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Wolfgang Hildesheimers "Mozart" – Ein Revisionsversuch des tradierten Mozart-Bildes aus der bisherigen Biographik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 21 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Vorgehensweise des Autors

3. Wahres oder Scheingenie? – Begriffsabgrenzung

4. Kein Apollo, sondern Dionysos – Das Mozart- Bild von W. Hildesheimer

5. Zusammenfassung

1. Einleitung

Mit dem 1977 erschienenen Roman Mozart erzielte Wolfgang Hildesheimer einen unerwarteten Verkaufserfolg, durch den er großes Aufsehen erregte. Neben zahlreichen Lobpreisungen erntete das kontroverse Buch viele kritische Reaktionen,[1] da es dem gängigen Mozart-Bild in der Literatur deutlich widersprach. Und genau dies bezweckte Hildesheimer mit seiner Darstellung der Person Mozarts.

In Abgrenzung zu unzähligen Darstellungen des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, denen der Autor eine mystifizierende Idealisierung des Künstlers vorwirft, will er das einem „mehrfach übermalten Fresco“[2] ähnelnde Mozart-Bild endlich wiederherstellen. Wie der Autor einräumt, liegt „das Elend einer Trivialbiographie“[3] in ihrer Ausrichtung auf kommerziellen Erfolg und die Erwartungen der Leser. Um diesen Ansprüchen zu genügen, haben viele der bisherigen Biographen die unliebsamen Tatsachen aus Mozarts Leben verheimlicht und ihren Helden zu einem strahlenden Idol stilisiert:

„In ihm wird das Unheimliche überspielt, das als unwesentlich Betrachtete kurzerhand ausgelassen, das Peinliche hinweggeklärt […] und somit wird die Figur nach allen Seiten, nach oben und - vor allem – nach unten abgerundet, geglättet und frisiert, bis sie einem vagen apollinischen Ideal – und Idol – entspricht, das freilich allzu oft aus der Rolle fällt […].“[4]

Solche auf dem Wunschdenken der Rezipienten aufbauenden literarischen Fiktionen führen nach Hildesheimer unweigerlich zur Verfälschung der historischen Wahrheit.

Entgegen den weit verbreiteten Vorstellungen war Mozart nicht in allem, was er tat, ein Meister gewesen. Er hatte wie jeder andere Mensch seine Schwächen, welche der Autor in seinem biographischen Essay[5] aufzudecken verspricht. Damit verfolgt er das Ziel, die landläufigen Klischees und Stereotypen über den weltbekannten Musiker abzuschaffen und dessen über jahrhundertelang verzerrtes Bild zurechtzurücken.

Obwohl sich Hildesheimer ausdrücklich dazu bekennt, ein Bewunderer Mozarts zu sein, nimmt er durch seine Arbeit für sich in Anspruch, den Künstler von seinem Denkmalsockel zu stoßen, um ihn auf diese Weise von den Legenden zu befreien.

Eine von ihnen betrifft Mozarts Beziehung zu seinen zwei wichtigsten Wirkungsstätten Wien und Salzburg, die wie der Autor vermerkt „eine Legion von Apologeten“[6] gefunden hat. Hildesheimer greift schonungslos den Kulturpatriotismus jener österreichischen Schriftsteller an, die durch ihre mystifizierenden Interpretationen das Musikgenie in Besitz ergreifen wollen. Wenn beispielsweise Bernhard Paumgartner über Mozarts Verbleib in Wien nach dem Bruch mit dem Erzbischof (1781) pathetisch schreibt: „Mit mütterlichen Armen umfängt die Stadt Donau den sturmbewegten Künstler als Heimat seiner Meisterjahre“,[7] so wendet Hildesheimer dagegen ein, dass Wanderjahre keine Heimat haben. Diese Legende von der vereinnahmenden Heimatstadt stellt der Autor kritisch in Frage, mit der Begründung, dass es sich im Falle von Wien weniger um Mozarts Heimatstadt, als um die Stadt seines Elends[8] handele.

