu Unrecht – die Autorität und den Anschein der Verbindlichkeit eines wahren Urteils.

Die Schwierigkeit bei der Erkennung von Vorurteilen besteht darin, dass die Trennli- nien zwischen Vorurteil, Vorausurteil und falschem Urteil manchmal nur schwer zu ziehen sind. Ein Vorausurteil kann sich zu einem Vorurteil entwickeln oder ein ver- meintliches Vorurteil kann in Wirklichkeit ein falsches Urteil sein, weil aus vorhande- nen Fakten falsche Schlüsse gezogen wurden. Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal ist die Resistenz der Vorurteile gegenüber neuen Informationen, ihre Unveränderlich- keit und ihre emotionale Aufladung.

1.4 Soziale und Individuelle Vorurteile

Vorurteile sind Gruppenphänomene, sie bestehen gegenüber Gruppen und werden meist von Gruppen getragen. (dazu mehr in Kapitel 1.5.3.1) Von Gruppen getragene Vorurtei- le sind Soziale Vorurteile. Sie werden „[...] kulturell tradiert und sind abhängig von his- torischen und politisch-situationellen Gegebenheiten [...]“ (Quasthoff 1973 : 54) Hiervon abzugrenzen sind Individuelle Vorurteile, die auf individuellen Erfahrungen beruhen und die eine Person eigenständig bildet. Auch diese Vorurteile beziehen sich auf Gruppen, basierend auf den Erfahrungen, die die Person mit Mitgliedern der Gruppe gemacht hat. Das heißt, ein Vorurteil kann von einem Individuum beruhend auf persön- licher Erfahrung selbst entwickelt werden.

1.5 Ursachen für die Entstehung von Vorurteilen

Wie entstehen nun Vorurteile? Die Frage nach der Entstehung von Vorurteilen ist fast noch schwieriger zu beantworten als die Frage, was Vorurteile sind. Ein Versuch soll hier dennoch unternommen werden.

Im Folgenden sollen verschiedene Ansätze zur Erklärung der Entstehung von Vorurtei- len kurz benannt werden (1.5.1). Da keiner der Ansätze für sich genommen eine hinrei- chende Erklärung liefern kann, soll aber nicht weiter auf einzelne eingegangen werden. Vielmehr scheint eine Kombination von Elementen der verschiedenen Ansätze nötig, um sich dem Problem zu nähern. Anschließend werde ich zuerst auf die Ursachen, die mit der Persönlichkeit des vorurteilshaften Individuums zusammenhängen (1.5.2), und dann auf die sozialen Ursachen (1.5.3) von Vorurteilen eingehen.

1.5.1 Ansätze in der Vorurteilsforschung

1) Historischer Ansatz: Der historische Ansatz sieht die Entstehungsursache von Vorurteilen in der geschichtlichen Entwicklung. Er betrachtet die gesamte Ge- schichte eines Konflikts zwischen Gruppen, um die aus ihr resultierenden Vorur- teile zu erklären.
2) Soziokultureller Ansatz: Der soziokulturelle Ansatz sieht das Vorurteil im ge- samten sozialen Kontext, in dem es existiert. Das heißt, es werden Faktoren wie Bevölkerungsdichte, territoriale Verteilung, Verstädterung, Minoritäten, wirt- schaftliche und andere Konkurrenzsituationen berücksichtigt.
3) Situationsbedingter Ansatz: Dieser Ansatz betrachtet eine aktuelle Situation als Auslöser, Träger oder Verstärker von Vorurteilen. So kann die Arbeitsmarktsi- tuation oder der Faktor der sozialen Mobilität oder andere Situationen, die einen starken Druck auf Individuen und Gruppen auslösen, eine Ursache von Vorurtei- len sein.
4) Psychodynamischer Ansatz: Der psychodynamische Ansatz sieht die Hauptursa- che von Vorurteilen in der Natur des Menschen bzw. seiner psychologischen Struktur. Das Machtstreben des Menschen und daraus resultierende Konflikte, Hass, der aus Frustration entsteht, oder die durch einen bestimmten Erziehungs- stil geprägte autoritätsbefürwortende Persönlichkeit stehen im Mittelpunkt die- ses Erklärungsansatzes.
5) Phänomenologischer Ansatz: Der phänomenologische Ansatz konzentriert sich auf die direkte Reaktion eines Individuums auf Situationen, mit denen es kon- frontiert ist. Wenn auch die Ursachen für die Reaktionsmuster im Kulturellen und Historischen liegen, liegt das Augenmerk hier auf den Merkmalen und Symbolen, auf die das Individuum reagiert. In diesem Ansatz spielt das Stereo- typ eine wichtige Rolle.
6) Ansatz des Verdienten-Rufs: Dieser Ansatz, der heute nicht mehr als alleiniges Erklärungsinstrument auftritt, sieht die Ursache für die Entstehung von Vorurtei- len beim Vorurteilsobjekt selbst. Er geht davon aus, dass dieses wirklich Eigen- schaften besitzt, die es bedrohlich machen, und damit zu einem verdienten Ruf – dem Vorurteil – führen.

