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Bounded Rationality Theory. Die Theorie der begrenzten Rationalität nach Herbert A. Simon.

von Boris Lang (Autor) Martina Müller (Autor)

Seminararbeit 2010 37 Seiten

Informatik - Wirtschaftsinformatik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Motivation

1 Grundposition und Ziele.
1.1 Ultimatumspiel
1.2 Homo Oeconomicus
1.3 Rationalität

2 Entwicklungspfade
2.1 Begrenzte Rationalität
2.2 Kognitive Beschränkung
2.3 Ecological Rationality
2.4 Relevanz von Emotionen in Entscheidungssituationen
2.5 Anwendung der Theorie in der Wissenschaft
2.5.1 Verhaltensökonomik
2.5.2 Verhaltensanomalien
2.5.3 Behavioural-Finance-Theorie
2.5.4 Wirtschaftsinformatik

3 Vorgehensmodelle
3.1 Satisficing
3.2 Heuristiken
3.2.1 Schnelle und einfache Heuristiken
3.2.1.1 Ignorance-based decision making
3.2.1.2 One-reason decision making
3.2.1.3 Elimination heuristics for multiple-option choices
3.2.1.4 Satisficing Heuristics
3.2.2 Adaptive Heuristiken - Abgrenzung

4 Reputation der Theorie in der Literatur

5 Bewertung der Theorie

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 2-1 In Anlehnung an Wiswede (2007), Darstellung der Wertfunktion der Prospect-Theory

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1-1 In Anlehnung an Weber et al. (1981), Die vier Formen der Rationalität

Tabelle 2-1 In Anlehnung an Sydow et al. (2005), Ökonomisch relevante Verhaltensanomalien

Tabelle 4-1 Artikelübersicht

„Ich kann die Bewegung der Himmelskörper berechnen, aber nicht das Verhalten der Menschen.“

Isaac Newton (1643-1727)

1 Grundposition und Ziele

Der Fokus dieser Arbeit liegt auf der Darstellung der Theorie der begrenzten Rationalität, aufbauend auf den Ausführungen von Herbert A. Simon. Zu diesem Zweck werden im ersten Kapitel die Grundpositionen und Ziele vorgestellt. In diesem Rahmen wird der Grundgedanke der begrenzten Rationalität anhand einer Darstellung des Ultimatumspiels erläutert und es er- folgt eine nähere Betrachtung des Homo Oeconomicus sowie des Begriffs Rationalität an sich.

1.1 Ultimatumspiel

Um ein grundlegendes Verständnis für das Paradigma „rationales Entscheiden“ zu schaffen, soll zu diesem Zweck im Folgenden das Ultimatumspiel aus der Spieltheorie vorgestellt wer- den. Dieses Spiel beschäftigt trotz des sehr simplen Spielaufbaus und der einfach gestalteten Grundidee Spieltheoretiker weltweit seit vielen Jahren.

Der Spielverlauf des Ultimatumspiels sieht vor, dass ein Betrag in Höhe von 100 Euro unter zwei Personen, Spieler A und Spieler B, aufgeteilt werden soll. Spieler A hat dabei die Auf- gabe, den Betrag aufzuteilen und muss hierfür in einem ersten Schritt festlegen, wie viel von diesem Betrag er Spieler B anbieten möchte. Spieler B kann diesem Angebot anschließend zustimmen oder es ablehnen. Stimmt Spieler B zu, wird das Geld dem Vorschlag entspre- chend aufgeteilt. Lehnt er jedoch ab, so gehen beide Spieler leer aus. Des Weiteren gelten ein striktes Verhandlungsverbot sowie ein vorgegebener Zeitraum, in welchem sich Spieler B entscheiden muss. Das Spiel ist weiterhin nicht wiederholbar, weshalb Lerneffekte und strate- gisches Verhalten ebenfalls ausgeschlossen sind.

