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Gorgoroths "Black Mass Krakow 2004" zwischen Popkultur und Untergrund. Diskrepanzen in der Ritualität und Identitätsinszenierung im Black Metal

Bachelorarbeit 2010 70 Seiten

Soziologie - Medien, Kunst, Musik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Black Metal
2.1 Geschichte
2.2 Stilistische Charakteristika

3. Identität und Kultur
3.1 Identität - Begriffsdefinition
3.2 Kulturbegriff
3.2.1 Definition (Pop-)kultur
3.2.2 Distinktion - Begriffsdefinition
3.3 Identitätsinszenierung im Black Metal I
3.4 Die zwei Körper des Königs
3.5 Totenmasken, effigies und Identitäten
3.6 Identitätsinszenierung im Black Metal II

4. Ritualität
4.1 Ritual - Begriffsdefinition
4.2 Rituelle Mimesis
4.3 Konzerte als rituelle Handlungen

5. Satanismus
5.1 Der Satanismus der Church of Satan
5.2 Satanische Positionen im Black Metal
5.3 Das Ritual der schwarzen Messe
5.4 Fremdbeschreibungen als Mittel der Stärkung der kollektiven Identität..
5.5 Symbole in Rock und Metal

6. Gorgoroth - Black Mass Krakow
6.1 Band und Vorgeschichte
6.2 Elemente der Symbolsprache bei Gorgoroth
6.3 Analyse

7. Schlussfolgerung

8. Schlusswort

II Literaturverzeichnis

III Abbildungsverzeichnis

IV Filmverzeichnis

„ Es ist beinahe unmöglich, ein negativer, blasser, todessehnsüchtiger, nihilisti- scher Sozialverhaltenskrüppel zu sein, wenn der Kontostand stimmt, der Tour- bus nobel ist, die Groupies willig und die Schulterklopfer unzÄhlig sind, das Management fleißig ist und die FreigetrÄnke ausreichend sind. “

Wolf-Rüdiger Mühlmann im RockHard 3/2006

1. Einleitung

Eine persönliche Note zu Beginn.

Als Musik- und bereits Metalbegeisterter Jugendlicher war ich 2003 in einem Plattenladen auf der Suche nach neuen Bands. Sie sollten anders sein als das bisher Gehörte, sie sollten härter sein. Beim Stöbern durch die Regale griff ich zu einer CD, deren Aufmachung mich faszinier- te. Auf dem Cover war in einem postapokalyptischen Szenario eine in eine graue Kutte gehüll- te Person mit einer Gasmaske auf einem Berg menschlicher Gebeine abgebildet. Titel wie 'Le- pers Among Us', 'Heavenly Perverse' oder 'For The World To Dictate Our Death' ließen Vorah- nungen über die stilistische Ausrichtung aufkommen. Doch beeindruckender und zugleich ver- störender waren die Fotos im Booklet. Dort posierten seltsame Namen tragende, schwarz-weiß bemalte und martialisch gekleidete Musiker. Die Musik war symphonisch, kalt, künstlich, bös- artig, schnell, hart - faszinierend. Ich hielt 'Death Cult Armageddon', das damals aktuelle Al- bum Norwegens kommerziell erfolgreichster Black Metal Band Dimmu Borgir in den Händen. Eine neue musikalische Leidenschaft nahm ihren Anfang. In den Folgejahren drang ich tiefer in die Szene ein, erwarb Alben und Hintergrundwissen über die Szene. Von Dimmu Borgir aus erschloss ich mir schon bald Bands, die im musikalischen Untergrund agierten und das eben gezeichnete Bild auf einem noch extremeren Level transportierten. Irgendwann stieß ich auf Gorgoroth, deren Konzert in Krakau Teil dieser Arbeit ist. Neben bis dahin nicht gekannten Leistungen der menschlichen Stimme traf ich hier auf eine Band, die tatsächlich eine tiefere Botschaft hatte und deren Mitgliedern es durchaus ernst mit dem Satanismus zu sein schien. Besonders Frontmann Kristian 'Gaahl' Espedal übt auch heute noch eine unglaubliche Faszina- tion auf mich aus, sei es durch sein unnahbares und majestätisches Auftreten auf der Bühne oder seine bedrohliche Präsenz, die er in Interviews und Videos ausstrahlt.

Von amateurhaften Aufnahmen von Anfang der 90er bis zu perfekt produzierten und orche- strierten Alben, von norwegischen Kult-Platten bis zu obskuren Bands aus Japan oder Brasilien reicht meine Sammlung heute. Neben all den Besonderheiten der Musik war es jedoch auch immer schon das Aussehen der Musiker, das mich faszinierte. Das bleich getünchte Image des Todes, zusammen mit allerlei für mich zu Beginn unverständlichen Symbolen, hatte eine selt- same Anziehungskraft. Mittlerweile haben sich meine musikalischen Präferenzen verlagert, ich höre Black Metal häufig nur noch der Atmosphäre wegen. Durch diesen dadurch erlangten Ab- stand, verbunden mit dem über die Jahre angeeigneten Wissen über die Musik und ihre Künst- ler, ist es mir nun möglich, die Szene und ihr Faszinosum zu reflektieren und die vorliegende Arbeit zu schreiben.

Die zentralen Fragen hierbei sind, wie Identität im Black Metal inszeniert auf Konzerten in Form von Ritualen reproduziert und bestätigt wird. Innerhalb der Beantwortung dieser Fragestellungen werden sich mehrfach Diskrepanzen zwischen den Idealen und Ansprüchen der Black Metal Szene und ihrem tatsächlichen Auftreten ausmachen lassen. Wie diese Diskrepanzen zu Stande kommen, wie sie reflektiert werden und welche Auswirkungen dies auf die Szene hat, wird eine weitere Frage sein, die in dieser Arbeit gestellt wird.

