Lade Inhalt...

Die Stiefmutter / Mutter und die Hexe in 'Hänsel und Gretel' - Eine Untersuchung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 23 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Die Figuren

2 Die Stiefmutter / Mutter 2
Nach den Brüdern Grimm
Nach Ludwig Bechstein
Nach Adelheid Wette
Nach Frank Corsaro

Die Hexe
Nach den Brüdern Grimm
Nach Ludwig Bechstein
Nach Adelheid Wette
Nach Frank Corsaro

Schlussfolgerung

Bibliographie

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Einleitung

Im Garten der Romantik blühten nicht nur blaue Blumen. Als bekanntester Ertrag dieser reichen Epoche sind auf uns die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm gekommen, die zu den bedeutendsten Sprachdenkmälern der deutschen Literatur gehören.1

Ein Märchen dieser Sammlung ist Hänsel und Gretel, welches unumstritten zu den bekanntesten aller Märchen gehört. Es erzählt die Geschichte von zwei kleinen Kindern, Hänsel und Gretel, welche von ihren Eltern im Wald ausgesetzt werden, da nicht genug zu essen für alle vorhanden ist. Hänsel und Gretel erleben vieles und müssen es mit einer Hexe aufnehmen, bevor sie ihren Heimweg antreten und ihren Vater in die Arme schließen können. Dies fasst in aller Kürze den Inhalt des Märchens zusammen, das im Laufe der Zeit so viele Menschen inspiriert hat: Angefangen bei den Brüdern Grimm und Ludwig Bechstein in der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Vertonung durch Engelbert Humperdinck und seine Schwester Adelheid Wette im Jahre 1893. Noch heute wird dieses Märchen Kindern von Eltern und Großeltern vorgelesen und hat, über ein Jahrhundert nachdem es schriftlich festgehalten worden ist, kaum etwas von seiner Faszination eingebüßt. Es vergeht kein Weihnachten, ohne dass die Kinderoper Humperdincks in den Opernhäusern gespielt wird.

Was also, muss man sich fragen, macht die Faszination von Hänsel und Gretel aus? Und ist dieses Kindermärchen wirklich kindgerecht?

Antworten auf diese Fragen sollen später gefunden werden. Speziell wird jedoch die Figur der Mutter beziehungsweise der Stiefmutter und die der Hexe in Hänsel und Gretel beleuchtet. Auch soll untersucht werden, welche Wirkung die jeweilige Darstellung sowohl auf Kinder als auch auf Erwachsene haben kann und ob es möglich ist, ihnen ausschließlich Unterhaltungscharakter oder auch psychologischen Tiefgang zuzusprechen.

Bevor dies jedoch unternommen wird, soll auf die inhaltlichen Unterschiede der verschiedenen Versionen des Märchens in aller Kürze eingegangen werden.

Die Figuren

Die Stiefmutter / Mutter

Nach den Brüdern Grimm

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm beginnen im Jahre 1806 damit, Märchen und Sagen zu sammeln.2 „Wohl fahndeten die Brüder bei ihrer Sammelarbeit auch nach schriftlichen Quellen, aber immer wieder betonten sie, dass es die mündliche Überlieferung gewesen sei, auf die sie ihr Werk stützten.“3 Über sechs Jahre lang führen sie ihre Suche fort und veröffentlichen den ersten Band ihrer Kinder- und Hausmärchen 1812, der zweite erscheint bereits im Jahre 1815.4 Ihre Märchensammlung gehört bis heute zu den bekanntesten der Welt.

Da sie ihre Geschichten häufig mehrmals geändert und überarbeitet haben, erscheint es nicht verwunderlich, dass es mehrere Versionen desselben Märchens gibt, die sich allerdings nur unwesentlich voneinander unterscheiden. Um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen, wird lediglich auf eine Version eingegangen. Die für jedermann zugängliche Online-Version5 des Gutenberg Projekts6 dient hierbei als Vorlage. An dieser werden im Folgenden die Frauenfiguren, zuerst die der Mutter, genauer beleuchtet.

