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Straßenkinder in Kolumbiens Hauptstadt Bogota - Geschichte, Gegenwart und Zukunftsperspektiven der 'Subkultur' der Straßenkinder in der Hauptstadt Kolumbiens, Bogotá

Seminararbeit 1999 30 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Mittel- und Südamerika

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Eine Kindheit im Elend der Großstädte: Kolumbiens Stra­­­­­­­­­­ßenkinder
1.1 Geschichtlicher Hintergrund Bogotás und seiner Straßenkinder
1.2 Das wirtschaftliche und soziale Umfeld der Kinder marginalisierter Bevölkerungsgruppen
1.2.1 Zusammenfassung der wirtschaftlich-politischen Machtverhältnisse im heutigen Kolumbien
1.2.2 Das familiäre Umfeld der Kinder in den Armutsvierteln: Ein Dasein am Rande der Gesellschaft
1.2.3 „Die Tradition institutionalisierter Kindesverstoßung“ und „Die Tradition gesellschaftlich hervorgebrachter Hilflosigkeit“ - zwei Phänomene, die der Bekämpfung der Armut und dem Dasein der Straßenkinder entgegenwirken

2. Definition des Begriffes „Straßenkind“ in heutiger Zeit

3. Der Alltag der gamines in den Straßen von Bogotá
3.1 Wandel der gruppendynamischen Strukturen der galladas zu Beginn der 80er Jahre
3.2 Arme Straßenkinder => „tingelnde Projektkinder“ ??
3.3 Geboren in einer Kultur der Gewalt

4. Neuartige Betreuungsmaßnahmen: staatlich, weltlich, überflüssig?
4.1 Ein Zeichen der „Neuen Zeit“: Das Ende der Besserungsanstalten
4.2 Zwei Beispiele nichtstaatlicher Programme

5. Rückblick – Ausblick

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Welche Eigenschaften sind dem Thema „Straßenkinder in Kolumbien“ eigen, die zu einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit ihm führen könnten?

Ist es das Mitleid, an das in vielfältigen Formen in den westlichen Medien Appelliert wird? Ist es unser „Wohlstands“- Interesse an der „exotischen“ Lebensform auf der Straße zu essen, zu schlafen und dort Kinder auf die Welt zu bringen?

Solche Aspekte beeinflussten anfangs sicherlich meinen Entschluß, diese Arbeit über kolumbianische Straßenkinder zu schreiben. Doch schon nach kurzer Einfindung in das Thema erkannte ich, daß der Ursprung des Straßenkinder- Phänomens weitaus komplexer und vielschichtiger war in seinem Entstehen und Bestehen, als daß er sich auf bloße Anteilnahme an dem Schicksal der Straßenkinder beschränken könnte.

Diese Kinder, die zu reden wissen wie alte, erfahrene Erwachsen und doch bis in die Volljährigkeit hinein ausgesprochen kindlich agieren und reagieren sind mehr, als die Opfer einer rücksichtslosen Gesellschaft. Sie sind das untrügliche Zeichen, daß die Welt - und die Menschen, die auf ihr leben - gesellschaftliche, politische und damit historisch gewachsene Systeme zustande gebracht hat, die den moralischen und ethischen Vorstellungen eines „gesunden Menschenverstandes“ zuwiderlaufen:

Eine Gesellschaft, die ihre Kinder verstößt, verstümmelt und tötet, beraubt sich ihrer eigenen Basis.

Wem oder was hier die Schuld an dieser Entwicklung zu geben ist, ob die Schuld in Lateinamerika selbst liegt (das Phänomen der Straßenkinder äußert sich ja nicht in den ärmsten Ländern der Welt, sondern in den so genannten Schwellenländern[1]), oder ob der Fehler vielleicht in der weltweiten „Unordnung“, der ungerechten Verteilung von Arm und Reich zu suchen ist - es läßt sich, wie diese Arbeit zeigen wird, nicht eindeutig bestimmen.

Die vorliegende Arbeit versucht sich in einer objektiven Problemanalyse, die besonderen Platz lassen soll für unterschiedliche Theorien und Lösungsansätze, so dass dem Leser die Möglichkeit gegeben wird, sich ein eigenes Bild zu machen.

