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Die symbolische Topographie in Ludwig Tiecks Runenberg

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 22 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Romantische Räume

3. Horizontale und vertikale Raumachsen

4. Die dämonischen Formen der Außenwelt als Stufen der Selbstbewusst-werdung des Geistes

5. Das Problem der Gattungsbestimmung

6. Die Figurengruppierungen in den beiden Wirklichkeitsbereichen „Ebene“ und „Gebirge“

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Primärliteratur
Sekundärliteratur

1. Einleitung

Im Alter von 29 Jahren schrieb der junge Ludwig Tieck seine Erzählung „Der Runenberg“ in einer Nacht. Die 1802 entstandene Märchen-Novelle, wie sie meist bezeichnet wird, handelt von einem Menschen, der wahnsinnig wird, weil seine Sehnsucht ihn in die phantastische Welt des Gebirges treibt, um dort dämonisch verführt und in den Wahnsinn getrieben zu werden. Ludwig Tieck, der am 31. Mai 1773 in Berlin geboren wurde und seit seiner frühen Jugend das Ziel hatte einmal Schriftsteller zu werden, gehörte der Jenaer Frühromantik an, einem Kreis aus mehreren Schriftstellern (Gebrüder Schlegel, Novalis, Tieck, Schelling u.a.), die sich u.a. für die Förderung der Weltliteratur[1] einsetzten.

„Der Runenberg“ wurde zunächst in dem „Taschenbuch für Kunst und Laue“ (3. Jg., Köln 1804) veröffentlicht, später erschien es nochmal zusammen mit anderen früheren Werken in Tiecks Sammlung „Phantastus“.

Tieck selbst hatte regen Kontakt mit dem norwegischen Naturforscher und Schriftsteller Henrik Steffen, der ihn so weit prägte, dass man behaupten kann, dass Steffen maßgeblich an der Entstehung zu Tiecks „Runenberg“ beteiligt war.

„In seinem Erinnerungsbuch „Was ich erlebte“ (Band 3; Breslau: Josef max u. Co., 1841. S.22f) weist Steffen selbst auf die Wirkung seiner Schriften im Zusammenhang mit der Entstehung von Tiecks „Runenberg“ hin. Über den Eindruck der norwegischen Landschaft sagte er dort: „Der Eindruck war ein durchaus fantastischer, und es mag eine lebhafte Darstellung von diesem Eindruck gewesen sein, welche Tieck veranlasste, seine Novelle, den „Runenberg“, zu schreiben [...].“[2]

Ein weiterer Beweggrund zur Abfassung des „Runenberg“ war Tiecks Gefühlszustand in den Jahren nach 1801, als nicht nur sein enger Dichterfreund Friedrich von Hardenberg sondern auch seine Eltern verstarben. Neben diesen tragischen Verlusten litt Ludwig Tieck an einer schweren Krankheit, die ihn viel Kraft kostete. In einem Bekenntnisbrief an Friedrich Schlegel, den er nach der Veröffentlichung seiner Erzählung schrieb, erklärte er seine Krise. Diese Schicksalsschläge veranlassten ihn eine Erzählung mit solcher Thematik zu schreiben, wie wir sie im „Runenberg“ vorfinden. So verbindet das Kunstmärchen hier Phantastik und Wirklichkeit, „‘mit der strengen Wahrheit des Lebens‘, die Tieck in dem genannten Brief aller bloßen „Poesie“ entgegenstellte.“[3]

Wie wir wissen, hat Tieck seine Erzählung in nur einer Nacht niedergeschrieben. Das gleicht sehr seinen Dichterfreunden Kafka, der „das Urteil“ auch innerhalb einer Nacht schrieb.

Auf die Frage, weshalb Tieck seine Märchen-Novelle „Runenberg“ genannt hat, gibt es mehrere Antworten. Zum Einen glaubt man, dass sich der Titel auf die Tafel bezieht, die der Protagonist von der Bergfrau erhält. Auf der Tafel sind Lineamente, sogenannte Runen, die magische Wirkungen haben sollen. Zum Anderen bezieht sich der Titel aber möglicherweise auch auf die seltsame „Alraunen- oder Alrunenwurzel“, die er aus dem Waldboden zieht und mit der das Wunderbare seinen Anfang nimmt. Es ist eine Pflanze, die mit ihrer menschenähnlichen Wurzel den Übergang zwischen den Welten bildet. Ihr Klang beim Herausziehen führt dem Volksglauben zufolge zu Wahnsinn oder Tod. So verfolgt den Jäger hier ihre Stimme, die ihm das alltägliche Leben als tot und die Steine als lebendig vormacht.