Das Märchen der Brüder Grimm beginnt damit, die Not der Familie zu schildern. Die Eltern sind ratlos und wissen nicht, wie sie sich selbst und ihre Kinder weiterhin ernähren sollen. Und so sagt die Stiefmutter eines nachts zu ihrem Mann:

„Weißt du was, Mann, [...] wir wollen morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist. Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus, und wir sind sie los.“7

Der Mann reagiert schockiert über diesen Vorschlag und erwidert, dass er es nicht übers Herz bringe, seine Kinder im Wald alleine zu lassen, wo sie höchstwahrscheinlich von wilden Tieren gefressen werden. Seine Frau jedoch lässt ihm keine Ruhe und bringt ihn letztendlich dazu, ihrem Plan zuzustimmen. Dem Leser stellt sich nun die Frage, was von einer Mutter zu halten ist, die bereit ist, ihre Kinder allein im Wald auszusetzen? Ist nicht eher zu erwarten, dass die Eltern sich selbst opfern, um ihren Kindern eine Zukunft zu ermöglichen? Weshalb beginnt ein Kindermärchen mit einem derartigen Horrorszenario? Ist es möglicherweise damit zu erklären, dass es sich hier nicht um die leibliche Mutter von Hänsel und Gretel handelt, sondern um die Stiefmutter? Und was hat die Brüder Grimm dazu veranlasst, die Figur der Mutter in ihren früheren Versionen gegen die der Stiefmutter auszutauschen? Maria Tatar zufolge liegt es daran, „because Wilhelm Grimm could rarely resist the temptation to act as censor by turning the monstrously unnatural cannibals and enchantresses of these tales into stepmothers, cooks, witches, or mother-in-law”8. Und sie erklärt weiter, dass „as the audience for the tales changed, the need to shift the burden of evil from a mother to a stepmother became even more urgent”9.

Die Rolle der Stiefmutter ist seit jeher negativ behaftet. Man erinnere sich etwa an Schneewittchen oder Aschenputtel, welche ebenfalls in den Grimmschen Kinder- und Hausmärchen zu finden sind. Auch in diesen Märchen setzen die Stiefmütter alles daran, ihre Stiefkinder loszuwerden oder ihnen das Leben so schwer als nur möglich zu machen. Was jedoch steckt dahinter? Ist der Wunsch dieser Frauen, eine eigene Familie mit leiblichen Kindern zu gründen, so stark, dass sie selbst vor Mord nicht zurückschrecken? Was kann die Verfasser dieser Geschichten dazu bewogen haben, diese Figuren so zu zeichnen?

Der Erzieher und Therapeut Bruno Bettelheim ist der Ansicht, dass die weiblichen Figuren in Hänsel und Gretel, also die Stiefmutter und die Hexe, „die feindlichen Mächte“10 in der Geschichte darstellen. Auf die Hexe soll später eingegangen werden. Was die Stiefmutter betrifft, so ist sie eindeutig die treibende Kraft, die die Kinder aus dem Haus haben will und laut Bettelheim ist das auch gut so. Die Mutter repräsentiert die Quelle der Nahrung für die Kinder11 und ist somit überaus wichtig für sie. Wenn diese Quelle nun nicht länger zur Verfügung steht, bedeutet das ein großes Problem für die hungrigen Kinder. Sie werden gezwungen, selbständiger zu handeln. Dies gelingt Hänsel und Gretel auch. Iring Fetscher argumentiert weiter:

Der erste Mordanschlag der Eltern misslang dank der List des Knaben Hänsel, der den Rückweg heimlich mit Kieselsteinen markiert und so seine Schwester und sich selbst sicher nach Hause zurückführen kann.12

Das Wiedersehen mit den Eltern ist zwiegespalten: Der Vater freut sich von Herzen, seine Kinder wiederzusehen, während die Stiefmutter sie schellt, so lange im Wald geschlafen zu haben. Nach kurzer Zeit ist wieder nicht ausreichend zu essen für alle da und die Frau schlägt erneut vor, die Kinder loszuwerden. Dieses Mal gelingt es den Eltern. Die Kinder finden sich allein im Wald wieder und müssen gemeinsam nach einer Lösung suchen. Sie selbst müssen nun herausfinden, was zu tun ist und können nicht mehr auf die Hilfe ihrer Eltern hoffen. Denn von Eltern, die ihre eigenen Kinder aussetzen und dem Hungertod überlassen, ist keinerlei Hilfe zu erwarten. Normalerweise wird die Figur der Mutter mit Schutz, Geborgenheit und Wärme assoziiert. Sie ist die wichtigste Bezugsperson eines Kindes in den ersten Jahren. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass die Mutter ihr Kind neun Monate in sich trägt, es beschützt und ernährt. Die Bindung zur Mutter ist daher von besonderer Art.

