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Rechtsextremismus in der DDR

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 24 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rechtsextremismus – eine begriffliche Annäherung

3. Rechtsextremismus in der DDR?

4. Maßnahmen der DDR-Regierung gegen den Rechtsextremismus

5. Erklärungsansätze für die Entwicklung des Rechtsextremismus in der DDR
5.1. Die autoritäre antifaschistische Erziehung in der DDR
5.2. Die Ausländerpolitik der DDR

6. Resümee

7. Literatur

1. Einleitung

Der Meldung der staatlichen DDR-Nachrichtenagentur Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst (ADN) vom 11. August 1989 nach waren neonazistische Tendenzen in der DDR „purer Unsinn“. Die Begründung lieferte der ADN allerdings gleich mit: „Jeder Ansatz werde durch harte Strafen schon im Keim erstickt.“ Damit wurde bestätigt, was es angeblich nicht gab.[1] Nach Auswerten von Berichten der Hauptabteilung XX des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) aus den 80er Jahren, wird tatsächlich die Wahrnehmung der Anfänge einer rechtsextremistischen Bewegung in der DDR abgebildet.[2] Auch bestätigten die stark erhöhte Anzahl rechtsextremistischer Vorfälle von ostdeutschen Jugendlichen insbesondere nach „der Wende“ die These, dass Rechtsextremismus ihren Ursprung bereits in der DDR hatte.

Mit der nachfolgenden Ausarbeitung verfolge ich nun das Ziel, meine Fragen, die aus der offensichtlichen Verschleierung der Existenz von Rechtsextremismus in der DDR heraus entstanden sind, zu beantworten: Warum bestritt die DDR bis zu ihrem Untergang, dass es – wie in den Akten nachgewiesen – tatsächlich ein rechtsextremistisches Phänomen gab? Seid wann existierte der Rechtsextremismus in der DDR? Und welche rechtsextremistischen Tendenzen gab es in der DDR? Wer waren die Anhänger dieser politischen Bewegung und worin lag die Wurzel dieses Übels?

Der Beantwortung meiner Fragen stelle ich zu Beginn dieser Hausarbeit eine Annäherung an den Begriff Rechtsextremismus voran.

2. Rechtsextremismus – eine begriffliche Annäherung

Bis heute gibt es keine allgemeingültige und verbindliche Definition zum Rechtsextremismus. Nicht nur das inhaltliche Verständnis von Rechtsextremismus ist umstritten, sondern ebenso die Verwendung des Begriffs. So werden Bezeichnungen des Problemgegenstandes durch Begriffe wie Rechtsradikalismus, Rechtspopulismus, (Neo)Faschismus, Neonazismus verwendet. Eine Abgrenzung der einzelnen Begrifflichkeiten würde den Rahmen dieses Kapitels sprengen, allerdings kann man festzuhalten, dass diese Begriffe unumstritten auf Verbindungspunkte zum Rechtsextremismus verweisen, nicht aber als Synonym zu diesem verwendet werden können.

Das Problem, eine allgemeingültige Definition für den Begriff Rechtsextremismus zu finden, liegt einerseits in den verschiedenen Zugängen der Betrachter (z. B. aus Politik, Kultur, Sozialwissenschaft, Pädagogik, Psychologie) und andererseits darin, dass unter Rechtsextremismus keine einheitliche Ideologie zu verstehen ist, sondern ein „heterogenes Gemisch unterschiedlichster Begründungszusammenhänge und Sichtweisen.“[3] (vgl. Stöss 22)

Trotzdem lässt sich rechtsextremistisches Denken auf einen Kern reduzieren: Die Freiheit und die Gleichheit (bzw. Gleichwertigkeit) aller Menschen (GG, Artikel 1) als Grundprinzip der Demokratie werden grundsätzlich abgelehnt. Rechtsextremismusforscher einigten sich deshalb auf folgende Definition:

"Der Rechtsextremismus ist ein Einstellungsmuster, dessen verbindendes Kennzeichen Ungleichwertigkeitsvorstellungen darstellen. Diese äußern sich im politischen Bereich in der Affinität zu diktatorischen Regierungsformen, chauvinistischen Einstellungen und einer Verharmlosung bzw. Rechtfertigung des Nationalsozialismus. Im sozialen Bereich sind sie gekennzeichnet durch antisemitische, fremdenfeindliche und sozialdarwinistische Einstellungen."(Friedrich-Ebert-Stifung 2007)[4]

Rechtsextremismus ist also der Ausdruck für eine Denkweise, die verschiedene, inhumane Einstellungen einschließt:

- Autoritarismus - Befürwortung einer Diktatur
- Chauvinismus - übersteigertes nationales Bewusstsein
- Ausländerfeindlichkeit – Ressentiments gegen Migranten, Ablehnung einer heterogenen und Befürwortung einer homogenen Gemeinschaft, Überhöhung der eigenen Rasse
- Antisemitismus – Ressentiments gegen Juden, Feindschaft gegenüber Juden
- Sozialdarwinismus – der Stärkere setzt sich in Gesellschaft durch; es gibt wertvolles und unwertes Leben
- Verharmlosung des Nationalsozialismus.