In meiner Arbeit[4] befasse ich mich vorrangig mit der symbolischen Topographie, die Ludwig Tieck besonders stark herausgearbeitet hat. Meiner Meinung nach ist es dabei wichtig die Opposition zwischen Ebene und Gebirge nicht bloß gegenüberzustellen, sondern auch wichtige Details wie etwa die horizontal und vertikal verlaufenden Raumachsen und die enge Verbindung zum Unterbewussten zu analysieren und zu interpretieren. Die meisten Arbeiten zu diesem Thema gehen mit der Frage nach den Gründen für Christians Wahnsinn zu oberflächlich um. Dies möchte ich vermeiden, indem ich mich mit vielen Theorien über Christians „Unwohlsein“ beschäftige. Es ist notwendig tief in Christians Psyche und Charakter einzudringen, um die wahren Gründe für sein Verhalten zu erfahren. Neben diesen sehr intensiven Auseinandersetzungen sollte dennoch der Rahmen der Erzählung analysiert werden. Meines Erachtens ist es wichtig bei der Frage nach der Gattung selbst Stellung zu beziehen und nicht nur den Stand der Forschung aufzuzeigen.

Insgesamt möchte ich mich mit dieser Arbeit von den einschlägigen, meist sehr oberflächlichen Interpretationen des „Runenbergs“ abheben und das tiefere Verständnis des Textes herausarbeiten. Folgende Leitfragen dienen dazu, den Überblick zu behalten: Inwiefern hängen die Formen der Außenwelt mit den seelischen Prozessen des Protagonisten zusammen? Welche Rolle spielen die Raumachsen? Ist das Werk Tiecks eine Unterkategorie des Märchens oder folgt es doch eher dem Beispiel von Novellen? Und was steckt hinter dem Wahnsinn, der den Protagonisten erfasst?

2. Romantische Räume

Die Interpretation von Räumen in der Literatur hat im Vergleich zu anderen Aspekten der Literaturanalyse erst sehr spät stattgefunden. Bevor sich Ernst Cassirer (u.a.) mit der tieferen Bedeutung des Raumes innerhalb einer Studie auseinandergesetzt hat, hatte der Raum als solches keine tiefere Größe und galt lediglich als „landschaftliche Kulisse und Folie für das ,Naturgefühl‘ von Dichtern“[5]. Mitte des 20. Jahrhunderts war es schließlich auch Cassirer, der feststellte, „daß es nicht eine allgemeine, schlechthin feststehende Raum-Anschauung gibt, sondern daß der Raum seinen bestimmten Gehalt und seine eigentümliche Fügung erst von der Sinnordnung erhält, innerhalb deren er sich jeweils gestaltet.“[6] Man darf also nicht glauben, dass ein Raum nur ein Schauplatz ohne tiefere Bedeutung ist. Nein, man muss, um ein Werk vollends zu verstehen, viel tiefer in die räumliche Struktur eindringen, um ihre Verbindung zu dem Protagonisten und den anderen Figuren der Geschichte verstehen zu können. Die Raumdarstellung wird oft in direkter Verbindung zum Protagonisten gesehen. Die Darstellung eines Raumes spiegelt in den meisten Fällen den seelischen Zustand des Protagonisten wider bzw. der seelische Zustand der Hauptperson wird durch die Gestaltung des Raumes beeinflusst. In Ludwig Tiecks „Runenberg“ wird dem Protagonisten Christian ebendies zum Verhängnis. Er stellt sich dem eigenen Wunsch weit weg von der idyllischen Dorfebene ins Gebirge zu ziehen. Dort offenbart sich eine andere Seite Christians: Er ist offen für die Welt der Gesteine mit ihren unheimlichen Geistern, die ihn vollkommen einnehmen und zu einem anderen Menschen machen. Voll Schaudern stellt er fest, dass er für diese Welt noch nicht bereit ist und dass er sich dem noch nicht vollkommen dem hingeben kann. So flüchtet er in die überschaubare und geordnete Kulturlandschaft der Ebene zurück, wo er seine Seele heilen lassen kann.