(vgl. Allport 1954: 208ff)

Wie bereits oben erwähnt eignet sich keiner der Ansätze für sich genommen, um die Entstehung von Vorurteilen zufriedenstellend zu erklären. Eine Kombination der ver- schiedenen Ansätze allerdings sollte es ermöglichen, einen relativ umfassenden Über- blick über die Entstehungsursachen von Vorurteilen zu erhalten.

1.5.2 Persönlichkeitsbezogene Ursachen

Vorurteilshaftigkeit ist oft Ausdruck einer spezifischen Persönlichkeitsstruktur, der „au- toritären Persönlichkeit“. Dieser Term wurde geprägt durch die so genannte Berkeley- Studie, die Theodor W. Adorno et. al. durchführten und 1950 unter dem Titel „The Authoritarian Personality“ veröffentlichten. (vgl. Adorno et. al. 1968) Diese Studie brachte Antisemitismus und Faschismus mit einem bestimmten Persönlichkeitstyp in Zusammenhang. Zur Untersuchung wurden die Werte der Versuchspersonen auf vier Skalen, der AS-Skala (Antisemitismus-Skala), F-Skala (Faschismus-Skala), E-Skala (Ethnozentrismus-Skala) und der PEC-Skala (politisch-ökonomischer- Konservativismus-Skala) gemessen. Versuchspersonen, die auf allen vier Skalen hohe Werte erreichten, zeichneten sich durch Persönlichkeitsmerkmale aus, die sie als autori- täre Persönlichkeiten kennzeichneten.

Die autoritäre Persönlichkeit leidet an einer „Ich-Schwäche“ (Quasthoff 1973: 106); diese Ich-Schwäche führt zu einer übertriebenen Bindung an die In-group (vgl. Kapitel 1.5.3.1), z.B. an die Nation als In-group, was sich in Form von überhöhtem National- stolz zeigt. Die Ursache für diese Ich-Schwäche liegt in der Erziehung. Ist die Erzie- hung belohnungs- und strafenorientiert und nicht durch Liebe und Zuneigung gekennzeichnet, sondern wird vielmehr bei Fehlverhalten dem Kind die Liebe der Eltern ent- zogen, so lernt das Kind nicht, sich selbst zu achten, sondern nur das Verhalten der El- tern zu imitieren; darüber hinaus leidet es unter einer ständigen Unsicherheit. Diese Un- sicherheit setzt sich im weiteren Leben fort und führt zu einer „threat orientation“ (All- port 1954: 396), also einer Bedrohungsorientierung. Das bedeutet, dass Menschen mit einer autoritären Persönlichkeit sich ständig und oft von vielen Seiten bedroht fühlen – Neger, Juden, Kommunisten etc. stellen alle eine Bedrohung dar. Die Verdrängung der eigenen Schwächen spielt bei diesem Persönlichkeitstyp eine große Rolle: Es wird eine äußere Ideal-Persönlichkeit erschaffen, die moralisch, reinlich, tugendhaft etc. ist; die eigenen Schwächen und Triebe werden unterdrückt und externalisiert, sie werden den Mitgliedern der Out-goups zugeordnet. Rattner bezeichnet es als eine „Spaltung zwi- schen den bewussten und unbewussten Anteilen des Seelenlebens“ (Rattner 1971: 105). Diese Spaltung hat zur Folge, dass diesen Menschen die innere Stabilität fehlt. Daher brauchen sie äußere Stabilität durch geordnete Strukturen, klare Trennungen von z.B.

„gut“ und „böse“, „richtig“ und „falsch“, „wir“ und „die“ usw. Sie neigen dazu, an

„Vorherbestimmtheit“, z.B. Astrologie, zu glauben. Außerdem lehnen sie Veränderun- gen ab und neigen zu Konservativismus. Die Denkstruktur der autoritären Persönlich- keit ist gekennzeichnet durch mangelnde Flexibilität, Schwarz-Weiß-Denken und Ver- einfachung. Sie hält sich an einmal vorgegebene Schemata und Strukturen.

Rattner nennt als Merkmale der autoritären Persönlichkeit die folgenden:

1) Starke Betonung der Bindung an die jeweilige Majorität sowie die Überzeugung von deren Ü- berwertigkeit;
2) Zwanghafte Konformität mit den Normen und Konventionen der Majorität;
3) Tendenz dazu, solche Konformität auch von anderen Personen zu fordern;
4) Konservative politische Sympathien;
5) Auffassung der Welt und des Lebens als schlechthin bedrohlich;
6) Neigung zu überspitzten Gegensätzen, vor allem zur kategorialen Unterscheidung zwischen
„Starken“ und „Schwachen“ schlechthin;
7) Pharisäische Selbstgerechtigkeit in Fragen der Sittlichkeit, namentlich in geschlechtlicher Hin- sicht;
8) Neigung dazu, eigene verdrängte Regungen auf andere zu projizieren und für deren Haupttrieb- federn zu halten;
9) Ein Denken, das geringe produktive Einbildungskraft mit großer Anhänglichkeit an starre For- meln verbindet;
10) Kindheitserlebnisse mit Eltern, die wenig Gemütswärme zu bieten hatten, die dafür aber die Forderung unbedingten Gehorsams erhoben.

