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Der amerikanische Nordosten - Old and New Immigration, Gateway Cities, Migrationsrouten

Historischer Abriss über Immigration und Migration innerhalb Nordamerikas

Seminararbeit 2009 53 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Bevölkerungsgeographie, Stadt- u. Raumplanung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Determinanten der Migration

3. Old Immigration
3.1. Definition
3.2. Beispiele des amerikanischen Nordosten
3.3. Probleme der Definition

4. Migrationsrouten
4.1. Die „French Canadian“ und ihr Weg in die USA
4.1.1 Ausgangslage der Frankokanadier
4.1.2 Migrationsrouten der Frankokanadier im Zusammenhang der Kettenmigration
4.1.3 Repatriement der Frankokanadier
4.2. Die Amische in Nordamerika
4.2.1 Gründe für die Verfolgung und Auswanderung der Amische
4.2.2 Migrationsrouten der Amische
4.2.3 Die Auswirkung amischer Besiedlung am Beispiel Lancaster Countys
4.2.4 Die Einstellung und Eigenheiten der amischen Bevölkerungsgruppe

5. Gateway Cities und Einwandererhäfen
5.1 New York City und seine Bedeutung als Einwanderungshafen
5.1.1 Italienische Immigranten in New York
5.1.2 Die jüdische Diaspora in New York

6. Resümee

7. Quellenverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis

9. Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

Die New York Times diskutiert in ihrer Themenrubrik am 11. August 2009 ein Problem, welches in den USA sowohl gesellschaftlich als auch politisch immer mehr Zuwendung erfährt. „Die Immigration und Emigration“, so lautet die Überschrift - und verrät zunächst noch nichts über eine Wertung der Wanderungen. Ganz bewusst bezeichne ich diese Thematik jedoch als Problem, da es sowohl George W. Bush als auch dem amtierenden Präsidenten Barack Obama schwer fällt, diesbezüglich konsequente Politik zu machen. Zwar gab es Versuche zur Regulierung der Immigration, die Folge daraus war aber meist nicht die Reduzierung der Einwanderung, sondern vielmehr die „Illegalisierung“ der weiterhin einwandernden Menschen. Mit einer Zahl von 11,9 Millionen illegalen Immigranten, die aktuell in den USA leben, übersteigen diese erstmals die Gruppe der legalen Einwanderer. (The New York Times, 2009,)

Diese Nachricht sorgt erneut für Diskussionsbedarf.

In kaum einem anderen Thema war und ist sich die amerikanische Bevölkerung so uneinig wie in der Frage nach der Einwanderungspolitik. Zwar feiern viele ihr Erbe und ihre Identität als „Nation von Einwanderern“, ihre Meinungen über die Zukunft der Immigration unterscheiden sich allerdings erheblich. Ein großer Teil der Amerikaner steht einer offenen Einwanderungspolitik positiv gegenüber, da die Immigranten für die Wirtschaft notwendig sind und ein unverzichtbares Element einer kosmopolitischen Gesellschaft darstellen. Großzügige Einwanderung ist aus dieser Perspektive keine abstrakte Ideologie, sondern dient der Familienzusammenführung und ist Teil des „amerikanischen Traums“ (Hirschman, 2007). Die Mehrheit der Amerikaner, die ihre ausländischen Wurzeln häufig schon vergessen haben, lehnt eine weitere massive Immigration ab. Vor allem emotionale Faktoren spielen hier eine entscheidende Rolle. Viele befürchten, dass sich Neuankömmlinge gegen ihre Integration sträuben und kein Englisch lernen. Zu einem gewissen Grad ist die Zukunftsangst sogar rational, da Globalisierung und industrielle Restrukturierung durchaus zu Gunsten eines durchlässigen Arbeitsmarktes wirken, jedoch werden die Ängste auch überproportional von egoistischen Politikern geschürt. (Hirschman, 2007)

