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„Wenn Zwänge das Leben einengen“ - Diagnostik und Intervention bei Zwangsstörungen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 24 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung und Vorgehensweise

2. Definition und Diagnosekriterien
2.1 Kriterien nach ICD-10
2.2 Kriterien nach DSM-IV
2.3 Zwangsgedanken und Zwangshandlungen

3. Makro-Aspekte: Epidemiologie, Komorbidität, Verlauf
3.1 Epidemiologie
3.2 Komorbidität
3.3 Verlauf

4. Mögliche Ursachen

5. Subtypen von Zwangsstörungen

6. Diagnostik
6.1 Probleme bei der Diagnosestellung
6.2 Diagnostische Verfahren
6.2.1 Klinische und strukturierte Interviews
6.2.2 Verhaltensbeobachtung
6.3 Differentialdiagnosen
6.4 Problemanalyse

7. Interventionsmöglichkeiten
7.1 Pharmakologische Behandlung
7.2 Verhaltenstherapie: Konfrontation und Reaktionsvermeidung
7.3 Kognitive Therapie

8. Schlussteil

I Quellenverzeichnis

II Anhang

1. Einleitung und Vorgehensweise

Alle Menschen kennen harmlose Formen eines Zwangs, die man im Alltag immer wieder antreffen kann. So werden Dinge immer wieder in der gleichen Reihenfolge erledigt, nochmals geschaut, ob der Herd auch wirklich aus ist oder es wird vermieden, mit bestimmten Symbolen, welche Unglück bringen sollen, in Berührung zu kommen. Diese Gedanken und Handlungen kommen häufig vor, behindern allerdings das Alltagsgeschehen kaum. Anders ist es bei Menschen mit einer psychischen Störung - einer Zwangsstörung:

„Immer wieder kommt dieser Gedanke. Er ist einfach da. Ich kann nichts dagegen tun.“ „Ich schaue nach ob ich den Wasserhahn abgedreht habe. Bevor ich zum Einkäufen gegangen bin, habe ich das heute schon neunmal getan.“

„Ich kann meine Handlungen nicht abschalten. Ich habe keine Kontrolle. Ich weiß, dass es unnütz ist, aber ich tue es trotzdem.“

Diese oder andere Zitate kann man oft von Menschen mit Zwangsstörungen innerhalb ihrer Therapie hören. Negative Gedanken, die Angst und Unruhe auslösen, werden von Zwangspatienten immer wieder gedacht, oft wird die Angst durch Zwangshandlungen neutralisiert. Die Zwangsstörung zählt zu den häufigsten psychischen Störungen im Erwachsenenalter, wird aber dennoch von vielen Menschen als unverständlich betrachtet, da die meisten Ängste so unnötig scheinen, dass man sich nicht vorstellen kann, wie ein Mensch solch massive Angst vor dieser Sache entwickeln kann. Zwänge nehmen im Leben der Patienten einen zentralen Stellenwert ein, sodass der Alltag von vielen Zwangspatienten nicht mehr in seinem normalen Ablauf bewältigt werden kann. Der Zwang bestimmt den Tagesrhythmus und nimmt erheblich viele Stunden (wenn nicht gar den ganzen Tag) in Anspruch. Mittlerweile wurden effektive Möglichkeiten der Behandlung von Zwängen entwickelt, die in folgender Arbeit ebenso vorgestellt werden sollen, wie die Störung selbst. Die Ursachen für Zwangsstörungen sind (noch) nicht hinreichend genau geklärt, sodass auf diese nur spekulativ eingegangen werden kann. Da der Schwerpunkt dieser Arbeit auf Diagnostik und Intervention liegen soll, wird diesen Punkten der meiste Inhalt gewidmet. In der Vergangenheit wurden zahlreiche diagnostische Methoden zur Feststellung einer Zwangsstörung entwickelt, die ebenso vorgestellt werden sollen, wie klinische Interviews oder Verhaltensbeobachtungen.

