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Suizid im Kontext der Schizophrenie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 25 Seiten

Soziologie - Medizin und Gesundheit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung – Der Suizid in der Gesellschaft

2 SCHIZOPHRENIE
2.1 symptome
2.2 Ursachen

3 Schizophrenie und Suizid
3.1 Psychische Erkranung und suizidale Handlung
3.2 Risikogruppen
3.3 ursachen und motivation für den suizid
3.4 zusammenfassung schizophrenie und suizid

4 SUIZIDPRÄVENTON UND PSYCHISCHE ERKRANKUNG

5 FAZIT

6 LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Das Thema Suizid gilt in modernen Gesellschaften immer noch als Tabuthema. Zwar gibt es in der gesellschaftlichen Debatte kaum noch Inhalte, die nicht thematisiert werden, sei es Geld, Karriere oder soziale Stellung. Zeitweise gehört es mittlerweile zum guten Ton, Tabus zu brechen, so vor allem in der Sexualität, in der es heute, im Gegensatz zu vergangenen Generationen, kaum noch etwas gibt, was nicht toleriert wird. Trotz allem bleibt der Suizid häufig selbst im Kontext der Medienkampagnen unkommentiert und wird gerne ignoriert. Dabei finden wir bereits in der Bibel Hinweise, neun an der Zahl im Alten und sieben im Neuen Testament, auf selbstverletzendes bzw. suizidales Verhalten, und auch in den Hochkulturen der Antike, vor allem bei den Griechen und Römern wurden diese Hinweise erkannt und dokumentiert. (vgl. Bronisch 2007: 8-9)

Kaum eine andere Thematik hat die Gelehrtenwelt über die Epochen so gespalten und Extreme hervorgebracht wie der Suizid. Während vor allem über die Jahrhunderte des Mittelalters bis zum Ende des 18. Jahrhunderts die Kirche eine religiöse Betrachtungs- und Verurteilungsweise prägte, hat sich gerade in der neueren Geschichte eine fundierte, medizinisch-psychosoziale Sicht durchgesetzt. „Der Bewertungsbogen hierfür reicht von Suizidalität als Ausdruck größter Freiheit bis hin zu Suizidalität als Ausdruck größter Einengung durch psychische Erkrankung, als Ausdruck seelischer, körperlicher oder sozialer Unfreiheit, von Suizidalität als Ausdruck einer sittlich hochstehenden Tat, die auch von der Gesellschaft gefordert werden kann, bis hin zu Verurteilung als verwerfliches, sünd- und schuldhaftes, religiös und sittlich verbotenes Handeln.“ (Wolfersdorf 2000: 12)

Die Thematik an sich hat schon Aufgrund seiner Interdisziplinarität über verschiedenste wissenschaftliche Bereiche eine breite Masse an Fachleuten beschäftigt. Die Religion und Philosophie beschäftigen sich vor allem mit den Fragen nach Sünde und Freitod, die Psychiatrie mit den therapeutischen und präventiven Maßnahmen, die neurobiologische Forschung mit dem Teilgebiet der „Psychobiologie“, die Soziologie mit den Strukturen, die zu suizidalem Verhalten führen, die Epidemiologie mit Faktoren wie Alter und Geschlecht, die mit Suiziden zusammenhängen und die Psychoanalyse z.B. mit ihren Teilbereichen der Aggressionsprobleme und Objektsicherung. (vgl. Wolfersdorf 2000: 13). Diese Liste könnte man beliebig weiter fortführen, z.B. wenn man die Rechtswissenschaft und die Rechtsprechung in puncto Suizid in Betracht zieht.