Als besonders nützlich erwiesen sich die Bücher von Stefan Roggenbuck und Dolly Conto de Knoll (Roggenbuck ein Deutscher, der seine Feldforschungen über die Straßenkinder von Bogotá als Dissertation erstmalig veröffentlichte, demnach also eine „ausländische Sicht“ aus dem Industrieland Deutschland, und Conto de Knoll, eine Kolumbianerin, die die Straßenkinder als tägliches Ereignis ihrer Jugend kennen lernte und als Erwachsene sich diesem Thema in einer wissenschaftlichen Sozialstudie widmete), die aus ihrer unterschiedlichen Sicht die Einordnung des Phänomens in den historischen und sozialen Kontext und damit auch mögliche Lösungsansätze unterschiedlich beurteilten.

Diese beiden Bücher waren die aufschlussreichsten Informationsquellen und ihre unterschiedlichen Meinungen sollen an gegebener Stelle dargestellt und beurteilt werden.

Das Leben auf den Straßen Lateinamerikas;

ein spezifisch lateinamerikanisches Problem?

„ I st Lateinamerika ein Teil der Welt, der zur Armut und Demütigung verdammt ist?

Verdammt von wem? Hat Gott die Schuld oder vielleicht die Natur? Das erdrückende Klima, die minderwertige Rasse? Die Religion, die Bräuche?

Oder ist unser Unglück ein Produkt der Geschichte, die von Menschen gemacht wurde und darum auch von Menschen verändert werden kann ? “

(E. Galeano. „Sieben Jahre danach“. Vorwort 1978. In: Die offenen Adern Lateinamerikas. 15. Aufl. Wuppertal 1992. S. 12/13.)

1. Eine Kindheit im Elend der Großstädte: Kolumbiens Straßenkinder

1.1. Geschichtlicher Hintergrund Bogotás und seiner Straßenkinder

Viele Überlegungen und noch mehr theoretische Ansätze der Wissenschaftler, Historiker und Soziologen versuchen, dieser rhetorisch gestellten Frage von Eduardo Galeano eine Antwort zu geben. Da jede dieser Antworten für sich plausibel klingen mag, sie aber zusammen kein eindeutiges Bild ergeben, soll nun an dieser Stelle zuerst einmal versucht werden, das Phänomen der „Straßenbevölkerung“ aus Armen, Aussätzigen und Straßenkindern historisch herzuleiten, da sich die Wissenschaftler über die historischen Fakten einigermaßen einig sind.

Dieser geschichtliche Abriss bezieht sich nur auf Kolumbien, da zwar die meisten lateinamerikanischen Staaten einen ähnlichen geschichtlichen Hintergrund haben, aber je nach Region und Kultur das Phänomen der Straßenkinder/ Straßenbevölkerung anders gelagert ist.[2]

Wie in allen großen Städten Europas gab es auch im Bogotá des 17. Jahrhunderts eine Straßenbevölkerung aus Armen, Geisteskranken, vertriebenen Indios und Findelkindern. 1642 wurde das erste Findelhaus gegründet, um der anschwellenden Welle ausgesetzter Kinder entgegenzutreten, die zumeist aus Verbindungen der weißen Eroberer mit Indio-Frauen stammten. Verbindungen mit schwarzen Frauen waren verpönt, da sie ausschließlich zur Sklaverei nach Lateinamerika geholt wurden und die schwarze Rasse als „menschliches Arbeitsmaterial“ angesehen wurde.

Aus den Verbindungen mit den Indio-Frauen gingen die Mestizen hervor, die noch

heute den größten Teil der kolumbianischen Bevölkerung ausmachen (ca. 64%)[3].

Die damalige Straßenbevölkerung lebte von der Bettelei, die wohl zu dieser Zeit das Wichtigste zum Leben erbringen konnte. Die rege Almosentätigkeit der Bevölkerung führte allerdings zu einer Professionalisierung des Bettelwesens, in dem „Bettler“ Kinder - auch zu diesem Zweck verstümmelte - mieten konnten, um höhere „Erträge“ zu erzielen.