Welchen Stellenwert die Einwanderung zukünftig einnehmen wird, lässt sich nicht vorhersagen, doch ein aufmerksamer Blick in die Vergangenheit zahlt sich aus. Die aktuellen Streitfragen zeigen Entsprechungen in der gesamten amerikanischen Historie. Sehr interessant zu beobachten ist die Tatsache, dass alle vorhergehenden Zweifel und Ängste vor der

Einwanderung oft durch die Geschichte selbst widerlegt wurden. Charles Hirschmann ist der Ansicht, dass sich nahezu alle Einwanderergruppen assimiliert und einen bereichernden Teil der amerikanischen Gesellschaft gebildet haben (Hirschman, 2007). Diese Idee des Melting Pots lässt sich aber auch anders bewerten So gibt es genügend Beispiele, bei denen die Verschmelzung mit der Aufnahmegesellschaft nur in Maßen funktionierte, so dass das Ergebnis nicht eine kombinierte Gesellschaft war, sondern mehrere parallel lebende Bevölkerungsgruppierungen.

Der Folgende Aufsatz blickt zurück auf die geschichtlichen Höhepunkte der Migration im Nordosten der USA, beschäftigt sich mit Einwandererhäfen, erklärt Migrationsursachen, -typen und -routen der verschieden Gruppen und verdeutlicht dies an aufschlussreichen Beispielen.

2. Allgemeine Determinanten der Migration

Ausgehend vom Begriff der räumlichen Mobilität, welcher im Grunde alle Wechsel- und Verkehrsbewegungen innerhalb eines räumlich definierten Systems zusammenfasst, bezeichnet man diejenigen Formen der Bevölkerungsbewegung als Wanderungen, die mit einer endgültigen oder längerfristigen Wohnsitzverlagerung einhergehen (Jürgen Leib & Günther Mertins, 1983, S.99). Als Synonym für Wanderungen verwenden viele Autoren auch den Begriff der Migration.

Man unterscheidet darüber hinaus zwischen Binnenmigration und internationaler Migration. Erstere bedeutet eine Wanderung mit Wohnortwechsel innerhalb eines Staatsgebietes wobei letztere eine Überschreitung staatlicher Grenzen vorrausetzt. Meistens wird in der Literatur unter Migrationsforschung nur die Erforschung internationaler Migration verstanden. (Sonja Haug & Leonore Sauer, 2006, S. 7-8)

Auch Ravensteins (1885/1889) ältester Versuch der Wanderungstypisierung geht zunächst von einer Klassifikation der Migranten nach zurückgelegter Distanz aus. Er differenziert zwischen lokalen Wanderern, Nahwanderern, Fernwanderern, temporären Wanderern und Wanderung in Etappen (Jürgen Bähr, 2004, S.254-261). Im Sinne dieser Unterscheidung formuliert er mehrere „Gesetzte“ zur Erklärung bestimmter Wanderungsphänomene, die inhaltlich zum Teil heute noch Bestand haben. Beim Versuch der Differenzierung nach Wanderungsgründen bietet sich eine Unterscheidung in „Zwangsmigrationen“ und „freiwillige Wanderungen“ an. Beginnend mit Ravensteins Arbeiten liegen seither fast allen geographischen Erklärungsversuchen von Wanderungen folgende Überlegungen zugrunde. Je nach Bewertung der einzelnen Faktoren ergeben sich daraus verschiedene Theorien und Modelle (Jürgen Bähr, 2004, S. 254-261):

- Traditionelle „objektive“ Modelle
- Gravitations- bzw. Distanzmodelle (Überlegungen zu räumlicher Entfernung und psychischer „Informationsdistanz“ stehen im Mittelpunkt)
- Regressionsmodell / push-pull-Theorien (Vergleichen vor allem die
sozioökonomische Situation der Herkunfts- und Zielländer)
- Verhaltensorientierte Modelle (ausgehend vom Individuum liegt der Fokus nicht auf objektiven Merkmalen, sondern auf der subjektiven Interpretation)
- Constraints Modelle (Berücksichtigung der äußeren Zwänge bzw. Constraints, die die individuelle Entscheidungsfreiheit einschränken)