Eine besondere Eigenschaft dieses sequentiellen Spiels besteht darin, dass Spieler B die Ent- scheidung von A bereits kennt, somit einen Informationsvorteil besitzt und seine Entschei- dung danach richten wird. Erschwert wird die Entscheidungssituation durch den Zeitdruck, unter welchem Spieler B steht. Somit muss er für jedes mögliche Angebot von Spieler A eine Antwort festlegen. Wird dieses Spiel mit mehreren unterschiedlichen Spielpartnern durchge- führt resultieren zumeist sehr ähnliche Ergebnisse. Sobald Spieler B ein Angebot größer oder gleich 50% der Gesamtsumme erhält, wird der Aufteilung zugestimmt und beide Parteien er- halten den ihnen zugedachten Betrag. Die eine Hälfte aller beobachteten Teilnehmer ent- scheidet sich für eine Verteilung von 50:50, welche als fair empfunden wird. Die andere Hälf- te wählt Verteilungen, die ihnen einen höheren Gewinn einbringt. Je unfairer die Verteilung für Spieler B ausfällt, desto geringer ist seine Bereitschaft zuzustimmen. Eine Verteilung von 0:100 wird nie akzeptiert, da der Spieler indifferent zwischen den Antwortmöglichkeiten ist. Indifferent bedeutet hierbei, dass er in allen Fällen eine Summe von 0 erhält und somit kein Interesse an einer Entscheidung hat.

Als Erklärung für das Verhalten der einzelnen Probanden werden verschiedene Begründungen genannt. So wählt der Großteil der Teilnehmer eine Verteilung, die von beiden Seiten als fair bzw. gerecht empfunden wird, um auf diese Weise das Risiko einer Ablehnung zu minimie- ren. Dies hat zur Folge, dass beide Partien mit einem höheren Nutzen aus dem Spiel gehen können. Genauer analysiert wurde dieser Zusammenhang von Wildmann, dessen empirische Untersuchungen in verschiedenen Gesellschaften der Welt ergeben haben, „dass die meisten Angebote um die vierzig bis fünfzig Prozent lagen, lagen Angebote unter dreißig Prozent, wurde üblicherweise abgelehnt“ (Wildmann 2007, S. 140). Den Grundprinzipien des Homo Oeconomicus entsprechend müsste Spieler B jedoch auch eine Aufteilung von 1:99 akzeptie- ren. Trotz der offensichtlich unfairen Verteilung würde er sich schließlich gegenüber der Ausgangssituation verbessern und seinen materiellen Nutzen somit erhöhen. Nach Voigt ver- stehen Ökonomen unter Nutzen „die Fähigkeit eines Gutes, zur Befriedigung von Bedürfnis- sen beizutragen“ (Voigt 2009, S. 20).

Es hat sich in diesem Spiel aber gezeigt, dass das Standardmodell des Homo Oeconomicus nicht anwendbar ist. Dieses „unterstellt den Wirtschaftssubjekten ein am rein materiellen Ei- gennutz ausgerichtetes Verhalten, das keinerlei Empfindungen für andere Akteure, also weder Missgunst noch Zuneigung oder Mitleid, berücksichtigt. Eine Vielzahl von Untersuchungen im Rahmen der experimentellen Wirtschaftsforschung steht im direkten Widerspruch zu die- sen Annahmen. So gibt es […] im Ultimatumspiel deutliche Hinweise darauf, dass Gesichts- punkte wie Gerechtigkeit oder Bestrafung von Fehlverhalten im tatsächlichen Verhalten von nicht vernachlässigbarer Bedeutung sind“ (Gabler 2004, S. 2700).

Schon bei einfachsten und alltäglichen Situationen sind also Gefühle ähnlich wichtig wie Lo- gik und Eigennutz. Dies widerspricht jedoch der Lehre und Theorie des Homo Oeconomicus. Dieser wird im folgenden Kapitel genauer vorgestellt.