2. Definition und Diagnosekriterien

„Von einer Zwangsstörung wird gesprochen, wenn wiederholt Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen auftreten. Bei etwa zwei Drittel der Patienten kommen diese Zwänge gleichzeitig vor.“1 Die Definition der Zwangsstörung stimmt in nahezu allen Fachbüchern zum Thema überein. Immer beinhaltet sie die Begriffe Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, die, entweder allein oder gemeinsam auftretend, eine Zwangsstörung ergeben. Es muss somit unterschieden werden zwischen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen welche im Punkt 2.3 ausführlicher behandelt werden sollen. In diesem Punkt soll ebenso die Verknüpfung der beiden Zwänge genauer dargestellt werden. Zunächst allerdings ist es notwendig, die allgemeinen Diagnosekriterien für Zwangsstörungen (hier nach ICD-10 und DSM-IV) aufzuzeigen.

2.1 Kriterien nach ICD-10

Das ICD-10 ordnet die Zwangsstörungen in den Bereich der neurotischen, belastungs- und somatoformen Störungen ein2 und bezeichnet Zwangsstörungen als Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, die „innerhalb eines Zeitraums von zwei Wochen an den meisten Tagen [auftreten].“3 Die Gedanken und Handlungen müssen dazu als die eigenen (und nicht durch andere Faktoren beeinflussten) wahrgenommen werden und mit einem unangenehmen Gefühl als Reaktion auf den als ungemessen betrachteten Gedanken bzw. Handlung verbunden sein. Ebenso ist ein Kriterium, dass die Person, die die Zwangsgedanken hat bzw. Zwangshandlungen ausführt, diese zu unterdrücken versucht, was aber bei mindestens einer dieser nicht funktioniert. Weiterhin beeinflussen die Gedanken und Handlungen das Leben und den Alltag der Person negativ, was vor allem auf den Zeitmangel, der bei der Ausführung zustande kommt, zurückzuführen ist. Das ICD-10 führt weiterhin ein Ausschlusskriterium auf, sodass es Zwangsgedanken und Zwangshandlungen nicht als Ergebnis einer „anderen psychischen Störung, wie Schizophrenie oder verwandten Störungen bzw. Affektiven Störungen“4 beschreibt.

2.2 Kriterien nach DSM-IV

Ebenso nach DSM-IV sind Zwangsstörungen durch Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen gekennzeichnet. Das DSM-IV ordnet Zwangsstörungen den Angststörungen zu.5 Um eine Zwangsstörung zu diagnostizieren, müssen diese schwerwiegend sein, d.h. sie müssen „zeitaufwendig [...] oder [ein] ausgeprägtes Leiden oder deutliche Beeinträchtigungen verursachen.“6 Zeitaufwendig meint in diesem Fall, dass die Person für die Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen täglich mind. 1 Stunde aufbringen muss. Weiterhin muss die Störung während des Verlaufes vom Patienten als unbegründet oder übertrieben erkannt werden, was bei Kindern allerdings oft nicht der Fall ist, da sie „möglicherweise nicht über die für diese Erkenntnis notwendigen kognitiven Voraussetzungen verfügen.“7 Es wird ebenso darauf verwiesen, dass die Störung nicht durch ein anderes Krankheitsbild oder auf die Wirkung einer Substanz zurückzuführen ist.

2.3 Zwangsgedanken und Zwangshandlungen

Wie oben schon beschrieben, sind Zwangsstörungen durch Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen gekennzeichnet. Zwangsgedanken gehen meist der Zwangshandlung voraus und werden vom Patienten als aufdringlich und lästig wahrgenommen. Sie treten wiederholt auf und bereiten der Person ein Gefühl von Angst und Unruhe.8 Die häufigsten Zwangsgedanken beinhalten die Themen Schmutz und Krankheiten, Schuld und Verantwortung, aber auch Aggression und sexuelle Thematiken.

Zwangshandlungen, welche entweder übertrieben oder in keiner ,,realistische[n] Beziehung zwischen der Handlung und dem, was sie bewirken soll“9 stehen, werden von Personen mit einer Zwangsstörung immer wieder und in der gleichen Weise vollzogen. Sie werden demnach wie eine Art Ritual durchgeführt, welches festen Regeln folgt und nicht gestört werden darf, da die Handlung sonst „als wertlos erachtet und [...] erneut begonnen werden“10 muss. Ängste, die vorher durch Zwangsgedanken entstanden sind, werden durch die Zwangshandlung unterdrückt bzw. abgewehrt.

