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Leiharbeit - Chance oder Prekarisierung?

von Martin Philipp Wiesert (Autor)

Seminararbeit 2010 24 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Leiharbeit - Definitionen und Zahlen
2.1 Was ist Leiharbeit?
2.2 Situation in Deutschland

3. Vorteile von Leiharbeit
3.1 Flexibilisierungen und Absicherungen für die Einsatzbetriebe
3.3 Rückkehrchance zu einem Normalarbeitsverhältnis…
3.4 Abbau von Arbeitslosigkeit

4. Nachteile von Leiharbeit
4.1 Unsicherheit des Arbeitsplatzes
4.2 Lohneinbußungen
4.3 Konflikte innerhalb der Belegschaft
4.4 Geringe betriebliche Partizipation der Leiharbeiter

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Arbeit befindet sich im Wandel. Normalarbeitsverhältnisse, sprich unbefristete Anstellungen in Vollzeit, werden vor allem in Zeiten von Wirtschaftsrezessionen seltener. Parallel dazu werden dann atypische Beschäftigungsverhältnisse, worunter auch die Leiharbeit fällt, häufiger angeboten.

Das Thema Leiharbeit ist in den letzten Jahren zu einem umstrittenen Diskurs in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft geworden. Die eine Perspektive dabei betrachtet Leiharbeit als deutliche Benachteiligung und Sackgasse für die Arbeitnehmer, welche kurz- oder mittelfristig keine Aussicht auf ein Normalarbeitsverhältnis haben. Die andere Sichtweise erkennt in der Leiharbeit unter anderem eine Möglichkeit zum Abbau von Arbeitslosigkeit und zuvor Erwerbslose wieder dauerhaft in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Ebenso positiv wird die Auswirkung von Leiharbeit auf die Betriebe, die diese einsetzen, angesehen. Damit könnten dann letztendlich auch konjunkturelle Aufschwünge verbunden seien.

Bei der Diskussion um Leiharbeit gilt es allerdings auch zu beachten, dass in Deutschland mittlerweile eine Diskrepanz zwischen der gefühlten Signifikanz von Leiharbeit und ihrer tatsächlichen, die sich im Anteil von Leiharbeitnehmern an den Erwerbstätigen äußert, existiert. Die gefühlte Bedeutung der Leiharbeit, bzw. auch die Empörung darüber, ist zur ihrer tatsächlichen nämlich unverhältnismäßig höher. Auch wenn die Statistiken dann doch den Eindruck erwecken können, dass Leiharbeit insgesamt relativ unsignifikant ist, ist die starke Zunahme von Leiharbeit in den letzten Jahrzehnten in Deutschland ein nicht von der Hand zuweisender Fakt.

Die Frage, was Leiharbeit für Arbeitnehmer, Arbeitgeber und den Arbeitsmarkt denn letztendlich konkret bedeutet, ob sie sich fördernd oder hemmend auf diese auswirkt, bleibt jedoch bestehen.

Die vorliegende Seminararbeit hat sich dementsprechend zum Ziel gesetzt, den Fall Leiharbeit auf seine positiven und negativen Aspekte zu untersuchen.

Dabei wird die These vertreten, dass Leiharbeit eine Form von Prekarisierung darstellt anstatt eine wahre Chance zu sein. Das Prekaritätsrisisko betrifft hier vor allem die Arbeitnehmer, um die es bei der Debatte schließlich hauptsächlich geht. Ob Leiharbeit nun eine Beschäftigungsmöglichkeit, ein Sprungbrett oder eine Aufschwungsmöglichkeit für Wirtschaft und Arbeitsmarkt sein kann, letztendlich soll all dies dem Arbeitnehmer zu Gute kommen. Zur weiteren Ausführung des Themas erfolgt im an diese Einleitung anschließenden Hauptteil zunächst eine Übersicht zu den allgemeinen Definitionen und Statistiken zur Leiharbeit in Deutschland. Darauf folgen je ein Kapitel zu den Vor- und Nachteilen von Leiharbeit. Abschließend soll dadurch ein Fazit mit der Beantwortung der Eingangsfrage und der Verifizierung der These gezogen werden.

