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Was sind Geisteswissenschaften und welchen Nutzen haben sie in der modernen Gesellschaft?

Seminararbeit 2009 21 Seiten

Pädagogik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ursprung und Entwicklung der Geisteswissenschaften

3. Welchen Sinn haben die Geisteswissenschaften in der modernen Gesellschaft?
3.1 Joachim Ritter
3.1.1 Biographie
3.1.2 Der Standpunkt Ritters zu den Geisteswissenschaften
3.2 Odo Marquard
3.2.1 Biographie
3.2.2 Der Standpunkt Marquards
3.3 Kritische Stimmen zur Nützlichkeit der Geisteswissenschaften

4 Schlussbemerkung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Geisteswissenschaften stehen besonders in der jüngeren Vergangenheit unter großem öffentlichen Legitimationsdruck. Von den Universitäten wird immer mehr direkt nutzbarer Output für Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft verlangt. Die Bildungslandschaft verändert sich nachhaltig, indem beispiels-weise modularisierte, schulähnliche Bachelor und Master Studiengänge für alle Fachrichtungen eingeführt werden oder das (Zentral-)Abitur nun schon nach nur 12 Jahren Schule abgeschlossen werden kann. Die verschiedenen wissen­schaftlichen Disziplinen, vor allem die der Natur­wis­sen­schaften, gehen immer öfter Kooperationen mit Firmen ein, um die technische Entwicklung gezielt voranzutreiben. Universitäten mutieren zu modernen Großunternehmen, die sich genau überlegen müssen in welche Wissenschafts­sparten sie die vorhandenen Fördermittel investieren.

2007 wurde der Fokus der Allgemeinheit durch das „Jahr der Geisteswissen-schaften – Das ABC der Menschheit“ explizit auf diesen Wissenschafts­be­reich gelenkt. Vor diesem Hintergrund soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, wel­chen Nutzen die Geisteswissenschaften in der modernen Ge­sell­schaft haben.

Im ersten Teil der Arbeit wird der Begriff ‚Geisteswissenschaften’ näher erläutert. Außerdem soll kurz auf die Entstehungsgeschichte und die Unter-schiede zu den Naturwissenschaften dieser noch jungen Wissenschaft eingegangen werden. Im zweiten Teil, der den Hauptteil der Arbeit darstellt, werden die Standpunkte zweier Philosophen (Joachim Ritter und Odo Marquard) vorgestellt, die jeweils viel beachtete Aufsätze über die Frage des Nutzens der Geisteswissenschaften verfasst haben. Aufbauend auf Ritters Position soll Marquards Kom­pensationstheorie vorgestellt und analysiert werden. Abschließend stelle ich die Stand­punk­te einiger Autoren vor, die im Gegensatz zu Ritter und Marquard zumindest keinen direkten Nutzen in den Geisteswissenschaften sehen. Im Fokus hier­bei steht Herbert Schnädelbachs Kritik an der Kompensationstheorie von 1988.

2. Ursprung und Entwicklung der Geisteswissenschaften

Der Begriff ‚Geisteswissenschaften‘ bezeichnet einen Komplex von wissen-schaftlichen Disziplinen, Aktivitäten, Produkten etc. Teil der Geisteswissen-schaften sind so beispielsweise die Geschichtswissenschaften, die Religions-wissenschaften, die Sprachwissenschaften oder die Kunstwissenschaften (vgl. Anzenbacher, 1981, S. 22). Diese einzelnen Wissenschaften können als spezifische Manifestation der deutschen traditionellen Philosophie und des deutschen traditionellen Wissenschaftsverständnisses gesehen werden (vgl. Ritter, 1974, S. 211). Das Kompositum ‚Geisteswissenschaften’ beinhaltet also die in ihr fortlebenden Traditionen des deutschen Idealismus sowie ein breit gestreutes Spektrum von alten und neuen Wissen­schaften (vgl. Ritter, 1974, S. 213).

Der relativ junge Terminus ‚Geisteswissenschaften‘ kommt erst im späten 19. Jahrhundert auf. Ritter geht im Jahre 1961 noch davon aus, dass das Wort ‚Geisteswissenschaften‘ zum ersten mal bei Schiele in dessen Übersetzung der Logik Mills auftaucht (vgl. Ritter, 1961, S. 121). Heutzutage geht die Forschung davon aus, dass der Begriff schon vorher in teils verschiedenen Bedeutungen aufgetaucht ist. Es lässt sich jedoch nicht genau datieren, wann der Terminus zum ersten Mal verwendet wurde. Der älteste Beleg findet sich in einer 1787 erschienen Schrift mit dem Titel Wer sind die Aufklärer eines anonymen Autors. Nachfolgend erscheint der Terminus der Geisteswissenschaften immer öfter. So zum Beispiel bei van Calker und Schlegel, die um 1800 in dem neuen Begriff ein Synonym für ‚Philosophie‘ sehen. 1824 kommt Werber in seinem Werk Der Parallelismus zwischen Natur und Kultur. Ein System der Natur- und Geistesphilosophie der heutigen Begriffsbestimmung schon deutlich näher, indem er eine Unterscheidung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften vornimmt. 1847, also 23 Jahre später, nimmt Calinich die erste klare Unterscheidung zwischen der naturwissenschaftlichen und geisteswissen-schaftlichen Methode vor. Dies stellt die erste Verwendung des Begriffs nachdem heute gültigen Bedeutungssinn dar (vgl. Ritter, 1974, S. 211).

