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Die komischen Elemente der tragischen Komödie von Dürrenmatt: Der Besuch der alten Dame

Hausarbeit 2009 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Weltanschauung Dürrenmatts in Bezug auf das Theater: „Theaterprobleme“
2.1 Dürrenmatts Vorstellung einer Komödie
2.2 Die Komödie als Lösung der „Theaterprobleme“

3. Komische Elemente
3.1 Die Komödie nach Aristoteles
3.1.1 Vergleich
3.2 Die Aristophanische Komödie
3.2.1 Vergleich
3.3. Die komischen Elemente
3.3.1 Komik in Figuren und -konstellation
3.3.2 Komik in der Sprache
3.3.3 Komik in der Parodie

4. Die tragische Komödie

5. Fazit

1. Einleitung

Friedrich Dürrenmatt hat mit seinem Theaterstück Der Besuch der alten Dame seinen größten Erfolg erzielt und sich damit finanziell abgesichert. Noch heutzutage wird es regelmäßig auf den großen Bühnen der Welt aufgeführt. Sein Stück dreht sich um die Gesellschaftskritik an der Hochkonjunktur der 50er Jahre und um die Abhängigkeit der Menschen von Geld. Im Rahmen des literaturwissenschaftlichen Proseminars: „Einführung in die Dramenanalyse: Die Komödie“ an der Universität Freiburg werde ich im folgenden untersuchen, inwiefern das Stück eine Komödie ist, unter den im Proseminar gelernten Aspekten und unter denen, die ich aus verschiedener Sekundärliteratur hinzuziehe. Des weiteren werde ich Dürrenmatts persönliche Sicht auf das Theater mit dem zu untersuchenden Stück in Verbindung bringen. Da Dürrenmatt sein Stück außerdem als „Eine Tragische Komödie“ bezeichnet, untersuche ich die Einbettung der tragischen Elemente in die Komödie und ihr Wechselspiel untereinander.

2. Weltanschauung Dürrenmatts in Bezug auf das Theater: „Theaterprobleme“ (1955)

In seinem Text „Theaterprobleme“ von 1955 beschäftigt sich Dürrenmatt unter anderem mit der Frage, inwiefern das Theater die Welt heutzutage noch wiedergeben und aufführen kann. Auch in Bezug auf Brecht, zu dem er hier aber eine gegensätzliche Meinung vertritt, stellt er sich ebenfalls die Frage darüber, wie beweglich und veränderbar die Welt heutzutage noch ist. Während Brecht eine klare Meinung darüber hat, dass die Welt, so wie sie heutzutage ist, durchaus auf einer Bühne dargestellt werden kann, aber nur wenn sie als veränderbar gilt, sieht Dürrenmatt das Problem eher an einer anderen Stelle.

Für Dürrenmatt ist die Welt für den einzelnen unveränderbar, was nach seiner Auffassung daran liegt, dass er es ablehnt, dass „Allgemeine in einer Doktrin zu finden.“[1] Weiterhin sagt er: „Ich nehme es als Chaos hin. Die Welt (die Bühne somit, die diese Welt bedeutet) steht für mich als ein Ungeheures da, als ein Rätsel an Unheil, das hingenommen werden muss, vor dem es jedoch kein Kapitulieren geben darf.“[2] Für Dürrenmatt ist die Welt ein riesiges Chaos, aus welchem sich eine Unveränderbarkeit ergibt. Dieses Phänomen überträgt sich demnach auch auf die Bühne, welche die Welt darstellen soll. Eine analytische Beschreibung der Welt wird von Dürrenmatt kategorisch abgelehnt aufgrund der chaotischen Verhältnisse. „Der alte Glaubenssatz der Revolutionäre, dass der Mensch die Welt verändern könne und müsse, ist für den einzelnen unrealisierbar geworden, außer Kurs gesetzt, der Satz ist nur noch für die Menge brauchbar, als Schlagwort, als politisches Dynamit, als Hoffnung für die grauen Armeen der Hungernden.“[3] Für Dürrenmatt ist Veränderung nur noch durch die Masse möglich.