Trotz allem bleibt die Untersuchung der suizidalen Handlungen, sowie deren präsuizidalen Hinweisen schwierig. Die Probleme liegen auf der Hand: Bei der Erhebung von Daten z.B. bezüglich Suizid und Verkehr kann niemals mit voller Gewissheit davon ausgegangen werden, dass suizidale Absichten des Fahrers zu einem Autounfall mit Todesfolge führten. Der Fahrer könnte lediglich einer Unachtsamkeit oder höherer Gewalt zum Opfer gefallen sein. Eine weitere Möglichkeit wäre eine geplante, angekündigte „Suizidfahrt“ des Fahrers, die aber ein vorzeitiges Ende mit Todesfolge durch die Schuld eines anderen Autofahrers erleidet. Ist dieser Umstand in der Statistik als Tod durch Suizid zu verzeichnen oder ein Fall für die Statistik der Verkehrstoten durch Unfälle? Die Problematik der Messbarkeit beginnt schon mit der Begriffsdebatte, die vor allem von den Begriffen „Selbstmord“, „Freitod“, „Selbsttötung“ und „Suizid“ dominiert wird. (vgl. Watzka 2008: 23f.) Oft streitet man sich in der Fachliteratur auch über Dimensionen von suizidalen Handlungen und der Frage, unter welchen Kriterien eine Handlung als suizidal eingestuft werden kann.

Auch wenn bei der Messbarkeit und Definition von Suiziden Unschärfen und Erhebungsprobleme einkalkuliert werden müssen, gibt es eine Fülle an Studien und literarischen Werken, die sich mit der Thematik auseinandersetzen und analysieren. Diese Hausarbeit befasst sich im Hauptteil mit der Epidemiologie von Suizid in Bezug auf die psychische Erkrankung Schizophrenie. Nach Vorstellung der Symptome und Ursachen sollen die Auswirkungen der Krankheit auf suizidales Verhalten beleuchtet werden. Im Anschluss daran werden aktuelle Therapieformen vorgestellt. Darauf folgt eine Skizzierung präventiver Maßnahmen im klinischen wie im privaten Bereich, die häufig unmittelbar mit dem Thema Therapie verbunden sind. Als Abschluss der Arbeit erfolgt eine soziologische Betrachtungsweise und Verknüpfung des Suizids mit dem Thema Gesundheit und Devianz. Die Beschreibung der Krankheit im Ganzen wird gezielt relativ ausführlich dargestellt, um dem Leser ein besseres Verständnis für suizidale Handlungen, unter Einfluss der Krankheit, zu ermöglichen, hierzu dienen ebenso die punktuell angeführten Patientenbeispiele.

2 Schizophrenie

Die Schizophrenie ist eine der bekanntesten psychischen Störungen. Die Erkrankung war Hauptgegenstand vieler bekannter Filme, wie dem Oscar-prämierten Werk „A beautiful Mind“ aus dem Jahr 2001, der filmischen Biographie des Schizophrenen Karl Koch „23“ aus dem Jahr 1998 oder dem Film „Das weiße Rauschen“, der mit dem bayrischen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Allerdings handelt es sich bei der Schizophrenie nicht um die, wie im Volksmund oft behauptete, Aufspaltung der gesamten Persönlichkeit in verschiedene Charaktere oder eine Krankheit die den Abbau von Hirnsubstanz bedeutet. (vgl. Hell/Schüpbach(2008): 7ff) „Die Schizophrenien stellen vermutlich keine einheitliche, sondern eine heterogene Gruppe von Psychosen dar, (…][bei der] die elementarsten Störungen in einer mangelhaften Einheit, in einer Zersplitterung und Aufspaltung des Denkens und Wollens und des subjektiven Gefühls der Persönlichkeit (…) liegen.“[Tölle/Windgassen 2006: 203)

2.1. Symptome

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt in der aktuellen ICD 10 genauere Bespiele, was unter den im letzten Satz beschrieben, aber allgemein gehaltenen Grundsymptomen zu verstehen ist: „Die Klarheit des Bewusstseins und die intellektuellen Fähigkeiten sind in der Regel nicht beeinträchtigt. Im Laufe der Zeit können sich jedoch gewisse kognitive Defizite entwickeln. Die Störung beeinträchtigt die Grundfunktionen, die dem normalen Menschen ein Gefühl von Individualität, Einzigartigkeit und Entscheidungsfreiheit geben. Die Betroffenen glauben oft, dass ihre innersten Gedanken, Gefühle und Handlungen anderen bekannt sind, oder dass andere daran teilhaben. Ein Erklärungswahn kann entstehen, mit dem Inhalt, dass natürliche oder übernatürliche Kräfte tätig sind. (…) Die Betroffenen können sich so als Schlüsselfigur allen Geschehens erleben. Besonders akustische Halluzinationen sind häufig. (…) Farben und Geräusche können ungewöhnlich lebhaft oder in ihrer Qualität verändert wahrgenommen werden“ (WHO 1994: 103)