In der folgenden Abbildung werden diese verschiedenen Modelle vor allem bezüglich der unterschiedlichen Faktoren zur Wanderungsentscheidung und der individuellen Bewertung dieser Faktoren schematisch dargestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Typen von Wanderungsmodellen (Quelle: Bähr, 2004, S. 260)

Abgesehen von den geographischen Erklärungsversuchen haben sich in der wissenschaftlichen Diskussion (insbesondere in Ökonomie und Soziologie) drei Theorien durchgesetzt, welche den oben genannten Modellen zwar ähneln, sich aber durch verschiedene Betrachtungsperspektiven unterscheiden. So gleicht der Makrotheoretische Ansatz den traditionellen „objektiven“ Modellen, der Mikrotheoretische Ansatz den vehaltensorientierten Modellen und der Mesotheoretische Ansatz den Constraints-Modellen.

Mikrotheoretische Ansätze betrachten den individuellen Migranten und sehen dessen Wanderungsentscheidung als Such- und Optimierungsprozess. Es wird davon ausgegangen, dass jedes Individuum als homo oeconomicus so handelt, dass aktuell unveränderliche Bedürfnisse befriedigt werden können. Vorrausetzung für diese Theorien ist die hypothetische Annahme, dass dem Individuum alle notwendigen Informationen, gegenwärtig als auch zukünftig, vollständig zur Verfügung stehen. Es besteht also kein Risiko beim Abwägen der push- und pull-Faktoren. Diese Idealvorstellung ist aber weit entfernt von der Realität. (Haug & Sauer, 2006, S.9)

Push-Faktoren der europäischen Amerikaimmigration waren Entwicklungen wie zum Beispiel die Bevölkerungsexplosion, diverse Agrarkrisen und die Einführung der Gewerbefreiheit. Als pull-Faktoren galten die unbegrenzte Verfügbarkeit von Land und später die Chance in den Industriestädten arbeiten zu können (Leib & Mertins, 1983, S.108). Der Migrationsboom Ende des 19. Jahrhunderts ist aber nicht zuletzt zurückzuführen auf die Fortentwicklung der Transportmittel, die weder als push-, noch als pull-Faktor kategorisierbar sind. Es wurde nicht nur günstiger nach Amerika zu reisen, auch die Überfahrt dauerte nicht mehr so lange. Der Ausbau des Schienennetzes auf dem europäischen Festland ermöglichte es darüber hinaus sämtlichen Europäern schnell und billig in eine Hafenstadt zu gelangen. (Nancy Foner, 2000, S.22)

Makrotheoretische Ansätze beschäftigen sich mit Zahl und Zusammensetzung einer Migrationsbewegung und fokussieren deshalb gesamtwirtschaftliche und gesellschaftliche Bestimmungsfaktoren in Herkunfts- und Zielland. Genau wie bei der mikroökonomischen Betrachtung ist Migration auch gesamtwirtschaftlich als Folge regionaler Disparitäten zu sehen. Neben den klassischen Unterschieden, welche mikrotheoretisch als push- und pull- Faktoren fungieren, spielen hier auch Aspekte wie die Attraktivität von Zentren, Bedingungen am Arbeitsmarkt sowie Zuwanderungs- und Migrationspolitik eine Rolle. (Haug & Sauer, 2006, S.17-18)

Meso-Ebenen-Ansätze versuchen die beiden anderen Ideen zu vervollständigen. Während makrotheoretische Ansätzen handlungstheoretische Annahmen komplett vernachlässigen, werden diese mikrotheoretisch berücksichtig, jedoch ohne Einbettung in soziale Netzwerke und Zusammenhänge zwischen den Erklärungsebenen. Innovative mesotheoretische Ansätze wie das Konzept der Migrationsnetzwerke, das Konzept des sozialen Kapitals und die kumulative Verursachung von Migration und Kettenmigration sind in der Lage, diese Mängel partiell zu beheben. (Haug & Sauer, 2006, S.22)

3. Old Immigration

In der amerikanischen Geschichte wird oft zwischen verschiedenen Einwanderungswellen unterschieden und sie werden kategorisiert. So kam es rückwirkend zu den Bezeichnungen der drei Haupteinwanderungswellen, dem „First Settlement“, oder auch Konolialzeit genannt, der „Old Migration“ und der „New Migration“. Im Folgenden wird besonders auf die Old Immigration eingegangen und von den beiden anderen Migrationen abgegrenzt, wobei auch auf Probleme der Kategorisierung eingegangen wird.

