Lade Inhalt...

Umberto Ecos Erzähltheorie - 'Lector in Fabula' und 'Sei passeggiate nei boschi narrativi' im Vergleich

Seminararbeit 2001 13 Seiten

Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Konkretisierung des Arbeitsziels

2. ,Lector in fabula’ als Hintergrund für ,Sei passeggiate nei boschi narrativi’
2.1. Vergleich der Textgattungen
2.1.1. ,Lector in fabula’ als wissenschaftliche Abhandlung
2.1.2. ,Sei passegiate nei boschi narrativi’ als Vorlesung in schriftlicher Form
2.2. Aus ,Lector in fabula’ übernommene Ideen
2.2.1. Textbeispiele
2.2.2. Begriffe der allgemeinen Erzähltheorie
2.2.3. Ecos eigene Konzepte
2.3. Weiterentwickelte Konzepte und neue Begriffe in ,Sei
passeggiate nei boschi narrativi’
2.3.1. Die ,Wald’ – Metapher
2.3.2. Die Begriffe ,patto finzionale’ und ,privilegio aletico’
2.3.3. Die Weiterentwicklung des ,Modell-Lesers’
2.3.4. Das ,Verweilen’
2.3.5. Die Welt als unendlicher Roman

3. Konklusion

4. Literaturverzeichnis

1. Konkretisierung des Arbeitsziels

1979 erschien Umberto Ecos ,Lector in fabula’[1], eine theoretische Abhandlung über Textsemiotik mit dem Schwerpunkt auf der Rolle des Lesers. 13 Jahre später hielt Eco die sogenannten ,Norton Lectures’ an der Harvard University, die sich in Hinblick auf allgemeine Erzähltheorien ebenfalls mit der Rolle des Lesers beschäftigten. Diese sechs Vorlesungen sind 1994 in schriftlicher Form mit dem Titel ,Sei passeggiate nei boschi narrativi’[2] (im Folgendem abgekürzt mit ,Sei passeggiate’, d. Verf.) erschienen. Eco verweist in den Vorlesungen mehrere Male auf ,Lector in fabula’ und greift darin entwickelte Konzepte auf. Es stellt sich nun die Frage, inwiefern die Ideen Ecos aus ,Lector in fabula’ in die ,Sei passeggiate’ Einzug gefunden haben und ob sich eine gewisse Weiterentwicklung der früheren Konzepte feststellen läßt. Dieser Frage wird im Folgendem nachgegangen. Es wird darauf hingewiesen, daß der Focus dieser Untersuchung von den ,Sei passeggiate’ ausgeht und auf ihre Wurzeln in ,Lector in fabula’ gerichtet ist. Das heißt, daß die Ideen aus ,Lector in fabula’, die nicht in die ,Sei passeggiate’ eingegangen sind, hier keine Erwähnung finden werden.

2. ,Lector in fabula’ als Hintergrund für ,Sei passeggiate nei boschi narrativi’

2.1. Vergleich der Textgattungen

Als Voraussetzung für den Vergleich der erzähltheoretischen Konzepte in ,Lector in fabula’ und ,Sei passeggiate’ sollte auf die Unterschiede der beiden Werke hinsichtlich der Gattung hingewiesen werden. Denn aus diesen ergibt sich auch eine unterschiedliche Darstellung der Theorien, was den Umfang, die Genauigkeit und den Stil betrifft.

2.1.1. ,Lector in fabula’ als wissenschaftliche Abhandlung

Schon auf den ersten Blick läßt der Umfang von ,Lector in fabula’ erahnen, daß hier mit größerer Genauigkeit ans Werk gegangen wird, als bei den ,Sei passeggiate’. Schlägt man dann das Buch auf, verraten Tabellen, Formeln und Schaubilder, daß es sich um eine wissenschaftliche Abhandlung handelt. Bei genauem Lesen zeigt sich, daß das Werk an ein Zielpublikum mit Vorkenntnissen auf den Gebieten der Erzähltheorie und der Semiotik gerichtet ist. Eco verwendet sehr viele Fachbegriffe, die teilweise als bekannt vorausgesetzt werden. Er setzt auch allgemeine Kenntnisse anderer Erzähltheorien voraus, z.B. zieht er Vladimir Propps Märchentheorie als Vergleich heran, ohne diese näher zu beschreiben[3]. Die Rechtfertigung für die Verwendung mancher Begriffe und die Angabe von Quellen, falls ein fremdes Konzept aufgegriffen wird, sprechen für eine solide wissenschaftliche Arbeit (so gibt Eco hier Van Dijk als Begründer des Begriffspaars ,narrativa naturale e narrativa artificiale’ an[4], was in ,Sei passeggiate’ unerwähnt bleibt). Die Fülle von Beispielen zeigt Ecos didaktische Bemühungen, die seltenen Abweichungen vom wissenschaftlichen Stil wirken jedoch in diesem Werk unpassend .