(Rattner 1971: 95)

Eine bestimmte, durch die Erziehung geprägte Persönlichkeitsstruktur – die autoritäre Persönlichkeit – kann also mit Ursache für Vorurteilshaftigkeit sein. Das heißt aber nicht, dass alle vorurteilshaften Menschen autoritäre Persönlichkeiten sind. Allport for- muliert es folgendermaßen: „[...] for some prejudices are merely conformative, mildly ethnocentric, and essentially unrelated to the personality as a whole (Chapter 17). But often it is organic, inseperable from the life process.“ (Allport 1954: 395) Wenn Letzte- res der Fall ist, handelt es sich um eine autoritäre und vorurteilshafte Persönlichkeit.

1.5.3 Soziale Ursachen

Neben der gesellschaftlichen Strukturierung – insbesondere der Gruppenbildung – die eine entscheidende Rolle für die Entstehung von Vorurteilen spielt, sind zahlreiche wirtschaftliche, politische, gesellschaftliche, historische und aktuelle Faktoren für die Entstehung von Vorurteilen (mit-)verantwortlich. In diesem Kapitel soll nun zunächst die Rolle der Gruppen erläutert werden und dann auf weitere soziale Ursachen einge- gangen werden.

1.5.3.1 Gruppenabgrenzung als Ursache von Vorurteilen

Jeder Mensch gehört mehreren Gruppen an, diese sind für ihn die so genannten „In- groups“, alle anderen Gruppen sind dementsprechend „Out-groups“. Die kleinste und meist wichtigste In-group ist die Familie. Darüber hinaus bilden Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Religion, Nationalität und soziale Schicht weitere unausweichliche, also nicht selbst gewählte, Gruppenzugehörigkeiten. Wobei bei der religiösen und ggf. auch der Schichtenzugehörigkeit die Möglichkeit zur Veränderung im Laufe des Lebens be- steht. Das Individuum hat z.B. die Möglichkeit, ganz aus der katholischen Kirche aus- zutreten oder einer anderen Religion beizutreten. Bei der Zugehörigkeit zur sozialen Schicht als Gruppe ist der Wechsel zwar auch möglich, jedoch meist mit größeren Schwierigkeiten verbunden. Andere Gruppenzugehörigkeiten sind freier wählbar, ob- wohl auch sie sich oft aus der sozialen Biographie des Individuums ergeben; so z.B. die Zugehörigkeit zu einem Club oder Verein, einer Berufsgruppe oder Nachbarschaft.

1.5.3.1.1 Entwicklung der Gruppenzugehörigkeit und das Erlernen von Vorurteilen

Wie oben bereits erwähnt kann Vorurteilshaftigkeit durch die Erziehung entstehen: Zum einen, indem sie eine Persönlichkeitsstruktur formt, die zur eigenen Stabilisierung auf Vorurteile im Rahmen ihres „protective adjustment“ (Allport 1954: 396) zurückgreift, zum anderen dadurch, dass Vorurteile innerhalb der Gruppe direkt übernommen wer- den.

Das Verständnis von Gruppenzugehörigkeit entwickelt sich bereits in den ersten Le- bensjahren (vgl. hierzu Allport 1954: 29ff). Zuerst entwickelt sich ein Verständnis von In-group-Zugehörigkeit, dies wird vom direkten sozialen Umfeld übernommen. In Ab- grenzung zu dieser In-group bildet sich dann ein Verständnis von Out-groups als denje- nigen, die nicht zur In-group gehören. Wobei Meinungen und Vorurteile über die

„feindlichen“ Out-groups ebenfalls unreflektiert vom Kind übernommen werden. „Jede soziale Gruppe hat für die dort diskutierten Meinungsgegenstände jeweils gruppenspezi- fische Vorurteilssysteme.“ (Bergler 1976: 136) Ein Verständnis von und eine Loyalität gegenüber der In-group ist bereits bei Kindern im Alter von fünf Jahren festzustellen. Obwohl sie nicht wissen, worauf die Unterschiede zu den Out-groups basieren, wissen sie bereits, dass diese „anders“ sind.

1.5.3.1.2 In-group versus Out-group

Out-groups werden meist negativere Eigenschaften zugesprochen als der eigenen In- group. Das liegt daran, dass die eigene Gruppe und deren Standards als „Maß aller Din- ge“ gesehen und – da dies die vertrauten Gewohnheiten, Verhaltensweisen und Einstel- lungen sind – diese als gut und richtig betrachtet werden. Die Verhaltensweisen etc. von Out-groups weichen von der eigenen Norm ab und werden damit als fremdartig oder sogar bedrohlich empfunden. Diese Auffassung über Gruppen und Gruppenbeziehun- gen, wobei die In-group generell positiv und die Out-groups generell negativ oder feind- lich bewertet werden, wird als Ethnozentrismus bezeichnet. (Adorno et al. 1968: 92) Um den Unterschied zwischen der eigenen Gruppe und „den anderen“ zu verdeutlichen, werden die eventuell real oder auch nur imaginär bestehenden Unterschiede vergrößert, um auch den Abstand zwischen den Gruppen zu vergrößern. Je feindlicher die Gruppen zueinander eingestellt sind, desto mehr werden Unterschiede hervorgehoben und über- trieben: „ Wir sind sehr fleißig, die sind sehr faul.“

