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Das Erstgespräch in der Psychoanalyse und Psychologie

Essay 2010 16 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorfeldphänomene

3. Wozu Erstinterview? – Diagnose, Indikation und Prognose

4. Die Grenzsituation – Subjekt, Objekt und Prozess

5. Gegenübertragung im Erstinterview

6. Das Strukturelle Interview

7. Bestimmte Patiententypen
7.1. Der vorgeschickte oder vorgeschobene Patient
7.2. Der anspruchsvolle Patient
7.3. Der anspruchslose, unergiebige Patient
7.4. Der aufgeklärte Patient

8. Schlussbemerkung

9. Literaturverzeichnis

Übersicht: Das Erstinterview ist ein eigenständiges und komplexes psychothera-peutisches Verfahren, das zur Diagnose psychischer Erkrankungen, Indikation und Pro-gnose einer psychotherapeutischen / psychoanalytischen Behandlung eingesetzt wird. Als diagnostisches Instrument ist es klar von einem medizinischen Vorgehen abzugrenzen. Schwerpunkt liegt auf seinem interaktiven Charakter, der Patient und Therapeut gleichermaßen einbezieht. Aufgrund dieser Eigenart erlangt insbesondere der Umgang mit Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen bereits in dieser Anfangsszene Bedeutung, die Ergebnisse mit situativer Evidenz hervorbringt. Im Schlussteil dieser Arbeit gehe ich näher ein auf die Besonderheiten des Strukturellen Interviews und stelle knapp vier besondere Patiententypen vor, wie sie sich nach Untersuchungen Hermann Argelanders anhand von Erstinterviews kategorisieren lassen.

1. Einleitung

In der therapeutischen Situation wird gesprochen. Wie in jedem anderen Gespräch auch kommt es darauf an, was gesagt wird. Bekannt ist auch, dass es von Bedeutung ist, wie etwas gesagt wird. Das »was« und das »wie« gestalten den Gesprächsablauf, den Prozess des Gesprächs. Weniger beachtet wird der Charakter eines Gesprächs als Interaktion. Interaktion bedeutet, dass das Verhalten von Therapeut und Patient eng miteinander verwoben ist. Was der Patient äußert, und wie er sich verhält, kann nicht unabhängig von den Äußerungen des Therapeuten gesehen werden und umgekehrt. So lässt sich die Wirkung einer therapeutischen Behandlung auch nicht so sehr zurückführen auf den bloßen verbalen Informationsaustausch, sondern vielmehr auf das Entstehen eines interaktiven Prozesses, auf das Entstehen und die Entwicklung einer bedeutungsvollen Situation als Träger emotionaler Verbindung zwischen Therapeut und Patient. Hinter der Ebene verbaler oder körperlicher Kommunikation steht eine Ebene der schaffenden Verknüpfung und Vermengung un- bzw. vorbewusster Vorgänge beider Beteiligten. Dies bringt zum Ausdruck, dass sich psychische Krankheiten nicht allein in der Persönlichkeit abspielen, sondern in sozialen Beziehungen zum Tragen kommen. Die Wichtigkeit dieser Ebene der Kommunikation kommt in ihrer Deutlichkeit besonders in Übertragung und Gegenübertragung zum Vorschein. Spätestens hier wird klar, dass beide Gesprächspartner nicht als abgeschlossene Einheiten losgelöst voneinander Wörter anbieten und aufnehmen, sondern miteinander inter aktiv Situationen gestalten und prozesshaft verbunden sind.

2. Vorfeldphänomene

Vor jedem psychotherapeutischen Erstinterview steht die Entscheidung des Interviewten, sich auf eben diese Gesprächssituation einzulassen. Dabei müssen wir, obwohl das Misstrauen gegenüber psychischen Krankheitsformen bzw. deren psychotherapeutischer und psychoanalytischer Behandlung meines Erachtens in unserer Gesellschaft stetig abnimmt, noch immer davon ausgehen, dass es keine Selbstverständlichkeit für den Rat- und Hilfesuchenden darstellt, psycho-therapeutische Praxen oder Institutionen aufzusuchen. Vielmehr ist anzunehmen, dass der Patient eine „Vielzahl von Vorerfahrungen, Reaktionen auf die Lebens- und Leidensgeschichte sowie spezifische Umgangsformen mit helfenden Institutionen“ (Wegner, 1992, S. 286) mit sich bringt, und die „Kontaktaufnahme mit einem Analytiker . . . häufig das Resultat eines langen inneren Prozesses [ist]“ (ebd.). Er hat also wahrscheinlich recht genaue Vorstellungen von dem, was ihn erwartet, mögen sie zutreffend sein oder nicht.

Ob der Patient nach telefonischer Absprache in eine Praxis kommt, von anderen Therapeuten überwiesen oder ohne Vorgespräche über das Sekretariat einer Klinik vermittelt wurde, spielt ebenso eine Rolle - sowohl für den Patienten als auch für den Analytiker1. Argelander spricht in diesem Zusammenhang von Vorfeld-Phänomenen, die „in die Gesprächsgestaltung mit hinein“ (Argelander, 1999, S.16) wirken2. Auch wenn Analytiker und Patient eine klare Rollenverteilung innehaben, sei doch angemerkt, dass für beide das Gegenüber mehr oder weniger unbekannt ist, und sie sich somit auch beide aufeinander einstellen müssen.