2.1.2. ,Sei passegiate nei boschi narrativi’ als Vorlesung in schriftlicher Form

Da einer Vorlesung normalerweise ein zeitlicher Rahmen gesetzt ist, ergibt sich die relative Kürze der ,Sei passegiate’ schon aus ihrer Gattung. Die ursprünglich mündliche Form hat zur Folge, daß die Sprache einfacher gehalten ist und die Theorien nicht en detail ausgeführt werden, sondern es gelegentlich auch nur bei Denkanstößen bleibt. Auch inhaltlich verlagert sich der Schwerpunkt von der Textsemiotik zu allgemeinen Erzähltheorien. Die angesprochene Zielgruppe besteht in erster Linie aus Studenten, was einen eher lockeren Stil mit wenigeren Fachtermini zu Folge hat und auch etwas anstößige Beispiele, wie die Untersuchung von Pornofilmen[5], erlaubt. Die Vorlesungen sind praxisorientiert, die Beispiele sind noch zahlreicher und ausführlicher als in ,Lector in fabula’ und Eco scheut sich auch nicht, sich selbst als Negativbeispiel darzustellen und in die Rolle eines ,paranoiden Lesers’ zu schlüpfen[6]. Die Anreicherung mit persönlichen Informationen über Eco selbst trägt ebenfalls zur Auflockerung der Atmosphäre in den ,Sei passeggiate’ bei und macht dem Leser die Theorien schmackhaft.

Obwohl sich also die beiden Werke in einigen formalen Punkten nicht entsprechen, gehören sie doch beide zur Klasse der nicht-fiktionalen, theoretischen Texten und behandeln dieselbe Thematik. In beiden Fällen vermittelt Eco seine Überlegungen zur Rolle des Lesers in Erzähltexten, kommentiert verschiedene Fiktionstheorien und versucht diese anhand zahlreicher Beispiele in die Praxis umzusetzen.

Mit der Verdeutlichung der Unterschiede von ,Lector in fabula’ und ,Sei passeggiate’ hinsichtlich der Gattung ist nun die Vorraussetzung für den inhaltlichen Vergleich geschaffen.

2.2. Aus ,Lector in fabula’ übernommene Ideen

2.2.1. Textbeispiele

Vergleicht man ,Lector in fabula’ und die ,Sei passeggiate’ auf inhaltlicher Ebene, so fällt zunächst, ohne auf die Theorien zu achten, auf, daß die zahlreichen Textbeispiele, die Eco für die Verdeutlichung seiner Überlegungen heranzieht, in beiden Werken nahezu dieselben sind. Das mag nicht verwunderlich sein, wenn es sich bei diesen Beispielen um Manzonis ,I promessi sposi’ oder Dantes ,La divina commedia’ handelt, da sich diese Standartwerke schon wegen ihrer Bekanntheit als Beispiele anbieten. Auffällig ist erst, daß auch weniger bekannte Werke sowohl in ,Lector in fabula’ als auch in den ,Sei passeggiate’ zitiert werden. So spricht Eco in beiden Fällen von Abbotts ,Flatlandia’[7] sowie vom ,Mad-magazine’[8], um nur zwei der zahlreichen Übereinstimmungen zu nennen. Die Beispiele decken sich jedoch nicht immer in ihrer Funktion und in ihrem Umfang. So werden z.B. Edgar Allan Poes ,Arthur Gordon Pym’ und Gerard de Nervals ,Sylvie’ in ,Lector in fabula’ nur kurz erwähnt[9], während sich Eco in den ,Sei passeggiate’ intensiver mit diesen Textbeispielen auseinandersetzt. Trotzdem ist ihr Auftreten in beiden Werken ein eindeutiges Indiz dafür, daß Eco beim Schreiben der Norton Lectures sein früheres Werk sehr präsent hatte, vergegenwärtigt man sich die Tatsache, daß seit dem Erscheinen von ,Lector in fabula’ bereits 13 Jahre vergangen waren. Ein Vergleich des Wittgenstein-Beispiels läßt sogar vermuten, daß Eco diesen Abschnitt direkt aus ,Lector in fabula’ übernommen hat, da hier nicht nur die Zitate identisch sind, sondern sich auch der Wortlaut bei der Erklärung des Beispiels bis auf wenige Abweichungen deckt. So heißt es in ,Lector in fabula’:

Tutti i pronomi personali (impliciti o espliciti) non indicano affatto una persona chiamata Ludwig Wittgenstein o un lettore empirico qualsiasi: essi rappresentano pure strategie testuali. [...] Nello stesso modo l`autore non è altro che una strategia testuale capace di stabilire correlazioni semantiche: /intendo…/ (Ich meine…) significa che nell’ ambito di questo testo il termine /gioco/ dovra assumere una certa estensione (abbracciando giochi da scacchiera, giochi di carte e così via) […] In questo testo Wittgenstein non è altro che uno stile filosofico e il Lettore Modello non è altro che la capacità intellettuale di condividere questo stile cooperando nell`attualizzarlo.[10]

In ,Sei passeggiate’ schreibt Eco:

Tutti i pronomi personali non indicano affatto una persona empirica chiamata Ludwig o un lettore empirico: essi rappresentano pure strategie testuali [...]. Nello stesso modo l`autore non è altro che una strategia testuale capace di stabilire correlazioni semantiche, e che chiede di essere imitato: quando questa voce dice “Intendo”, vuole stabilire un patto, per cui con il termine gioco si debbono intendere giochi di carte, giochi di scacchiera e così via […] In questo testo Wittgenstein non è altro che uno stile filosofico, e il suo lettore modello non è altro che la capacità e la volontà di adeguarsi in questo stile, cooperando a renderlo possibile.[11]

Die Übereinstimmung der Beispiele beweist, daß sich Eco beim Verfassen der ,Sei passeggiate’ erneut mit ,Lector in Fabula’ auseinandergesetzt hat. Inwiefern er dabei seine alten Theorien übernommen oder überarbeitet hat soll im Folgendem untersucht werden.

2.2.2. Begriffe der allgemeinen Erzähltheorie

Sowohl , Lector in fabula’ als auch die ,Sei passeggiate’ beschäftigen sich mit allgemeinen Erzähltheorien. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn Eco in beiden Werken bekannte Begriffe und Konzepte der Erzähltheorie verwendet und erklärt. So dient Eco z.B. das Konzept der ,Leerstelle’, ein Begriff, der von Wolfgang Iser geprägt wurde, als Grundlage für seine Rezeptionstheorien und findet daher in beiden Werken gleich zu Beginn Erwähnung ( „l`attività cooperativa che porta il destinatario [...] a riempire spazi vuoti“[12] ; „ chiede al lettore di collaborare colmando una serie di spazi vuoti“[13] ). Ebenso beschäftigt sich Eco in beiden Werken mit den Theorien der russischen Formalisten und arbeitet mit deren Begriffen ,Fabel’ und ,Sujet’. Während in , Lector in fabula’ den verschiedenen Abstufungen des Begriffs ,Fabel’ ein eigenes Kapitel gewidmet ist („6.2. Contrazione e espansione – Livelli di fabula“[14] ), wird er in den ,Sei passeggiate’ nur anhand von praktischen Beispielen umrissen[15]. Die unterschiedliche Verwendung begründet sich auf die oben erläuterten Gattungsunterschiede der beiden Werke.

[...]


[1] Umberto Eco: Lector in fabula. La cooperazione interpretativa nei testi narrativi, Mailand 1979.

[2] Umberto Eco: Sei passeggiate nei boschi narrativi, Mailand 1994.

[3] Eco: Lector in fabula, S.105.

[4] Ebd., S.69.

[5] Vgl.Eco: Sei passeggiate, S. 75-77.

[6] Vgl.ebd., S.124-128.

[7] Eco: Lector in fabula, S.148 und Eco: Sei passeggiate, S.97f.

[8] Eco: Lector in fabula, S.83 und Eco: Sei passeggiate, S.63.

[9] Eco: Lector in fabula, S.121 (Pym), S.174 (Sylvie).

[10] Eco: Lector in fabula, S.61.

[11] Eco: Sei passeggiate, S.30f.

[12] Eco: Lector in fabula, S.5.

[13] Eco: Sei passeggiate, S.3.

[14] Eco: Lector in fabula, S. 103-105.

[15] Vgl. Eco: Sei passegiate, S.41-44.

Details

Seiten
13
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783640694259
ISBN (Buch)
9783640695089
Dateigröße
373 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157297
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,7
Schlagworte
Erzähltheorie Harvard-Vorlesung Leser Erzähler Fiktion

Autor

Zurück

Titel: Umberto Ecos Erzähltheorie - 'Lector in Fabula' und 'Sei passeggiate nei boschi narrativi' im Vergleich