1.2 Homo Oeconomicus

Mit der Einführung des Homo Oeconomicus wurde ein egoistischer, ausschließlich nach öko- nomischen Gesichtspunkten handelnder Akteur geschaffen. Psychologische Faktoren, geistige Einschränkungen und Emotionen werden komplett vernachlässigt. Es wird unterstellt, dass der Homo Oeconomicus „bei gegebener bekannter Präferenzordnung, bei vollkommener In- formation und vollkommener Voraussicht […] seine Kauf-, Verkaufs-, Produktions- und Konsumtionsentscheidungen völlig rational“ trifft (Meier 2009, F. 51). Wenn also mehrere Alternativen zur Wahl stehen wird der Homo Oeconomicus sich stets für die günstigere im Sinne der Nutzenmaximierung entscheiden. Entscheidungen dienen dem Zweck, den eigenen Nutzen zu maximieren. Bei der Betrachtung des Homo Oeconomicus wird außerdem davon ausgegangen, dass vollkommene Markttransparenz herrscht, d.h. jederzeit vollständige Infor- mationen über alle Märkte und Eigenschaften der gehandelten Güter verfügbar sind. Unter diesen Bedingungen ist der Homo Oeconomicus schließlich in der Lage, eine Zielfunktion zu definieren und diese, auch unter Nebenbedingungen, zu optimieren. Er reagiert systematisch und vorhersehbar auf Änderungen. Erhöht sich bspw. der Preis eines Gutes, sinkt gemäß Nachfragegesetz die Nachfrage und umgekehrt.

Dieses Idealbild des Homo Oeconomicus dient dazu, wirtschaftliche Zusammenhänge mög- lichst transparent darstellen zu können. Die vorab erläuterten Eigenschaften und die damit einhergehende Vorhersehbarkeit seiner Entscheidungen machen ihn zu einem wirtschaftswis- senschaftlichen Analysekonstrukt. Nach Kirchgaessner (2008, S. 18) kann man „dies auch so formulieren, dass im Rahmen des ökonomischen Verhaltensmodells unterstellt wird, dass sich Individuen an veränderte Umweltbedingungen entsprechend ihren Zielvorstellungen (Präfe- renzen) in systematischer und damit vorhersehbarer Weise anpassen, wobei sich solche Ver- änderungen sowohl durch Handeln anderer Individuen z.B. durch politische Maßnahmen als auch durch Veränderungen der natürlichen Bedingungen ergeben können.“

Für viele Ökonomen ist das Modell des Homo Oeconomicus somit nur eine stark vereinfachte Version des Menschen, mit dessen Hilfe es möglich wurde menschliches Verhalten durch ma- thematische Formeln auszudrücken. „Der Homo Oeconomicus stellt ein Modell vom Men- schen dar, das nur zu ganz spezifischen Forschungszwecken entwickelt worden ist und nur für diese eingeschränkten Forschungszwecke mehr oder weniger tauglich sein kann“ (Giersch 1991, S. 13). Anders sieht das hingegen Andreas Novy, Professor für Internationale politische Ökonomie an der Wirtschaftsuniversität Wien. Ihm zufolge bildet der Homo Oeconomicus nicht nur das zentrales Theorem der neoklassischen Wissenschaftstheorie, sondern auch das „Kernelement liberalen Gedankenguts […] die Grundlage, nach dessen Vorbild Menschen gebildet und geformt werden: als eigennützige und nutzenmaximierende Wesen“ (Novy und Jäger 2005, S. 16). Des Weiteren „besteht der Charme des Homo Oeconomicus darin, auf alle Felder menschlichen Handelns anwendbar zu sein“ (Novy und Jäger 2005, S. 16). Genau da- rin besteht jedoch die Problematik, denn jener „ökonomische Ansatz ist auch erfolgreich auf Gebiete menschlicher Interaktion außerhalb des Marktes angewandt worden“ (Frey und Benz 2001, S. 2). Vor allem im Kontext der Finanzkrise wird dieses Konstrukt kritisch hinterfragt. So fordert eine Vielzahl von Wirtschafts-, Sozial- und psychologischen Wissenschaftlern eine Abkehr von diesem realitätsfernen Verhaltensmodell. Axel Ockenfels, Träger des Leibniz Preises und ehemaliger Mitarbeiter von Reinhard Selten, beschreibt den Homo Oeconomicus als „eine Fiktion, die so nicht existiert“ (Ockenfels 2005, S. 1), da „der Mensch vermutlich nie so rational und so eigennützig (ist) wie der Ökonom ihn gerne hätte.“ Reinhard Selten, der im Jahr 1994 zusammen mit John Nash und John Harsanyi den Wirtschaftsnobelpreis erhielt, sagt, „wir müssen schauen, wie man von der Figur des Homo Oeconomicus wegkommt, zu einer realistischeren Theorie“ (Selten 2008, S. 1). Eine Erweiterung des Modells um Aspekte anderer Wissenschaften wie bspw. der Psychologie oder auch der Philosophie, würde wohl ein realitätsgetreueres Abbild zeichnen. Bemerkenswert ist außerdem die hohe Zahl an Wirt- schaftsnobelpreisträgern, die sich mit genau dieser Erweiterung des theoretischen Konstruktes befassten. Beispiele hierfür sind Daniel Kahneman (2002), Reinhard Selten (1994), Gary S. Becker (1992) und Herbert A. Simon (1978), um nur einige davon zu nennen. Um näher auf den Begriff der begrenzten Rationalität eingehen zu können, erfordert es das sehr abstrakt er- scheinende Konstrukt „rationales Entscheiden“ genauer zu erläutern. Im nächsten Abschnitt soll die Frage beantwortet werden, wodurch sich Rationalität auszeichnet.