Nach einem einführenden Exkurs über die Geschichte und musikalische Charakteristika des Black Metal werden im ersten theoretischen Abschnitt Begriffe der Kultur und der Identität ge- nauer betrachtet. Dabei soll der Rahmen abgesteckt werden, in dem im weiteren Verlauf über die Musik zu sprechen sein wird. Mit dieser Grundlage wird ein erstes Mal Identität und deren Inszenierung im Black Metal behandelt. Davon ausgehend wird mit Kantorowicz Theorie über die zwei Körper des Königs gezeigt werden, in welchen Zusammenhang sich historische To- tenmasken und ein zentrales Inszenierungsmoment des Black Metal, das Corpse Paint, denken lassen. Mit diesen Überlegungen lässt sich eine erste Diskrepanz innerhalb der Ideen des schwarzen Metals ausmachen.

Anschließend werden die Begriffe des Rituals und der Ritualität ins Blickfeld rücken. Es wird zu zeigen sein, nach welchen Regeln Rituale aufgebaut sind und wie Konzerte nach eben jenen Regeln funktionieren.

Überleitend zur Betrachtung eines beispielhaften Konzerts muss sich jedoch ein ausführlicher Teil der Arbeit mit Satanismus auseinandersetzen. Hier geht es darum, verschiedene Positionen des Satanismus zu zeigen und deren Bedeutung für den Black Metal abzustecken. Weiterhin wird das Ritual einer schwarzen Messe näher untersucht und gezeigt, in welchem Verhältnis dieses 'klassische' Ritual des Satanismus zu Black Metal Konzerten steht. Abschließend wird mit den bis dahin geleisteten Vorüberlegungen ein Auftritt der norwegi- schen Band Gorgoroth Gegenstand der Untersuchung sein. Es wird exemplarisch dargelegt, wie sich Identitätsinszenierung und Ritualität bei Gorgoroth manifestieren. In einer finalen Be- trachtung werden schließlich ausgehend von Gorgoroths Konzert verschiedene Diskrepanzen erörtert, die sich im Black Metal auftun, bisher weder von der Szene selbst noch wissenschaft- lich reflektiert wurden.

An dieser Stelle gilt es, einen Dank an Sarah Chaker und Pierre Hecker für die Zurverfügung- stellung ihrer Publikationen zum Thema sowie Katrin Riedl vom Metal Hammer Magazin für die Unterstützung bei der Recherche zu richten. Ein weiterer Dank an Susanne Böttner und Laura Trager, die die Arbeit kritisch begutachtet, mich aber nie mit Tatsachen verwirrt haben.

2. Black Metal

Eine Geschichte des Black Metals zu finden, die historisch fundiert ist und nicht zu Dramati- sierungen und Verklärungen neigt, ist sehr schwierig. Einen der wenigen wirklich umfassenden Überblicke liefern Didrik Søderlind und Michael Moynihan in ihrem Buch 'Lords of Chaos. The bloody rise of the satanic metal underground'. Ich bin mir bewusst, dass Moynihan in der Vergangenheit in den USA und auch in Deutschland immer wieder mit der Neuen Rechten und rechter Esoterik in Verbindung gebracht wurde. Er selbst distanziert sich allerdings in Inter- views immer wieder von diesen Anschuldigungen und verneint generell ein Interesse an politi- schen Strömungen. Alfred Schobert hat jedoch zu Moynihans Person recherchiert und in einem amerikanischen Magazin Aussagen gefunden, die ihn eindeutig als Holocaust-Leugner kenn- zeichnen und seine Verbindungen zur politischen und musikalischen rechten Szene aufgezeigt1. Gerade im Hinblick auf den rechtsgerichteten NS Black Metal sind diese Hintergründe zu Moynihan äußerst bedenklich. Dennoch liefert 'Lords of Chaos' mit den zahlreichen Interviews mit nahezu allen wichtigen Größen des Black Metal zu dessen Anfängen einen unverzichtbaren Beitrag für das Verständnis dieser Musikrichtung. Da die hier zitierten Interviews selbst keine politische Tendenz aufweisen, es sei denn, die Fragen zielen direkt in diese Richtung, denke ich, dass ich 'Lords of Chaos' ohne Bedenken hinzuziehen kann.

2.1 Geschichte

Musik mit satanischen Inhalten gibt es nicht erst seit dem Black Metal. Bereits im Blues, wel- cher musikalischer Ausgangspunkt für Rock, Hard Rock und Metal ist, finden sich Anspielun- gen an Dämonen, Geister und den Teufel. So soll angeblich der berühmte Blues-Sänger Robert Johnson seine Seele dem Teufel vermacht haben2. In Titeln wie 'Hellhounds on my trail' und 'Me and the devil blues' setzte sich Johnson höheren dämonischen Kräften auseinander. Mit Okkultismus umgaben sich auch die Rolling Stones auf dem Album 'Their Satanic Majesties' oder dem Titel 'Sympathy for the devil'. Bands wie Coven, Jefferson Airplane und Led Zeppe- lin hatten ein Faible für okkulte und teilweise satanische Themen. Jimmy Page, Gitarrist der Hard Rocker Led Zeppelin, erwarb sogar das Anwesen des Okkultisten Aleister Crowley und besitzt eine umfangreiche Sammlung von dessen Originalmanuskripten3. Die gemeinhin als erste Heavy Metal Band betrachteten Black Sabbath sangen ebenfalls über dämonische und bösartige Themen.

Black Metal ist eines der vielen Subgenres des Heavy Metal. 1982 brachte die britische Band Venom ein Album mit dem Titel 'Black Metal' auf den Markt, das ausgiebigen Gebrauch von satanischen Symbolen und blasphemischen Texten machte. Die Band selbst nutzte dies jedoch nur zur Provokation und ohne breit gefächertes Hintergrundwissen. Um das böse Image weiter aufzuwerten, gaben sich die Bandmitglieder Künstlernamen und spielten ihre Musik schneller, lauter und mit mehr Verzerrung in den Gitarren als andere Gruppen4. Dennoch ist die Platte 'Black Metal' Pate für alles, was in der Folgezeit mit satanischen Inhalten auf sich aufmerksam machen sollte und hat dem Subgenre seinen Namen gegeben.