2. Leiharbeit - Definitionen und Zahlen

2.1 Was ist Leiharbeit?

Leiharbeit ist ein Dreiecksverhältnis zwischen einem selbstständigen Unternehmen (Verleiher), seinem Arbeitnehmer (Leiharbeiter) und einem Dritten (Entleiher). Der Verleiher stellt seinen Arbeitnehmer dem Entleiher für die Erbringung einer Arbeitsleistung zur Verfügung. Leiharbeit ist immer auch als Zeitarbeit ausgelegt. Die Arbeitsverträge zwischen dem Verleiher und seinen Arbeitnehmern sowie die Aufträge der Entleiher sind zumeist befristet, auch wenn das gesetzlich nicht mehr vorgesehen ist und sich einzelne Beschäftigungsverhältnisse über längere Zeiträume vollziehen können. Die Verleihunternehmen bezeichnen sich deshalb in der überwiegenden Mehrheit als Zeitarbeitsfirmen. Ein Leiharbeiter ist bei diesen angestellt und besitzt dort die üblichen Arbeitnehmerrechte. Der Vertrag zwischen Verleiher und Leiharbeiter verpflichtet den Arbeitnehmer zur Erbringung seiner Arbeitsleistung beim Entleiher und den Verleiher zur Entlohnung des Leiharbeiters. Der Lohn wird dabei vom Entleiher an den Verleiher ausgezahlt, welcher wiederum nach Abzug der eigenen Kosten und des eigenen angestrebten Ertrags den Rest an den Leiharbeiter auszahlt.

Zwischen Verleiher und Entleiher besteht hingegen ein Arbeitnehmerüberlassungsvertrag. Dieser regelt, dass der Verleiher dem Entleiher den Leiharbeitnehmer bereitzustellen hat und das der Entleiher dafür eine Überlassungsgebühr an den Verleiher zahlen muss.1

Neben den reinen Zeitarbeitsunternehmen, entleihen auch einige Unternehmen innerhalb ihres Gewerbes hin und wieder wenige Beschäftigte an Dritte, zum Beispiel im Rahmen von Arbeitsgemeinschaften. Hierbei handelt es sich mehrheitlich um kleinere Betriebe. Aber auch größere Unternehmen schufen im Rahmen von Umstrukturierungen interne Arbeitnehmerüberlassungen als Tochterunternehmen, um Teile der Belegschaft als Leiharbeiter auszugliedern oder Arbeitskräfte an andere Unternehmensteile zu vermitteln.2

2.2 Situation in Deutschland

Die Leiharbeitsbranche in Deutschland, die hier seit den 1970er Jahren ansässig ist, ist in den letzten Jahren stark gewachsen. 2000 gab es in Deutschland noch ca. 30.000 Leiharbeitnehmer, 2008 waren es mehr als 800.000, während es aktuell etwa 750.000 sind.3

2007 waren 14.400 reine Zeitarbeitsunternehmen gemeldet, davon 8100 als Hauptsitz der Firma. Insgesamt überließen 20.800 Betriebe auf die eine oder andere Weise Arbeitnehmer an Dritte.4

Besonders in großen Metallbetrieben hat sich Leiharbeit immer weiter ausgebreitet. In einigen Fällen stellen Leiharbeiter bis zu über einem Drittel der Belegschaft.5

Relativ gesehen ist das Feld der Leiharbeit allerdings klein. 2008 waren lediglich zwei Prozent aller abhängig Beschäftigten und 2,7 Prozent der an die Sozialversicherungen zahlenden Arbeitnehmer Leiharbeiter.6 Die Mehrheit der Leiharbeiter waren im Juni 2007 einfache Hilfsarbeiter (s. Abb. 1). Etwa sechzig Prozent übten eine einfache Tätigkeit aus, für die eine kurze Einweisung oder Anlernzeit ausreicht.7

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Interessant ist noch der geringe Frauenanteil unter den Leiharbeitern. Nur ein Viertel aller Zeitarbeitnehmer waren 2007 weiblich. Eine Begründung dafür sei, dass Leiharbeit überwiegend in beruflichen Männerdomänen vorkäme.8 9

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1

3. Vorteile von Leiharbeit

Leiharbeit bietet vor allem der Arbeitnehmerseite, wobei hier die Entleihbetriebe gemeint sind, betriebswirtschaftliche Vorteile.