1.3 Rationalität

Mit Hilfe des Ultimatumspiels konnte aufgezeigt werden, dass sich Menschen nicht so verhal- ten, wie es entsprechend der Theorie des Homo Oeconomicus von ihnen zu erwarten wäre. Erstmals stellte in diesem Zusammenhang der bereits genannte Herbert A. Simon fest, dass die normativen Theorien der Mikroökonomik nicht geeignet sind, um das Verhalten des Men- schen realistisch zu beschreiben (Simon 1959, S. 254). Diese spiegelten seiner Ansicht nach nur das geforderte, idealisierte, jedoch nicht das tatsächliche Verhalten des Menschen wieder. Simon entwickelte davon ausgehend eine Theorie, die die begrenzten Abstraktionsfähigkeiten des Menschen einbeziehen sollte und stellte diese im Jahr 1956 als „Bounded Rationality Theory“ vor (Simon 1982). Im Jahr 1978 bekam Simon für seine Ausführungen zu diesem Thema den Nobelpreis in Wirtschaftswissenschaften verliehen. Das Komitee würdigte ihn für seine "pioneering research into the decision-making process within economic organizations” (Nobel Foundation 1978).

Um ein grundlegendes Verständnis für die Entstehung dieser Theorie zu schaffen, erscheint eine genauere Betrachtung des Begriffes „Rationalität” notwendig.

Der Begriff Rationalität lässt sich aus dem Lateinischen von „rationalitas“ (Denkvermögen) bzw. „ratio“ (Vernunft) ableiten. Im Wörterbuch der Soziologie wird Rationalität als „Orien- tierungsprinzip für individuelles und soziales Handeln“ (Hillmann 2007, S. 831) definiert. Nach Gablers Wirtschaftslexikon bezieht sich „der Begriff Rationalität auf das Verhalten von Wirtschaftssubjekten (Produzenten und Konsumenten) in Entscheidungssituationen. Der öko- nomischen Rationalität liegt allgemein das Streben nach größtmöglichem Nutzen bei be- schränkten Handlungsalternativen zugrunde“ (Gabler 2004, S. 2480). Max Weber, Mitbe- gründer der Soziologie, unterscheidet weiterhin vier Formen der Rationalität. So bezeichnet er „jede Lebensführung, die weltliche Aktivität mit Bezug auf die rein pragmatischen Interes- sen des einzelnen betrachtet und beurteilt, als praktisch rational“ (Weber et al. 1981, S.9). Dieser Typ von Rationalität ist eine „Manifestation der menschlichen Fähigkeit, zweckratio- nal zu handeln“ (Weber et al. 1981, S.10). In der theoretischen Rationalität wird „die Wirk- lichkeit durch Denken beherrscht […] wodurch sie die Möglichkeit enthält, Handlungsregel- mäßigkeiten indirekt herzustellen (Weber et al. 1981, S.16). Mit der materialen Rationalität werden „Handlungen direkt zu Handlungsmustern“ geordnet. Zudem „ist dieser Typus der Rationalität Ausdruck der menschlichen Fähigkeit, wertrational zu handeln (Weber et al. 1981, S.16). Die letzte der vier Formen bezieht sich auf ein Entscheidungsverhalten, welches sich „durch Bezugnahme auf eine universal angewandte Regel, Vorschrift oder Gesetz“ be- gründet (Weber et al. 1981, S.18).