Die Kategorisierung und Typisierung der einzelnen Symptome sind in der Fachliteratur höchst unterschiedlich. Das liegt vor allem daran, dass die Grenzen zwischen einzelnen Subtypen unscharf sind, aber auch an den verschiedenen Ansätzen, nach welchen Kritierien Schizophrenien zu kategorisieren sind. Besonders wichtig ist hier zur Absicherung die Heranziehung von neurobiologischen Befunden sowie therapeutischen Ergebnissen. (vgl. Tölle/ Windgassen: 205)

Will man die Hauptsymptome des Krankheitsbildes beschreiben, ist die Einteilung in verschiedene Wesenszüge des Patienten sinnvoll: Das Denken an sich steht hierbei an erster Stelle. Der durch Wahnvorstellungen und Halluzination geprägte Verstand des Schizophrenen hat durchaus „gewisse Beziehungen zu dem allgemeinen Wunschdenken Gesunder, unterscheidet sich von diesem jedoch durch seine bizarre und absurde Art, durch Widersprüche in sich und durch Verbindungen mit dem Wahnerleben.“ (ebd.:193) Modestin spricht in diesem Zusammenhang von einem „intrapsyischen, internalisierten Konflikt.“ (Modestin 1987: 143) Eine charakteristische Ausprägung zeigt das schizophrene Denken in der schnellen Aufeinanderfolge von dem typischen zerfahrenen Denken und geordneten Denkvorgängen. (vgl. Tölle/ Windgassen 2006: 192)

Die Sprache ist der nächste Bezugspunkt für eine Einteilung. Es liegt auf der Hand, dass die (Aus-)Sprache direkt mit dem Denken zusammenhängt. Die „Spracheigentümlichkeiten“ (ebd.: 194) sind je nach Schwere und Zustand der Erkrankung sehr unterschiedlich. Diese äußern sich z.B. in Rededrang oder Redehemmung, Neologismen (Wortneubildungen), wie beispielsweise „trauram“, der Kombination aus „traurig“ und „grausam“, sowie bei Problemen im Erstellen sinnvoller Textblöcke, was sich sogar im Schriftbild des Patienten widerspiegeln kann. Bei starker Ausprägung misslingt dem Gesprächspartner eine Deutung des Sinns der Aussagen und es entsteht unter Umständen der Eindruck einer Privat- oder Geheimsprache. Angelehnt an dieses Extrem ist die Schizophasie, die umfassende Sprachverwirrtheit. (vgl. ebd.: 194)

Als letztes Beispiel sei hier, auch in Bezug auf den Suizid, die Angst als Wesenszug genannt. „Angst vor dem Unbekannten und Unheimlichen der erlebten psychotischen Persönlichkeitsveränderung, besonders in Anfangsstadien der Schizophrenie. Später wird die Angst des Schizophrenen vielfach vom Wahnerleben bestimmt, vor allem im Verfolgungswahn. Die Angst des Schizophrenen behindert Annäherungen an andere. Angst steht auch hinter Erregung und Aggressivität schizophrener Kranker. In akuten Stadien der Krankheit fehlt Angst praktisch nie.“ (ebd.: 195)

Windgassen verweist in seinem Buch noch auf weitere Hauptsymptome wie Affektivität, Ambivalenz, Wahn, Halluzination und verschiedene katatone Symptome (vgl. ebd. 192ff), die natürlich alle mit dem Suizid des Patienten unmittelbar in Verbindung stehen, aber Aufgrund der begrenzten Seitenzahl nicht näher beschrieben werden sollen. Zusammenfassend lässt sich die Vielseitigkeit der Erkrankung in Bezug auf seine Symptome feststellen, die beim einzelnen Kranken nicht sämtlich und in verschiedenen ausgeprägten Stärken auftreten und sich zum Teil zu bestimmten Syndromen zusammenschließen. Klar bleibt aber, dass es sich bei der Schizophrenie um eine „tiefgreifende psychische Störung“ (ebd.: 201) handelt. Benedetti beschreibt das Erleben des Kranken als „Todeslandschaft der Seele“. (Benedetti zitiert in ebd.: 201) Dörner fasst zusammen: „(…) die Betroffenen [sind] längst im Teufelskreis der Angst vor der Angst…Die Verarmung der Landschaft treibt die Hochspannung höher, da es für Handlungen keine unschuldigen Realitätsbezüge und damit Entlastung mehr gibt. (Dörner et al. 2009: 315)

