Lade Inhalt...

Die Berliner Schnauze

Am Beispiel der gesprochenen Sprache der Komiker/innen Helga Hahnemann und Kurt Krömer

Hausarbeit 2009 14 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Was ist ‘Berlinisch’?

Sprachliche Einflusse auf das Berlinische

Berlinisch in Ost und West

Bewertung und Gebrauch des Berlinischen in Ost und West

Was ist die ,Berliner Schnauze‘?

Die ,Berliner Schnauze‘ und die Theorie des Witzes

Die ,Berliner Schnauze‘ als sprachschopferisches Instrument

Analyse

Vorgehensweise

„Icke, dette, kieke mal, Oogen, Fleesch und Beene. Die Berliner allzumal sprechen jar zu scheene“ Die Lautung des Berlinischen

„Ick liebe dir, ick liebe dich, wie’t richtig heiBt, dit weeB ick nich“

- Die Grammatik des Berlinischen

Die Lexik des Berlinischen und die ,Berliner Schnauze‘

Bewertung

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

Einleitung

Dem Berliner wird seit Jahrzehnten ein ganz spezieller, derber Humor zugesprochen, der nicht erst seit Zille und Tucholsky bekannt ist, durch sie aber seine Verbreitung in weiten Tei- len Deutschlands fand. Auch heute noch ist die beruhmt-beruchtigte ,Berliner Schnauze‘ an- zutreffen und - nicht nur in der Hauptstadt - beliebt, was die derzeit sehr erfolgreichen Ko- miker Mario Barth, Kurt Kromer oder Cindy aus Marzahn, die sich der „schnoddrigen Lustig- keit‘[1] bedienen, belegen.

Im Rahmen dieser Hausarbeit mochte ich die so genannte ,Berliner Schnauze‘ sowie den ihr anhaftenden Humor eingehender untersuchen. Hierzu werde ich im ersten Teil der Arbeit eine knappe Einfuhrung in das Berlinische geben und dabei auch kurz auf die Zeit der Teilung Berlins zuruckblicken und deren Auswirkung auf die Sprache knapp erlautern. Im Anschluss soll die ,Berliner Schnauze‘ genauer betrachtet und dargelegt werden, was sie im Einzelnen ausmacht. Hieran anschlieBend folgt der Analyse-Teil der Arbeit, in dem ich anhand von tran- skribierten Videosequenzen von Liveauftritten der verstorbenen DDR-Komikerin Helga Hah­nemann und des derzeit erfolgreichen Neukollner Komikers Kurt Kromer die Besonderheiten des Berlinischen aufzeigen und feststellen mochte, ob in deren Sprechweise die ,Berliner Schnauze‘ nachzuweisen ist und ob eventuell Unterschiede bzgl. Ihrer Herkunft herauszufil- tern sind.

Fur die Erstellung dieser Hausarbeit habe ich mich hauptsachlich auf SCHLOBINSKI, DITTMAR und SCHONFELD gestutzt, deren Studien aus den 80er und 90er Jahren die Basis des Forschungsgebietes ,Berlinisch‘ waren und sind.

Was ist ‘Berlinisch’?

Nach SCHONFELD ist Berlinisch „die berlinische Umgangssprache, die von den in Berlin Aufgewachsenen vor allem im zwanglosen Gesprach verwendete Sprache“,[2] die auf allen sprachlichen Ebenen regelmaBig vom Standarddeutschen abweicht. Es handelt sich bei dieser Mundart um eine heterogene Sprachform, die sich aus einer Vielzahl von koexistierenden Varietaten zusammensetzt und die je nach Alter, Geschlecht, Wohnbezirk und Bildungshin- tergrund der Sprecher/innen verschieden sprachlich ausgepragt ist. Daruber hinaus ist das Berlinische eine Stadtsprache bzw. ein Urbanolekt, die sich gemeinhin dadurch auszeichnet, dass sie in einer Austauschbeziehung zum stadtischen Umland steht, dass sie regional d. h. stadtteilspezifisch unterschiedlich ausfallt und durch ethnische Differenzierung der Einwoh ner gepragt ist.[3]

Sprachliche Einflusse auf das Berlinische

Der Einfluss verschiedener Sprachen und Dialekte - bedingt durch den Zuzug vieler Bevolke- rungsgruppen und der damit einhergehenden starken Heterogenitat der Stadtbevolkerung - ist eine der wichtigsten Ursachen fur die Variationsbreite des Berliner Lexikons. In ihm finden sich u. a. Worter aus dem Niederdeutschen, dem Franzosischen, dem Jiddischen, dem Slawi- schen und auch aus der Gaunersprache, dem sog. Rotwelsch, wieder. Da in der Forschungsli- teratur genugend Beispiele fur solche entlehnten Worter existieren, wird an dieser Stelle da- rauf verzichtet, diese aufzulisten.