1.5.3.2 Vorurteile als Folge von Unsicherheit und Anomie

Auch im späteren Leben kann sich Vorurteilshaftigkeit entwickeln. Vermutlich hängt auch dies von einer gewissen Disposition der Persönlichkeit der Personen ab; es lässt sich jedoch feststellen, dass unter gewissen Umständen, z.B. in Krisensituationen, die Vorurteilshaftigkeit in der Bevölkerung zunimmt. Ebenso verhält es sich mit Lebenssituationen, die Vorurteilshaftigkeit bestärken können. So kann Vorurteilshaftigkeit als Folge von Unsicherheiten im Zuge sozialer Mobilität gedeutet werden. Ein sozialer Aufstieg ebenso wie ein sozialer Abstieg ist mit Unsicherheiten für das Individuum ver- bunden. Es muss sich bei sozialem Aufstieg gegenüber seiner ehemaligen In-group ab- grenzen und sich in der neuen In-group beweisen. Ein sozialer Abstieg hingegen wirkt sich negativ auf das Selbstwertgefühl des Individuums aus, was ebenfalls zu Unsicher- heit führt. Auf die Frustrations-Aggressions-Hypothese, die auch in diesem Zusammen- hang genannt werden kann, werde ich weiter unten noch eingehen. Allgemein kann eine Situation der sozialen Unsicherheit oder auch der Konkurrenz zwischen verschiedenen Gruppen, wie sie z.B. in Zeiten wirtschaftlicher Rezession auftritt, zur Zunahme von Vorurteilshaftigkeit führen. Aus der Unsicherheit resultiert ein Bedürfnis nach klaren Strukturen, Verhaltensrichtlinien und Abgrenzungen, welches mit dem Versuch einher- geht, sich selbst und der eigenen Gruppe Vorteile gegenüber anderen zu verschaffen.

Hort nennt die soziale und die subjektive Anomie als mögliche Ursachen von Vorur- teilshaftigkeit. So kann die soziale Anomie, ein Zustand mangelnder sozialer Ordnung z.B. im Zuge gesellschaftlicher Umbrüche, zu einer Orientierungs- und Identitätskrise führen. In deren Folge entsteht als Reaktion auf das Gefühl der Sinnlosigkeit „[...] ein tiefes Bedürfnis nach neuen, in sich dogmatisch-geschlossenen nomischen Wissensbe- ständen[...]“ (Hort 2002: 65), das durch das Zurückgreifen auf Vorurteile befriedigt wird. Ebenso kann die subjektive Anomie, die nicht aus gesamtgesellschaftlichen Phä- nomenen resultiert, sondern den Zustand eines Individuums in seiner spezifischen Le- bensumwelt beschreibt, als Erklärungsansatz dienen. Hort nennt in diesem Zusammen- hang das verstärkte Auftreten von neofaschistischen Ideologien bei Jugendlichen in einigen Regionen Deutschlands. Das Vorurteil gibt einen „Ersatz-Sinn“ in einer sonst unübersichtlichen und unsicheren Welt (soziale Anomie), es dient der Orientierung und Vereinfachung.

1.5.3.3 Die Frustrations-Aggressions-Hypothese

Im Folgenden werde ich nun auf die bereits oben erwähnte Frustrations-Aggressions- Hypothese eingehen. Diese basiert auf einer 1939 von Forschern der Yale-Universität veröffentlichten Studie, die den Zusammenhang von Frustration und Aggression unter- suchte. Die Forscher gingen bei ihrer Untersuchung davon aus, dass „Aggression immer die Folge einer Frustration sei“; außerdem gingen sie davon aus, dass „die Existenz ei- ner Frustration immer zu einer Art von Aggression führe“ (Rattner 1971: 126). Die

Verhinderung der Ausführung einer Handlung, deren Impuls durch einen Reiz ausgelöst wird, wird als Frustration bezeichnet. Der Grad der Frustration ist immer vom Reiz und von der Stärke des Impulses abhängig, daher kann er unterschiedlich schwerwiegend sein und unterschiedlich schwerwiegende Folgen haben. Wenn ein Ziel nicht erreicht werden kann, ist es möglich, dass auf ein Ersatz-Ziel ausgewichen wird, sozusagen eine Ersatzbefriedigung stattfindet. Unter Aggression ist ein auf eine Person gerichtetes Ver- halten zu verstehen, dass die Schädigung dieser Person zum Ziel hat. Aggression muss sich nicht unbedingt in aggressivem oder gewalttätigen Verhalten zeigen, sie kann auch in Form einer Phantasie oder eines Racheplans oder verbal formuliert als Vorurteil auf- treten. Auch muss sich Aggression nicht unbedingt gegen den Verursacher der Frustra- tion richten, sie kann sich gegen ein anderes Objekt oder gegen die Person selbst rich- ten. Wenn man die Frustrations-Aggressions-Hypothese nun mit der Abstufung von ablehnendem Verhalten gegenüber Out-groups, wie Allport es vornimmt, in Verbindung setzt, so lässt sich eine mögliche Erklärung für das vermehrte Auftreten von Vorurteilen in anomischen oder bedrohlichen gesellschaftlichen Situationen sowie Konkurrenzsitua- tionen ableiten. Die Abstufung nach Allport (1954: 49) enthält 5 bzw. 3 Stufen.

1. Antilocution
2. Avoidance
3. Discrimination
4. Physical Attack
5. Extermination

Oder zusammengefasst in 3 Stufen.

