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Nationale Mythen. Goethekult im Kaiserreich

Seminararbeit 2008 20 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Biografie
1.2 Definition Mythos - Kult

2. Goetherezeption von 1832 -

3. Goethekult im Kaiserreich
3.1 Gründung der Goethe-Gesellschaft
3.2 Schiller im Kaiserreich
3.3 Abschwächung der Goethe Verehrung

4. Fazit

5. Bibliografie

1 Einleitung

Im deutschen Raum sind Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller um die Jahrhundertwende als kulturelle Geistesgrößen präsent wie selten zuvor. Gerade in den Jahren 1999 und 2005 fanden in allen größeren Städten Goethe-Gedenkfeiern zu seinem 250. Geburtstag beziehungsweise Festlichkeiten zu Ehren Schillers statt. Ihre Werke sind Pflichtlektüren in den Schulen und Universitäten. Neben diversen Goethe-Gesellschaften in aller Welt beschäftigen sich zudem das Goethe-Schiller Archiv und die Weimarer Klassik Stiftung mit dem Erhalt und der Ordnung ihres Nachlasses. Doch standen diese beiden Persönlichkeiten in der Vergangenheit nicht immer im Mittelpunkt des Interesses. Im Rahmen des Seminars „nationale Mythen“ entschied ich mich, den kulturellen Mythos Johann Wolfgang von Goethe zu untersuchen. Beim Einlesen in dieses Thema bemerkte ich, dass die Popularität des deutschen Dichters starken Schwankungen unterworfen war. Dies zeigt, dass im Laufe der Jahre eine Person wie Goethe samt seinen Werken unterschiedlich interpretiert werden kann. Finden seine Person und seine literarischen Werke keine Resonanz im politischen oder gesellschaftlichen Kontext, rücken sie in den Hintergrund um später wiederum im Rahmen einer Neuordnung in den Blickpunkt der Öffentlichkeit zu gelangen. Genauer gesagt verschwand Goethe im Vormärz fast von der öffentlichen Bühne, ganz im Gegensatz zu Schiller, während er mit der Gründung des Kaiserreiches 1871 wieder an Bedeutung gewinnt.

Die unterschiedliche Stilisierung des Mythos Goethe im 19. Jahrhundert möchte ich in meiner Seminararbeit untersuchen. In der Einleitung werde ich die Begriffe Mythos und Kult unterscheiden und eine kurze Biografie, speziell auf mein Thema zugeschnitten, anfügen. Im Hauptteil interessiert mich, aus welchen Gründen Goethe im Rahmen der Gründung des deutschen Nationalstaates zum Denkmal erhoben wurde und warum der ‚Olympier‘ Goethe als deutsche Geistesgröße, als Identifikationsfigur einer neuen geeinten Nation wahrgenommen wurde.[1] Eine genauere Betrachtung in diesem Zusammenhang findet die Gründung der Goethe-Gesellschaft. Zudem will ich untersuchen, ob man hier von einer Mythisierung Goethes im Kaiserreich sprechen kann oder es sich mehr um eine Verehrung aus dem sachlich-historischen Kontext heraus handelt. Als Hilfsmittel dienen dabei, neben der einschlägigen Literatur zur Rezeptionsgeschichte Goethes im 19. Jahrhundert auch die Schriften der Goethe-Gesellschaft und der Goethe-Philologen.

1.1 Biografie

Johann Wolfgang von Goethe wurde am 28.08.1749 in Frankfurt am Main geboren. Nach einer schulischen Ausbildung durch Vater und Hauslehrer nahm Goethe auf Drängen des Vaters im Jahre 1765 das Studium der Rechte in Leipzig auf. Ein Blutsturz zwang ihn, abzubrechen und Ende August 1768 nach Frankfurt zurückzukehren. Nach einer längeren Genesungszeit nahm er schließlich das Jurastudium in Straßburg wieder auf, um es 1771 zu beenden. Im September des gleichen Jahres begann Goethe eine vierjährige Tätigkeit als Anwalt. 1776 folgte er dem Ruf des Herzogs Karl August von Sachsen-Weimar zur Übernahme von verschiedenen Ämtern in der Regierungsarbeit. Während dieser Zeit entstanden u. a. die Werke „Götz von Berlichingen“ (1773) und „Die Leiden des jungen Werther“ (1774), die Goethe in der Sturm und Drang Phase berühmt machten. Nach den Erfolgen kam ein Wandel in sein Leben. Eine zunehmende Unzufriedenheit mit sich und seinem Umfeld veranlassten ihn, 1786 über Nacht nach Italien zu reisen. Erst knapp zwei Jahre später kehrte er wieder zurück und lernte Christiane Vulpius kennen, welche er 1806 heiratete. Im Jahre 1794 begann die Zusammenarbeit mit Schiller. Nach einer anfänglichen Distanz entwickelte sich eine tiefe Freundschaft zwischen den beiden Dichtern. In der zweiten Hälfte seines Lebens schrieb Goethe u. a. den „Faust I und II“, „Wilhelm Meister“, die „Römischen Elegien“, „Dichtung und Wahrheit“ und zusammen mit Schiller die „Xenien“.[2]