Doch gerade der Status von Leiharbeit als „Brücke“ in reguläre Arbeit ist umstritten. Folglich kommt es zu einem Diskurs darüber, ob sich Leiharbeit tatsächlich Arbeitslosigkeit abbaut oder ob dies jeweils nur ein kurzfristiger Trugschluss ist.

Die entstehenden Vorteile für die Entleihbetriebe sind einerseits ök onomischer Art, da ein Leiharbeitseinsatz Kosten spart und sich positiv auf den Profit auswirken könnte. Andererseits bringt er auch strukturelle Vorteile, da die betriebliche Organisation im Personalwesen entlastet wird. Leiharbeit hat also mehrere Funktionen. Einige davon sind offensichtlicher als andere. Direkte Gründe warum Betriebe auf Leiharbeiter zurückgreifen sind in erster Linie Möglichkeiten zur flexiblen zeitlichen Nutzung der Arbeitnehmer. Die weiteren Funktionen sind eher positive Nebenwirkungen, die sich zusätzlich ergeben können. Aber auch für die Leiharbeitnehmer selbst besteht die Chance, Vorteile aus dieser Form der Beschäftigung zu ziehen und dadurch später eventuell an ein Normalarbeitsverhältnis zu gelangen. Diese Möglichkeit entwickelt sich vor allem längerfristig, nicht unbedingt sofort mit der Einstellung bei einem Leiharbeitsunternehmen und den ersten Einsätzen in einer Entleihfirma. Doch gerade der Status von Leiharbeit als „Brücke“ in reguläre Arbeit ist umstritten. Folglich kommt es zu einem Diskurs darüber, ob sich Leiharbeit tatsächlich Arbeitslosigkeit abbaut oder ob dies jeweils nur ein kurzfristiger Trugschluss ist.

3.1 Flexibilisierungen und Absicherungen für die Einsatzbetriebe

Eine der ursprünglichsten Funktionen von Leiharbeit ist die Flexibilisierung der Entleihfirma. Durch den E]insatz von Leiharbeitern kann ein Unternehmen gestiegenen Personalbedarf bei Auftragsspitzen decken oder den Ausfall von Stammpersonal, beispielsweise durch Krankheit, kompensieren.10 Holst bemerkt jedoch einen Funktionswandel der Leiharbeit, welcher sich in jüngster Vergangenheit vollzogen habe. Neben dem Flexibilisierungsaspekt greifen immer mehr Betriebe dauerhaft und intensiv auf Leiharbeiter zurück. Sie ersetzen nicht mehr nur ausgefallene Stammkräfte durch Leiharbeiter oder stellen diese in hochkonjunkturellen bzw. expansiven Phasen zusätzlich ein, sondern ihre Belegschaft weist einen ständigen, bewusst kalkulierten Anteil an Leiharbeitern auf. 2006 waren bereits zehn Prozent der Einsatzbetriebe solche Intensivnutzer. Der prozentuale Anteil von Leiharbeitern an der Belegschaft liegt bei diesen Unternehmen über zwanzig.11

In Kombination mit einer ‚Personalpolitik der unteren Linie’ wird Leiharbeit eingesetzt, um die Auswirkungen der zukünftigen und damit ungewissen Entwicklungen der Produktmärkte auf die Profitabilität und damit die Kapitalrendite zu kontrollieren.12

Die unterschiedlichen Typen der Nutzung von Leiharbeit würden sich jedoch nicht gegenseitig ausschließen. Viele Betriebe setzten mehrere Strategien gleichzeitig ein. Durch jede Art der Nutzung reduzieren sich letztendlich auch die Personalkosten des Entleihers, speziell bei den Intesivnutzern. Der Entleiher bezahlt nur die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden der Leiharbeitskräfte. Bei Krankheit und Urlaub übernimmt die Verleihfirma die Lohnfortzahlung.13