1. Verbal rejection
2. Discrimination
3. Physical attack (of all degrees of intensity)

Da in unsicheren oder bedrohlichen gesellschaftlichen Situationen die Frustration steigt, steigt auch die Aggression. Vorurteile sind eine, wenn auch vergleichbar schwache, Form der Aggression. Steigt nun bei vielen Mitgliedern einer Bevölkerung die Frustra- tion und damit die Aggression, so entlasten sie ihre Aggressionsneigung durch verbale Aggressionen – nämlich Vorurteile – gegenüber einer schwächeren Minderheit. Der Vorteil dieser Aggressionsentlastung liegt darin, dass a) das Opfer sich nicht verteidigen kann und b) keine sanktionierenden Folgen auf die verbale Aggression zu fürchten sind. Dass bei einigen Teilen der Bevölkerung sich die Aggression auch um weitere Stufen nach oben auf der Ablehnungsskala verschieben kann, ist allgemein bekannt. So stieg im Süden der USA, der geprägt war durch Vorurteile und Diskriminierung gegenüber

Schwarzen, mit schlechteren Baumwollpreisen die Anzahl der Lynchmorde. (Rattner 1971: 130) Frustration und Aggression sind also eine weitere schlüssige Erklärung für das Entstehen von Vorurteilen.

1.5.3.4 Die Sündenbock-Theorie

Die Verschiebung von Aggression ist auch Bestandteil der Sündenbock-Theorie. Diese besagt, dass Gesellschaften sich Minderheiten – wobei hier psychologische und nicht reale Minderheiten gemeint sind (vgl. hierzu Allport 1954: 243) – als Sündenböcke su- chen. Die eigenen Schwächen und Triebe werden unterdrückt und auf den Südenbock projiziert, wie z.B. Unlust, sich an einen strengen Moralkodex zu halten. Je stärker sie unterdrückt werden müssen, desto stärker ist der Hass auf den Sündenbock und desto stärker äußert sich der Wunsch nach Bestrafung des selbigen. Weshalb manche Grup- pierungen, wie z.B. Juden oder Schwarze, zu Sündenböcken werden und andere nicht, ist schwer zu erklären. Allport geht davon aus, dass für den Versuch einer Erklärung der Entwicklung einer Gruppe zum Sündenbock eine sowohl historische wie auch sozial- psychologische Betrachtung des gesamten Prozesses notwendig ist. Das heißt, man müsste beim ersten In-Erscheinung-Treten einer Gruppe beginnen. Allport skizziert dies am Beispiel der Juden und der Kommunisten in den USA.

Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen permanenten und Ad-Hoc- Sündenböcken. Permanente Sündenböcke sind Gruppen, die über einen längeren ge- schichtlichen Zeitraum hinweg durchgehend als Sündenböcke fungieren, so z.B. Juden und Afroamerikaner. Ad-Hoc-Sündenböcke hingegen gehören nicht unbedingt zu die- sen Gruppen, sie werden im Zusammenhang mit aktuellen Ereignissen benötigt, um einer akuten Aggression ein Ziel zu geben. Dennoch werden auch sie oft aus Gruppen gewählt, die als Sündenböcke „beliebt“ sind, so z.B. Intellektuelle oder Einwanderer. Die Umleitung von Aggressionen auf Sündenböcke ist eine von Demagogen oft und gezielt genutzte Methode. (Quasthoff 1973: 122) Obwohl die Sündenbock-Theorie auch teilweise umstritten ist, vermag sie doch, vor allem im Zusammenhang mit der Frustra- tions-Aggressions-Hypothese, einen Beitrag zur Erklärung von Vorurteilen zu leisten.

1.6 Die Funktionen des Vorurteils

Das Vorurteil erfüllt verschiedene Funktionen, zum einen auf individuell- psychologischer und zum anderen auf gesellschaftlich-politischer Ebene. Diese Funkti- onen werden nach Bergler (1976: 104ff) klassisch in Wissens-, Anpassungs-, Selbstdarstellungs- und Selbstbehauptungsfunktion eingeteilt. Barres (1978: 120ff) fügt diesen vier Funktionen noch die utilitaristische Funktion hinzu.

1.6.1 Die Funktionen des Vorurteils in der klassische Einteilung

1. Wissensfunktion

Das Vorurteil erfüllt die Funktion, Lücken im Wissen auszufüllen. Diese Wissenslücken erzeugen einen Zustand des Unbehagens; das Vorurteil erlaubt es, diese Leere zu füllen, obwohl kein „wirkliches“ Wissen vorhanden ist. Aufgrund der Unüberschaubarkeit der Welt und aller Aspekte des Lebens als Ganzem dient das Vorurteil der Vereinfachung. Es fungiert als „Wissens-Ersatz“ (Bergler 1976: 105) und es entlastet von der Unge- wissheit.

2. Anpassungsfunktion

Die Anpassung an die In-group erfolgt u.a. auch über die Anpassung an die herrschen- den Meinungen, Einstellungen und Vorurteile. Das gemeinsame Vorurteil verstärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Gruppe. Es vermindert Konflikte in der Gruppe und dient der Abgrenzung von anderen Gruppen in dem Sinne, dass diese zu bestimmten Einstellungsgegenständen abweichende Einstellungen bzw. Vorurteile ha- ben.

