Lade Inhalt...

Adressierung, Präsenz, Bindung. Durch welche inszenatorischen und charakterlichen Korrelationen wird das Phänomen der Parasozialen Beziehung subventioniert?

Seminararbeit 2010 11 Seiten

Theaterwissenschaft, Tanz

Leseprobe

Das Phänomen der Parasozialen Beziehung zwischen einem medialen Akteur und seinem Zuseher ist als steter Part der Medienrezeption in vielerlei Hinsicht interessant und auf reizvolle Weise erforschenswert.

Simultan mit der internen Weiterentwicklung und Ausreifung der Medientheorie ist der aktive Rezipient vermehrt in den Fokus des Interesses gerückt und mit ihm die in der Kommunikationswissenschaft lange Zeit kaum beachtete parasoziale Interaktion.

Die folgende Untersuchung möchte darlegen, welche Prämissen gegeben sein müssen, um aus einer Interaktion, die der Rezipient beim Fernsehkonsum aufgrund des permanenten expliziten sowie impliziten Adressierungscharakters spezifischer Formate, unter ihnen die Talkshow, meist zwangsläufig eingeht, eine paranormale Konnexion entstehen zu lassen. Vornehmlich wird sie, divergent zu bereits durchgeführten Studien, ihren Fokus auf etwaige Korrelationen mit Persönlichkeitseigenschaften des Rezipienten sowie spezifischen Inszenierungskonzepten legen. Für eine beispielhafte Betrachtung bietet sich hierbei insbesondere das Format der Talkshow mit ihrer kontinuierlichen Ausstrahlung, ihrem Live- sowie auffällig hohem Adressierungscharakter an. Die Interaktion mit medialen Akteuren bildet die Grundvoraussetzung für die Herausbildung einer parasozialen Beziehung.

Wie sich jener Prozess im Detail vollzieht, wird die Arbeit anhand des „Kreis-Prozess-Modells“ von Tilo Hartmann, Holger Schramm und Christoph Klimmt in ihrer 2004 erschienenen Publikation „Personenorientierte Medienrezeption. Ein Zwei-Ebenen-Modell parasozialer Interaktion“ aufzeigen. Die Autoren postulieren, dass zu einer Persona, zu medialen Akteuren, die „es schaffen eine intime Beziehung zu einem anonymen Massenpublikum aufzubauen“[1], unablässig und in ihrer Intensität je nach Obtrusivität, Persistenz, Adressierung und Motivation variierende parasoziale Interaktionsprozesse von statten gehen[2].

1956 publizierten die amerikanischen Psychologen Donald Horton und Richard Wohl in der Fachzeitschrift „Psychiatry“ einen grundlegenden Artikel mit dem Titel „Mass communication and parasocial interaction. Observations on Intimacy at a Distance“[3] und legten damit die Basis der geplanten Untersuchung, in dem sie erstmals vorschlugen, das Verhalten der Zuseher bei der Medienrezeption als soziale Interaktion zu betrachten, auf Grund derer sich spezifische parasoziale, aber dennoch einer „face-to-face-Beziehung“ ähnelnden Konnexionen zwischen ihnen und den Darstellern entwickeln würden.
Von welchen Variablen die Intensität jener Beziehungen bestimmt wird, wie sich zuschauer abhängige Faktoren, wie beispielsweise Einsamkeit, Bildungsstand oder Verlustängste des Rezipienten, sowie zuschauer unabhängige Faktoren wie der Inszenierungsstil des Formates, die Anzahl der direkten und indirekten Adressierungen beispielsweise, auf den Prozess auswirken, möchte diese Untersuchung anhand des Talkshowformates „Britt“ aufzeigen.

Als Material meiner Beispielanalyse, die sich ihm begrenzten Rahmen des vorliegenden Forschungsexposés lediglich auf textinterne und damit zuschauerunspezifische Elemente konzentrieren wird, dient eine im Internet frei zugängliche Aufzeichnung der Sendung, die am 27.01.2010 unter dem Titel „Beziehungs-Aus. Gib mir bitte noch eine Chance!“ im deutschen Privatsender Sat1 zu sehen war[4].