Außerdem erweitern die Entleiher durch den Einsatz von Leiharbeit die Instrumente ihrer Personalpolitik. Probezeiten werden verlängert, Personalsichtungen fallen weg, der Verwaltungsaufwand sinkt und die Sachkosten des Personalhaushalts werden entlastet.14

3.2 Disziplinierung der Belegschaft

Obwohl die Disziplinierung der Arbeitnehmer, die mit dem Einsatz von Leiharbeit in einem Betrieb erfolgen kann, auch als negatives Druckmittel des Arbeitgebers angesehen werden kann, wird sie in der Literatur doch meistens als Vorteil besprochen. Disziplin unter den Arbeitnehmern wirkt sich natürlich positiv auf die Arbeitsweise des Betriebs aus und damit auf dessen Effizienz und Profitabilität.

Bei den Leiharbeitern selbst käme es zur Disziplinierung, da ihr Beschäftigungsverhältnis mit einem hohen Prekaritätsrisiko verbunden sei. Ihre Anstellung ist weder fest noch sicher. Diesem Umstand würden sie mit Disziplin entgegenzusteuern versuchen. Außerdem versuchten sie sich so im Konkurrenzkampf um eine eventuelle Übernahme hervorzuheben. Auch die Stammbelegschaft werde durch die Leiharbeiter im Betrieb diszipliniert. Sie würden dadurch ein Bewusstsein für ihre mögliche Austauschbarkeit entwickeln. Letzteres gelte insbesondere für Betriebe, in denen Leiharbeit dauerhaft eingesetzt wird. Dort übten Leiharbeiter und Stammkräfte meist mit gleichen Qualifizierungen die gleichen Tätigkeiten aus.15

3.3 Rückkehrchance zu einem Normalarbeitsverhältnis

Die Interessenvertreter der Zeitarbeitsbranche sprechen oft von den angeblichen Vorteilen der Leiharbeit für die Arbeiternehmer. Sie erhielten dadurch die Möglichkeit, verschiedene Berufserfahrungen zu sammeln, zeitlich flexible zu arbeiten sowie einen vielversprechenden Zugang in den Arbeitsmarkt zu finden. Nach einer Phase als Leiharbeiter würden viele früher oder später ein Normalarbeitsverhältnis ergreifen können.

[...]


1 Glaubitz, 2009

2 Brenke / Eichhorst, 2008,

3 Glaubitz, 2009; Koch, 2010; der leichte Rückgang 2010 ist durch die Wirtschaftskrise bedingt

4 Brenke / Eichhorst, 2008,

5 Vgl. Glaubitz, 2009

6 Brenke / Eichhorst, 2008, ; in anderen Ländern Europas ist der Anteil in etwa gleich oder sogar noch wesentlich höher: 2006 waren es 4,5 Prozent in Großbritannien, 2,5 in den Niederlanden und 2,4 in Frankreich

7 Ebd.,

8 Interessant ist noch der geringe Frauenanteil unter den Leiharbeitern. Nur ein Viertel aller Zeitarbeitnehmer waren 2007 weiblich. Eine Begründung dafür sei, dass Leiharbeit überwiegend in beruflichen Männerdomänen vorkäme.

9 Brenke / Eichhorst, 2008,

10 Holst, 2009,

11 Ebd.

12 Ebd.,

13 Holst, 2009,

14 Keller / Seifert, 2007, ; Glaubitz, 2009

15 Holst, 2009,

Details

Seiten
24
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640699827
ISBN (Buch)
9783640700196
Dateigröße
528 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156374
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum – Fakultät für Sozialwissenschaft
Note
1,7
Schlagworte
Leiharbeit Zeitarbeit Arbeitnehmerüberlassung Arbeitssoziologie Sozialwissenschaft

Autor

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    Martin Philipp Wiesert (Autor)

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