Die Idee von der Welt als großem Chaos wird in diesem Theaterstück vom Motiv des Zufalls unterstützt. Auf der einen Seite ist der Zufall in Der Besuch der alten Dame eine Möglichkeit, die Handlung ins Rollen zu bringen, wenn Claire als Prostituierte auf einen Milliardär in Hamburg trifft, der sie anschließend heiratet und ihr so zu einem Großteil ihres großen Vermögens verhilft, welches ihr später ermöglicht, die Rache gegen Ill durchzusetzen.

Unter der Betrachtung von Dürrenmatts chaotischer Sicht auf die Welt ist der Zufall auf der anderen Seite ein wichtiges Element. Er funktioniert als Mittel zur Verdeutlichung der Willkürlichkeit der Welt und als Ausdruck für die undurchschaubaren Bewegungsgesetze, nach denen sie funktioniert.

2.1 Dürrenmatts Vorstellung einer Komödie

Für Dürrenmatt hat die Tragödie als Kunstgattung keinen rechten Bestand mehr in der Welt, die er beschreiben will. Die Tragödie benötigt eine vorstrukturierte Wirklichkeit mit festen Werten und Gesetzen, die es aber in dem Chaos, wie es heutzutage vorherrscht, nicht mehr gibt. „Die Tragödie setzt Schuld, Not, Maß, Übersicht, Verantwortung voraus.“[4]. Die Unübersichtlichkeit der Welt, in der der einzelne keine Schuld trägt und nur die Masse etwas bewegen kann, schließt solche Werte aus. „Alle können nichts dafür und haben es nicht gewollt“[5].

Die Komödie bleibt nun als einzige Form des Theaters stehen, denn sie spielt in einer Welt, die den nicht vorhandenen Regeln, des Chaos unterworfen ist. Die Welt der Komödie verändert sich ständig.

Die Form des absurden Theaters spiegelt sich an dieser Stelle in den Überlegungen Dürrenmatts wieder. Beim absurden Theater wird versucht dieses Problem auf die Bühne zu bringen. Die Stellung vom modernen Menschen zur Welt und eine Hilflosigkeit, welche zur Absurdität führt, ist hier das Thema. In der Darstellung präsentiert sich diese Absurdität in den teilweise sinnlos wirkenden Texten oder Inszenierungen von Isolation und Entfremdung. Eine wichtiges Element ist auch, dass Komödie und Tragödie hier sehr nah beieinander liegen. Das Witzige kann jederzeit in das tragische umschlagen. Dürrenmatts Ausspruch: „Wir können das Tragische aus der Komödie heraus erzielen.“[6] stellt auf dieser Ebene eine Verbindung zum absurden Theater her. Die Inszenierung und auch der Text lassen keine absurden Elemente aufkommen, die nicht realistisch oder aus dem Kontext gerissen, erscheinen könnten. Die unbedingt Verbindung von Tragik und Komödie ist hier der stärkste absurde Ausdruck, der durch Dürrenmatts Weltanschauung mit einfließt.

Dieses Thema der Schuldfrage spiegelt sich in der Schuldfrage in Der Besuch der alten Dame wieder. Als Ill von den Güllenern schließlich getötet wird, bildet sich lediglich ein undurchsichtiges Knäuel um Ill, aus dem er tot wieder zum Vorschein kommt. Während sich also die Güllener keiner konkreten Schuld bewusst sind, gibt Ill seine Schuld im Laufe des Stückes zu, was ihn zu einer tragischen Figur macht. Dürrenmatt unterstreicht in diesem Stück seine Ansicht durch konkrete Beispiele.

Weiterhin führt er in seiner „Theaterprobleme“-Schrift aus, dass das Tragische aber nicht ganz verloren ist, sondern aus der Komödie, „als einen schrecklichen Moment, als einen sich öffnenden Abgrund“ (S.210 f.), heraus erzielt werden kann .