Für genauso unberechtigt hält der Autor die ethnischen Ansprüche Salzburgs an den dort Geborenen, „denn Mozart hat diese Stadt nun wirklich gehasst und […] ihre Bewohner bekanntlich mit einem Vokabular bedacht, das an Verbalinjurien grenzt.“[9] Den Status einer wahren Mozartstadt erkennt Wolfgang Hildesheimer einzig der Stadt Prag zu, wo sich der Komponist heimisch fühlte und seine größten Erfolge feiern konnte.

Mit seiner Pionierarbeit leitete Hildesheimer zweifelsohne eine Wende in der bisherigen Rezeptionsgeschichte von Mozart ein. Das traditionelle Künstlerbild, welches bis in das „aufgeklärte 20. Jahrhundert“ hinein unangetastet blieb, kippt bei ihm völlig um. Trotzdem bleibt, wie im Folgenden gezeigt werden soll, Hildesheimers Darstellungsweise, nicht von Widersprüchen frei und führt letzten Endes zu einer erneuten Verklärung der Mozartfigur.

2. Die Vorgehensweise des Autors

Im Gegensatz zur herkömmlichen Mozartbiographik, aus deren Fehlern Hildesheimer lernen möchte, zieht er Erkenntnisse aus der Psychoanalyse heran, um sich der Person des Komponisten zu nähern. Mit Hilfe dieser Forschungsrichtung glaubt er das Rätsel um

diesen „größten und geheimnisvollsten Musiker aller Zeiten“[10] lösen zu können:

„Denn es ist unmöglich, eine Gestalt der Vergangenheit, geschweige denn ein Genie, zu verstehen, wenn man niemals den Versuch gemacht hat, sich selbst zu verstehen. Da nun aber gemeinhin zwischen der Psyche des Genies und der des Interpreten wenig Affinität besteht, sollte der Interpret die Erkenntnisse der Psychoanalyse, und zwar einer an sich selbst erfahrenen, anwenden. Denn sie hat ihn gelehrt, den Grad seiner Beziehung zu und der Identifikation mit seinem Gegenstand zu bestimmen und zu regulieren, somit den positiven wie negativen Affekt so weit wie möglich auszuschalten.“[11]

Hildesheimer fühlt sich seinen Vorläufern gegenüber überlegen, da sie dem Irrtum verfallen sind, „die potentielle Reaktion der eigenen Seele als Maßstab“[12] in ihrer Auseinandersetzung mit Mozart anzuwenden. Hildesheimer selbst behauptet zwar, sich einer Psychoanalyse unterzogen zu haben, stellt jedoch seinem Buch kein Bild Seines selbst voran. Dies ist eine von vielen Inkonsequenzen bzw. Widersprüchen, die dem Autor unterlaufen.

Einen weiteren Vorteil vor anderen Mozartbiographien räumt sich Wolfgang Hildesheimer durch eine tief empfundene Verwandtschaft mit seinem biographischen Objekt ein, wodurch es ihm leichter gefallen sei, sich mit Mozart zu identifizieren. Er glaubt auch aufgrund seines Künstlerberufs,[13] die Abläufe schöpferischer Prozesse besser nachvollziehen zu können als diejenigen, die auf diesem Felde nicht tätig sind.

Wie Hildesheimer feststellt, ist es schwierig, einem Genie der Vergangenheit nahe zu kommen, was sich vornehmlich aus dem historischen Abstand zu diesem ergibt. Er selbst versuchte dieses Problem zu lösen, indem er begann, sich in seinen Helden hineinzuversetzen und sein exzentrisches Verhalten nachzuahmen:

„Ich selbst – und hier liegt beinah so etwas wie aktiver Identifikationszwang - habe meinen Helden nachzuahmen versucht, habe, beim Händewaschen hin- und herlaufend, die hacken aneinander geschlagen, habe wie eine Katze miaut […] und mir erscheinen solche Handlungen überaus plausibel, wahrscheinlich sogar notwendig als ausgleichende Reflex-Symptome einer intensiv kreativen Natur in ihrer kreativsten Perioden. Ich wurde also zu Mozart, mit dem mich zu messen natürlich Unfug und Unsinn wäre, dessen Lebensäußerungen ich jedoch, sofern sie sich nach außen so deutlich mitteilten, nachfühlen zu können meinte. Und ich denke, dass dies eine wesentliche Vorbedingung für jede Biographie ist: nicht nur die Fixierung an das Objekt, sondern größtmögliche Annäherung durch den Versuch der Identifikation. Doch gerade das hat kein mir bekannter Biograph vollzogen, alle haben sie das so genannte Negative zurückgewiesen, als handle es sich um eine Zumutung.“[14]

