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Eine Untersuchung zur Emotionalität und Affektivität in der Melusine des Thüring von Ringoltingen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 23 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Hinführung zum Thema

2.Versuch einer Begriffsbestimmung
2.1Emotionen
2.2Der Affekt
2.2.1Der Zorn

3.DieMelusine– Eine Textanalyse
3.1Der erste Tabubruch
3.2Der Brudermord
3.3Der zweite Tabubruch
3.4Affekt und Emotion - Mensch und Mahr

4Resümee

5Literaturverzeichnis

1 Hinführung zum Thema

Heute und auch in früherer Zeit weinen, lachen, fürchten und erzürnen Menschen, Figuren und Charaktere – fiktional sowohl real, literarisch als auch im direkten Leben.

Die Frage nach der Emotionalität und Affektivität eröffnet demnach ein Untersuchungsgebiet unterschiedlichster Fachdisziplinen. Philosophie, Psychologie und auch die Germanistik widmen sich dieser Thematik hinsichtlich spezifischer Interessenlagen.

Ausgehend von mediävistisch literarischen Standpunkten erfolgt in dieser Arbeit eine Betrachtung der Emotionalität und Affektivität in Thüring von Ringoltingens 1456 in Bern entstandenenMelusine. Die Betrachtung fokussiert sich auf Ursachen, Konsequenzen und Funktionen beider Erscheinungen – eingebettet in den gegenwärtigen literarischen Diskurs.

Thüring schildert die Begegnung von Menschenwelt und Anderwelt sowie die daraus resultierenden Konflikte, aber auch die „Versuche der Annäherung, Harmonisierung und Integration.“[1]Aus der mahrtenehelichen Verbindung Reymunds und Melusines, den Wesensmerkmalen ihrerseits und ihrer Nachkommenschaft, kurz den Umstandsgegebenheiten, entspringen Momente expressiver Emotionalität und Affektivität. Trauer, Liebe und Zorn bilden die Basiselemente des inneren Ausdrucks und werden zu impliziten Agitatoren des Handlungsverlaufes.

Die Wirkungsmächtigkeit der Gefühle in ihrer inneren Erscheinung und äußeren Expressivität, wie sie dem Leser in derMelusinebegegnen, erfordern eine genaue Analyse und Betrachtung. Zur Realisierung dieses Vorhabens gliedert sich die Arbeit in zwei Themenkomplexe. Zunächst erfolgt eine Begriffsbestimmung der zwei zentralen Begriffe bzw. der Versuch einer definitorischen Arbeitsgrundlage. Es erscheint notwendig, wesentliche Unterscheidungskriterien von Emotion und Affekt herauszuarbeiten sowie den im Text zentralen Affekt Zorn, näher zu charakterisieren. Die gewonnen Erkenntnisse dienen einer anschließenden fundierten Textbetrachtung. Eine strikte Ausblendung moderner emotionspsychologischer Faktoren ist unter Berücksichtigung und Beabsichtigung eines zufrieden stellenden, und im Ansatz ganzheitlichen, jedoch nicht den Anspruch der Absolutheit erhebenden, Resultats nicht möglich.

Die Textanalyse beschränkt sich zugunsten der Übersichtlichkeit nur auf einen komplexen zentralen Ausschnitt des Werkes. Der erste Tabubruch, Goffroys Brudermord, die Reaktion Melusines und Reymunds sowie der damit zusammenhängende zweite Tabubruch stehen im fokussierten Zentrum der Betrachtung – sowie die drei genannten Figuren. Bezugnehmend auf die Reclam-Ausgabe[2]bezieht sich dieser Ausschnitt auf die Kapitel XXXVII – XLV. Emotionen und Affekte der genannten Figuren sollen benannt und hinsichtlich ihrer Motivation, Funktion und Konsequenz für den weiteren Handlungsverlauf hinterfragt und in ihrer positiven bzw. negativen Konnotation unterschieden werden.