Die folgende Tabelle bietet eine Übersicht über die von Weber definierten Typen der Rationa- lität.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1-1 In Anlehnung an Weber et al. (1981), Die vier Formen der Rationalität

Für Rationalität gibt es keine allgemeingültige Definition, es müssen immer Kontext und Fachgebiet der Verwendung betrachtet werden. Im Folgenden sollen abschließend drei ver- schiedene Definitionen vorgestellt werden, um einen Überblick über die unterschiedlichen In- terpretationen des Begriffs zu verschaffen.

„Die Vielfalt der Arten, Aspekte und Perspektiven von Rationalität kann ein wenig durch die folgenden Begriffe umrissen werden: Gesellschaftliche Rationalität, individuelle, kollektive, technische Rationalität, philosophische, metaphysische, wissenschaftliche, ökonomische, öko- logische, kritische Rationalität, empirische, normative, relationale, prozedurale, reflexive, diskursive Rationalität, europäische, chinesische, postmoderne, aufgeklärte, instrumentelle Rationalität, verantwortete Rationalität, Zweck- Mittel- Rationalität, formale Rationalität, ra- tional vs. irrational vs. non-rational; rational vs. Rationalistisch“ (Zecha 2001, S.143).

„Den ökonomischen Theorien liegt ein Rationalitätskonzept zugrunde, das durch die Zweck- Mittel-Relation gekennzeichnet ist“ (Riesenhuber 2006, S.32).

„Es ist nun aber alles menschliche Schaffen und Handeln charakteristisch, daß es sich in der Zweck-Mittel-Relation vollzieht. Diese letztere Relation wird den Dingen oder Verhältnissen auf betriebswirtschaftlichem Gebiete von Menschen erst zuerteilt; ihr gegenüber sind die Dinge als solche indifferent. An sich liegt nun das Denken in der Zweck-Mittel-Relation allem Menschlichen Entschlüssefassen oder vernünftigen Handeln zugrunde, und zwar nicht nur im wirtschaftlichen Leben, sondern im menschlichen Leben überhaupt“ (Gutenberg 1967, S.30).

Eine weitere mögliche Aufspaltung des Rationalitätsbegriffs erfolgt in vollständige und be- grenzte Rationalität. Ehe die begrenzte Rationalität im Rahmen des zweiten und dritten Kapi- tels ausführlich vorgestellt wird, soll vorab der Begriff der vollständigen Rationalität kurz nä- her erläutert werden.

Unter vollständiger Rationalität versteht man einen oder mehrere rationale Akteure mit unbe- schränktem Zugang zu Informationen. Somit werden Transaktionskosten wie Entscheidungs-, Anbahnungs-, Motivations-, Kontroll- und Suchkosten nicht berücksichtigt. Die Individuen kennen die Entscheidungssituation, sind zielorientiert und beziehen Handlungen und Annah- men der anderen Akteure ins Kalkül mit ein. Das Hauptanliegen besteht in der eigenen Nut- zenmaximierung und zudem sind die Präferenzen bereits bekannt. Damit entspricht dieses Prinzip im Wesentlichen dem Modell des Homo Oeconomicus. Relevante Theorien, die unter der Annahme einer vollständigen Rationalität erschaffen wurden, sind unter anderem das Bayes-Modell des Mathematikers Thomas Bayes. Kritisiert werden hierbei häufig die Infor- mationsannahmen, welche unrealistisch erscheinen. So geht „keine ernst zu nehmende Ent- scheidungstheorie […] mehr von den heroischen Informationsannahmen aus, die einst die Standardmodelle der neoklassischen Theoriewelt charakterisierten. Dass Akteure über voll- ständige Informationen sämtlicher gegenwärtiger und zukünftiger Umweltbedingungen verfü- gen, sowie die Strategien der anderen Akteure vollständig in ihre Entscheidungen einbeziehen können, ist anerkanntermaßen nicht der Fall. Wir müssen von begrenzter Rationalität und Un- gewissheit ausgehen“ (Scherzberg 2006, S.123).