Neben Venom waren es vor allem Bathory5 aus Schweden sowie die dänische Band Mercyful Fate6, die mit satanischen Inhalten, Posen und den mittlerweile üblichen Pseudonymen der Mu- siker auf sich aufmerksam machten und allgemein als die erste Welle des Black Metal angese- hen werden. King Diamond - Sänger von Mercyful Fate - war einige Jahre später Mitglied der Church of Satan, auf die ich später noch zu sprechen kommen werde. Neben diesem Dreige- stirn waren es in den 80ern außerdem noch Slayer aus Kalifornien, die deutsche Band Sodom und die Schweizer von Celtic Frost, die satanische Inhalte in ihren Titeln verarbeiteten.

Ende der Achtziger entstand vor allem in Norwegen und hier besonders in Oslo und Bergen die zweite Welle des Black Metal. In diesen Jahren gründeten sich die Bands Immortal, Satyricon, Burzum, Darkthrone und Emperor. Sie alle waren jedoch von einer Band und dessen Gründer beeinflusst: Øystein 'Euronymus' Aarseth von Mayhem. Viele der Bands der ersten Stunde in Norwegen spielten zuerst Death Metal, ehe sie, beeinflusst durch Aarseth, zum Black Metal wechselten7. Die eben genannten Bands versuchten, durch einen kälteren und brachialeren Sound dem gerade im Trend liegenden Death Metal die Stirn zu bieten, da dieser für die nor- wegischen Musiker zu verweichlicht war. Sie wollten das ultimative Böse mit ihrer Musik er- schaffen, wozu auch ein ultimativ böses Auftreten in schwarzem, nietenbewehrten Leder zähl- te, was im Death Metal jener Zeit nicht anzutreffen war. Mayhem begannen bereits 1985 mit den Arbeiten an ihrem ersten Demo8, Gitarrist Øystein 'Euronymus' Aarseth eröffnete in Oslo den Plattenladen 'Helvete', welcher zum Treffpunkt, ideologischer Brutstätte und damit zum Gründungszentrum des tatsächlichen Black Metal wurde. Die Mitglieder der oben genannten Gruppen bildeten den 'Inner Circle' des norwegischen Black Metal. Dies war jedoch kein eng geschlossener Kreis oder autoritäre Instanz innerhalb der Szene, sondern bezeichnet lediglich die Musiker, die sich regelmäßig in Aarseths Laden trafen. Neben 'Helvete' gründete Aarseth auch die Deathlike Silence Production, ein Label, auf dem alle namhaften Black-Metal-Veröf- fentlichungen der frühen 90er erscheinen sollten9. Es ist tatsächlich so, dass die ideologische und musikalische Entwicklung des Black Metal vornehmlich durch die treibende Kraft Eu- ronymus' vonstatten ging.

Die erste Bekanntheit in der breiten Öffentlichkeit erhielt der Black Metal durch den Selbst- mord des Mayhem-Sängers Dead10 - ein Foto des toten Sängers ziert das Cover des Live-Boot- legs 'Dawn Of The Black Hearts'. Zu ernsthaften Problemen kam es, als Anfang der Neunziger Tourbusse ausländischer Bands in Norwegen angegriffen wurden, mehrere Kirchen in Flam- men aufgingen und mehrere Mordfälle mit der Black Metal Szene in Verbindung gebracht wur- den. Varg Vikernes, einziges Mitglied der Band Burzum, wurden mindestens drei Brandan- schläge auf Kirchen nachgewiesen, Bård 'Faust' Eithun von Emperor ein weiterer sowie der Mord an einem Homosexuellen in Lillehammer. Es wird auch vermutet, dass Vikernes für den Brand der Fantoft-Kirche, ein Holzbau aus dem 13. Jahrhundert, in Bergen verantwortlich ist. Aufgrund der Brandanschläge sowie des Mordes an seinem Freund und Mayhem-Gitarrist Aar- seth wurde Vikernes 1994 zu 21 Jahren Haft verurteilt, im März 2009 jedoch vorzeitig entlas- sen. Dieser Mord war der negative Höhepunkt der Gewalt im norwegischen Black Metal. Aar- seth wird heute aufgrund seines gewaltsamen Todes und auch wegen seiner herausragenden Rolle als Initiator der Szene als Held verehrt, seine immer noch aktive Band Mayhem genießt Kultstatus.

Mitte der Neunziger folgte schließlich die dritte Welle, es gründeten sich Bands wie Gorgoroth, Ulver und Dimmu Borgir in Norwegen, in Schweden machten Marduk und Dark Funeral auf sich aufmerksam, in Großbritannien veröffentlichten Cradle Of Filth ihr Debüt. Letztgenannte und auch Dimmu Borgir werden jedoch von vielen Fans der 'alten Schule' nicht als wahre Ver- treter des Black Metal angesehen. Der moderne Black Metal bedient sich sehr häufig Key- boards und orchestriert den eigenen Sound mit aufwendigen Melodiebögen, was zur Genredif- ferenzierung des Melodic oder Symphonic Black Metal geführt hat. Es ist außerdem durchaus möglich, dass Elemente aus anderen Musikgenres mit einfließen. Des weiteren wird vor allem Dimmu Borgir und Cradle of Filth vorgeworfen, nicht mehr die Ideale des Black Metal zu ver- treten. Beide Bands haben lukrative Plattenverträge mit internationalen Labels abgeschlossen, ihre Musik wird zunehmend auch in Kreisen gehört, die sich sonst nicht mit Black Metal be- fassen. Besonders schwer wiegt jedoch bei den traditionellen Anhängern, dass satanische Sym- bolik und Inhalte nur noch plakativ eingesetzt werden um zu provozieren, ohne dass die Musi- ker jedoch die satanischen Inhalte in ihrem Weltbild aufgenommen hätten. Nach einem Rückgang der Bandgründungen Ende der Neunziger, welcher auch durch die mas- sive und kritische Berichterstattung zu den Vorfällen in Norwegen in der Presse beeinflusst wurde, machen seit einigen Jahren wieder verstärkt neue Bands auf sich aufmerksam. Die Gruppen stammen mittlerweile aus einer Vielzahl europäischer Länder. Es gibt Black Metal in Deutschland (Endstille, Secrets Of The Moon), Österreich (Hellsaw), Finnland (Impaled Naza- rene) und Polen (Vesania, Behemoth), aber auch in den USA (Xasthur, Absu, Leviathan), Israel (Salem, Melechech) oder auch Japan (Sigh) etablieren sich immer mehr Gruppen. Bei einigen der neueren Bands mischen sich jedoch vermehrt auch andere Stile in die Musik ein, so dass hier nicht mehr vom reinen Black Metal gesprochen werden kann. Neben einer Vermischung mit Death Metal setzen einige Bands auf klassische Arrangements mit Streichern und Chören, andere integrieren historische skandinavische Instrumente und nähern sich dadurch und auch inhaltlich dem Pagan Metal an. Vor allem bei den norwegischen Untergrundbands ohne lukrati- ve Plattenverträge gibt es jedoch Old School Black Metal Bands, die ihre Musik in der Traditi- on der frühen Neunziger spielen.