Melusines angelegte Ambivalenz auf der Figurenebene zwischen Anderweltlichkeit und Menschlichkeit lässt hinsichtlich ihrer angelegten emotionalen Darstellung die Frage aufkommen, ob Emotionalität Anderweltlichkeit aufhebt. Denn Emotionen gelten als menschliche Eigenschaft und könnten somit zu einer Humanisierung ihrer Person führen. Bezüglich Goffroys angelegter expressiver Wesensart und seinem anderweltlichen Erbteil lässt sich diese Frage wiederholen bzw. dahingehend modifizieren, ob Zorn ein väterliches und somit menschliches Element ist – womit ebenfalls eine Humanisierung Melusines einherginge. Interessant erscheint auch die Fragestellung, ob und inwieweit Unterschiede zwischen den Geschlechtern hinsichtlich ihrer Emotionalität und Affektivität zu manifestieren sind.

Der mediävistische Forschungsstand zu dieser Thematik muss als relativ gering bezeichnet werden. Emotionalität und Affektivität bilden erst seit jüngerer Zeit einen Interessengegenstand des Fachgebietes. Wenige Autoren beschäftigten sich bisher explizit mit diesen Erscheinungen, sodass für dieMelusinenoch keine konkrete, nur auf diesen Fokus hin orientierte Betrachtung stattgefunden hat.

2. Versuch einer Begriffsbestimmung

Dieser Abschnitt ist als Grundlegung für die anschließende Textbetrachtung zu verstehen. Definitorische Ansätze und Charakteristika der Begrifflichkeiten Emotionalität und Affektivität werden aus emotionspsychologischer Sichtweise dargestellt, um im weiteren Verlauf der Arbeit, bezugnehmend auf die Erkenntnisse, Vergleiche und Parallelen zum historischen Text derMelusineund den emotionalen Handlungsweisen der Figuren aufzudecken. Ziel ist es, ein optimiertes Gesamtverständnis zu erreichen. Obwohl seitens mediävistischer Forschungsinteressen die programmatische Forderung bezüglich historischer Texte besteht, auf die Begriffe der Emotion, Emotionalität und des Gefühls aufgrund zu tief greifender psychologischer Implikationen zu verzichten, scheint diese Betrachtung unabdingbar.[3]Die Projektion moderner Denkschemata auf den Text muss jedoch relativiert erfolgen.

2.1 Emotionen

Aufgrund der erwähnten beteiligten Fachgebiete zur Bestimmung und Untersuchung von Emotionen existiert kaum eine einheitlich Bestimmung dessen, was unter einer Emotion zu verstehen ist. Denn jede Disziplin stellt je einen anderen Aspekt ins Zentrum ihrer Analysen.

Gewöhnlich meint eine Emotion einen mentalen Zustand. Eine allgemeine Definition besagt, dass Emotionen „komplexe, in weiten Teilen genetisch präformierte Verhaltensmuster (sind), welche sich im Laufe der Evolution herausgebildet haben, um bestimmte Anpassungsprobleme zu lösen und dem Individuum ein schnelles und der Situation adäquates Handeln zu ermöglichen.“[4]Diese Definition beinhaltet, dass die Emotionspsychologie von einer Angeborenheit der Emotionalität ausgeht. Die Fähigkeit Gefühle entwickeln und artikulieren zu können, wird als Grundbedingung und Möglichkeit menschlichen Lebens betrachtet.[5]

Nach Izard existieren zunächst zehn unterschiedliche Gefühle, die auf der ganzen Welt und in jeder Kultur vorkommen: Interesse, Leid, Widerwillen, Freude, Zorn, Überraschung, Scham, Furcht, Verachtung und Schuldgefühl.[6]Ältere Theorien teilen die Gefühle in vier Hauptgruppen ein: Angst, Ärger, auch Wut, Freude und Trauer. Diese Kategorisierung nochmals unterteilend, geht in der Forschung ein Verständnis emotionaler Ambivalenz einher. Eine Unterscheidung von positiven und negativen Emotionen erfolgt. Es wird jedoch noch darzustellen sein, dass negative Emotionen nicht kategorisch als schlecht bewertet werden können.