Berlinisch in Ost und West

Die Heterogenitat innerhalb des Berlinischen liegt aber nicht nur in dem Fakt begrundet, dass Berlin ein Schmelztiegel unterschiedlichster Nationen ist, sondern vor allem auch darin, dass in den Jahren der deutsch-deutschen Teilung eine Kommunikation der Berliner aus Ost und West kaum moglich war. Das geteilte Berlin gilt in der Linguistik daher als ein Paradebeispiel fur den Fall einer Sprachgemeinschaft, die in zwei Kommunikationsgemeinschaften - auf der Basis zweier Gesellschaftssysteme - zerfallt. Dass die Berliner/innen 40 Jahre lang in zwei getrennten Kommunikationsgemeinschaften gelebt haben, musste sich zwangslaufig - auf- grund der Distanz und der Kontaktbarrieren - auf die Sprachnormen und das Sprachsystem auswirken.[3] [4]

Das kommunikative Netz der Menschen in Berlin-Ost und Berlin-West war zwar zerrissen, jedoch gab es immer eine Sprachgemeinschaft, die das Berlinische als eine historische ge- wachsene Varietat teilte. Der Kernwortschatz des Deutschen blieb in beiden deutschen Staa- ten, bzw. in Ost- und Westberlin immer erhalten, selbst als es zu divergierenden Entwicklun- gen auf allen sprachlichen Ebenen kam.[5] Diese Unterschiede sind besonders im lexikalisch- semantischen Bereich angesiedelt.

Die Wortschatzdifferenzen entwickelten sich zwar in allen gesellschaftlichen Bereichen, ins- besondere aber in denjenigen, die von den unterschiedlichen politischen und ideologischen Systemen am massivsten beruhrt waren. Die Schwerpunkte der Differenzierung lagen folglich in den Bereichen Politik und Propaganda (z.B. Antifaschistischer Schutzwall vs. Mauer), In­stitution und Organisation (z. B. Kinderkrippe/garten vs. Kita) sowie Wirtschaft und Arbeit (z. b. Kollektiv vs. Team/Arbeitsgemeinschaft oder Eingabe vs. Beschwerde).[6]

Bewertung und Gebrauch des Berlinischen in Ost und West

Eine vergleichende Studie zur Sprachentwicklung des Berlinischen in den Bezirken Zehlen- dorf, Wedding und Prenzlauer Berg hat ergeben, dass die dialektalen Varianten bestimmter Worter im Ostberliner Bezirk Prenzlauer Berg haufiger realisiert werden als in den beiden Westberliner Bezirken. Das heiBt verkurzt, dass Berlinisch in den (ehemaligen) Ostbezirken mehr gesprochen wird. Grande hierfur liegen vor allem in der unterschiedlichen Bewertung des Berlinischen. Wahrend in Westbezirken (mit divergierenden Unterschieden zwischen dem ,burgerlichen‘ Zehlendorf und dem ,Arbeiterbezirk‘ Wedding, auf die ich hier platzbedingt im Einzelnen nicht eingehen kann) das Berlinische eher negativ konnotiert und ein starker Dialektschwund zu verzeichnen ist, gilt es im ehemaligen Ost-Berlin als prestigebesetzte Hauptvarietat, deren Gebrauch eher der Normalfall ist.[7]

Was ist die ,Berliner Schnauze‘?

Die Berliner Schnauze wird nach DITTMAR als „regionaler Sprechstil mit bestimmten pho netischen, lexikalischen, morphosyntaktischen, pragmatischen und rhetorischen Merkmalen“[8] definiert. Jedoch zeichnet sie sich durch mehr als nur diese sprachlichen Eigenheiten aus. Ihr haften ein eigener, derb-schnoddriger Witz und Humor und eine groBe Portion Schlagfertig- keit an. Daruber hinaus ist ihr Scharfsinn und Ironie, sowie eine gewisse Spottsucht und Grobheit zu Eigen. Nach GARBE besticht der Berliner Dialekt nicht gerade durch „besondere Zartheit und Anmut“.[9]

Wahrend nun berlinische Begriffe wie Stulle oder Boulette rasch in den Wortschatz von Zu- gezogenen integriert werden konnen, ist ein spateres Erlernen der ,Berliner Schnauze‘ durch- aus schwieriger, denn sie zeichnet sich durch mehr aus, als nur durch dialektale Phonetik oder Lexik - namlich durch ihre ganz spezielle ,Alltagsrhetorik‘, welcher im folgenden Punkt nachgegangen wird.