Natürlich kann man diese These nicht auf jedes literarische Werk beziehen. Aber sie ist doch beispielhaft für die Literatur der Romantik, die mit vielen Metaphern versucht, symbolische Raumkonstruktionen zu erschaffen. So beschreibt Bruno Hildebrandt in seinem Werk „Mensch und Raum im Roman. Studien zu Keller, Stifter, Fontane [...]“ den romantischen Raum als eine „imaginativ-phantastische Überformung des Realen, der dazu dient, ein Symbol für eine „Überwirklichkeit“ zu sein“[7]. Der Surrealismus, der hier angesprochen wird, zeigt sich in den Werken der Romantik oft auch in der Metapher des (Tag-) Traumes. Der Traum ermöglicht es, die „Überwirklichkeit“ darzustellen, ohne den Bezug zur Realität zu verlieren. Auch in Tiecks romantischem Werk „Runenberg“ findet sich diese „Überwirklichkeit“ wieder. Man denke an das phantastische Geschehen auf dem Runenberg selbst oder an die sprechenden Natur: „ ... aus der Tiefe redeten ihm Gewässer und rauschende Wälder zu ...“[8].

Nicht verwunderlich ist es demnach, dass sowohl Volks- als auch Kunstmärchen zu den bekanntesten Gattungen der romantischen Prosa zählen, denn nur in einem Märchen – auch wenn es nur Züge eines Märchens hat, wie in Tiecks „Runenberg“ – lässt sich diese Überwirklichkeit literarisch richtig umsetzen.

Doch um nicht abzuschweifen, sollte man sich die Frage stellen, was romantische Räume eigentlich von anderen literarischen Räumen abgrenzt. Nun, zum Einen sind die Raumdarstellungen in der Romantik vielschichtig und transzendent. Nicht selten kommt es zu einer Entrealisierung des Raumes durch dessen ausgesprochen phantastische Beschreibung. Romantische Erzählmuster entwickeln „höchst symbolische Topographien, räumliche Grenzziehungen, Raumbewegungen, Zeitordnungen sowie Mittlerfiguren“[9]. So steht der Runenberg an sich für die Inkarnation des Phantastischen und die Dorfebene für das Bodenständige und Gewöhnliche. Zum anderen sind die Raumdarstellungen in dieser Epochen durch das Motiv des Wanderns geprägt, das oft rasche Ortwechsel zur Folge hat. Die meisten Orte besitzen scharfe Grenzen, die die eine Welt von der anderen abgrenzt und somit auch Wertegrenzen versinnbildlichen. „Äußere Natur verwandelt sich durch die narrative Verschränkung von Innen- und Außenwelt in eine Traumlandschaft, die als Bühne für problematische Individuationsprozesse dient.[10] “ Die Verbindung von seelischem Gefühlszustand des Protagonisten und der Topographie ist also bei der Betrachtung romantischer Literatur unabkömmlich.

