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Der Identitätswechsel in David Lynchs "Lost Highway"

Seminararbeit 2010 17 Seiten

Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Bedeutung der Verwandlung von Fred in Pete
2.1 Vergleich zwischen Fred und Pete
2.2 Pete als Projektion Freds unerfullter Sehnsuchte
2.3 Der Mystery Man - ein weiterer Teil von Freds Identitat

3 Spiegelungen von Freds Leben in Petes Welt
3.1 Parallelen und Einflusse
3.2 Die beiden Frauenfiguren
3.3 Verwischung von Realitat und Fantasie

4 Unzuverlassiges Erzahlen - Protagonist und Zuschauer in Unwissenheit

5 Schluss und Ausblick

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der 1997 erschienene Film Lost Highway des US-amerikanischen Regisseurs David Lynch wirft eine Menge Fragen auf. Im Vordergrund steht dabei der ungeklarte Identitatswechsel des Protagonisten; der Musiker Fred Madison (gespielt von Bill Pullman) ermordet in einem Anfall krankhafter Eifersucht seine Frau Renee und wird daraufhin zum Tode verurteilt. In der Gefangsniszelle, in der er bis zu seiner Hinrichtung untergebracht ist, leidet er unter qualenden Kopfschmerzen und Halluzinationen, bis eines Morgens die Gefangsniswarter in der Zelle statt Fred Madison den jungen Automechaniker Pete Dayton (Balthazar Getty) vorfinden. Der Film liefert keine explizite Erklarung fur diese Transformation, ebensowenig fur die zweite Verwandlung am Ende des Filmes, bei der sich Pete Dayton wieder in Fred Madison zuruckverwandelt.

Der Film Lost Highway stellt dem Zuschauer von Anfang an Ratsel, deren Losungen er ihm nicht oder nur unzureichend bietet. Diese Hausarbeit soll diesen ungeklarten Identitatswechsel zu deuten versuchen und verschiedene Interpretationsansatze zum Thema aufzeigen. Dabei soll auch die narrative Struktur des Films, die erst fur jene Ungeklartheit und Verwirrtheit sorgt, analysiert werden. Warum verwandelt sich Fred Madison in Pete Dayton und wieder zuruck? Warum finden sich so viele Elemente aus Freds Leben in den Szenen, in denen er Pete ist, wieder? Was hat es mit Freds Frau Renee und Petes Geliebter Alice auf sich? Und welche Rolle spielt der geheimnisvoll lachelnde Mann, auch als „Mystery Man“ bezeichnet, der Fred so wie Pete in ahnlich dubiosen Umstanden begegnet? Diese Fragen sollen als verschiedene Aspekte des Identitatswechsels behandelt werden, um Licht in die dunkle Welt von Lost Highway zu bringen; allerdings soll auch gezeigt werden, warum auch nach genauer Analyse gewisse Dinge im Unklaren bleiben.