2.2 Stilistische Charakteristika

Die standardmäßige Besetzung einer Black Metal Band sind Schlagzeuger, Bassist, Vokalist und mindestens ein Gitarrist. Es ist durchaus möglich und üblich, dass der Sänger eines der Saiteninstrumente übernimmt. Manche Bands setzen zusätzlich noch Keyboards ein, sehr sel- ten sind andere Instrumente. Der Klang des Black Metal ist vor allem durch hohe Geschwin- digkeiten und Verzerrungen geprägt. Gitarre und Bass sind elektronisch verstärkt und mit di- versen Effektgeräten versehen, um unterschiedliche Sounds erzeugen zu können. In der Gitar- renarbeit werden im Metal häufig Riffs verwendet - eine nahezu beliebige Zusammenstellung von Tönen, die in einem Lied mehrfach gespielt werden und für dieses zur Charakteristika werden können.

Geschwindigkeit wird im Black Metal über das schnelle Spielen der Gitarrensaiten erzeugt, in der Rhythmusarbeit aber besonders prägnant über das Schlagzeugspiel. Black Metal Bands ar- beiten generell mit einem Double Bass - entweder mit einer Basstrommel mit Doppelfußma- schine oder mit zwei Basstrommeln, die mit beiden Füßen gespielt werden. Dadurch entsteht ein sehr treibender Rhythmus. Besonders wichtig sind für das Schlagzeugspiel die so genann- ten Blast Beats - „möglichst schnelle und saubere Abfolgen zwischen der Snare Drum und den Bass Drums“11. Black Metal zeichnet sich über die Instrumente durch teilweise lang gehaltene Rhythmen und Melodiefolgen aus, was durchaus zu einer gewissen Monotonie führen kann. Rhythmuswechsel oder Breaks sind im Black Metal selten zu finden. Am markantesten ist je- doch wahrscheinlich der Gesang im Black Metal. Die Texte werden nicht einfach gesungen, die Stimme wird zu einem Röcheln, Gurgeln oder Fauchen aus dem Bauch heraus verzerrt. Dies wird zumeist ohne technische Hilfsmittel erzeugt, es gibt Stimm- und Atemtechniken, die die Produktion der Laute befördern. Im Death Metal werden im Gegensatz zum Black Metal sehr tiefe, so genannte Growls eingesetzt. Die Stimme von Black Metal Sängern ist in der Re- gel relativ hoch und erlaubt somit in gewissen Maßen eine Melodieführung und mehr stimmli- che Variationen als der Gesang in anderen extremen Subgenres des Metal.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im Black Metal ein befremdlicher, beim ersten Hören durchaus aggressiver Sound entsteht. Dies passiert besonders durch die extrem hohe Geschwindigkeit und den besonderen Gesangsstil. Der Klang hat etwas Kaltes, aber auch Erhabenes an sich. Durch den Einsatz von Keyboards versuchen Bands dem rohen Klang einen epischen und flächigen, melodiösen Unterbau zu geben.

3. Identität und Kultur

Im nächsten Abschnitt der Arbeit sollen nun zunächst einige Begrifflichkeiten geklärt werden. Dazu gehören eine Abgrenzung des Identitäts- und Kulturbegriff. Für den Black Metal sind dabei sowohl kulturelle, also kollektive, als auch persönliche Identität von Bedeutung. Ferner werde ich im weiteren Verlauf mit der Zwei-Körper-Theorie von Ernst Kantorowicz die Diskrepanz zwischen einer Erst- und Zweitidentität bei Black Metal Musikern diskutieren, die sich mit eben jener Schrift zu den zwei Körpern des Königs denken lässt.

Ein immanent wichtiger Begriff, der mit dem der Identität stark verbunden ist, ist der der Kul- tur. Deren Ausprägungen in Form von popkulturellen Erscheinungen kreieren für und mit ihren Mitgliedern immer gruppenspezifische Identitätsformen. Von diesen Überlegungen ausgehend werde ich zeigen, dass es sich beim Black Metal um eine ebensolche popkulturelle Erschei- nung handelt.

3.1 Identität - Begriffsdefinition

Der Duden Etymologie fasst 'Identität' nur als Unterpunkt zu 'identisch'. Das Adjektiv existiert seit dem 18. Jahrhundert im deutschen Sprachgebrauch, ist dem lateinischen identitas (= [Wesens]einheit) entlehnt und meint „ein und dasselbe bedeutend; völlig gleich (auch von Personen)“12. 'Identität' wurde jedoch bereits vor 'identisch' gebraucht und meint die „vollkommene Übereinstimmung zweier Dinge oder Personen“13.