Die auftretende begriffliche Synonymie von Emotion und Gefühl ist der Tatsache geschuldet, dass hierin kein gemeinschaftlicher Konsens in der Literatur zu finden ist. Obwohl eine semantische Differenz beider Termini im deutschen Sprachgebrauch nachweisbar ist[7], erfolgt dennoch eine gleichsetzende Verwendung beider Begriffe im wissenschaftlichen Diskurs. Jürgen Otto erwähnt jedoch, dass der Terminus ,Emotion’ wegen seiner relativen Neutralität gegenüber anderen, bedeutungsverwandten Wörtern zu bevorzugen ist.[8]

2.2 Der Affekt

Das heute gebrauchte Wort Affekt stammt vom lateinischen Wortaffectusund bedeutet Gemütszustand. Der Affekt ist als spezialisierte Emotion zu betrachten. Er besteht aus einer Folge zusammenhängender stärkerer Einzelgefühle.[9]Häufig findet dieser Begriff auch in der Psychiatrie seine Verwendung, wobei er zur Kennzeichnung kurzfristiger und besonders intensiver Emotionen, welche oft mit dem „Verlust der Handlungskontrolle“[10]einhergehen, verwendet wird.

Nach Kant ist unter Affekt das „Gefühl einer Lust oder Unlust im gegenwärtigen Zustand“[11]zu verstehen, welche im Subjekt die Überlegung[12]nicht aufkommen lässt. Demnach sei der den Affekten unterworfene Mensch unfrei.[13]Affekte gelten somit als nichtrationale und daher seelische Phänomene.[14]Das nichtrationale Moment des Affektes inkludiert die Aussetzung bzw. Loslösung des Verstandes. Aus diesem Aspekt ergibt sich der enge Zusammenhang zwischen Moralität und Emotionalität. Affekte können motivierend oder hemmend in Bezug auf ethische würdige Handlungen wirken.[15]Die Beeinflussbarkeit der Affekte beschränkt sich aufgrund ihrer Irrationalität auf die „Möglichkeit der mentalen Affektkontrolle im Sinne der Regulierung leidenschaftlicher Erregungen.“[16]Das Verhältnis von Affektbestimmtheit und Affektbeherrschung wird im Verlauf der Textbetrachtung noch weitere Beachtung finden.

Die Verschiedenheit der Terminologien Emotionalität und Affektivität liegt in der Beteiligung des Verstandes und der möglichen Beherrschung bzw. Kontrolle. Traditionelle Parameter zur Klassifizierung von Emotionen stützen diese Differenziertheit.[17]So ist zwischen rational – irrational, der Dauer, der Intensität und der positiven bzw. negativen Bewertung jeweiliger emotionaler Akte zu unterscheiden.

Es wird zu zeigen sein, inwieweit sich das Verhältnis von Emotion und Affekt im Text gestaltet, d.h. inwiefern jeweils von Emotion oder Affekt gesprochen werden kann.

2.2.1 Der Zorn

Aufgrund der im Text dominanten Affektivität des Zornes, wird dieser kurz exemplarisch in seiner Charakteristik dargestellt.

Unter Zorn, als Element der Primäraffekte, ist die zum stärksten Affekt gesteigerte Unlust über ein empfundenes Unrecht zu verstehen. Zorn, Freude und Jammer sind mit einem Rausch bzw. einer Ohnmacht vergleichbar.[18]Der spezifische Status des Zorns begründet sich durch die fehlende oppositionelle Seite.[19]Anders als bei der Liebe, welcher Hass entgegen gestellt ist, nimmt der Zorn eine singuläre Position ein. Statt einem direkten Pendant bindet dieser Affekt eher nachfolgende emotionale Handlungsweisen, wie beispielsweise Jammer, an sich.

[...]


[1]Kellner, Beate: Melusinengeschichten im Mittelalter. Formen und Möglichkeiten ihrer diskursiven Vernetzung. In: Peters, Ursula (Hrsg.): Text und Kultur. Mittelalterliche Literatur 14150-1450. Stuttgart, Weimar: 2001, S. 275.

[2]Vgl. Thüring von Ringoltingen: Melusine. Herausgegeben von: Roloff, Hans-Gert. Stuttgart: 2000, S.66-94.