Ausgehend davon sollen nun im weiteren Verlauf die Entwicklungspfade der begrenzten Ra- tionalität vorgestellt werden.

2 Entwicklungspfade

Simons Theorie der begrenzten Rationalität zeichnet sich besonders dadurch aus, dass sie großen Einfluss auf viele unterschiedliche Bereiche des Privat- und Geschäftslebens hat. In diesem Kapitel erfolgt eine Erläuterung der Fundamente dieser Theorie, eine Vorstellung ver- schiedener Weiterentwicklungen sowie eine Analyse, in welchem Rahmen die Theorie in der Wissenschaft Anwendung findet.

2.1 Begrenzte Rationalität

Simon ist der Überzeugung, dass Menschen im Grunde ein rationales Verhalten beabsichti- gen, es aber nur innerhalb sehr enger Grenzen umsetzen können. Dem Menschen kann ein grundsätzliches Streben nach Rationalität nicht abgesprochen werden, sondern lediglich das Unvermögen, in jeder Situation vollständig rational zu handeln. Somit darf begrenzte Rationa- lität keineswegs mit Irrationalität verwechselt werden. Der Mensch trifft nicht absichtlich nicht-rationale Entscheidungen, sondern wird in seiner Entscheidungsfreiheit beschränkt. Ent- scheidungssituationen, die unter starkem Zeitdruck oder hoher Komplexität stattfinden, kön- nen nicht ausreichend erfasst, bewertet und eingeordnet werden. Häufig werden nicht die bes- ten Mittel zum Erreichen der eigenen Ziele gefunden. Selbst wenn Individuen die besten Mit- tel kennen, sind sie aufgrund ihrer eingeschränkten Willenskraft nicht in der Lage, diese Mit- tel auch anzuwenden. Des Weiteren legen viele Menschen nicht nur Wert auf materiellen Ei- gennutz, sondern lassen ihr Handeln auch von einem Fairness-Empfinden und Gerechtigkeits- gefühl leiten. Trotz der erfolgreichen Anwendung der Theorien des Homo Oeconomicus auf sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Fragestellungen innerhalb- sowie außerhalb des Marktes, sind seine Nachteile in zunehmendem Maße sichtbar geworden. Grund für die ver- stärkte Kritik der neoklassischen Annahmen sind empirische Untersuchungen des „ökonomi- schen Imperialismus“, bspw. in der Verhaltenspsychologie. Das völlig rationale Entschei- dungsverhalten und die Theorie der persönlichen Nutzenmaximierung, welche durch die Neo- klassische Theorie zugrunde gelegt werden, wurden durch zahlreiche Versuche und Tests so- wohl in Frage gestellt, als auch widerlegt.

Die in diesem Kapitel erwähnten Grenzen des Menschen sind wesentlich für das allgemeine Verständnis der Theorie. Zu diesem Zweck erfolgt im nun folgenden Kapitel „2.2 Kognitive Beschränkungen“ eine genauere Erläuterung dieses Sachverhalts.

2.2 Kognitive Beschränkung

Die intellektuellen Kapazitäten des Menschen sind begrenzt. Es mag von Mensch zu Mensch zwar Unterschiede geben, erforderliche Informationen sind trotz alledem nicht ohne Weiteres verfügbar bzw. werden nicht ausreichend ausgeschöpft, was zu unvollständiger Information und Unsicherheit führt. Ein großes Problem der kognitiven Entscheidungsfähigkeit stellt das menschliche Kurzzeitgedächtnis dar. Dieses behält wenige Informationen für einen geringen Zeitraum (wenige Sekunden) und ist nur begrenzt abrufbar. Bei der Übertragung der Informa- tionen in das Langzeitgedächtnis erfolgt automatisch eine Selektion im Bezug auf die ver- meintliche Relevanz. Dies hat zur Folge, dass Informationen nur in einem bestimmten Um- fang verarbeitet und gespeichert werden können. Somit sind entscheidungsrelevante Informa- tionen häufig nicht oder nur teilweise abrufbar. Laut Simon sind nicht nur die materiellen Ressourcen knapp, sondern auch die Zeit und die kognitiven Verarbeitungskapazitäten des Entscheiders: „What the person cannot do he will not do, no matter how much he wants to do it“ (Simon 1996, S. 36).