3. Wozu Erstinterview? – Diagnose, Indikation und Prognose

Das Erstinterview ist für den Psychoanalytiker das, was für den Mediziner die Anamneseerhebung ist. Es ist das erste Zusammentreffen von Arzt und Patient und somit in seiner Eigenständigkeit nicht mehr wiederholbar. Deshalb sind die Ergebnisse auch nicht nachprüfbar, was dazu führt, dass sie von vielen Interviewern außer acht gelassen werden. Dies ist bedauerlich, da sie „für die Prognose des therapeutischen Prozesses am aufschlussreichsten [sind]“ (Argelander, 1999, S. 14). Streeck formuliert in bezug auf die Diagnose hingegen, dass sie „oft schon in den ersten Minuten gestellt und im weiteren Verlauf des diagnostischen Gesprächs dann kaum noch revidiert [wird]“ (Streeck, 2004, S. 141). Auch er unterscheidet zwischen der Diagnose einer körperlichen Krankheit und der psychotherapeutischen Diagnose.

Eine psychoanalytische Behandlung ist sehr zeitaufwendig. Analytiker sehen sich vor die schwierige Aufgabe gestellt, unter den vielen Behandlungssuchenden diejenigen auszuwählen, die für eine solche Behandlung geeignet erscheinen. Eine sogenannte Probeanalyse ist aus ökonomischen Gründen nicht mehr durchführbar. „Unter dem Druck der Zeit steht als Auslesemethode nur das Erstinterview zur Verfügung“ (Argelander, 1967a, S.341). Die Notwendigkeit einer solchen Auslese resultierte sowohl aus erweiterter Indikation (widening scope), als auch aus Veränderungen im Gesundheitssystem (Kassenfinanzierung). Dies machte die Psychoanalyse einem breiteren Patienten-Spektrum zugänglich (qualitativ wie quantitativ), und erforderte eine einheitliche doch flexible Vorgehensweise. Weitere Bedeutung erlangte das Erstinterview als Eignungskriterium zur Ausbildung zum Psychoanalytiker (Zulassung von Kandidaten zur Lehranalyse).

„Das psychoanalytische Erstinterview dient der Beantwortung der Fragen, mit denen der Patient kommt. Der Analytiker hat darüber hinaus die Aufgabe, selber Fragen zu stellen und sich zu beantworten“ (Wegner, 1992, S. 287). Für den Analytiker werden in ihm „Diagnose, Indikation und Prognose eines seelischen Krankheitszustandes ... erarbeitet“ (Argelander, 1967a, S.342). Die Problematik von Diagnose und folgender Indikation wie der gesamtem psychoanalytischen Arbeit überhaupt besteht unter anderem darin, dass jeder Eingriff, jede Feststellung und jede Kommunikation mit dem Patienten bereits einen Eingriff in dessen komplexe und empfindliche seelische Erlebnisweisen und Abläufe darstellt. Daher können Diagnose und Therapie in ihrer Wirkung nie klar voneinander getrennt werden. Zur diagnostischen Leistung der Psychoanalyse schrieb Freud:

„Unsere Diagnosen erfolgen sehr häufig erst nachträglich, sie sind von der Art, wie die Hexenprobe des Schottenkönigs, von der ich bei Viktor Hugo gelesen habe. Dieser König behauptete, im Besitz einer unfehlbaren Methode zu sein, um eine Hexe zu erkennen. Er ließ sie in einem Kessel kochenden Wassers abbrühen und kostete dann die Suppe. Danach konnte er sagen: Das war eine Hexe, oder: das war keine. Ähnlich ist es bei uns“ (Freud, 1933, zitiert nach Argelander, 1968. S. 748).

Zur Diagnose nimmt der Analytiker eine Haltung an, die es dem Interviewten möglich machen soll, so viele Informationen wie möglich aufrichtig und ohne Scheu anzubieten. Dabei ist es von Bedeutung, dass die Gesprächsatmosphäre durch das Abstinenzprinzip gekennzeichnet ist, welches erlaubt, dem Patienten entgegenzukommen, „ohne dass es zu triebbefriedigenden Interaktionen bzw. Gratifikationen kommen sollte“ (Mertens, 2002, S.171). Die Befriedigung von Triebwünschen bezieht sich hierauf ihre frühkindliche Form, denn Abstinenz heißt nicht, dass die Versagung sich auf alle (Trieb-)Wünsche des Patienten bezieht.

[...]


1 Im weiteren Verlauf des Textes werde ich übergreifend anstelle von Therapeut und Therapie von Analytiker und (Psycho-) Analyse sprechen.

2 Von besonderer Bedeutung scheint mir hier zu sein die Problematik der Eigen- oder Fremdfinanzierung einer psychoanalytischen Behandlung, bzw. pekuniäre Aspekte im Allgemeinen.

Details

Seiten
16
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640699834
ISBN (Buch)
9783640700141
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156448
Note
Schlagworte
Erstinterview; Erstgespräch; Psychologie; Psychoanalyse; Anamnese

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Titel: Das Erstgespräch in der Psychoanalyse und Psychologie