Unter Einbeziehung der überlieferten Zeugnisse und durch Erschließung der breiten Primärliteratur, die sich zu W. A. Mozart anbietet, entwirft Hildesheimer sein eigenes Bild des

Komponisten, welches weitgehend dessen subjektiver Sehweise entspringt.[15]

Dabei legt er keine Biographie in traditionellem Sinne vor, indem die Lebensgeschichte des Helden in einer chronologischen Abfolge wiedergeben würde. Vielmehr zeichnet sich sein Mozart-Buch durch die Technik der freien Assoziation[16] oder Collage aus, welche in seiner diskontinuierlichen Darstellungsweise ihren Niederschlag finden.

In den zahlreichen Miniaturaufsätzen, die der Autor dem Leser präsentiert, diskutiert er die ausgewählten biographischen und musikalischen Aspekte aus Mozarts Leben, denen er eigene Kommentare und Deutungen beigibt. Diese einzelnen Mosaiksteine, aus denen das Werk besteht, knüpfen sich zu einem überaus kühnen und anregenden Mozart-Bild zusammen, das in Teil 5.3 der vorliegenden Arbeit näher betrachtet wird.

3. Wahres oder Scheingenie? – Eine Begriffsabgrenzung

In seiner umstrittenen Mozart-Studie sammelt Hildesheimer eine Reihe von distinktiven Merkmalen, mit deren Hilfe er eine klare Grenze zwischen dem wahren und dem scheinbaren Genie zu ziehen versucht. Als typisches Erkennungszeichen des Pseudogenies nennt der Autor ein ungestilltes Bedürfnis sich der Umwelt mitzuteilen, was er folgendermaßen beschreibt:

„Das Scheingenie bedarf stets der Mitwelt als Partner, dem es sich, unter dem Vorwand, sich niemandem mitteilen zu können, mitteilt, und dessen Rolle in dieser Partnerschaft das demütige Versagen vor der Größe der bewunderten Gestalt ist. Sein Wirken trägt den Vorwurf mangelnden Verständnisses und mangelnder Opferbereitschaft in sich, es zelebriert sein Verletztsein.“[17]

Hildesheimer schreibt dem Scheingenie nicht nur die Neigung zu, sich nach außen verbal zu artikulieren, sondern auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Dass es den anderen sein Inneres offenbart, steht nach dem Autor im Dienste einer bestimmten Absicht: „Auf dem Teller der bettelnden Hand bietet es uns seine Seele dar, um uns zu schuldbewussten Zeugen, wenn nicht gar zur Ursache seines Leidens zu machen.“[18] Als klassisches Beispiel eines scheinbaren Genies kann nach Wolfgang Hildesheimer Reiner Maria Rilke gelten.

Das vom Autor entwickelte Konzept eines wahren Genies steht zu dem eines Scheingenies deutlich im Kontrast. Alles, was auf den erstgenannten Genietypus zutrifft, scheint sich bei dem anderen auszuschließen.

Das wahre Genie kennt keine erhellende Mitteilsamkeit, was jedoch nicht heißen soll, „daß es mitunter bis zum Exzess, gesellig sein könnte.“[19] Doch wie der Autor erläutert, handelt sich hier um eine „akustische Geselligkeit“, weil der Überbegabte seine Seelenzustände nicht im sozialen Austausch, sondern einzig in seiner Kunst preiszugeben vermag. Das wahre Genie sieht sich nicht in einer Relation zur Welt, häufig tritt es als ein kommunikativ gestörtes und solitäres Individuum auf. Es will sich nicht unter den gesellschaftlichen Bedingungen unterwerfen, da sie seiner künstlerischen Freiheit Fesseln anlegen. Typischerweise ist mit dem Streben nach schöpferischer Autonomie ein distanziertes Verhältnis des Genies zur Obrigkeit bzw. zu Hochgeborenen gepaart.