Wenn eine Person alle Ideologieelemente teilt, besitzt sie ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild. Teilt eine Person nur einzelne Elemente dieses Weltbilds, spricht man bei ihr von einer Affinität zum Rechtsextremismus, die nach Stärke und Inhalt variieren kann (vgl. Friedrich-Ebert-Stifung 13).

Wenn es in der oben angeführten Definition nur um Einstellungsmuster geht, so ist es notwendig, zu ergänzen, dass rechtsextreme Einstellungen unter gewissen Umständen durchaus auch zu rechtsextremem Verhalten führen können, jedoch nicht immer! Deshalb sollten die Dimensionen Einstellungen und Verhalten voneinander abgegrenzt werden. Dr. Wilhelm Heitmeyer hat eine solche Unterscheidung in seinem dualen Rechtsextremismusbegriff vorgenommen. In diesem setzt sich der Rechtsextremismus zusammen aus latentem Rechtsextremismus (Einstellungen) und manifestem Rechtsextremismus (Verhalten).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dualer Rechtsextremismusbegriff nach Heitmeyer

Bild 3 aus: http://www.politikundunterricht.de/2_08/stoess2.gif

Während rechtsextremistische Einstellungen schwer nachzuweisen sind, kann der manifeste Rechtsextremismus legal durch politisch-zielgerichtetes, einem Programm verpflichtetem Verhalten (Wahlverhalten, Mitgliedschaft in Parteien) oder auch durch spontanes Protestverhalten, das primär der Provokation und / oder dem Ausleben von aggressiven Persönlichkeitsmerkmalen dient, sichtbar werden. Illegale Verhaltensweisen wären Gewalt / Terror.

Weil der latente Rechtsextremismus als Vorläufer des manifesten Rechtextremismus gesehen werden kann, beschäftigen sich eine Vielzahl von Wissenschaftlern bereits seit Jahrzehnten mit der Ursachenforschung für rechtsextreme Einstellungen. Ansätze aus der Psychologie, der Soziologie und der Politikwissenschaft sollen Erklärungen liefern und Grundlagen für Präventionsmaßnahmen bieten.

Die große Bedeutung, den Rechtsextremismus als allgegenwärtiges Problem, welches bis in die Mitte unserer Gesellschaft hineinreicht, zu sehen und nicht als eine Erscheinung am Rande, bestätigt eine neuere Untersuchung der Friedrich-Ebert-Stiftung („Bewegung in der Mitte“, 2008).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Bild 4 aus: http://www.fes.de/rechtsextremismus/pdf/081127_zusammenfassung_studie.pdf

Die Ergebnisse bestätigen, dass rechtsextreme Einstellungen, insbesondere Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus, nach wie vor innerhalb der Gesellschaft! hohe Zustimmung finden.

Eine Definition des Begriffs Rechtsextremismus in der DDR wurde kategorisch abgelehnt. Einzig und allein der Begriff Antifaschismus als Gegenpol zum Begriff Faschismus fand auffällig oft in der Öffentlichkeit Anwendung. Auf die Frage nach dem warum soll in dem nachfolgenden Kapitel eine Antwort gefunden werden.

3. Rechtsextremismus in der DDR?

In der DDR-Verfassung vom 7. Oktober 1974 wurde in dem Grundlagenabschnitt eine kategorische Feststellung gemacht. So besagte der Artikel 6 der Verfassung:

„Die Deutsche Demokratische Republik hat getreu den Interessen des Volkes und den internationalen Verpflichtungen auf ihrem Gebiet, den deutschen Militarismus und Nazismus ausgerottet.“ (Artikel 6 der DDR-Verfassung vom 07. Oktober 1974)[5]