3. Selbstdarstellungsfunktion

Vorurteile stellen sich dem Individuum oft so dar, als seien sie das Resultat eigener Ü- berlegungen und Einsichten. Dies funktioniert, indem das Individuum die von der Gruppe übernommenen Einstellungen in geringem Maße abändert, so dass sie zwar gruppenkompatibel bleiben, jedoch einen „individuellen Charakter“ erhalten. Bergler nennt dies den „Aspekt der individuellen Transformation gruppenspezifischer Einstel- lungssysteme“. (1976: 109) Das Individuum erhält das Gefühl, einen eigenen Stand- punkt zu haben; es kann seine Identität wahren. Das Vorurteil dient in diesem Sinne der Selbstprofilierung.

4. Selbstbehauptungsfunktion (ego-defensive function)

Der Begriff der Selbstbehauptungsfunktion ist, meiner Ansicht nach, nicht ganz zutref- fend für die Funktion, die erfüllt wird. Daher bevorzuge ich hier den originalen Begriff der „ego-defensive function“. Zum einen dient die Starrheit oder Stabilität des Vorur- teils dem Schutz der eigenen Weltsicht und zum anderen dem des Selbstbildes. Dies ist besonders im Zusammenhang mit der autoritären Persönlichkeit eine wertvolle Funkti- on, da hier die innere Stabilität fehlt und deswegen äußere Stabilität benötigt wird. Da diese durch Vorurteile gewährleistet wird, würde ein kritisches Auseinandersetzen mit den eigenen Vorurteilen auch ein kritisches Auseinandersetzen mit den im Sozialisati- ons- und Erziehungsprozess entstandenen Problemen in der Persönlichkeitsstruktur er- fordern. Das wiederum würde das Selbstbild, ja die ganze Persönlichkeit, in Frage stel- len. Daher erfüllt das Vorurteil in seiner Starrheit und Unveränderbarkeit die Funktion, das Selbstbild sowie das individuelle Weltbild zu schützen und zu verteidigen.

5. Utilitaristische Funktion (nach Barres 1978: 120ff)

Das Vorurteil dient der Schaffung von Vorteilen für die Majorität gegenüber der Mino- rität bzw. für die dominierenden Gruppen gegenüber den dominierten Gruppen. So ver- schaffen sich Erstere zum Beispiel Rechte oder wirtschaftliche Vorteile gegenüber infe- rioren Gruppen mit Hilfe von Vorurteilen. Die Vorurteile erfüllen den Zweck der Legi- timation der ungleichen Verhältnisse. Sie dienen auch dazu, eine herrschende Ordnung zu stabilisieren und Machtstrukturen zu erhalten, indem Vorurteile es zum Beispiel der Elite erlauben, Aggressions- oder Unzufriedenheitstendenzen der „Masse“ von sich auf einen Sündenbock umzulenken.

1.6.2 Einteilung der Funktionen des Vorurteils nach Estel

Estel (1983: 173) hat folgende Tabellen zu den Funktionen des Vorurteils entwickelt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die „Kognitive und Wissensfunktion“ (Estel) ist vergleichbar der „Wissensfunktion“ (siehe 1.6.1), jedoch ist sie um einige Aspekte erweitert. So wird zum Beispiel der As- pekt der Information über Positionen von Gruppen im gesellschaftlichen Gesamtgefüge mit einbezogen, ebenso wie die sich aus dem Wissen um die Position der Akteure erge- benden Erwartungshaltungen. „Die soziale Interaktion kann daher zu einem bestimmten Anteil über die Stereotype und Vorurteile gesellschaftlich strukturiert werden, so dass sich eine Ordnung der sozialen Handlungsmuster herauskristallisiert.“ (Hort 2002: 58)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hier vereint Estel die „Anpassungsfunktion“ und die „utilitaristische Funktion“ (s. 1.6.1). Es erscheint jedoch sinnvoll, den Ordnungscharakter noch einmal explizit zu betonen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die „Selbstbehauptungsfunktion/ ego-defensive function“ (s. 1.6.1), als personale Funk- tion wird hier mit der Legitimation der gesellschaftlichen Verhältnisse durch das Vorur- teil als soziale Funktion zusammengenommen. In der ursprünglichen Aufteilung ist die Legitimation der gesellschaftlichen Verhältnisse nicht als Sonderpunkt aufgeführt, son- dern unter der „Utilitaristischen Funktion“ (s. 1.6.1) subsumiert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Estels „Identitätsfunktion“ vereint die personale Identitätsfunktion, die der „Selbstdar- stellungsfunktion“ vergleichbar ist, und die Funktion, die Vorurteile für die gesell- schaftliche bzw. Gruppenidentität haben.

Die von Estel vorgenommene Einteilung hat den Vorteil, dass sie eine deutliche Über- sicht über die jeweils personalen und sozialen Aspekte der Funktionen gibt. Im Großen und Ganzen enthält sie die in der klassischen Einteilung vorkommenden Aspekte, die jedoch teilweise sinnvoll erweitert und ergänzt werden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Vorurteile zahlreiche Funktionen sowohl für das Individuum wie auch für die Gruppe und die Gesellschaft erfüllen. Sie sind auf die- se Weise im sozialen Leben, wenn auch nicht immer offensichtlich, allgegenwärtig.