Häufig fassen Individuen langfristige Pläne, unterliegen dann aber kurzfristigen Reizen. Bei- spiele hierfür sind Übergewichtige, die zwar im langfristigen Interesse ihrer Gesundheit ab- nehmen wollen, aber dem kurzfristigen Reiz ungesunden Essens erliegen. Diese Probleme der Selbstkontrolle werden „hyperbolisches Diskontieren“ oder „zeitinkonsistente Präferenzen“ genannt. „Hyperbolische Diskontierungsraten weisen relativ hohe Diskontierungsraten über kurze Horizonte sowie relativ niedrige Diskontierungsraten über lange Horizonte auf“ (Kugler 2007, S.71). Dies führt unweigerlich zu Konflikten zwischen heutigen und zukünftigen Prä- ferenzen, was auch Auswirkungen auf die Wirtschaft hat. So ist es häufig zu beobachten, dass Arbeitnehmer bereits in der Mitte des Monats den Großteil des Gehalts ausgegeben haben und anschließend den Konsum drastisch herunter fahren. Gleiches wird bei der Altersvorsorge be- obachtet. Somit erliegen Individuen also kurzfristigen Konsumpräferenzen, vernachlässigen dabei aber die langfristige Planung und Vorsorge.

Wie sich Menschen in ihrer extern vorgegebenen Umwelt entscheiden wird zurzeit am Max- Planck-Institut für Bildungsforschung erforscht, hier wurde auch der Begriff der ökologischen Rationalität geprägt, auf den nun eingegangen werden soll.

2.3 Ecological Rationality

Trotz der begrenzten Rationalität, die menschlichen Entscheidungen zugrundeliegt, sind diese in der Lage, genaue und gute Urteile zu fällen. Nach Siegenthaler liegt der Schlüssel zu die- sem Erfolg „in ihrer ökologischen Rationalität, das heißt in ihrer Anpassung an die Struktur der Information in der Umgebung, in der sie arbeiten“ (Siegenthaler 2005, S.65). Gerd Gigerenzer, Psychologe und Direktor am Max-Planck Institut für Bildungsforschung in Ber- lin, benennt dieses Phänomen als „ecological rationality“ und sieht darin „possibly the most important idea for understanding why and when bounded rationality works“ (Gigerenzer und Selten 2002, S. 46).

Der Mensch beschränkt sich bei seiner Entscheidungsfindung auf wenige ihm zur Verfügung stehende und schnell verarbeitbare Informationen. So wurden einfache Strategien entwickelt, mit deren Hilfe der Mensch nichtsdestotrotz in der Lage ist, äußerst genaue Urteile zu fällen. Menschen passen sich in ihrem Entscheidungsprozess an die bestehenden Umweltbedingun- gen an. So ist die Rationalität von Heuristiken unabhängig von den „inhaltsblinden Normen“ wie Mathematik und Logik, nämlich durch das Maß, in dem sie an die Umwelt angepasst sind (Gigerenzer, 2006, S. 129). Laut Gigerenzer sind diese einfachen und schnellen Heuristiken häufig zuverlässiger als Modelle mit vielen unterschiedlichen Parametern und führen zu überraschend genauen Ergebnissen. Wenn eine Information ein Ergebnis gut vorhersagt, so ist es nicht unbedingt sinnvoll, noch weitere Informationen hinzuzuziehen.

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Details

Seiten
37
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640702145
ISBN (Buch)
9783640700608
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157558
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Institut für Wirtschaftsinformatik und Management Support
Note
1,00
Schlagworte
Entscheidungstheorie Homo Oeconomicus Heuristiken Rational Simon Tversky Kahneman Spieltheorie

Autoren

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Titel: Bounded Rationality Theory. Die Theorie der begrenzten Rationalität nach Herbert A. Simon.