2 Die Bedeutung der Verwandlung von Fred in Pete 2.1 Vergleich zwischen Fred und Pete

Um eine mogliche Bedeutung der Verwandlung zu rekonstruieren, ist es zunachst sinnvoll, die Charaktere Fred Madison und Pete Dayton miteinander zu vergleichen, um Zusammenhange zu finden. Dabei stellt sich zunachst heraus, dass Pete das perfekte Gegenstuck zu Fred darstellt. Fred ist Musiker und erscheint sehr introvertiert, er scheint auBer seiner Frau kein soziales Umfeld zu haben und auch von seiner Vergangenheit erfahrt man nichts.[1] Dadurch erscheint die Welt, in der er lebt, auf eine gewisse Weise flach, leer und steril. Dieser Effekt wird filmsprachlich durch Freds minimalistisch eingerichtetes und in gedampftem Licht gefilmtes Haus ausgedruckt. Die Beziehung zwischen Fred und seiner Frau Renee erscheint von Anfang an problematisch; sie kommunizieren auf eine sehr vorsichtige Weise und erscheinen dabei beinahe wie Fremde. Als die beiden zusammen im Bett liegen, erwidert Renee Freds Zartlichkeiten kaum, sie scheint ihn zwar zu akzeptieren, lasst ihn aber nicht wirklich an sich heran. Fred leidet sehr darunter, dass er ihre Bedurfnisse nicht kennt und sie demnach auch nicht befriedigen kann; seine Frau ist ihm fremd, ein undurchschaubares Geheimnis.[2] Dazu kommt seine ubertriebene Eifersucht. Fred versucht Renee zu kontrollieren; als er zu Hause anruft und sie das Telefon nicht abnimmt, ist er sichtbar verstOrt, auch die Freundschaft zwischen Renee und einem gewissen Andy stort ihn. Andererseits gibt Renee ihm auch durchaus Grunde fur seine Eifersucht; als sie meint, sie komme nicht mit in den Club weil sie lesen wolle, klingt es nach einer Ausrede und bei Andys Party fallt sie angetrunken einem anderen Mann in die Arme. Auch ist offensichtlich, dass sie Fred etwas verheimlicht, vermutlich was den misteriosen „Job“[3], den Andy ihr verschafft hat, angeht, und Fred ertragt es nicht, dieses Geheimnis nicht zu kennen, was ihn schlieBlich dazu fuhrt, sie umzubringen.

Ganz anders bei Pete Dayton, dem Ergebnis von Freds Transformation im Gefangsnis. Der junge Automechaniker scheint alles zu haben, was Fred nicht hat; er ist jugendlich, hat ein ausgepragtes soziales Umfeld in Form von Eltern, Freunden, Kollegen, Kunden sowie einer Freundin und man erfahrt Teile von seiner

(wenn auch kriminellen) Vergangenheit.[4] Er „wird zu einem kompetenten, beliebten Draufganger stilisiert [...], ein Kontrast zum muden farblosen Fred wie er scharfer nicht sein konnte.“[5] Im Gegensatz zu Fred ist er sexuell aktiv und zunachst damit auch durchaus erfolgreich, denn neben seiner festen Freundin Sheila hat er bald auch ein Verhaltnis mit Alice Wakefield, der Geliebten seines Kunden Mr Eddie, einem Mann mit einflussreichen kriminellen Kontakten. So besteht der wahrscheinlich gravierendste Unterschied zwischen den beiden in ihrer Sexualitat und ihrer Wirkung auf die jeweilige Frau.[6] Im Gegensatz zu Freds und Renees distanziertem Verhaltnis haben Pete und Alice ein ausgefulltes Sexualleben, durch das sie einander zu verstehen scheinen.[7]

Doch in ihrer Beziehung zu den Frauen findet sich schlieBlich doch eine Gemeinsamkeit zwischen den beiden Mannern; beiden scheint es nicht vergonnt zu sein, mit der Frau, die sie lieben, glucklich zu werden. Fred kann seine Ehe mit Renee nicht genieBen, da es ihm nicht gelingt, ihr Geheimnis zu ergrunden, wahrend Pete die Beziehung zu Alice verboten ist, da sie die Geliebte von Mr Eddie ist, der angedroht hat, jeden umzubringen, der sie anfasst.[8]

2.2 Pete als Projektion Freds unerfullter Sehnsuchte

Bei diesem Vergleich ist deutlich geworden, dass Pete eine Reihe von Eigenschaften verkorpert, die Fred nicht hat und sich vermutlich wunscht; Dinge wie mehr soziale Kontakte, klare Strukturen im Leben sowie sexuelle Potenz. AuBerdem zu beachten ist, dass Fred sich zu dem Zeitpunkt, in dem er sich in Pete verwandelt, im Gefangsnis befindet und auf seine Hinrichtung wartet, also kommt sein Wunsch nach Freiheit hinzu, die er erreichen konnte, indem er sich in eine andere Person verwandelt. Deshalb wird diese ubernaturliche Transformation oft als eine Projektion von Freds Wunschen und Sehnsuchten interpretiert. Dabei konnte es sich schlichtweg um einen Traum oder eine Fantasie handeln, allerdings konnte Pete auch eine Halluzination von Fred sein, wobei moglich ist, dass Fred unter einer Personlichkeitsspaltung leidet. Laut Georg SeeBlen „konnte man von der Geschichte eines schizophrenen Morders ausgehen, der nicht nur mental, sondern ganz direkt materiell in eine andere Person schlupft.“[9] So wird im Film die Wahrnehmung eines Schizophrenen direkt visualisiert. Fur Freds Schizophrenie sprechen die starken Kopfschmerzen, unter denen er und auch sein Alter Ego Pete leidet; diese sind tatsachlich ein Sympton dafur.[10]