1.7 Vorurteilslosigkeit als gesellschaftliche Norm – Ein Problem für die Vorurteils- forschung

Ein Problem, das sich der Vorurteilsforschung stellt, ist die Tatsache, dass Vorurteile heutzutage gesellschaftlich als unerwünscht gelten. Die soziale Norm erwartet von Indi- viduen, vorurteilsfrei zu sein. Schon in der Berkeley-Studie stellte sich den Forschern das Problem, ihre Fragebögen so zu konzipieren, dass die Aussagen nicht „[...] die de- mokratischen Werte verletzen, die beizubehalten auch die vorurteilsvollsten Leute sich meist noch verpflichtet fühlen.“ (Adorno et al. 1968: 93) Diese Tendenz hat sich mit der gesellschaftlichen Entwicklung und der Stärkung der „Norm der Vorurteilslosigkeit“ noch verstärkt. Dies bedeutet aber nicht, dass die real vorhandenen Vorurteile weniger geworden sind, also die Menschen wirklich weniger Vorurteile haben; es wird nur bes- ser darauf geachtet, Vorurteile nicht öffentlich zu formulieren. So wird zum Beispiel bei der Beantwortung eines Fragebogens ein unbewusster innerer „Sicherheits-Scan“ ablau- fen, der die Antworten mit der Konformität zur Norm abgleicht. Dies erschwert es, vor- urteilsvolle Antworten zu erhalten.

1.7.1 Neue oder „subtile“ Vorurteile

Des Weiteren hat sich in diesem Zusammenhang eine neue Form von Vorurteilen ent- wickelt. Diese neuen oder „subtilen“ Vorurteile sind dem Individuum selber nicht be- wusst. Und zwar nicht nur in dem Sinne, dass die Person nicht wahrnimmt, dass sie ein Vorurteil hat – denn das ist bei Vorurteilen immer der Fall – sondern in dem Sinne, dass ihr nicht einmal ihre Abneigung gegenüber einer bestimmten Gruppe bewusst wird. Die vorhandenen negativen Gefühle gegenüber dem Vorurteilsobjekt werden ausgeblendet. Sie äußern sich subtil und indirekt, z.B. in der Meidung einer Person, meistens unter der Vorschiebung anderer, gesellschaftlich akzeptierter Gründe. (Iser 2007: 46) Träger sub- tiler Vorurteile sehen die Gleichberechtigung der Gruppen als bereits verwirklicht an. Ein gutes Beispiel hierfür ist die von vielen Männern wie auch Frauen vertretene An- sicht, in Deutschland seien Männer und Frauen gleichberechtigt – die Gleichberechti- gung also verwirklicht –, obwohl dies faktisch nicht der Fall ist, wie sich zum Beispiel am Lohnniveau oder dem Prozentsatz von Frauen in Führungspositionen ablesen lässt. Es hat also nicht nur eine Tabuisierung der Vorurteile gegen Frauen stattgefunden, son- dern eine Tabuisierung der Wahrnehmung dieser.

1.8 Zusammenfassung des Kapitels über Vorurteile

Unter Vorurteil ist also eine Form der Einstellung zu verstehen, mit der eine Bewertung einhergeht. Oft, aber nicht immer, ist diese negativ. Vorurteile sind nur schwer von Vorausurteilen und falschen Urteilen zu unterscheiden und bedienen sich der seman- tisch-linguistischen Struktur des (wahren) Urteils. Es handelt sich bei Vorurteilen oft um Gruppenphänomene, die einen Beitrag zur Strukturisierung der Gesellschaft leisten. Für das Individuum erfüllen sie wichtige Funktionen, u.a. die der Vereinfachung und der Selbstdarstellung und -verteidigung. Ihr vereinfachender und verabsolutierender Charakter führt allerdings zu Problemen, da Individuen nicht nach ihrer Persönlichkeit, sondern nach ihrer Gruppenzugehörigkeit beurteilt und verurteilt werden. Die charakte- ristischsten Merkmale von Vorurteilen sind die in ihnen enthaltene Verallgemeinerung, ihre starke Emotionalität und ihre Resistenz gegenüber Veränderung.

2. Das Stereotyp

Um eine Definition des Stereotypenbegriffs zu erarbeiten, soll in diesem Kapitel zu- nächst ein Überblick über die Begriffsentwicklung gegeben und dann Ursachen und Funktionen des Stereotyps erläutert werden. Da das Stereotyp in der Forschung auf ver- schiedene Weise betrachtet und definiert wird, soll an dieser Stelle versucht werden, eine möglichst umfassende und für den späteren Vergleich mit Vorurteilen geeignete Definition zu erarbeiten. Somit wird hier nicht auf Gemeinsamkeiten der Stereotype mit Vorurteilen eingegangen, auch wenn Vorurteile in der Literatur oft an gleicher Stelle wie Stereotype genannt werden.

2.1 Begriffsentwicklung

2.1.1 Lippmanns Die öffentliche Meinung

Der Begriff „Stereotype“ oder auch „Stereotyp“ wurde erstmals von Walter Lippmann 1922 in seinem Werk Die öffentliche Meinung in die Sozialwissenschaft eingeführt. Ursprünglich aus dem Buchdruck stammend bezeichnet er Formen, mit denen Druck- platten zum Nachdruck vollständiger Buchseiten hergestellt werden.