3.1. Definition

Die Old Migration findet von 1790 bis 1880 statt und die Hauptgruppen der aus Europa emigrierenden stellen vor allem Großbritannien, Irland, Deutschland und danach skandinavische Staaten, also vorrangig Nord- und Westeuropa, wobei Schwankungen der Intensität, ausgelöst durch z.B. Hungersnöte, politische Verfolgung, oder eine voranschreitende Industrialisierung, die große Teile der Bevölkerung verarmen lässt, teilweise sehr stark ausgeprägt sind (Abb. 1) (Fuchs, S. 2007, S. 4). Außerdem ist die Einwanderung in die USA bis 1880 („Chinese Exclusion Act“) gänzlich unreguliert. Die Auswanderungswilligen müssen nur ein Ticket für die Überfahrt kaufen und in die USA einreisen. Erst als am 19. Mai 1920 eine Quotenregelung für die Einreisenden Mittel- und Südamerikanischer Länder und Europa eingeführt wird, ändert sich die Situation der Einwanderer aus diesen Gebieten. Jedoch waren die 1920 eingeführten Quoten nur das Ende bereits vorausgehender Immigrationsreglementierungen. Oft lang dauernde Untersuchungen auf z.B. Ellis Island, dem Einwandererhafen New York Citys, die für Kranke, Arbeitsunfähige und solche, die aufgrund rassistischer Ansichten der Regierenden für untauglich oder gefährlich eingestuft werden, führen zu einer Abnahme der Einwanderung. Die Quotenregelung besagt, dass nur noch „3 % der 1910 in den USA Ansässigen jeder Nationalität zu Einwanderung zugelassen [werden]“ (Marschalck 1973, S. 107). (Castles & Miller, 2003, S. 57)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Arbeitsmigration zwischen 1850-1920; (Burghardt, S. 5)

Die oben angeführte Abbildung zeigt die Migrationsbewegungen innerhalb Europas und der USA. Es ist klar festzustellen, dass die Wanderungsereignisse nicht singulär sind. Der vorliegende Migrationstyp ist deshalb als „stepwise migration“ zu definieren. Im folgenden wird genauer auf die Unterscheidung zwischen „Old“ und „New Migration“ eingegangen, um eine dezidiertere Aussage über genauerere Migrationsrouten und deren Spazifika zu geben.

Wanderten die „Alten“ vorwiegend in ländlich und bäuerlich geprägte Gebiete, so zog es die „Neuen“ eher in städtische Gebiete und industriell geprägte Regionen (Daniels, 2002, S.121 f.). Dies liegt vor allem daran, dass die nordamerikanische Industrialisierung während und nach dem Bürgerkrieg (Civil War 1861-1865) in den größeren Städten erst richtig stattfindet und die größten und ertragreichsten agrarischen Gebiete bereits aufgeteilt sind. Sie siedeln auch vermehrt an den Eisenbahnrouten, die sie mithelfen aufzubauen, oder bleiben in den Hafenstädten, also dort, wo sie die USA das erste Mal betreten (siehe Gateway Cities) (Castles & Miller, 2003, S. 57).