Metzlers Literatur- und Kulturtheorielexikon unterscheidet zwischen kollektiver und persönli- cher Identität und leitet Identität vom lateinischen idem ab, welches für der-, die- oder dasselbe steht14. Die kollektive Identität ist „gebunden an die Ausbildung gruppenspezifischer Kultur- formen“15. Sie steht in struktureller Analogie zur persönlichen Identität und muss ständig durch das kulturelle Gedächtnis in Form von Ritualen und einheitlichen Symbolen gestärkt und ge- festigt werden16. Persönliche Identität ist ein relationaler Begriff, d.h. „das Bezeichnete [ist] in- nerhalb eines Beziehungsgeflechts situiert“17. Die persönliche Identität ist keine unveränderli- che und gegebene Größe, sondern ein immer wieder „am Schnittpunkt von gesellschaftlicher Interaktion und individueller Biographie stattfindende[r] Prozess der Konstruktion und Revisi- on von Selbstbildern“18. Im Gegensatz zu Begriffen wie 'Selbst' oder 'Persönlichkeit' ist Identität ein relationaler Begriff, da etwas nur mit einem anderen identisch sein kann19. Dabei ist in einer funktional ausdifferenzierten Gesellschaft die persönliche Identität eine vom Individuum zu erbringende Leistung20.

Da die kollektive Identität ja bereits per Definition kulturell vermittelt und konstituiert wird, wird sich nun eine Darstellung des Kulturbegriffs anschließen, der klären soll, was Kultur und insbesondere Popkultur ausmacht.

3.2 Kulturbegriff

Kultur soll im Folgenden nicht bloß als reine Unterscheidung von kultiviert - nicht kultiviert verstanden werden, auch nicht im Sinne einer Definition von Hochkultur, die sich auf legiti- mierte Kunst- und Machtverhältnisse und -begriffe stützt. Ferner soll es auch nicht um einen Kulturbegriff gehen, der sich hauptsächlich auf sprachlicher Ebene definiert. Vielmehr soll Kultur als eine Vielzahl von (post-)modernen Ausprägungen verstanden werden, die sich nicht mehr in Hochkultur und Sub- oder Gegenkulturen einteilen lassen, so dass es genauer wäre, von Kulturen im Plural zu sprechen, die jeweils von unterschiedlichen Individuen präferiert werden und als Gruppe oder Szene zu verstehen sind. Diese Kulturen zeichnen sich durch eine Aufladung und Re-Versicherung der eigenen gruppenspezifischen Identität aus.

3.2.1 Definition (Pop-)Kultur

„Kultur wird [hier] als eine bestimmte Lebensweise aufgefaßt, die sich nicht nur in Bildung und Kunst artikuliere, sondern sich auch in Institutionen und alltäglichen Lebensmustern aus- drücke“21. Diese Definition ermöglicht, spezifische ästhetische Kategorien und Lebensweisen der Hervorbringenden unter den Kulturbegriff zu fassen, die sich mehr oder weniger deutlich von einem 'herkömmlichen' Verständnis des Begriffs unterscheiden. Kultur, und die mit ihr verbundene Kunst, bringt bestimmte, historisch wandelbare Werte und Wert-Einstellungen her- vor22. So ist festzuhalten, dass Kultur nicht vornehmlich schriftlich sei, sondern dass sie sich vor allem in alltäglichen Interaktionen der Gesellschaft zeige23 und als „gelebte soziale Praxis interpretiert“24 werden kann. Unter diesen Voraussetzungen ist davon auszugehen, dass auch Populärkultur, als prägendes kulturelles Element erstmals in den 20er Jahren aufgetreten, be- stimmte sich verändernde Werte hervorgebracht hat und hervorbringt. Müller-Bachmann hält fest, dass Differenzen zwischen Populärkultur und Hochkultur in verschiedenen historischen Phasen unterschiedlich stark ausgeprägt waren und beide Aspekte teilweise miteinander korre- lierten und sieht daher davon ab, starre Unterscheidungen zwischen Hochkultur und Sub-, Ge- gen- oder Jugendkultur zu ziehen, da alle Ausprägungen ein sich im ständigen Wandel befindli- cher Prozess seien25.

Aus diesem Grund werde auch ich im Verlauf der Arbeit im Bezug auf Black Metal nur den Begriff Kultur verwenden. In dieser speziellen Kulturform ist allerdings immer wieder der Be- griff der Szene relevant. Dieser soll hier als Oberbegriff der Anhänger des Black Metal sowie damit verbundenen als nahezu allgemeingültig geltenden Ideen und Ansichten gebraucht wer- den. Dass es sich bei Black Metal Fans um eine Szene handelt, haben Chaker26 und Langen- bach27 hinreichend dargestellt.

Müller-Bachmann führt weiter aus, dass ein Charakteristika von - inkonsequenter Weise - Subkulturen ein abweichendes Verhalten von durch die Mehrheit der Gesellschaft akzeptierten Normen ist. Dieses Abweichen kann alles Aspekte des Lebens betreffen, z.B. Kleidung, Religi- on, moralische Werte28 und kann innerhalb der subkulturellen Strukturen durchaus als konform zu den eigenen Wertvorstellungen und damit nicht als abweichend betrachtet werden29. Es wer- den also durch die Hinterfragung und teilweise Negation von gesellschaftlichen Norm- und Wertsetzungen Situationsrollen übernommen, die „außengeleitete Handlungszuweisungen ab- bauen [und] alternative Wertsetzungen [produzieren], die sich durch Kreativität, Genuß, Expe- rimentierfreudigkeit u.w. auszeichnen, oder auch 'nur' einem Hedonismus in Reinkultur glei- chen“30.