In Der Besuch der alten Dame könnten dies mehrere Momente sein. Zum Beispiel als das Angebot zum ersten Mal unterbreitet wird, Ill stirbt oder Claire ihre Pläne offenbart, dass sie die Stadt gekauft habe, um sie daraufhin in den Ruin zu treiben, als Vorbereitung für ihren Rachefeldzug.

Dürrenmatt grenzt seine Komödien des weiteren deutlich von der klassischen aristotelischen Komödie ab. Eine starke Gliederung und Vereinfachung der Charaktere sei keine realistische Darstellung der Welt, wie sie heute in seinen Augen existiert, was aber nicht unbedingt heißt, dass beispielsweise Der Besuch der alten Dame keinerlei klassisch komödiantischen Elemente aufweist (siehe 4.1.1.).

2.2 Die Komödie als Lösung der „Theaterprobleme“

„Uns kommt nur noch die Komödie bei“[7] ist eines der bekanntesten Zitate des Schweizer Autors und stellt in diesem Fall die Problematik dar, dass die Komödie die einzige Form ist, die eine Realität, wie sich nach Dürrenmatts Vorstellungen existiert, wiedergeben kann. Sie hat die Möglichkeit, das Chaos und die Unordnung widerzuspiegeln. Dies ist schlussendlich die (geschichts-)philosophische Begründung seiner Wahl für die Komödie.

Da diese auch eine Theaterform ist und das Chaos der Welt von den meisten Menschen schwer zu begreifen ist, verwendet Dürrenmatt eine ganz spezielle Form der Komik, um seine Gedanken zu veräußern, nämlich das Groteske.

Das Groteske bildet die Grundstruktur im Werk Friedrich Dürrenmatts. Grotesk bedeutet entstellt oder verzerrt und kommt bei Dürrenmatt deswegen zur Geltung weil, es ein Kompromiss zwischen der Darstellung der Realität auf der Bühne, auf die Dürrenmatt nicht verzichten möchte, was bedeutet, dass er keinerlei erfundene Geschichten von phantastischen Figuren oder Wesen schreibt beziehungsweise auf die Bühne bringen möchte, und der Komik an sich ist. Das Groteske repräsentiert etwas Unheimliches angesichts der Welt, in der die Ordnungen unserer Wirklichkeit aufgehoben sind[8]. Das Groteske wird oft in der Kunst benutzt um etwas Irreales darzustellen wie Dämonen oder Geister. Dürrenmatt setzt diese Tradition fort, indem er die Dämonen der heutigen Realität in groteskem Humor oder einer grotesken Erzählweise umsetzt.

Für ihn ist das Groteske also nicht ästhetisch isoliert, sondern es ist eine Stilisierung der Wirklichkeit.

[...]


[1] Friedrich Dürrenmatt, Theaterprobleme (1955), Band: 30/37; Diogenes, S.218

[2] Friedrich Dürrenmatt, Theaterprobleme (1955), Band: 30/37; Diogenes , S.218

[3] Mann, „Schillerrede“ in: Versuch über Schiller; S. Fischer Verlag

[4] Dürrenmatt, Theaterprobleme (1955), Band: 30/37; Diogenes, S. 210 f.

[5] Dürrenmatt, Theaterprobleme (1955), Band: 30/37; Diogenes, S. 210 f.

[6] Dürrenmatt, Theaterprobleme (1955), Band: 30/37; Diogenes, S. 210 f.

[7] Dürrenmatt, Theaterprobleme (1955), Band: 30/37; Diogenes, S. 210 f.

[8] Manfred Durzak, Dürrenmatt, Frisch, Weiss, Deutsches Drama der Gegenwart zwischen Kritik und Utopie, Reclam, 1972, (S.40)

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640702251
ISBN (Buch)
9783640701063
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157794
Institution / Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz) – Germanistisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
Dürrenmatt Besuch Dame Elemente Komödie Thema Der Besuch der alten Dame

Autor

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