Kürzer beschreibt das DSM-IV beide Zwänge: Zwangsgedanken führen zu „deutlicher Angst und Unbehagen“11, wogegen Zwangshandlungen „dazu dienen, die Angst zu neutralisieren.“12 So kann auch die Verknüpfung von Zwangsgedanken und Zwangshandlung erklärt werden. Eine Person, die ständig Angst verspürt, sich mit Keimen oder Viren zu identifizieren, wird Lebensmittel mehrmals gründlich waschen, um die Angst (bzw. den Gedanken, der diese Angst auslöst), zu unterdrücken bzw. zu neutralisieren. Andersherum können Zwangshandlungen ebenso Zwangsgedanken nach sich ziehen. Eine Person, die beispielsweise immer wieder die Straße nach möglichen Anzeichen für einen von ihm verursachten Unfall kontrolliert, könnte sich zu Hause mit der Frage quälen, ob er auch wirklich alles richtig abgesucht hat. Daraus kann sich schließlich wieder eine Zwangshandlung ergeben, indem er zu der Stelle zurückfährt und nochmal alles nach den entsprechenden Anzeichen kontrolliert. Allerdings können Zwangsgedanken auch weitere neutralisierende Zwangsgedanken13 auslösen. So könnte eine Mutter, die Angst hat, ihrem Kind etwas anzutun, diesen Gedanken mit einem anderen neutralisieren: die Vorstellungen der besonders positiven und liebenswerten Eigenschaften des Kindes.14 Neutralisierende Gedanken haben demnach die gleiche Funktion wie Zwangshandlungen, d.h. die aktive Funktion.

3. Makro-Aspekte: Epidemiologie, Komorbidität, Verlauf

3.1 Epidemiologie

Die Zwangsstörung weist eine Prävalenz von 2 bis 3 % in der Gesamtbevölkerung auf15, wobei Frauen und Männer in etwa gleich stark betroffen sind. Allerdings gibt es Unterschiede in den Subtypen von Zwangsstörungen, wobei Frauen häufiger an Waschzwängen leiden, Männer an reinen Zwangsgedanken. Bei drei Vierteln aller Zwangspatienten beginnt die Störung vor dem 30. Lebensjahr; kaum findet man Neuerkrankungen nach dem 40. Lebensjahr.16 Durchschnittlich beginnt eine Zwangsstörung in der Adoleszenz bzw. im frühen Emmelkamp & van Oppen (2003) definieren diese Zahl genauer und berufen sich dabei auf Emmelkamp 1990. Sie legen dabei die Neuerkrankungen nach dem 40. Lebensjahr auf 9% fest und das Auftreten der Beschwerden vor dem 10. Lebensjahr auf 10% der Patienten.

Erwachsenenalter, d.h. mit ca. 20-25 Jahren. Allerdings werden erst nach ca. 7 Jahren erste Therapiemaßnahmen ergriffen, da die Störung vor anderen Personen meist versucht wird, geheim zu halten bzw. andere Menschen die Störung zunächst als eine „neue“ Eigenart der betroffenen Person wahrnehmen. Im Kindesalter tritt die Störung im Vergleich zum Erwachsenenalter sehr selten auf. Etwaige ritualisierte Prozesse, die Kinder zwischen dem 2. und 4. Lebensjahr annehmen, weisen nicht auf eine Zwangsstörung hin, sondern dienen der Entwicklung des Kindes. Anzunehmen ist, dass sich eine Zwangsstörung bei Kindern erst ab 7 Jahren (bei Jungen) und ab 11 Jahren (bei Mädchen) entwickeln kann, wobei die Symptome im Jugendalter nochmals schwanken können. Es ist zu beachten, dass die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder komorbid ebenso andere psychische Störungen aufweisen, besonders hoch ist (siehe dazu auch Punkt 3.2).17

3.2 Komorbidität

Laut DSM-IV können Zwangsstörungen zusammen mit Major Depression oder Angsstörungen, Essstörungen und zwanghafter Persönlichkeitsstörung auftreten.18 Dies belegt auch andere Literatur: etwa 28-38% der Zwangspatienten erfüllen ebenso die Kriterien für eine depressive Episode, in der die Symptome für die Zwangsstörung erheblich zunehmen.19 Ebenso belegt wird die Komorbidität mit anderen Angststörungen, wie spezifischer Phobie, sozialer Phobie oder Panikstörungen, wobei 58% der Patienten angeben, schon einmal eine dieser Störungen aufgewiesen zu haben.20 Essstörungen sind ebenso komorbid mit Zwangsstörungen; besonders Frauen haben in der Zeit vor Beginn der Zwangsstörung ungewöhnlich oft an Anorexia Nervosa gelitten21 bzw. leiden nach einer Zwangsstörung oft an Bulimia Nervosa.22 Die zwanghafte Persönlichkeitsstörung23 tritt allerdings, „entgegen der allgemeinen Erwartung“ bei nur 25% der Zwangspatienten auf.24

[...]