Die erste direkte Adressierung des Rezipienten findet bereits in den ersten Sekunden statt, die Begrüßung der Zuseher durch die Moderatorin Britt Hagedorn, auf die die typischen Charakteristika einer Personae zutreffen, wie sie Horton und Wohl als kennzeichnend postulierten, und die sich auszeichnet durch die Kontinuinität ihrer Erscheinung, die gemeinsame, Verbundenheit suggerierende Geschichte, die sich durch die stete Rezeption der Talkshow entwickelt, sowie ein „Gefühl von Intimität, das die besondere Beziehung kennzeichnet. Ein solches Gefühl liegt darin, den Zuschauer während der Rezeption vergessen zu lassen, dass es sich um eine mediale Inszenierung handelt.“[5]

Jenes Gefühl der Intimität wird vornehmlich durch die in den Kameraeinstellungen dominierenden Großaufnahmen der Moderatorin vermittelt. Des Weiteren ist die Personae sehr volksnah und dementsprechend sympathisch inszeniert, agiert sie doch mit wenigen Ausnahmen stets im Bereich des in der Sendung anwesenden Publikums. Sie repräsentiert einen „nachbarschaftlichen“ Typus, was vor dem Faktum, dass bereits vorliegende Untersuchungen, wie beispielsweise die Erhebungen von Uli Gleich und Michael Burst, gezeigt haben, dass sich die Beziehungsqualität zu medialen Akteuren kaum different zu jener zu guten Nachbarn verhält[6], besonders bedeutsam erscheint.

Der Kamerastandpunkt befindet sich signifikanter Weise ein wenig seitlich der Talk-Gäste, so dass Britt, wenn sie mit jenen interagiert, stets in die Kamera und damit gleichsam in das „Auge“ des Rezipienten blickt[7], der in seiner partizipativen Rolle somit zwangsweise in eine parakommunikative Situation eintritt, denn, so Hartmann et al.:

[...]


[1] Jezek, Nicole Petra, „Parasoziale Interaktionen mit Serienprotagonisten. Zusammenhänge zwischen parasozialen Beziehungen, Kontrollerwartung, Selbstkonzept und Wertvorstellungen am Beispiel von: Die Waltons, Eine himmlische Familie, Gilmore Girls und Sex and the City“, Dipl.-Arb., Universität Wien 2008, S.67

[2] vgl. Hartmann, Tilo/ Holger Schramm/ Klimmt, Christoph, „Personenorientierte Medienrezeption. Ein Zwei-Ebenen-Modell parasozialer Interaktion.“ in : Publizistik. Vierteljahrsheft für Kommunikationsforschung 49/1, 2004, S. 25-47, hier S.30

[3] Horton, Donald/Richard R. Wohl, „Mass communication and parasocial interaction. Observations on Intimacy at a Distance“, in: Psychiatry 19, 1956, S. 215-229

[4] http://www.sat1.at/videocenter/view/382/sendungen/britt, Zugriffsdatum: 30.01.2010

[5] Wegener, Claudia, „Parasoziale Interaktion“, in: Handbuch Medienpädagogik, Hg. Uwe Sander/ Friederike von Gross/ Kai-Uwe Hugger, Ostfildern: Vs Verlag 2008, S. 294-297, hier S.294

[6] vgl. Gleich, Uli, „Parasoziale Beziehungen von Fernsehzuschauern mit Personen auf dem Bildschirm“, in: Medienpsychologie. Zeitschrift für Individual- und Massenkommunikation 1, 1996, S. 182-201, hier S.189

[7] vgl. Angel, Bettina, „Innere Repräsentation von Medienfiguren bei TV-Zuschauern. Ein empirischer Vergleich zur Wahrnehmung von Fernsehmoderatoren im Rahmen parasozialer Interaktion – am Beispiel der Moderatoren Armin Assinger in der Quiz-Sendung ‚Millionenshow’ und Günther Jauch in der Quiz-Sendung ‚Wer wird Millionär?’“, Dipl.-Arb., Universität Wien, Fakultät für Sozialwissenschaften 2005, S.29f

Details

Seiten
11
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640714728
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157605
Institution / Hochschule
Universität Wien – Theaterwissenschaft
Note
2
Schlagworte
Parasoziale Beziehung Adressierung Präsenz Bindung

Autor

Zurück

Titel: Adressierung, Präsenz, Bindung. Durch welche inszenatorischen und charakterlichen Korrelationen wird das Phänomen der Parasozialen Beziehung subventioniert?