Initiierend für die seit Ende des 19. Jahrhunderts belegte Ausbreitung des Begriffs gilt das 1883 erschienene Buch Einleitung in die Geisteswissen-schaften von Dilthey. Hier werden die Geistes­wis­sen­schaften als „Erfahrungs-wissenschaften der geistigen Erscheinungen“ bzw. als „Wissen­schaft der geistigen Welt“ umschrieben (vgl. Ritter, 1974, S. 211). Später bezeichnet Dilthey dann die wissenschaftlichen Disziplinen als Geisteswissenschaften, die versuchen, die ge­schichtlich geistige Welt des Menschen mit hermeneutischen Mitteln zu verstehen (vgl. Ritter, 1961, S. 121).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts finden sich noch andere, semantisch recht ähnliche Begriffe. Der lebensphilosophisch verstandene Terminus ‚Geistes­wissen­schaften’ entwickelt sich jedoch zum Zentralbegriff der deutschen Philosophie. Nach Hartmann realisiert sich der Geist im „Geistesleben“ einer Gruppe, eines Volkes, einer Kultur, einer Gesellschaft oder in der lebens­philosophisch-völkisch verstandenen Gemeinschaft sowie in deren geschaffenen kulturellen Pro­dukten. Durch Vertreter dieser Richtung wird der Begriff auch im Zusammenhang mit Pä­dagogik verwendet. Insbesondere im Umfeld der höheren Schulbildung und der Uni­versitäten. Daraus resultiert, dass das deutsche wissenschafts­theoretische und philo­so­phische Denken sich stark an den Geisteswissenschaften orientiert. So kommt es dazu, dass die wissen­schaftlich-technische Welt samt ihrer Schöpfungen und Er­kenntnisse, dem „organismisch-völkisch-lebendigen“ und traditionellem „deutschen“ Denken, als gefährlich und fremd ge­gen­über gestellt wird (vgl. Ritter, 1974, S. 212).

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde vor allem in der marxistischen Philosophie der Ter­minus ‚Geisteswissenschaften’ nahezu komplett durch die Begriffe ‚Sozial-’ oder ‚Gesell­schafts­wissen­schaften’ ersetzt. Epigonal setzt sich die deutsche idealistische Tradition der Geistes­wissenschaften fort und somit ebenfalls die damit verknüpfte Konzeption von Wissenschaft. Durch die Auseinandersetzung mit dem positivistisch-pragmatisch-analytischen Denken ent­wickel­ten sich zwei neue Denkrichtungen: Das hermeneutisch-geistes­wissenschaftliche sowie das analytisch-positivistische Denken. Diese Trennung geht durch die verschiedenen geistes­wis­senschaftlichen Dis­zi­plinen hindurch (vgl. Ritter, 1974, S. 212).

Die großen Probleme den Terminus ‚Geisteswissenschaften’ adäquat in andere Sprachen zu über­­setzen verdeutlicht, wie sehr er „auf dem Boden der deutschen Geistesphilosophie ge­wachsen“ ist (vgl. Ritter, 1974, S. 212).

Natur- und Geisteswissenschaften kommen erst im Laufe des 19. Jahrhunderts an die Uni­versitäten. Typisch für die damalige Situation der Geisteswissen-schaften an den Universitäten war, dass einzelne Forschungszweige, die heute institutionell verankert sind, fehlten oder sich erst emanzipieren mussten. So kam es beispielsweise dazu, dass der Historiker Raumer wie selbst­­ver­ständlich Vorlesungen über Politik, Statistik, Geschichte, Staats- und Finanzrecht hielt. Be­merkenswert ist auch der Fakt, dass Max Lenz eine Professur für romanische Sprachen noch im Jahre 1910 als „lächerlich“ bezeichnete (vgl. Ritter, 1961, S. 122f.). „So haben sich insgesamt die Geisteswissenschaften erst im Laufe des 19. Jahrhunderts in Deutschland sowohl methodisch konstituiert wie ihr Recht und ihren Ort an den Uni­ver­sitäten erobert“, fasst Ritter zu­sammen (vgl. Ritter, 1961, S. 124).

Für die Konzeption der Geisteswissenschaften ist die Unterscheidung von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften von enormer Bedeutung. Geist und Geschichte bilden wie Natur und Wissenschaft eine Einheit. Die Naturwissenschaft oder ‚Science’ ist auf das Allgemeine bezogen, also auf Gesetze etc. Ihre Methoden sind gesetzgebend und ihre Aufgabe ist das Erklären (!). Die Geisteswissenschaften sind dem entgegengesetzt und beziehen sich als historische Wissenschaften auf das Individuelle, das Einmalige und das Geschichtliche, das sie jeweils verstehen (!). Aus den Gegensätzen von Erklären und Verstehen entsteht sozusagen als Nebenprodukt die Antithetik der beiden Wissenschaftstypen (vgl. Ritter, 1974, S. 214).

[...]

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640702565
ISBN (Buch)
9783640702527
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157123
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Geisteswissenschaften Naturwissenschaften Humboldt

Autor

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