Die Seitenangaben einzelner Textbelege in dieser Arbeit beziehen sich jeweils auf diese Ausgabe. [Anmerkung der Verfasserin]

[3]Vgl. Koch, Elke: Trauer und Identität. Inszenierungen von Emotionen in der deutschen Literatur des Mittelalters. Berlin: 2006, S.8.

[4]http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/EMOTION/

[5]Vgl. Jaeger, Stephen; Kasten, Ingrid (Hrsg.): Codierungen von Emotionen im Mittelalter. Berlin/New York: 2003, S.XIII.

Die These der Aufhebung von Anderweltlichkeit durch Emotionalität wird unter diesem Aspekt noch zu betrachten sein. [Anmerkung der Verfasserin]

[6]Vgl. Izard, Carroll: Die Emotionen des Menschen. Eine Einführung in die Grundlagen der Emotionspsychologie. Weinheim: 1994. [Die Einteilung ergibt sich as der Gliederung des Werkes.]

[7]Die semantische Differenz von Emotion und Gefühl im deutschen Sprachgebrauch lässt sich wie folgt verdeutlichen: Gefühle kann man verletzten, über Emotionen lässt sich Gleiches nicht sagen. [Anmerkung der Verfasserin]

[8]Vgl. Otto, Jürgen; Euler, Harald; Mandl, Heinz: Begriffsbestimmungen. In: Otto, Jürgen; Euler, Harald; Mandl, Heinz (Hrsg.): Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Weinheim: 2000, S.11.

[9]Vgl. Michaelis, Carl: Kirchner’s Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe. 6.Auflage. Leipzig: 1911, S.32.

[10]Otto, Jürgen: Begriffsbestimmungen, S.13.

[11]Michaelis, Carl: Kirchner’s Wörterbuch, S.33.

[12]Der Begriff ,Überlegung’ entspricht hier der Vernunftvorstellung. [Anmerkung der Verfasserin]

[13]Siehe hierzu: Gies, Horst: Emotionalität versus Rationalität. In: Mütter, Bernd; Uffelmann, Uwe (Hrsg.): Emotionen und historisches Lernen. Forschung, Vermittlung, Rezeption. Frankfurt/Main: 1994, S.27. - Die hier angesprochene Unterscheidung zwischen „rationalem und emotionalem, affektiven, Handeln und Verhalten hat im abendländischen Denken seit Platon und Aristoteles eine lange Tradition.“

[14]Vgl. Meyer-Sickendiek, Burkhard: Affektpoetik. Eine Kulturgeschichte literarischer Emotionen. Würzburg: 2005, S.15.

[15]Vgl. Barck, Karlheinz u.a. (Hrsg.): Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Stuttgart, Weimar: 2000, S.17.

[16]Meyer-Sickendiek, Burkhard: Affektpoetik, S.15.

[17]Vgl. Schnell, Rüdiger: Historische Emotionsforschung. Eine mediävistische Standortbestimmung. In: Althoff, Gerd; Keller, Gerd; Meier, Christel (Hrsg.): Frühmittelalterliche Studien. Jahrbuch des Instituts für Frühmittelalterforschung der Universität Münster. Band 38. Berlin, New York: 2004, S.213-214.

[18]Vgl. Michaelis, Carl: Kirchner’s Wörterbuch, S.1111.

Die Differenzierung der Zorneserscheinung von Ohnmacht und Rausch wird im Laufe der Textbetrachtung zu beachten sein. Melusine verfällt in Ohnmacht, Reymund und Goffroy in einen Rausch. [Anmerkung der Verfasserin]

[19]Vgl. Pafenberg, Stephanie: Vorsehung, Zufall und das Böse in der Melusine des Thüring von Ringoltingen. In: Fiedler, Theodor (Hrsg.): Colloquia Germanica. Internationale Zeitschrift für Germanistik. Band 28. Tübingen: 1995, S.272.

Details

Seiten
23
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640692170
ISBN (Buch)
9783640692569
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156404
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Germanistik
Note
2,7
Schlagworte
Eine Untersuchung Emotionalität Affektivität Melusine Thüring Ringoltingen

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Titel: Eine Untersuchung zur Emotionalität und Affektivität in der Melusine des Thüring von Ringoltingen