Die ,Berliner Schnauze‘ und die Theorie des Witzes

In der soziolinguistischen Studie „Gibt es die Berliner Schnauze?“ von 1988 haben DITT­MAR und HAEDRICH eine Neukollner FuBballmannschaft uber einen langeren Zeitraum begleitet und deren Alltagssprache untersucht. Summa summarum konnten sie spezielle ver- bale Fahigkeiten der Berliner nachweisen und haben diese als „sprachliches Kunsthand- werk“[10] identifiziert. Als charakteristisch fur den Berliner Witz in der Alltagsrhetorik sehen sie die reaktionsschnellen Redebeitrage auf die Beitrage anderer Sprecher, die kurzen, klar aufgebauten AuBerungen und das Durchbrechen von gesetzten thematischen Rahmen durch Witze und spontane Spiele des verbalen Uberbietens. Daruber hinaus seien dialogische Wech- selspiele die Basis der Schlagfertigkeit und des Witzes, denn im Monolog konnte die komi- sche Wirkung nicht derart ausgebildet werden.[11] Ein treffendes Beispiel fur den schlagferti- gen Berliner Humor, das die eben genannten Faktoren berucksichtigt, ist folgendes Wortspiel:

P: Ick hab zu meine Frau jesacht, se kann ruhich mitkommen.

S: Sie kann ooch laut mikommen.[12]

Die ,Berliner Schnauze‘ zeichne sich auBerdem durch ihre kommunikative Direktheit, anstelle der ublichen Abschwachungen und Hoflichkeitsrituale aus, d. h. dass Berliner mit hohem ver- balen Einsatz bzw. Risiko um ein „cooles Image“ spielen und damit eine hohe Spannung bei ihren Zuhorern auslosen. Ob und inwieweit das Berliner Stilregister einzigartig ist oder ob und welche Gemeinsamkeiten zu Stilregistern anderer Stadte bestehen, kann in der Forschung (noch) nicht beantwortet werden.[13]

Die ,Berliner Schnauze‘ als sprachschopferisches Instrument

Belege fur sprachschopferische Leistung des Berliners, die u. a. Lexeme mit scherzhafter Be- deutung durch Um- und Neubildung, Zusammensetzung oder Bedeutungsubertragung hervor- gebracht hat, gibt es viele. Zu nennen sind hierzu z. B. spottische Worter wie der Besuchsbe- sen fur den BlumenstrauB oder die Haleluja-Staude fur den Weihnachtsbaum, sowie Berufs- spottnamen wie Schrippenarchitekt fur den Backer. Kennzeichnend fur die verbale Kreativitat sind daruber hinaus die originelle Namensgebung fur Orte und Gebaude wie z. B. Wasser- klops fur den Weltkugelbrunnen, Bonnies Ranch fur die Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Wittenau, Schweineode statt Schoneweide, schwangere Auster fur das Haus der Kulturen der Welt oder Abkurzungen wie Kutschi (Kurt-Schumacher-Platz) und Kotti (Kottbusser Tor).

Das Berlinische hat zahlreiche Neologismen hervorgebracht, die DITTMAR im Rahmen einer Studie zum Berlinischen in einem eigenen Korpus zusammengestellt hat. Hierin befinden sich z. B. rinschmoken von jmd.

[...]


[1] P. Schlobinski: Berlinisch fur Berliner und alle, die es werden wollen, Berlin: 1984, S. 29.

[2] H. Schonfeld: Die berlinische Umgangssprache im 19. und 20. Jahrhundert, Berlin: 1986, S. 219.

[3] Vgl. N. Dittmar, D. Haedrich: Gibt es die ,Berliner Schnauze‘?, Berlin: 1988, S. 105.

[4] Vgl. P. Schlobinski: Stadtsprache Berlin, Berlin: 1987, S. 234.

[5] Vgl. Ebd.

[6] Vgl. H. Schonfeld: Auch sprachlich beigetreten?, Berlin: 1993. S. 189 ff.

[7] Vgl. O. Eckert: Geteilte Stadt - geteilte Sprache?, Berlin: 1988, S. 173 ff.

[8] N. Dittmar, P. Schlobinski, I. Wachs: Berlinisch, Berlin: 1986, S. 9.

[9] H. Garbe: Berlinisch auf Deutsch, Munchen: 1974, S.5.

[10] N. Dittmar, D. Haedrich: Gibt es die ,Berliner Schnauze‘?, Berlin: 1988, S. 136.

[11] Vgl. Ebd. S. 137.

[12] Vgl. Ebd. S. 136.

[13] Vgl. Ebd. S. 137.

Details

Seiten
14
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640703302
ISBN (Buch)
9783640703746
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157351
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Berliner Schnauze Kurt Krömer Helga Hahnemann Berlinisch

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Berliner Schnauze