1 Barnow, Freyberger et. al: Von Angst bis Zwang. Ein ABC der psychischen Störungen: Formen, Ursachen und Behandlung, 2. Auflage, Verlag Hans Huber, Bern 2003, S. 60

2 ICD-10: Kapitel 5 ± Psychische und Verhaltensstörungen (F00-F99). Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen [URL: http://www.dimdi.de/static/de/klassi/diagnosen/icd10/htmlamtl2006/fricd.htm], Stand: 27.07.2010

3 Emmelkamp, van Oppen: Zwangsstörungen. Fortschritte der Psychotherapie, Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen 2000, S. 3

4 Ebd., S. 3

5 Saß, Wittchen, Zaudig: Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen. DSM-IV, Hogrefe-Verlag, CD-Rom, Göttingen 2000

6 Ebd.

7 Ebd.

8 Barnow, Freyberger et. al (2003), S. 61

9 Ebd., S. 60

10 Ebd., S. 61

11 Saß, Wittchen, Zaudig: Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen. DSM-IV 2000

12 Ebd.

13 Das DSM-IV bezeichnet neutralisierende Zwangsgedanken als Zwangshandlungen.

14 Barnow, Freyberger et. al (2003) S. 62

15 Diese Zahl wurde durch verschiedene Studien belegt und gibt die Punktprävalenz im Jahr 2007 an. (vgl. Tominschek, Schiepek: Zwangsstörungen. Ein systemisch-integratives Behandlungskonzept, Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen 2007, S. 29f.)

16 Emmelkamp & van Oppen (2003) definieren diese Zahl genauer und berufen sich dabei auf Emmelkamp 1990. Sie legen dabei die Neuerkrankungen nach dem 40. Lebensjahr auf 9% fest und das Auftreten der Beschwerden vor dem 10. Lebensjahr auf 10% der Patienten.

17 Tominschek, Schiepek: Zwangsstörungen. Ein systemisch-integratives Behandlungskonzept, Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG, Göttingen 2007, S. 29f.

18 Saß, Wittchen, Zaudig: Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen. DSM-IV 2000

19 Steketee (1993) in: Emmelkamp & van Oppen (2003), S. 12

20 Rasmussen & Tsuang (1986) in: Emmelkamp & van Oppen (2003), S. 13

21 Kozak & Foa geben dazu eine Zahl von 10% an. (vgl. Kozak, Foa: Zwangsstörungen bewältigen. Ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Manual, Verlag Hans Huber, Bern 2001, S. 7)

22 Kozak & Foa geben dazu eine Zahl von 33% an. (vgl. Kozak, Foa (2001), S. 7)

23 Der Unterschied zwischen Zwangsstörung und zwanghafter Persönlichkeitsstörung liegt darin, dass die Gedanken von Personen mit zwanghafter Persönlichkeitsstörung frei von Ängsten sind und die Person weder in Unruhe noch in andere Angstzustände versetzen. Außerdem bewertet der Betroffene mit zwanghafter Persönlichkeitsstörung sein Verhalten (alles sehr gewissenhaft und äußerst langsam zu erledigen) als angemessen (ich-synton). Dadurch kann es zu Konflikten mit seinen Mitmenschen kommen. (vgl. Tominschek & Schiepeck 2007, S. 40)

24 Emmelkamp & van Oppen (2003), S. 13

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640765874
ISBN (Buch)
9783640766246
Dateigröße
1.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156943
Institution / Hochschule
Universität Erfurt – Erziehungswissenschaftliche Fakultät
Note
1,7
Schlagworte
Zwang Zwangsstörung Zwänge Waschzwang Kontrollzwang Psychologie Sammelzwang Zwangshandlung Zwangsgedanken

Autor

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