Allerdings muss nicht unbedingt ein psychologisches Krankheitsbild vorliegen; sein Leben als Pete konnte auch schlichtweg eine Fantasie beziehungsweise ein (Wunsch-)Traum von Fred in seiner Gefangsniszelle sein. Todd McGowan stellt dazu die Aspekte „desire“ und „fantasy“ in Opposition. Demnach ist Freds Leben gepragt von Sehnsuchten, die er sich in seiner Fantasie als Pete erfullt und das besteht vor allem darin, dass er mit Alice, dem imaginaren Gegenstuck von Renee, ein erfulltes Sexualleben hat. AuBerdem verdrangt er durch den Identitatswechsel seine Schuld an dem Mord an Renee und macht sie in Form von Alice wieder lebendig. Die Szenen, in denen Fred vorkommt, gerade am Anfang scheinen leer, dunkel und voller Geheimnisse; die Szenen von Pete dagegen sind dominiert von hellen Farben und es scheint innerhalb des Lebens von Pete keine offenen Fragen zu geben, denn Fantasie ermoglicht es nicht nur, sich selbst zu dem zu machen, was man gerne ware, sondern auch eine Welt ohne Unklarheiten zu schaffen, da man diese Welt selbst konstruiert und demnach entsprechende Lucken auch zu schlieBen vermag. So schafft sich Fred in seiner Gefangsniszelle eine Welt, in der das ihn qualende Geheimnis um seine Frau und was sie begehrt, langst ergrundet ist.[11] Die tatsachlich Bedeutung der Transformation lasst David Lynch zwar offen, dennoch erscheint es nach den oben genannten Aspekten schlussig, diese als eine Projektion von Freds Sehnsuchten zu interpretieren. Dafur spricht nicht nur, dass Pete die Erfullung dieser Sehnsuchte verkorpert, sondern auch, dass sich einige Elemente aus Freds Leben in seinem Leben spiegeln, worauf spater noch eingegangen werden soll.

[...]


[1] Vgl. Todd McGowan: The impossible David Lynch. New York 2007, S. 167.

[2] Ebd. S. 157.

[3] Vgl. Skript des Drehbuchs: http://www.lynchnet.com/lh/lhscript.html vom 18. Februar 2010.

[4] Vgl. McGowan, The impossible David Lynch, S. 167.

[5] Kerstin Kratochwill und Christine Simone Sing: Auffahrt auf den Lost Highway in: Kerstin Kratochwill und Almut Steinlein (Hg.): Kino der Luge. Bielefeld 2004, S. 161.

[6] Vgl. Kratochwill; Sing, Auffahrt auf den Lost Highway, S. 155.

[7] Vgl. Greg Olson: David Lynch - Beautiful Dark. Lanham, Maryland 2008, S. 446.

[8] Vgl. McGowan, The impossible David Lynch, S. 167.

[9] Georg SeeBlen: David Lynch und seine Filme. 6. erweiterte und uberarbeitete Auflage. Marburg 2007, S. 152.

[10] Michael Sellmann: Hollywoods moderner Film noir - Tendenzen, Motive, Asthetik. Wurzburg 2001, S. 209­210.

[11] Vgl. McGowan, The impossible David Lynch, S. 164.

Details

Seiten
17
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640703319
ISBN (Buch)
9783640703821
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157510
Institution / Hochschule
Universität Augsburg – Lehrstuhl für Vergleichende Literaturwissenschaft/ Europäische Literaturen
Note
1,3
Schlagworte
David Lynch Lost Highway Filmanalyse Unreliable Narration Unzuverlässiges Erzählen Identität Identitätswechsel

Autor

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Titel: Der Identitätswechsel in David Lynchs "Lost Highway"