Zu den Aspekten popkultureller Ausbildungen gehört für das jeweilige Phänomen die Kreation eines eigenen Stils, der sich in Habitus, Kleidung, Accessoires, Gedankengut und Musik nie- derschlagen kann. Dieser Stil wird von den Angehörigen jeweils zur Distinktion31 gegenüber anderen Gruppen und der Gesamtgesellschaft genutzt, oftmals „auf eine ablehnende und di- stanzierende Art“32. Diese Missbilligung von Werten der Gesellschaft wird innerhalb der Kul- turen auf vielfältige Weise zum Ausdruck gebracht. Zu erst durch Kleidung, aber auch über Darstellungen auf Plattencovern, in Songtexten, der Aneignung von Räumen oder auch öffent- lichkeitswirksamer Selbstdarstellung33. Der Stil wird dabei jedoch nicht ausschließlich von den Angehörigen der jeweiligen Kultur geschaffen, sondern auch durch verschiedene Medien und Unternehmen aufgenommen und (re-)produziert. „Die Identitätsbildung Jugendlicher in Ju- gendkulturen ist (...) nicht hinreichend zu verstehen, wenn nicht auch ein Bezug zu gruppen- spezifischen Stilbildungs- und/oder Stilausbreitungsprozessen hergestellt werden kann, die wiederum kaum ohne den Einbezug der Rolle der Medien und/oder der Kulturindustrie ver- standen werden können“34. Eine wichtige Rolle nehmen in der Musikbranche Fanzines - unab- hängig produzierte Magazine von Szeneangehörigen - ein. Hier werden über Konzerte berich- tet und Musiker interviewt, außerdem auf Neuerscheinungen von Bands aufmerksam gemacht. Diese Magazine sind meist auf ein bestimmtes Genre spezialisiert und ebenso wie die Szene selbst codiert35. Kommodifizierungen von Popkulturen lassen sich am ehesten durch die Über- nahme von Stilistiken durch die Mode- und Werbeindustrie deutlich machen. Sobald ein Stil eine gewisse gesamtgesellschaftliche Akzeptanz erfahren hat, finden sich dessen Accessoires und Symbole in abgeschwächter Form z.B. in großen Modehäusern oder überregionalen Fern- sehprogrammen wieder36.

Der jeweilige Stil einer modernen Kultur ist dabei eine Herausforderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, die auf bestimmte gesellschaftliche Problematiken reagiert und diese karikiert und in Frage stellt. In jedem Stil lassen sich vier Komponenten ausmachen: Das Image, wel- ches über das Erscheinungsbild vermittelt und über modische Attribute transportiert wird; die durch Körpersprache wie Tanzformen und Handzeichen vermittelte Haltung; der Jargon, wel- cher einen szenetypischen Zeichencharakter besitzt sowie die Musik, die neben dem Image die ausdrucksstärkste Form des Stils ist und ebenso wie dieses am ehesten zur Abgrenzung gegen- über anderen genutzt wird37. Dabei ist zu beachten, dass der Stil oft aus bereits bestehenden Mitteln zusammengesetzt wird und es keine vollständige Neuschöpfung gibt. Elemente aus an- deren gesellschaftlichen Bereichen werden übernommen und umgedeutet. Dieses Prinzip der Zusammenführung verschiedener Elemente wird am ehesten mit dem Begriff der 'Bricolage' von Lévi-Strauss beschrieben38.

Die spezifischen Kulturzugehörigkeiten äußern sich mittlerweile vornehmlich ästhetisch und sind szeneeigene Selbstinszenierungen. Durch Kleidung, Schmuck, Make-Up und andere Zei- chen wird ein bestimmtes Selbstbild kreiert, welches eine Identifikation innerhalb der jeweili- gen Szene möglich macht und eine Abgrenzung gegen bestimmte andere Kulturen darstellt39. Müller-Bachmann hält fest, dass es aufgrund der „scheinbar wahllose[n] Aneinanderreihung unterschiedlicher Stilutensilien“40 möglich sein kann, aktuelle Popkulturen nur noch auf Ästhe- tik und oberflächliche Selbstdarstellung achtende, schnelllebige Phänomene zu reduzieren oder zumindest eine eingehende Analyse und Kategorisierung erheblich erschwert sind41. Dieser Aspekt soll weitere Beachtung finden, wenn im weiteren Verlauf der Arbeit die Diskrepanz zwischen Erst- und Zweitidentität von Black Metal Musikern thematisiert wird. Auch dort ist charakteristisch, dass Rollen innerhalb der Szene mit Symbolen und Bedeutungen besetzt sind, die für Außenstehende nicht mehr nachzuvollziehen oder zu verstehen sind und somit stark zur Distinktion der Gruppe beitragen.

Da der Begriff der Distinktion für die Identitätsbildung innerhalb von Kulturen eine entscheidende Rolle spielt, soll jedoch im folgenden Kapitel zunächst der Distinktionsbegriff nach Bourdieu näher erläutert werden.

3.2.2 Distinktion - Begriffsdefinition

Distinktion als Begriff der Kulturtheorie wurde von Pierre Bourdieu in 'Die feinen Unterschie- de' geprägt. In seiner französischen Bedeutung umfasst der Begriff das „Erkennen eines Unter- schieds und das positive Abheben von Anderen“42. Die Distinktion ist also eine Differenzie- rung vom Anderen, bei Bourdieu vor allem auf sozialer und kultureller Ebene eine Distinktion des eigenen Geschmacks. Dieser ist bei Bourdieu ein Habitus, in dem „ästhetische Klassifikati- ons-, Bewertungs- und Handlungsschemata“43 eines Lebensstils angelegt sind. Er verbindet diesen Aspekt jedoch mit einer Wertung. „Sozial wird ein Unterschied nicht nur gemacht, um etwas zu unterscheiden, sondern um etwas positiv abzuheben. Genauer wird das Eigene durch die Distinktion vom Anderen als besser, höherwertiger, bedeutsamer usw. abgehoben“44. Die Überhöhung des eigenen Geschmacks ist bei Bourdieu durch den Klassenkampf gefördert. Dem Raum sozialer Positionen wird ein Raum symbolischer Lebensführung hinterlegt, auf de- ren beiden 'Folien' Trennlinien zwischen bestimmten Bereichen der Lebensführung, etwa be- vorzugte Lebensmittel, Sportarten oder auch Ausdrucksweise, verlaufen45. Die herrschende Klasse ist mit ihrem exklusiven Geschmack für den Rest der Gesellschaft normierend und da- mit am distinguiertesten46. Dieser Geschmack kann von den anderen Klassen nicht erreicht werden, sie versuchen jedoch, diesem nachzueifern47. Der Geschmack ist demnach kein sub- jektives Urteil, sondern wird durch die Sozialstrukturen der eigenen Umwelt bedingt. Der Ge- schmack einer Klasse weist also eine gewisse innere Einheit auf48. Mit diesem Bestreben wird die jeweils eigene Lebensweise überhöht und fällt somit in den Prozess der Distinktion.