Sein Aufbegehren gegen herrschende Normen und Konventionen muss der Künstler zumeist mit dem Außenseiterdasein in gesellschaftlicher Entfremdung bezahlen. Trotz dieser Unvereinbarkeit ist er gezwungen, sich in der Gesellschaft eine Existenzberechtigung zu suchen, d.h. sein übernatürliches Können in den Dienst des Broterwerbs zu stellen.

[...]


[1] Mit seiner unkonventionellen Rezeptionsweise setzte sich Hildesheimer vor allem der Kritik des Salzburger Mozartteum aus, welches ihm vorgeworfen hat, einen unreinen und schmutzigen Mozart dargestellt zu haben. Vgl. Hildesheimer: Ich werde nun schweigen. Gespräch mit Hans Helmut Hillrichs in der Reihe „Zeugen des Jahrhunderts“ Hg. v. Ingo Hermann, S. 62.

[2] Vgl. Hildesheimer: Mozart, S. 7.

[3] Vgl. ebd., S. 11.

[4] Ebd. S. 16.

[5] Hierzu ist anzumerken, dass sich Hildesheimers Buch jeder literarischen Kategorisierung zu entziehen und die Grenzen allen Genres auszumanövrieren versucht.

[6] Vgl. Hildesheimer: Mozart, S. 13.

[7] Paumgartner: Mozart, S. 263.

[8] Diese Behauptung stützt der Autor auf die Erkenntnis, dass Mozarts Erfolg in Wien von kurzer Dauer war, da diese Stadt nur dem Altbewährten zum Erfolg verholfen habe. Analog dazu war das Eheglück des Komponisten in der Donaumetropole kurzfristig, denn bereits wenige Jahre nach der Heirat setzten materielle Sorgen der Familie zu (Vgl. Mozarts Bittgesuche ums Geld bei den Gläubigern).Vgl. Hildesheimer: Betrachtungen über Mozart, S. 24.

[9] Hildesheimer: Mozart, S. 13.

[10] Vgl. ebd., S. 14.

[11] Hildesheimer: Mozart, S. 10f. Die Hervorhebungen im Zitat stammen von Hildesheimer.

[12] Vgl. ebd., S. 11.

[13] Wolfgang Hildesheimer (1916-1991) war vor allem ein Grafiker und Maler. Mit seiner schriftstellerischen Tätigkeit begann er erst im Alter von 34 Jahren. Bis 1945 gab es für den gebürtigen Hamburger nur wenige Chancen zu einem wirkungsvollen Debüt als Literat. Wegen seiner jüdischen Abstammung musste er mit den Eltern aus dem nationalistischem Deutschland erst nach England, dann nach Palästina flüchten. 1946-48 arbeitete er als Simultandolmetscher bei Nürnberger Prozessen. Vgl. Grimm/Max (Hg.): Deutsche Dichter. Leben und Werk deutsprachigen Autoren vom Mittelalter bis zur Gegenwart, S.766.

[14] Hildesheimer: Das Ende der Fiktionen, S.133f. Hervorhebungen im Zitat stammten vom Autor.

[15] Hildesheimer gibt in seinem Buch vor, ein möglichst objektives Mozart-Bild zu schaffen, das frei von Affekten ist. Andererseits aber widerspricht er sich selbst, wenn er in einem Gespräch mit Helmut Hillrichs die Möglichkeit einer Objektivität in der Biographie leugnet. Vgl. Hildesheimer: Ich werde nur schweigen, S. 63.

[16] Vgl. Hildesheimer: Mozart und Marbot – Spiegelbücher?, S. 89.

[17] Hildesheimer: Mozart, S. 62.

[18] Ebd.

[19] Hildesheimer: Mozart, S. 63.

Details

Seiten
21
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640704750
ISBN (Buch)
9783640704927
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157755
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
Wolfgang Hildesheimers Mozart Revisionsversuch Mozart-Bildes Biographik

Autor

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