1810 wurden die Bewohner der Findelhäuser und Obdachlosen-Anstalten von den Soldaten des Unabhängigkeitskrieges vertrieben, die die Ausrufung Kolumbiens als eigenständigen Staat ohne die Kolonialmacht Spaniens anstrebten. Man vermutet, dass hier der Beginn der Organisation der Straßenkinder in Banden zu finden ist, die während der Auseinandersetzungen zwischen der kreolischen Oberschicht und den Gesandten der spanischen Krone sich selbst überlassen waren.

1825 bis 1840 wurden die Straßen Bogotás von bettelnden und verkrüppelten Soldaten überschwemmt, dazu kamen arbeitslose Schwarze, die nach der Aufhebung der Sklaverei (1840) keine Anstellung fanden, und enteignete Indios, die ihren Besitz einem Großgrundbesitzer überlassen mussten. Auch nach weiteren Bürgerkriegen (1860-1895 und 1899-1902) blieb die bettelnde Straßenbevölkerung weitgehend sich selbst überlassen oder musste bei einer der wenigen privaten oder geistlichen Einrichtungen Unterschlupf finden, die ihr Schutz, Verpflegung und medizinische Hilfe zukommen ließ. Die Einrichtung solcher Institutionen war allerdings nie von Dauer, da sie zumeist von nur einer mildtätigen Person ausging und nach deren Tod nicht aufrechterhalten wurde.

In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde in Kolumbien der noch heute gängige französische Begriff „gamin“ für ein Straßenkind eingeführt, auch hier wird eine Verbindung zum Bettelwesen in europäischen Städten deutlich. Die Übernahme des Begriffes „gamin“ fand jedoch nur begrenzt auf Kolumbien statt. In anderen lateinamerikanischen Ländern werden Straßenkinder noch heute anders bezeichnet.

1948 wurde der populistische linksliberale Politiker Jorge Eliécer Gaitán, der wie nie zuvor die Massen polarisierte und politisierte („gaitanismo“), in Bogotá von konservativen Killertrupps ermordet. Der angestaute Zorn der Bevölkerung gegen die Oligarchie entlud sich in einem Blutbad, das allein in Bogotá mehr als 1000 Opfer an einem Tag forderte. Diesem Blutbad folgte die „violencia“ (Gewalt), die mit über 200.000 Todesopfern zur grausamsten Epoche kolumbianischer Geschichte gehört. Die Hauptstreitigkeiten trugen sich zwischen der oppositionellen Linken und den regierenden Konservativen zu, die ihre Auseinandersetzungen nicht nur in verbalen Diskussionen austrugen. Die größte Gewalt entlud sich auf dem Lande, da hier jahrelange Solidarität mit einer der Parteien nicht selten soziale Zugehörigkeiten überlagerte. Ganze Dörfer massakrierten sich gegenseitig und verursachten so eine Landflucht noch nie gekannten Ausmaßes, die den Verstädterungsprozess in Bogotá erneut forcierte.

An dieser Stelle ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass das Problem der Straßenkinder nicht erst seit der Violencia existent ist, sie führte aber dazu, dass die Zahl der Bedürftigen enorm zunahm und damit zu einer Verschärfung des Problems beitrug.

Ein Protestmarsch der Straßenkinder 1962 und stabilisierte politische Verhältnisse bewirkten erstmalig nationales und internationales Interesse, das allerdings schon 1968 nicht mehr zu existieren schien, als für den ersten Papstbesuch in Kolumbien die Straßen Bogotás „gesäubert“ wurden.

1970 war der Beginn des Projektes Bosconia/LaFlorida. Gegründet von einem Pater des Don Bosco-Ordens versuchte diese Organisation erstmalig, den Straßenkindern durch absolut freiwillige Teilnahme an ihren Projekten, einen Ausstieg aus ihrem Straßenleben zu ermöglichen. Viele weitere Organisationen, meist westliche oder geistliche, folgten (s.a. Kapitel 4).

1977 bewirkte der Dokumentarfilm „gamin“ internationales Interesse an den Problemen der Straßenkinder. Doch schon ab den 80er Jahren wurde dieses aufkeimende Interesse durch den fortschreitenden Drogenkrieg in den Hintergrund gedrängt.