Neben den lebensstilbildenden Funktionen konstituiert sich über die Distinktionsbeziehungen zusätzlich eine Form der symbolischen Macht49. Gemeint ist damit eine „Macht, die in der Lage ist, sich Anerkennung zu verschaffen“50. Bourdieu legt damit dar, dass gesellschaftlich, also von der herrschenden Klasse, legitimierte Kultur ein Herrschaftsprodukt ist. Kulturelles Kapital ist demnach ungleich zwischen den Klassen aufgeteilt und trägt damit zur Legitimie- rung der Klassenverhältnisse bei51. Eine „Macht wird dann anerkannt, wenn diese in der Lage ist, mit ihr verbundene Symbole (d.h. Zeichen, Wörter, Distinktionsmerkmale, Diskurse usw.) als legitime durchzusetzen“52. Symbolische Macht konstituiert sich damit zwar auf einer Sinn- ebene, hängt jedoch mehr oder minder stark mit realen Machtverhältnissen zusammen. Durch diese Verbindung werden über symbolische Macht tatsächliche Verhältnisse reproduziert53. Schickt sich nun jedoch eine Klasse an, Machtverhältnisse zu ändern, geschieht dies auf der Ebene der Umdeutung symbolischer Macht. „Dies setzt allerdings einen Bruch mit der einge- lebten Alltagswahrnehmung und der legitimen Anerkennung der sozialen Welt voraus“54.

Auch der jeweils eigene Stil populärkultureller Erscheinungen lässt sich mit dem Begriff der Distinktion fassen. Wie oben gezeigt, gibt es bei allen dieser Gruppen Abgrenzungstendenzen nach außen sowie eine Überhöhung der eigenen Ideale innerhalb der Gruppe. Die Differenzie- rung erfolgt hier vor allem über Image und musikalische Vorlieben, die einen Großteil des kul- turellen Lebens der Mitglieder von Popkulturen ausmachen. Dabei werden das eigene Auftre- ten und die eigene Präferenz als den anderen überlegen dargestellt, es erfolgt also Distinktion. Popkulturellen Szenen ebenfalls eigen ist die Umdeutung und Transformation bekannter Symbole, es kann also auch auf dieser Ebene mit dem Distinktionsbegriff gearbeitet werden. Wie bereits geschildert, ist die Ablehnung gesellschaftlich akzeptierter Normen und Werte charakteristisch für nahezu alle dieser Szenen. Diese Ablehnung wird durch die inhaltliche Neubesetzung von Symbolen oder neuartige Kombination von Kleidungstücken zum Ausdruck gebracht. Ziel dieser jeweiligen Umdeutungen ist letztendlich immer eine Redefinition der Ausgangsbedeutung des Symbols innerhalb der herrschenden Gesellschaft.

Mit diesen Vorüberlegungen soll im folgenden Kapitel untersucht werden, wie im Black Metal Identität konstituiert wird. Auf der einen Seite als kollektive Identität einer Popkultur, auf der anderen Seite als persönliche Identität der Akteure, also der Musiker. Daran schließen sich einige Überlegungen zu Kantorowicz' Zwei-Körper-Theorie an.

3.3 Identitätsinszenierung im Black Metal I

Black Metal ist nach den oben definierten Merkmalen popkultureller Strömungen genau ein solches Phänomen. Ein Teil der Gesellschaft in Norwegen begann Ende der 80er Jahre be- stimmte anerkannte Werte und Normen zu Hinterfragen. Wie unter Punkt 2.1 beschrieben, wurden sie dabei zu erst von anderen Bands beeinflusst, deren Motive sie teilweise übernah- men. Hinterfragt wurden im Black Metal zu Beginn vor allem kirchliche Werte und die Institu- tion als solche, aber man wollte sich auch gezielt von anderen aktuellen populären Strömungen absetzten - namentlich dem Death Metal. Es ist heute nicht mehr nachvollziehbar, ob der Drang, eine extreme Musik zu schaffen, zu extremer Gesellschaftskritik führte oder andersher- um. Auch Moynihan und Søderlind sind an diesem Punkt nicht klar und implizieren beides an unterschiedlichen Stellen in 'Lords of Chaos'. Gesichert ist jedoch, dass Mayhem als erste nor- wegische Black Metal Band diese ihrer Auffassung nach böseste erdenkliche Musikform schaf- fen wollten. Dazu gehörte neben brachialer Musik auch ein finsteres Image, welches sich durch Künstlernamen, schwarze Kleidung, Patronen- und Nietengürtel, schweren Stiefeln und dem heute obligatorischen Corpse Paint55 auszeichnete. „Dead [Mayhems erster Sänger; Anm. F.B.] died because the trend people have destroyed everything from the old black/death metal scene. Today 'death' metal is something normal, accepted and FUNNY (argh) and we HATE it. [Her- vorhebungen übernommen; Anm. F.B.] It used to be spikes, chains, leather and black clothes“56. Mit dieser Aussage lässt sich eine klare Distinktionsfunktion des ursprünglichen Black Metal zeigen. Die eigenen Werte bzw. das eigene Image werden überhöht und dessen verweigerte Anwendung durch andere Musiker für den Tod des Sängers verantwortlich ge- macht. „[B]lack metal could be also described as a fundamentalist movement that intends to draw a line between those who spoiled the 'true spirit' of metal and those who relied on heavy metal’s cultural roots in terms of being transgressive and challenging prevalent concepts of morality“57, umschreibt Hecker den skizzierten Anspruch des Black Metal, mit extremer Musik extreme Ansichten zu transportieren.