Der Wandel in seinem literarischen Schaffen, vom Sturm und Drang hin zur Romantik, ist bei der Untersuchung der Person Goethe im Hinblick auf die Rezeptionsgeschichte von entscheidender Bedeutung. Durch seine vielen Reisen und Aufenthalte im Ausland erhielt Goethe immer wieder Abstand vom deutschen Volk und neue Erfahrungen, die er in seinen Werken verarbeitete. Goethe gilt als bedeutender deutscher Dichter und ist eine herausragende Persönlichkeit der Weltliteratur. Sein Lebenswerk umfasst Gedichte, Dramen und Prosa-Literatur sowie Schriften zur Naturwissenschaft. Neben der Literatur beschäftigte sich Goethe mit anderen wissenschaftlichen Bereichen wie zum Beispiel der Geologie, Botanik oder der Farbenlehre. Am 22.03.1832 starb Goethe in seinem Haus am Frauenplan in Weimar.[3]

1.2 Definition Mythos - Kult

Hinsichtlich der Untersuchung der Mythisierung Goethes gilt es zuerst zwei elementare Begrifflichkeiten - Mythos und Kult - zu differenzieren. Das Wort Mythos stammt aus dem Griechischen und bedeutet übersetzt Wort, Rede oder Erzählung.[4] Mit anderen Worten handelt es sich um eine Überlieferung. In einer Mythisierung werden verstorbene Personen, vergangene Ereignisse oder Ideen von bestimmten Personen oder Gruppen in bestimmten Zeiten wieder vereinnahmt. Ein Mythos ist folglich von Dauer und mit der Erinnerung an diesen will man politisches oder gesellschaftliches Handeln legitimieren. Es wird eine identitätsstiftende Geschichte um den Mythos erzählt. So kann es passieren, dass dieselbe Person im Laufe der Zeit unterschiedlich angepasst oder interpretiert wird. Eine weitere Eigenschaft des Mythos ist seine popularisierende Wirkung. Er soll eine möglichst breite Wirkung erzeugen. Grundsätzlich lassen sich Mythen in kulturelle, religiöse, nationale oder bilaterale Mythen unterteilen. Meist wird dem Mythos auch eine nationale Bedeutung zugemessen, d. h. er wird von politischen oder religiösen Lagern vereinnahmt, womit natürlich seine individuelle Interpretation einhergeht.

Auf der anderen Seite ist nun der Kult zu definieren. Das Wort Kult kommt aus dem Lateinischen und wird mit Pflege, Bildung oder Verehrung übersetzt. Dieser wird mit einer Vergötterung bzw. übertriebenen Verehrung einer Person gleichgesetzt. Diese Verehrung ist mit einer Breitenwirkung verbunden.[5]

In diesem Punkt, der Beanspruchung von Massen, ist eine Überschneidung in den beiden Definitionen zu finden. Ein Mythos kann wie erwähnt in Form einer popularisierenden Wirkung auftauchen und in gleichem Maße der Kult breite Verehrung aufzeigen. In Anlehnung an diese beiden Definitionen wird die Person Goethe bezüglich einer Mythisierung in meiner Arbeit genauer erforscht.

2 Goetherezeption von 1832 - 1871

Schon zu Goethes Tod am 23.03.1832 fand es eine renommierte Zeitung, das Stuttgarter Literaturblatt, nicht für notwendig, die Menschen über diese Neuigkeit zu informieren.[6] Die Gründe für diese Abneigung gegenüber der Person und dem Dichter Goethe sind neben den politischen Umwälzungen auch in der Haltung der aufstrebenden Generation der neuen Literaten zu suchen. Namentlich sind es die Änderungen, welche mit der französischen Revolution einher gingen und die Restauration im geistigen Leben Deutschlands.[7] Goethes Handeln wurde nicht von zeitgeschichtlichen Ereignissen beeinflusst, ebenso vermied er es, durch Äußerungen Einfluss auszuüben auf die nationalen Geschicke.[8] Diese Neutralität erregte zusätzlich die Gemüter seiner Gegner, welche bereits an seiner Vaterlandsliebe zweifelten. Goethe stand somit den politischen Ereignissen neutral bzw. ablehnend gegenüber. Er weigerte sich in den kriegerischen Phasen eindeutig und öffentlich Stellung für die deutsche Sache zu beziehen.[9]