Die Vertreter der Old Immigration haben es viel leichter sich in eine von Westeuropäern vorgeprägte, ihnen als neu und aufregend verkaufte Kultur zu integrieren, da die „First Settlers“ oder „Pioneers“ ebenfalls aus Westeuropa stammten. Ihr Glauben ist oft gleich (bis heute ist die USA vor allem protestantisch geprägt), ihre Sprachen sind nicht zu fremd, was eine Akkulturation vereinfacht. Starthilfe erfahren viele, die über Kettenmigration ins Land kommen. Es gibt noch weitere derartige Übereinstimmungen, die das tägliche Leben miteinander vereinfachen (ebd.). Bei den nach 1880 eintreffenden Immigranten verhält sich dies schon anders: Vorwiegend aus Süd- und Osteuropa stammend, haben die Amerikaner Schwierigkeiten mit den neuen Sprachen und auch den Bräuchen der Neuankömmlinge und umgekehrt. Viele Juden aus Russland, Italiener und Griechen, mit ihrer sich unterscheidenden Kultur, führen zu einer ersten Ausgrenzung von Ankömmlingen aus „good old Europe“. Intoleranz und rassistisch geprägten Ideologien über bessere und schlechtere „Rassen“ sind weitere, nicht förderliche Einstellungen gegenüber den Neuankömmlingen der „New Immigration“. (Daniels, 2002, S.121 f.)

Eine Gemeinsamkeit, die alle Migrationen und insbesondere die Old Immigration definiert, ist das junge Alter der Auswanderer. Es sind vor allem die 15 bis 45 Jährigen, die eine transnationale Wanderung auf sich nehmen. Dies geschieht aus ökonomischen oder politischen Gründen, oder wegen anderen Push- und Pull-Faktoren, wie Überbevölkerung in den Herkunftsregion. Zu manchen Zeiten, wie z. B. den späten 1830ern und 1860ern sind sogar 86 bis 95% aller Immigranten Amerikas unter 40 Jahre alt. (Thistlethwaite, 1960, S. 90). (Daniels, 2002, S. 18)

In der Zeit von 1821 bis 1924 (was die Old Immigrants noch mit einschließt) kommen 33 Millionen von insgesamt 55 Millionen aus Europa auswandernden Menschen in die USA (Thistlethwaite, 1960, S. 74). Jedoch ist die Gesamtzahl der Remigranten dieser Zeit nicht festgehalten, weshalb eine genaue Verifikation der wirklich in den USA gebliebenen äußerst schwierig ist. (Thistlethwaite, 1960, S. 74)

3.2. Beispiele des amerikanischen Nordosten

Wie bereits oben erwähnt zieht es in der Old Immigration viele Deutsche in die USA, doch nur einzelne wenige nach Neu England. Die Hauptankunftshäfen für sie sind New York und New Orleans. In New York angekommen machen sich viele auf den Weg Richtung Great Lakes entlang des Erie Kanals (in dem Staat New York) oder bleiben in der Stadt. Die Deutschen siedelten dort in Clustern und bilden so New York-Citys „Kleindeutschland“ oder „Little Germany“ entlang der East Side Manhattans und in Yorksville. Diese Verhalten legen auch andere ethnische Gruppen an den Tag, wie die Italiener („Little Sicily“) oder später auch die Chinesen („Chinatown“). 1890 hat New York die größte deutschstämmige Einwohnerzahl mit 210 723 Einwohnern erreicht. Zusammen mit Cincinnati (Ohio) und St. Lois (Missouri) bilden sie im 19. Jahrhundert „The German Triangel“ und besiedeln weitere Teile des Landes. (Van Ells, S. 1-4)

Jedoch haben die westlichen und südwestlichen Regionen Deutschlands bereits 1850 ihr Auswanderungshoch erreicht. Für Gesamtdeutschland gilt dies für Mitte 1880 (Thistlesthwaite, 1960, S. 92), wohingegen andere Staaten Europas erst beginnen aus ihrer Heimat zu emigrieren, was die folgende Tabelle veranschaulicht (Tab. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Europäische Auswanderung nach Übersee; Deutsche rot eingefärbt (verändert nach Bähr, 2004, S. 275)