Im Gegensatz dazu übernimmt der Vater eine weniger wichtige Rolle, was auch bei Hänsel und Gretel der Fall ist. Er wird „im ganzen Verlauf der Geschichte als eine schattenhafte, unwirksame Figur“13 dargestellt, „wie er dem Kind ganz allgemein zu Anfang seines Lebens vorkommt“14. Und in der Tat ist die Figur des Vaters eine passive: Er hilft mit, seine eigenen Kinder auszusetzen, zweimal, obwohl er mehrmals beteuert, dies nicht übers Herz zu bringen. Er ist nicht in der Lage, mit einer anderen Lösung die Nöte der Familie in den Griff zu bekommen und versagt somit in der Rolle des Familienoberhauptes und Ernährers.

Wie bereits erwähnt, befinden sich Hänsel und Gretel nun alleine im Wald und sehen sich ihren größten Ängsten ausgesetzt: Angst vor dem Alleinsein, Angst zu verhungern und Angst zu sterben.

Obwohl dies auf den ersten Blick übertrieben und grausam erscheint, sind dies tatsächlich Ängste, die kleine Kinder beschäftigen. Sie durch ein Märchen direkt mit ihren Ängsten zu konfrontieren, hilft ihnen, diese unterbewussten Ängste besser zu verstehen und zu verarbeiten. Das Zurückkehren ins Elternhaus hat Hänsel und Gretel beim ersten Versuch nicht viel genützt, aber dass sie es versucht haben, ist mehr als natürlich. Bettelheim liefert hierfür folgende Erklärung:

Bevor das Kind den Mut besitzt, die Reise zu sich selbst anzutreten, bevor es durch das Zusammentreffen mit der Welt zur selbständigen Persönlichkeit wird, kann es nur insofern Initiative entwickeln, als es versucht, in die Passivität zurückzukehren, um sich für immer und ewig in Abhängigkeit zu begeben und versorgen zu lassen.15

An dieser Stelle sei kurz angemerkt, dass die Angst vor dem Hungertod nicht nur den Kindern des 19. Jahrhunderts vorbehalten war. Auch die Kinder in unserer heutigen Zeit werden von dieser Angst heimgesucht. Obwohl diese Angst heute in vielen Ländern der Welt nicht mehr aktuell oder rational erscheint, ist das Kind zutiefst enttäuscht, „wenn die Mutter nicht länger bereit ist, alle seine oralen Wünsche zu erfüllen“16. Es verleitet das Kind zur Annahme, seine Mutter sei plötzlich lieblos, selbstsüchtig und ablehnend geworden.17 Da dem Leser von Märchen die Innenwelt der jeweiligen Protagonisten verschlossen bleibt, ist es schwer zu erahnen, ob auch Hänsel und Gretel ihre Mutter als lieblos, selbstsüchtig und ablehnend empfinden. Es wird schlichtweg nicht erwähnt. Daher können nur Vermutungen angestellt werden, wie es um das Verhältnis zwischen Stiefmutter und Stiefkindern bestellt ist.

Das Ende der Geschichte verrät aber doch etwas mehr. Denn als die Kinder wieder zu Hause eintreffen, finden sie allein den Vater vor und fallen diesem um den Hals.

Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttelte sein Schürzchen aus, daß die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen.18

Spätestens hier wird deutlich, wie wenig die Stiefmutter gebraucht beziehungsweise wie wenig sie vermisst wird. Ihr Ableben wird in einem kurzen Nebensatz erwähnt. Laut Fetscher haben die beiden eine höchst unharmonische Ehe geführt.19 Diese Aussage findet sich ebenfalls am Schluss des Märchens bestätigt: Der Mann ist mehr betrübt über den Verlust seiner Kinder als über den seiner Ehefrau. So kann am Ende von einem glücklichen Ausgang gesprochen werden, obwohl im Laufe der Geschichte schlimme Dinge vorgefallen sind. Selbst der Tod der Frau ist notwendig gewesen. Es ist deshalb nicht als Zufall zu werten, dass das Geschwisterpaar nach Hause kommt und, nachdem es die Hexe besiegt hat, die böse Stiefmutter nicht mehr antrifft.