Patient 136: Die schizophrene Patientin lebt seit ihrem 27. Altersjahr bis zu ihrem Tod, 18 Jahre später, in der Klinik. Etwa ein halbes Jahr nach der Index-Aufnahme unternimmt sie einen ernsthaften Suizidversuch, indem sie sich aus dem Klinikfenster in den Hof hinunterstürzt. Der Suizidversuch erfolgt im Zustand einer manifesten Psychose und unter dem Einfluß von akustischen Haluzinationen: Stimmen hätten ihr wiederholt auf eine unerträgliche Art gedroht, sie komme in ein Gefängnis; sie hatte in der Tat vor Jahren einmal ein Fünffrankenstück entwendet.(…) Zwölf Jahre später unternimmt die Patientin einen erneuten ernsthaften Suizidversuch, indem sie wiederum aus dem Fenster springt. Sie läßt anschließend durchblicken, alle um sie herum leben, sie aber nicht, sie deutet das Gefühl an, etwas vom Leben verpaßt zu haben, vergleicht sich mit ihren „normal“ lebenden Brüdern, zeigt ein Minderwertigkeitsgefühl. (…) Zwölf Jahre später springt die Patientin zum dritten Mal aus dem Klinikfenster, diesmal zertrümmert sie sich den Schädel. (Modestin 1987: 145)

2.2 Ursachen

Die Ursachenforschung der Schizophrenie bezeichnen Hell und Schülpbach als „eine der größten Herausforderungen der Psychiatrie“ (Hell/Schülpbach 2008: 60) und Windgassen schreibt: „Wir kennen nicht die Ursache der Schizophrenien, und nach dem heutigen Wissensstand ist es auch unwahrscheinlich, dass die Schizophrenien auf eine einzige Ursache zurückzuführen sind.“ (Tölle/Windgassen 2006: 211)

Trotz einer Vielzahl von Forschungsansätzen konnten bisher weder Störungen sozialer, körperlicher oder psychologischer Art als der Auslöser für Schizophrenie festgestellt werden. Es konnten aber dennoch Teilaspekte der Erkrankung analysiert und geklärt werden, woraus die Annahme resultiert, dass schizophrene Krankheitsbilder aus mehreren Faktoren resultieren und somit eine „ multifaktorielle Entstehung“ voraussetzt. (vgl. Hell/Schülpbach 2008: 60)

In Bezug auf genetische Faktoren lassen sich durchaus Gemeinsamkeiten feststellen. Familienuntersuchungen haben gezeigt, dass eine erhöhte Häufigkeit der Krankheitssymptomatik bei Verwandten auftritt, wenn ein Familienmitglied an Schizophrenie erkrankt ist. Liegt das allgemeine Risiko einer Erkrankung in der Normalbevölkerung bei einem Prozent, so liegt das Risiko für Eltern von Schizophrenen schon bei 5%, für Geschwister bei 9% und für Kinder des Schizophrenen bei 13%. Noch deutlicher erkennbar ist dieser Faktor bei Zwillingsstudien, die Konkordanzraten von 31-78% bei eineiigen und 6-28% bei zweieiigen Zwillingen ergaben. Noch einmal verstärkt wird der genetische Faktor durch Adoptionsstudien, die zwischen „Vererbung und sozialem Einfluss differenzieren“ (Tölle/Windgassen 2006: 212) und zu dem Ergebnis kamen, dass adoptierte Kinder schizophrener Mütter häufiger erkranken als Kinder nicht-schizophrener Mütter. Trotz aller genetischer Hinweise bleiben Faktoren offen, z.B. aufgrund des Umstandes, dass die Übertragung weiterhin ungeklärt ist und auch die Genorte für schizophrene Erkrankungen nicht ausgemacht werden konnten. (vgl. Tölle/Windgassen 2006, 211f; Hell/Schüpbach 2008: 61ff)

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Details

Seiten
25
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640704798
ISBN (Buch)
9783640704545
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157789
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,7
Schlagworte
Suizid Kontext Schizophrenie

Autor

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Titel: Suizid im Kontext der Schizophrenie