Doch neben den bereits erwähnten Einwanderern haben vor allem französische Auswanderer großen Einfluss auf den Nordosten Amerikas. Nicht nur die direkte Einwanderung in die USA (300000 von 1820 bis 1890) sondern auch der Umweg über Kanada prägt die Staaten des Nordostens nachhaltig. Auch die Ansiedlung der Amische in Pennsylvania, die im Folgenden noch behandelt werden sind ebenfalls eine die USA prägende Bevölkerungsgruppe. (Van Ells, S.5)

3.3. Probleme der Definition

Die grobkörnigen Einteilungen, wie sie oben beschrieben sind, haben sicher einige Ungereimtheiten durchblicken und wohl manchmal auch Unverständnis aufkommen lassen. Dies ist eine Folge der allumfassenden Betrachtung der Wanderungen und der daraus resultierenden Ungenauigkeit, da nur bestimmte Wanderungsmuster in die Überlegungen mit einfließen, um eine grobe Charakterisierung wie „Old Immigration“ überhaupt möglich zu machen. Thistlethwaite schreibt 1960: “We can only come to the secret sources of the movement if we work to a finer tolerance“(Thistlethwaite, F. 1960, S. 80), was für ihn bedeutet, dass man nicht nur die einzelnen Herkunftsländer oder deren Regionen betrachten darf, sondern jede einzelne Stadt, aus denen die Menschen emigrieren. (Thistlethwaite, 1960, S. 80)

Doch sogar diese Betrachtung ist noch zu grob. Wie bereits angemerkt, gibt es meist nicht die einzelne Wanderung zum Bestimmungsort, sondern sie verläuft in Etappen oder in Zyklen. Ein irischer Mühlenbetreiber in Maine oder Massachusetts, der den Sommer über Geld mit Getreidemahlen verdient, kann viele Jahre lang nach der Getreidesaison in Maine zurück nach Irland gereist sein. Dort verbringt er den Winter um in Kohlegruben ein Auskommen zu verdienen. In einem folgenden Jahr stellt er dann im Sommer fest, dass ein franko- kanadischer Einwanderer aus Quebec ihm die Arbeit weggenommen hat. Dieser wiederum geht im Winter zurück nach Quebec, um dort wieder eine andere Tätigkeit aufzunehmen. Daraufhin zieht der Ire nach New York zieht, und arbeitet in der Industrie und kehrt möglicherweise nicht mehr nach Irland zurück (Thistlethwaite, 1960, S. 77f.). Diese Komplexen Verflechtungen fallen ebenfalls durch das Raster der „Old Immigration“. (Thistlethwaite, 1960, S. 77-80)

4. Migrationsrouten

Everett S. Lee geht davon aus, dass jede Wanderung meistens auf relativ genau definierten Routen abläuft (“Migration tends to take place largely within well defined streams“) (nach Everett, in Allen 1972, S. 367) und dass diese Routen relativ spezifische Ausgangs- und Zielpunkte besitzen ("are highly specific both in origin and in destination.") (ebd.). Um dieser Annahme nachzugehen, wird im Folgenden vor allem auf die Migrationsrouten der Frankokanadier aus dem Südosten Kanadas nach Neuengland und weitere Staaten des Nordosten Amerikas in der Zeit von 1820 bis 1890 eingegangen und auf den langwierigen Exodus der ehemaligen Pfälzer aus Deutschland, besser bekannt als Amish, auf Deutsch Amische. Diese beiden Gruppen stellen außerdem gute Beispiele für die Old Immigration dar.

4.1. Die „French Canadian“ und ihr Weg in die USA

In der Zeit von 1821 bis 1924 wanderten nach Kanada 4,5 Millionen Menschen ein (nach Argentinien das drittstärkste Einwanderungsland) (Thistlethwaite, 1960, S. 75f.). Zu etwa der gleichen Zeit (1840-1930) wanderten etwa 900 000 Kanadier in die USA ab (Tab. 1) (Bélanger, 2000).

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Details

Seiten
53
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640687657
ISBN (Buch)
9783640687466
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156627
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Geographie
Note
2,0
Schlagworte
USA Bevölkerungsgeographie Gateway Cities Old Immigration New Immigration Amish

Autor

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