3. Horizontale und vertikale Raumachsen

Ludwig Tieck hat in seinem „Runenberg“ viele vertikale und horizontale Raumachsen eingebaut, die großen Raum für Spekulationen und Interpretationen lassen. Die Raumachsen haben eine enorme Aussagekraft über den Protagonisten und seinen Lebensweg. In Tiecks Märchennovelle bedeutet die Verknüpfung beider Raumachsen immer eine Veränderung in Christians Leben. Es werden zwei gegensätzliche Lebensformen dargestellt, die der Ebene/des Dorfes und die des Runenbergs. Beide Lebensformen werden durch die Vertikale verbunden. Nach Jurij M. Lotman „semantisieren Texte beispielsweise die vertikale Sphäre „oben“ häufig als Gesteins- oder Ideenwelt im Gegensatz zum alltäglichen Lebensraum des „Unten“[11]. „Unten“ befindet sich in Ludwig Tiecks „Runenberg“ der gewöhnliche, christliche und beschränkte Bereich der Dorfebene, in dem Normalität herrscht und das Realitätsprinzip gilt. Dagegen befindet sich „oben“ die Welt der Wildnis, des Wahns, der Überwirklichkeit, aber auch der Freiheit. Die Opposition beider Welten wird durch den Gang in die Horizontale verbunden. Die Wanderung symbolisiert eine Wende im Leben Christians. In seinem Leben kommt es zu vielen vertikalen Wanderungen, die von unterschiedlicher Bedeutung sind. Der Gang in die Vertikale bedeutet den Horizont zu erweitern, frei zu sein für Neues, für Außergewöhnliches, für Außerordentliches. Als Christian das erste Mal von der flachen Ebene seiner Heimat in den Wald und in das Gebirge gezogen wird, wird deutlich, dass sein Geist nach mehr strebt. Sein Geist lechzt danach, seine Triebe ausleben zu dürfen. Triebe, wie beispielsweise der Todestrieb, den er bisher immer unterdrücken musste, kann er nun endlich als Jäger im Wald ausleben. Sein ganzes Leben hat er bis zu diesem Zeitpunkt in der Beschränktheit seines Heimatdorfes verbracht. Um sich endlich von dieser Enge zu befreien, sucht er den extremsten Gegensatz den es dazu gibt: das Gebirge des Runenbergs. Das Gebirge an sich steht topographisch gesehen im direkten Gegensatz zur Ebene des Dorfes. Es steht aber auch psychologisch betrachtet für etwas vollkommen Neues. Es symbolisiert einen Neuanfang in Christians Leben. Freiheit soll nun oberste Priorität haben. Freiheit drückt sich aber nicht nur topographisch durch die Weite des Blickes aus, sondern geistlich betrachtet, durch die Erweiterung des Horizonts. Es wurde Platz für neue Gedanken geschaffen, die vorher in der Enge des dörflichen Lebens keinen Raum gefunden haben. Blickt man auf einem Berg stehend horizontal um sich, so ist es möglich, dass man lange nichts anderes sieht, als den Himmel. Blickt man jedoch in einer Ebene um sich, so stößt man meist unweigerlich auf das nächste Gebirge. Wird der Horizont erweitert, sei es im Tal oder auf einer Ebene, hat dies immer zur Folge, dass man auf ein Gebirge stößt. Somit symbolisiert das Gebirge neues Gedankengut und die Freiheit der Gedanken. Das spiegelt auch Christians Leben im Gebirge wieder. Sein Geist ist offen für die Welt des Phantastischen, die mit dem Schrei der Alraunenwurzel ihren Anfang nimmt.

[...]


[1] siehe August Wilhelm Schlegel mit seinen Dramenüberstzungen von Shakespeare.

[2] Ingeborg Scholz, Ludwig Tieck. Der blonde Eckbert. Der Runenberg. Die Elfen. Interpretationen und Anregungen zur Unterrrichtsgestaltung S. 39

[3] Norbert Mecklenburg: Die Gesellschaft der verwilderten Steine“. Interpretationsprobleme von Ludwig Tiecks Erzählung „Der Runenberg“, S. 63

[4] Diese Arbeit bezieht sich auf die Reclam Ausgabe von 2007.

[5] Vgl. Alexander Ritter: Einleitung, S. 4f

[6] Ernst Cassirer: Mythischer, ästhetischer und theoretischer Raum, S. 26

[7] vgl. Carsten Lange: Architekturen der Psyche. Raumdarstellungen in der Literatur der Romantik. S. 23

[8] Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert. Der Runenberg. S. 33

[9] Norbert Mecklenburg: Die Gesellschaft der verwilderten Steine, S. 64f

[10] Vgl. Gerburg Garmann: Die Traumlandschaften Ludwig Tiecks. Traumreise und Individuationsprozess aus romantischer Perspektive, S. 22 ff

[11] Jurij M. Lotman: Die Struktur literarischer Texte, S. 313

Details

Seiten
22
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640695942
ISBN (Buch)
9783640696062
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v157118
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
2.0
Schlagworte
Runenberg Ludwig Tieck symbolische Topographie Landschaft Märchen Christian Ebene Gebirge Nacht Allraunenwurzel horizontale und vertikale Raumachsen

Autor

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Titel: Die symbolische Topographie in Ludwig Tiecks Runenberg