Der Grundstein für den völligen Neubeginn (die sogenannte „Stunde Null“) des Antifaschismus als zentraler Bestandteil der Identität der DDR sollte mit dem Prozess der Entnazifizierung (Beginn 1945) in der SBZ einsetzen. Mit diesem Prozess sollte eine Demokratie geschaffen werden, der nach Auffassung der sowjetischen Besatzungsmacht „die Beseitigung der sozialen und wirtschaftlichen Grundlagen des Faschismus vorausgeht.“ – eine Säuberung[6] (vgl. Engelbrecht 35). Durch die Bodenreform und Enteignung aller Nazi- und Kriegsverbrecher sowie die Entlassung aller Naziaktivisten aus Schulen, Justiz und staatlichen Verwaltungen sollten ein für allemal die Wurzeln für Faschismus und Krieg ausgerottet werden. Bis zum offiziellen Ende der Entnazifizierung am 10. März 1948 wurden nach Angaben der DDR insgesamt 520.000 ehemalige NSDAP-Mitglieder aus ihrer Position entfernt, in Speziallager interniert oder mit Zwangsmaßnahmen / Zwangsarbeit zum Zwecke des Wiederaufbaus belegt. Andere ehemalige Anhänger des NS-Regimes flüchteten aus der SBZ.

Fortan galten die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ursachen des Faschismus durch die Ausrottung der sozioökonomischen Grundlagen der Kapitalisten als überwunden, auch der Antisemitismus. In Erfahrung des Vernichtungskrieges der Wehrmacht gegen die sowjetische Bevölkerung und im Hinblick auf die unerschütterliche Dankbarkeit gegenüber den sowjetischen Befreiern wurde vor allem die Sowjetunion als das Hauptopfer des Faschismus anerkannt. Die antisemitische Rassenhetze wurde lediglich als bloßes Instrument zur Spaltung und Verwirrung der Arbeiterklasse interpretiert, welches von den faschistischen Machthabern zur bewussten Ablenkung vom Klassenkampf eingesetzt wurde. Deshalb weigerte sich die DDR, Wiedergutmachungsleistungen an Israel oder an internationale jüdische Organisationen zu leisten und demnach eine Folgeverantwortung für deutsche Verbrechen an Juden während des Nationalsozialismus zu übernehmen (vgl. Gössel).

Die DDR war demnach ein antifaschistischer Staat mit scheinbar „ausgelöschter Vergangenheit“ und einer „antifaschistisch-demokratischen Ordnung“. Sie grenzte sich von der Bundesrepublik Deutschland ab, die aufgrund ihrer Kontinuität zum „Dritten Reich“ als faschistisch erklärt wurde, denn eine Entnazifizierung, wie sie offiziell in der DDR betrieben wurde, gab es in der BRD nicht.

[...]


[1] Bugiel, Britta (2002): Rechtsextremismus Jugendlicher in der DDR und in den neuen Bundesländern von 1982-1998, LIT Verlag, Berlin-Hamburg-Münster, S. 51. URL: http://books.google.de/books?id=TnGrRFjFJ_YC&pg=PA7&lpg=PA7&dq=definition+rechtsextremismus+ddr&source=bl&ots=OmUu8ZAjgE&sig=4GA41bqSGkGcXRwPaw3v6H-SOSo&hl=de&sa=X&oi=book_result&resnum=5&ct=result#PPA51,M1 (20.02.2009)

[2] Süß, Walter (1996): Zur Wahrnehmung und Interpretation des Rechtsextremismus in der DDR durch das MfS. 2. Auflage, Abteilung Bildung und Forschung, S. 3

[3] Stöss, Richard (2000): Rechtsextremismus im vereinten Deutschland. URL:http://www.fes.de/pdf-files/ostdeutschland/00887.pdf (19.02.2009)

[4] Friedrich-Ebert-Stifung (2007): Demokratie stärken – Rechtsextremismus bekämpfen. URL: http://library.fes.de/pdf-files/akademie/04933.pdf (19.02.2009)

[5] Geyer, Julia Isabel (2002): Rechtsextremismus von Jugendlichen in Brandenburg, Berlin-Hamburg-Münster, S. 19. URL:

http://books.google.de/books?id=t8bvt2tcq8QC&printsec=frontcover&source=gbs_summary_r&cad=0#PPA19,M1 (19.02.2009)

[6] In autoritären oder diktatorischen Regierungssystemen heißt Säuberung die Entfernung politisch missliebiger Personen in großer Zahl aus leitenden, aber auch nachgeordneten Stellungen in Staat und Gesellschaft. Aus: Gössel, Sylvia: Den Faschismus mit „Stumpf und Stiel“ ausgerottet- Vergangenheitspolitik und Erinnerungskultur in der DDR. URL: http://www.d-a-s-h.org/dossier/11/03_DDR.html (19.02.2009)

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640709250
ISBN (Buch)
9783640709007
Dateigröße
692 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157429
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Erziehungswissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Rechtsextremismus DDR antifaschistische Erziehung Ausländerpolitik

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Titel: Rechtsextremismus in der DDR