It quickly becomes clear that stepmother, evil cook, witch, and mother-in-law are different names for one villain whose aim is to banish the heroine from hearth and home and to subvert her elevation from humble origins to noble status. What at first blush appears to be a conspiracy of hags and witches is in the final analysis the work of a single female villain.20

Hänsel und Gretel finden, nachdem sie die Hexe in den Ofen gestoßen haben, jede Menge Perlen und Edelsteine im Hexenhaus, die sie nun mit nach Hause bringen.

Als abhängige Kinder waren sie für ihre Eltern eine Last; bei ihrer Rückkehr werden sie durch die Schätze, die sie sich errungen haben, zur Stütze der Familie. Diese Schätze sind die neugewonnene Unabhängigkeit der Kinder in ihrem Denken und Handeln, ihr neues Selbstvertrauen, welches das Gegenteil der passiven Abhängigkeit ist, die sie charakterisierte, als sie ausgesetzt wurden.21

Alles, was Hänsel und Gretel erreicht und dazugelernt haben, verdanken sie ihrer verstorbenen Stiefmutter. Denn obwohl diese ausschließlich böse gezeichnet ist und, oberflächlich betrachtet, keine mütterlichen Qualitäten vorweist, ist sie es, die die Erziehung der Kinder übernimmt. Der Vergleich der Stiefmutter mit einer Vogelmutter, die ihre Jungen liebevoll aber bestimmt aus dem Nest schubst, liegt nahe. Nur wenn die Kinder es wagen, einige Schritte ohne ihre Eltern zu gehen, sind sie in der Lage, etwas dazuzulernen und werden danach umso herzlicher wieder aufgenommen. Ist dies nicht die Botschaft, die Kindern vermittelt wird, wenn sie die Geschichte von Hänsel und Gretel hören?

[...]


1 Irmen, Hans-Josef: Hänsel und Gretel. Studien und Dokumente zu Engelbert Humperdincks Märchenoper. Mainz: 1989. S. 25.

2 Gerstner, Hermann: Brüder Grimm in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbek bei Hamburg: 1973. S. 38.

3 Ebd.

4 Ebd. S. 39-40.

5 Vgl. Grimms Märchen. Lechner Verlag: 1992.

6 Projekt Gutenberg (2008)

7 Ebd.

8 Tatar, Maria: The Hard Facts of the Grimms ’ Fairy Tales. Princeton: 1987. S. 142.

9 Ebd.

10 Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen. München: 1980. S. 189.

11 Ebd. S. 183.

12 Fetscher, Iring: Wer hat Dornröschen wachgeküsst? Das Märchen-Verwirrbuch und die Reportagen des Edlen von Goldeck von den drei Märchendeuter-Kongressen. Frechen: 2000. S. 132.

13 Bettelheim, B.: Kinder brauchen Märchen. S. 184.

14 Ebd.

15 Bettelheim, B.: Kinder brauchen Märchen. S. 183.

16 Ebd.

17 Ebd.

18 Projekt Gutenberg (2008)

19 Fetscher, I.: Wer hat Dornröschen wachgeküsst? S. 133.

20 Tatar, M.: The Hard Facts of the Grimms ’ Fairy Tales. S. 144.

21 Bettelheim, B.: Kinder brauchen Märchen. S. 189.

Details

Seiten
23
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640702589
ISBN (Buch)
9783640702466
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157502
Institution / Hochschule
University College Dublin
Note
1,7
Schlagworte
Hänsel und Gretel Oper Brüder Grimm Bruno Bettelheim Ludwig Bechstein Engelbert Humperdinck Adelheid Wette Frank Corsaro

Autor

Zurück

Titel: Die Stiefmutter / Mutter und die Hexe in 'Hänsel und Gretel' - Eine Untersuchung