Gesellschaftliche Gründe, die zum Beginn des Black Metal beigetragen haben können, sind möglicherweise in der Glaubensstruktur Norwegens zu finden. In Norwegen wird jeder Bürger als Mitglied der Staatskirche geboren, allerdings ist die Zahl praktizierender Christen relativ gering. Dennoch hat die Kirche einen großen Einfluss, so müssen etwa laut Verfassung ständig 50 Prozent des norwegischen Parlaments mit Mitgliedern der Staatskirche besetzt sein58. Ablehnung erfuhr im Black Metal vor allem die 'Herdenmentalität' des christlichen Glaubens, der gegenüber eine individuelle Religiosität oder Atheismus im Sinne eines Satanismus präferiert wurde. Auch Hinwendungen zu pre-christlichen heidnischen Religionen, dem so genannten Asatru, sind im Black Metal nicht unüblich. In den von Moynihan und Søderlind geführten Interviews wird deutlich, dass sich viele führende norwegische Musiker mit diesem Glauben beschäftigt haben. Sie führen diese Tatsache darauf zurück, dass Skandinavien als eines der letzten europäischen Gebiete zum Christentum bekehrt wurde59.

Mit der Ausbreitung des Black Metal zunächst auf andere europäische Länder und später als globales Phänomen sind diese ersten identitätsstiftenden Merkmale jedoch als Erklärung nicht mehr ausreichend. Sarah Chaker hat in ihrer Studie zur Black und Death Metal Szene einige Motive herausgearbeitet, die für diese konstitutiv sind und somit zur kollektiven Identität bei- tragen und in die weiter oben beschriebenen Eigenschaften eines kultureigenen Stils eingeord- net werden können.

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1 Vgl. Schobert (1997): http://www.diss-duisburg.de/Internetbibliothek/Artikel/Heidentum.htm (26.01.2010)

2 Vgl. Moynihan; Søderlind (1998) S. 2

3 Vgl. ebd. S. 3

4 Vgl. Moynihan; Søderlind (1998) S. 12ff

5 Vgl. ebd. S. 16ff

6 Vgl. ebd. S. 14ff

7 Vgl. ebd. S. 32ff

8 Vgl. Kristiansen (2008), S. 48

9 Vgl. Moynihan; Søderlind (1998) S. 64f

10 Vgl. ebd. S. 47ff

11 Chaker (2004) S. 33

12 Duden Etymologie (1997) S. 300

13 Ebd.

14 Nünning (2008) S. 306

15 Ebd.

16 Vgl. ebd.

17 Ebd. S. 307

18 Nünning (2008) S. 307

19 Vgl. ebd. S. 306

20 Vgl. ebd. S. 307

21 Müller-Bachmann (2002) S. 24

22 Vgl. ebd.

23 Vgl. ebd. S. 30

24 Vgl. Müller-Bachmann (2002) S. 31

25 Vgl. ebd. S. 27

26 Vgl. Chaker (2004) S. 249ff

27 Vgl. Langebach, Martin: Black Metal. Eine qualitative Studie. 2007, VDM Verlag, Saarbrücken

28 Vgl. Müller-Bachmann (2002) S. 42

29 Vgl. ebd. S. 46ff

30 Vgl. ebd. S. 136

31 Ich werde auf den Begriff der Distinktion im Punkt 3.2.2 genauer eingehen.

32 Müller-Bachmann (2002) S. 142

33 Vgl. Müller-Bachmann (2002) S. 164

34 Ebd. S. 129

35 Vgl. ebd. S. 165

36 Als bekannte Beispiele können hier der Verkauf von T-Shirts von Motörhead und Iron Maiden bei H&M sowie die zahlreichen Werbespots mit Alice Cooper, aktuell wirbt Saturn mit ihm, genannt werden. Auch der Sieg der finnischen Gruppe Lordi beim Eurovision Song Contest fällt in diesen Rahmen.

37 Vgl. Müller-Bachmann S. 145

38 Vgl. ebd. S. 145f

39 Vgl. Müller-Bachmann S. 161

40 Ebd.

41 Vgl. ebd.

42 Fröhlich; Rehbein (2007) S. 76

43 Schwingel (1995) S. 113

44 Fröhlich; Rehbein (2007) S. 76

45 Vgl. Schwingel (1995) S. 112

46 Vgl. Fröhlich; Rehbein (2007) S. 76f

47 Vgl. ebd.

48 Vgl. Schwingel (1995) S. 114f

49 Vgl. ebd. S. 117

50 Ebd.

51 Vgl. ebd. S. 118

52 Ebd.

53 Vgl. ebd. S. 119

54 Ebd.

55 Maskierte Bands sind jedoch keine Erfindung des Black Metal. Sowohl Alice Cooper, die Misfits als auch KISS traten bereits in den 70ern mit Make-Up als festem Bestandteil der Performance auf, Crimson Glory nutzten auf der Bühne Bronzemasken. Da diese Bands jedoch keinen Black Metal spielen und detaillierte Ausführungen über weitere Genres des Metal den Rahmen dieser Arbeit sprengen würden, verzichte ich an dieser Stelle darauf.

56 Aarseth in: Moynihan; Søderlind (1998) S. 59

57 Hecker (2009), Als .pdf zur Verfügung gestellt.

58 Vgl. Moynihan; Søderlind (1998) S. 40

59 Vgl. ebd. S. 188ff

Details

Seiten
70
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668371774
ISBN (Buch)
9783668371781
Dateigröße
967 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156315
Institution / Hochschule
Bauhaus-Universität Weimar
Note
2,2
Schlagworte
Black Metal Kulturwissenschaft Medienwissenschaft Musik Popkultur Metal Medienkultur Gorgoroth

Autor

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Titel: Gorgoroths "Black Mass Krakow 2004" zwischen Popkultur und Untergrund. Diskrepanzen in der Ritualität und Identitätsinszenierung im Black Metal