Der Pfarrer Pustkuchen-Glanzow sprach sogar von den Zeichen einer „schlechten und sittenlosen Zeit“[10], wenn man Goethe als einen großen Dichter in Deutschland rühmte, und sah in Goethe eine „Wetterfahne“, einen Mann ohne feste Überzeugungen.[11] In der Zeit des Vormärz schloss sich auch eine Gruppe von Schriftstellern (u. a. Heine, Gutzkow, Gervinus) unter der Bezeichnung Junges Deutschland zusammen, welche gegen Goethe Stimmung machten. Sie identifizierten sich mit dem Kampf gegen die französische Revolution sowie den nationalen Einheitsbestrebungen und warfen Goethe mangelnden Patriotismus vor.[12]

Neben dem liberalen Flügel übte zunehmend auch die Kirche Kritik an Goethe. Dies erfolgte in massiver Form durch die evangelische Kirche, in Person von Ernst Wilhelm Hengstenberg, Herausgeber der evangelischen Kirchenzeitung, welcher seine Leser warnte sich von Goethes Gedichten nicht „vom Pfad der Tugend abziehen zu lassen“.[13]

Diese negative Stimmung von vielen Seiten zeigt uns das Bild Goethes zu dieser Zeit. Viktor Hehn schilderte die Distanz zwischen Goethe und dem deutschen Volk im Jahre 1849 wie folgt:

„Ja man darf behaupten: das hundertste Jahr nach Goethes Geburt bezeichnete den tiefsten Stand seines Ansehens in der Nation: es war von der Nichtachtung fast bis zur Verachtung gesunken.“[14]

Einen weiteren Grund hinsichtlich der Distanz Goethes zur Öffentlichkeit in dieser Zeit möchte ich noch aufzeigen. Seine schwer verständliche Dichtweise fand im Vormärz keinen Zugang zum Leser. Die Deutschen lasen weniger Goethe und die Konzentration des Leserinteresses verlagerte Richtung der vermehrten Auflagen von Zeitungen und Zeitschriften.[15] Goethe verschwand aus dem öffentlichen Leben und sein Publikum beschränkte sich auf die höher gebildeten Gesellschaftsschichten der Großstädte. Er wurde als Dichter der Elite wahrgenommen. „Wer den Dichter will verstehen muss in Dichters Lande gehen“[16], stellte eine Aussage des Dichters zu dieser Zeit dar. Eine weitere im Bezug zu dem deutschen Volke möchte ich noch anfügen: „Sie mögen mich nicht! […] Ich mag sie auch nicht!“[17] Diese Äußerungen seitens Goethe machen die Spannung zwischen ihm und seiner Leserschaft deutlich, welche seine Werke nicht verstanden. In seinen Werken tauchen auch Gedankenfreiheit und Patriotismus auf, aber in einer anderen unverständlicheren Sprache. Zudem schrieb er in seinen Werken nicht weiter in dem volksgeliebten Sturm und Drang, sondern vermehrt im romantischen Stil, welcher seinen inneren Wandel verdeutlicht.

Schiller hingegen avancierte zum Dichter des Volkes. Er schrieb in seinen Gedichten über Vaterlandsliebe, über die Freiheit der Gedanken und gab der Bevölkerung damit Begeisterung, Mut und Stärke, welche diese in Zeiten der politischen Radikalisierung benötigte.[18] Er sprach damit die Massen an, die junge Generation, die Landbevölkerung sowie die Städte in den Provinzen.[19]

[...]


[1] Mandelkow, Goethe in Deutschland, S. 201.

[2] Jeßling, Metzler-Goethe-Lexikon, S. 565-576.

[3] Ebd.

[4] Wahrig, Brockhaus Deutsches Wörterbuch, S. 761.

[5] Ebd., S. 343.

[6] Vgl. Leppmann, Goethe und die Deutschen, S. 61-62.

[7] Ebd.

[8] Vgl. Boerner, Goethe über die Deutschen, S. 144.

[9] Ebd.

[10] Holzmann, Aus dem Lager der Goethe-Gegner, S. 35.

[11] Ebd.

[12] Vgl. Beutler und Bosse, Spuren, Signaturen, Spiegelungen, S. 233.

[13] Leppmann, Goethe und die Deutschen, S. 70-71.

[14] Mandelkow, Goethe in Deutschland, S. 85.

[15] Vgl. Leppmann, Goethe und die Deutschen, S. 63.

[16] Goethe, West-Östlicher Divan, S. 163.

[17] Boerner, Goethe über die Deutschen, S. 142.

[18] Vgl. Mandelkow, Goethe in Deutschland, S. 131.

[19] Ebd., S. 134.

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640714407
Dateigröße
658 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157663
Institution / Hochschule
Université de Fribourg - Universität Freiburg (Schweiz)
Note
5,5
Schlagworte
Goethe Kaiserreich Nation Mythos Kult

Autor

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Titel: Nationale Mythen. Goethekult im Kaiserreich