1.2. Das wirtschaftliche und soziale Umfeld der Kinder marginalisierter Bevölkerungsgruppen

1.2.1. Zusammenfassung der wirtschaftlich-politischen Machtverhältnisse im heutigen Kolumbien

Dieser geschichtliche Rückblick vermag zwar Zeit und Entwicklung des Phänomens der Straßenbevölkerung aufzuzeigen, er bietet jedoch keine Anknüpfungspunkte, die erklären könnten, warum bis heute die Straße als Lebensort von vielen Kindern, freiwillig oder unfreiwillig, vor dem Leben mit ihren Eltern in den Slums vorgezogen wird.

Natürlich kann man an dieser Stelle auf die Situation Kolumbiens als Schwellenland verweisen, das zwar schon einen gewissen Industrialisierungsgrad aufweisen kann, aber noch nicht in der Lage ist, alle seine Bürger ausreichen zu versorgen. Doch dies scheint bei näherer Betrachtung noch nicht einmal der Fall zu sein: mehrfach wird in der einschlägigen Literatur[4] darauf verwiesen, dass die Menge an Rohstoffen (Erdöl, Eisen, Nickel, Kupfer...) ausreichen würde, um den Eigenbedarf der Bevölkerung größtenteils zu decken. Im Zuge der Industrialisierung hat auch das BIP ab 1925 um jährlich durchschnittlich 4,5% zugenommen, und doch bleiben weite Teile der Bevölkerung von dieser positiven Entwicklung unbeteiligt.

Während der Dienstleistungssektor des öffentlichen Dienstes mit 20%[5] (nach Nohlen/ Nuscheler betrug er Ende der 80er Jahre 45%[6]) einen hohen Anteil an der Erwerbs-bevölkerung gewinnen konnte, wachsen die Slums vor den Toren der Stadt ohne Kontrolle und die Hoffnung, jemals ein Stückchen dieses Wohlstandes erreichen zu können. Denn die Einkommensverteilung hat sich trotz der Öffnung neuer Märkte kaum verändert: „Während 5% der Spitzenverdiener 35 bis 40% des gesamten Einkommens auf sich konzentrieren, entfällt auf 80% der Einkommens-Bezieher nicht mehr als der gleiche Prozentsatz (auf 50% sogar nur 17%)“.[7]

Bei der Recherche nach weiteren Erklärungen wurde zwar auch immer die Konzeptlosigkeit der kolumbianischen Staatsführung (kein Staatskapitalismus, sondern „staatliche Protektion und Förderung des Privatkapitalismus“[8]) kritisiert, die die eigenen Ressourcen verkommen lässt und statt dessen dem ausländischen Kapital die Türen öffnet, allerdings erschien in diesen Erklärungsansätzen das Problem der Marginalität großer Bevölkerungsgruppen weitaus komplexer.

[...]


[1] Vgl. hierzu die Beobachtungen von Roggenbuck „Straßenkinder in Lateinamerika“. Kapitel VII. 4. und 5.

[2] Vgl. hierzu: Stefan Roggenbuck. Straßenkinder in Lateinamerika Kapitel VII.

[3] Roggenbuck S. 221.

[4] siehe hierzu besonders: Dolly Conto de Knoll. Die Straßenkinder von Bogotá.S.78 ff.

D.Nohlen/ F. Nuscheler. Handbuch der Dritten Welt. S 389 ff.

[5] D. Conto de Knoll . S. 79.

[6] D. Nohlen/ F. Nuscheler. Handbuch der Dritten Welt. S.391.

[7] D. Nohlen. Lexikon Dritte Welt. Bd.2. 1986. S.339. Zitiert nach D. Conto de Knoll. S.79.

[8]

Details

Seiten
30
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638207379
Dateigröße
430 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v15690
Institution / Hochschule
Universität Hildesheim (Stiftung) – Institut für Politische Wissenschaft
Schlagworte
Straßenkinder Kolumbiens Hauptstadt Bogota Geschichte Gegenwart Zukunftsperspektiven Subkultur Bogotá Entwicklungskontinent Lateinamerika

Autor

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Titel: Straßenkinder in Kolumbiens Hauptstadt Bogota - Geschichte, Gegenwart und Zukunftsperspektiven der 'Subkultur' der Straßenkinder in der Hauptstadt Kolumbiens, Bogotá