Lippmann versteht unter Stereotypen die „Bilder in unseren Köpfen“, die das subjektive Abbild von der Wirklichkeit bestimmen und sich als schematisierte Vorstellung zwi- schen Außenwelt und Bewusstsein schieben. Er sieht also einen Unterschied zwischen der realen Welt und der individuellen Wahrnehmung dieser. Das Stereotyp dient der Vereinfachung und Organisation der Umwelteindrücke„Denn die reale Umgebung ist insgesamt zu groß, zu komplex und auch zu fließend, um direkt erfasst zu werden. [...] Obgleich wir in dieser Umwelt handeln müssen, müssen wir sie erst in einfacherem Modell rekonstruieren, ehe wir damit umgehen können.“ (Lippmann 1989: 18) Lipp- mann spricht den Stereotypen also eine essentielle Bedeutung bei der Aufnahme und Verarbeitung von Eindrücken zu; außerdem geht er davon aus, dass oft hinreichend ge- naue Gleichheiten zwischen Objekten oder Situationen bestehen und es daher sinnvoll und ökonomisch ist, mit der Aufmerksamkeit sparsam umzugehen. Das Problem der Stereotype liegt darin, dass sie eine Voreingenommenheit konstituieren. „Meistens schauen wir nicht zuerst und definieren dann, wir definieren zuerst und schauen dann.“ (Lippmann 1989: 63) So nimmt man gewisse Merkmale oder Zeichen wahr, die mit einer Idee verknüpft sind und ergänzt sie durch mentale Bilder – man sieht das, was man schon vorher im Kopf hatte. Seine Stereotype geben dem Individuum vor, was es von der Welt erwarten kann – sie schaffen eine Erwartungshaltung, die das Handeln im Sinne der Erwartung beeinflusst. Da sie der Orientierung und Strukturierung in einer chaotischen Welt dienen, geben Stereotype Sicherheit und sind daher mit Emotionen verknüpft. Lippmann betrachtet Stereotype nicht als grundlegend negativ, er ruft jedoch dazu auf, sich ihrer bewusst zu sein. Darüber hinaus dienen Stereotype laut Lippmann als Verteidigungswaffen der eigenen gesellschaftlichen Stellung.

Der Begriff Stereotyp bezeichnet also in seiner ursprünglichen Verwendung bei Lipp- mann eine Art Rahmen, der die subjektive Perzeption der Wirklichkeit bestimmt.

2.1.2 Von Katz & Braly zur kognitiven Sozialpsychologie

Eine große Bedeutung für die Stereotypenforschung hatten auch die Studien von Katz und Braly. Die erste, 1933 an der Universität Princeton durchgeführt, untersuchte die Stereotypen von 100 Studenten über 10 Nationalitäten mit Hilfe von Eigenschaftslisten. In diesen Listen sollten die Studenten die ihrer Meinung nach die jeweilige Nationalität charakterisierenden Eigenschaften ankreuzen. Danach sollten dann die fünf zutreffends- ten Eigenschaften noch einmal gesondert aufgeführt werden. Aus den Ergebnissen der Eigenschaftslisten ließen sich nationalspezifische Stereotype ablesen. Im Zuge ihrer Forschungen kamen Katz und Braly dazu, eine Unterscheidung in öffentliche und priva- te Einstellungen vorzunehmen. Manz kritisiert, dass der Begriff Stereotyp bei Katz und Braly verschiedene Bedeutungen hat, also nicht klar definiert wird. (Manz 1968: 33)

In den meisten darauf folgenden Forschungen bis Anfang der 1980er Jahre wurden Ste- reotype per se als negativ angesehen. Außerdem wurde ihnen eine Fehlerhaftigkeit oder Inkorrektheit zugesprochen. Six führt folgende, teilweise veraltete Definitionen für Ste- reotype auf:

1. Stereotype als inkorrekte Generalisierungen
2. Stereotype als Konstrukte mit nicht angebbarer Validität
3. Stereotype als Kategorisierungen und Konzepte
4. Stereotype als Produkte eines fehlerhaften Denkprozesses
5. Stereotype als Generalisierungen mit Rigiditätscharakter
6. Stereotype als Gewohnheiten (Six, in Blaicher 1987: 44)

[...]


1 „Culture is an intriguing concept. Formally defined, culture is the deposit of knowledge, experiences, beliefs, va- lues, attitudes, meanings, hierarchies, religion, timing, roles, spatial relations, concepts of the universe, and material objects and posessions acquired by a large group of people in the course of generations through individual and group striving. Culture manifests itself in patterns of language and in forms of activity and behavior that act as models for both the common adaptive acts and the styles of communication that enable people to live in a society within a given geographic environment at a given state of technical development at a particular moment in time.“ (Samovar & Porter 1985: 19)

Details

Seiten
164
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640706556
ISBN (Buch)
9783640706600
Dateigröße
1.9 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157861
Institution / Hochschule
Universität Hamburg
Note
2,1
Schlagworte
Interkulturelle Kommunikation Pragmatik Schweden Deutschland Deutschlandbild Stereotype Vorurteile

Autor

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Titel: Stereotype und Vorurteile – Eine Untersuchung zum Deutschlandbild schwedischer Studenten