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Mann und Frau - Tugend und Minne - Ein Spiel

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 27 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Mittelalterliche Literatur und Walther von der Vogelweide

2. Ich hare iu so vil tugendejehen (Cormeau 20)
2.1 Ubersetzung
2.2 Uberlieferung und Bedeutungsnuancen
2.3 Aufbau und Besonderheiten

3. Das Verhaltnis zwischen Dame und Werbenden - Eine Analyse
3.1 Strophe 1 - Werbung und Bitte
3.2 Strophe 2 - Antwort und Bedingung
3.3 Strophe 3 - Bilder und Schmeichelei
3.4 Strophe 4 - Die Losung des Problems

4. Begierde und Tugend: Mann und Frau
4.1 Unterschiedliche Tugendkataloge
4.2 Der objektive Tugendkatalog
4.2.1 Die Wunsche des Mannes
4.2.2 Wer erreicht die Gewogenheit der Dame?
4.3 Gelebte Tugenden in Lied 43,9
4.3.1 Bescheidenheit und Zuruckhaltung der Frau
4.3.2 Ansehen, Dienstbarkeit und der gute Wille

5. Das Dialoglied: Ein typisches Minnelied

6. Tugend und Minne - Ein Spiel?

7. Literatur

1. Mittelalterliche Literatur und Walther von der Vogelweide

Vierhundert Jahre nach den bisher belegten Anfangen der Literaturgeschichte in Deutschland um 800 n. Chr., betrat wahrscheinlich der bekannteste Sanger und Literat des 12. bzw. 13. Jahrhunderts die Buhne: Walther von der Vogelweide.1 Bis heute gehort er zu den grofiten und bekanntesten Personlichkeiten deutscher Literatur. Seine Minnelieder, Sangspruche und die ubrigen Dichtungen, brachte er vor hofischem Publikum zu Gehor. Unter den Berufsliteraten der damaligen Zeit gehorte er mit Sicherheit zu jenen, die das hochste Mafi an Selbstbewusstsein zeigten.2 Dennoch war er, wie nahezu jeder Sangspruchdichter dieser Zeit, dazu gezwungen, als fahrender Sanger von Hof zu Hof zu ziehen und um die Gunst der dortigen Herren zu buhlen: ,,Sie betonen in ihren Bitt- und Heischstrophen gerade das soziale Gefalle zwischen dem Gastgeber auf dem Adelssitz (wirt) und dem Fahrenden (gast) und suchen die herrscherliche Verpflichtung zu Freigebigkeit (milte) auf sich zu lenken.“3 Der Minnesang Walthers war Bestandteil der hofischen Kultur des Mittelalters. Adelige Herren selbst versuchten sich als Dilettanten an dieser Kunstform und erhoben sie so zur hoischsten der Gattungen. Die Besonderheit, dass Walther nicht nur Minnesanger, sondern auch Sangspruchdichter war, macht ihn fur die Wissenschaft umso interessanter, da sich bei ihm durch diesen Umstand, Strukturen und Themen in den unterschiedlichen Gattungen vermischen. Walthers Minnesang ist nicht stereotyp. Die Lieder der Hohen Minne, Minneklage, Preislieder, Madchenlieder, Mnnereflexion, aber auch der, Niederen Minne oder Minneparodien stellen seine kunstlerische Versiertheit und Flexibility eindrucksvoll unter Beweis. Seine Spruchdichtung, der Leich und andere Dichtungen, werden in dieser Arbeit nicht berucksichtigt, obwohl auch in diese Dichtformen immer wieder Minnethemen auf verschiedene Art einfliefien. Es wurde allerdings den Rahmen sprengen, auch diese Dichtungen mit einzubringen. Dem Umstand, dass Walthers Dichtung immer Vortragsdichtung war, die aus Musik und Gesang bestand, ist Rechnung zu tragen. Ebenso, dass Walther, wie nahezu jeder mittelalterliche Troubadour unter der Vorgabe von Auftragskunst auftreten musste. Die Sanger des Mittelalters waren finanziell oft von den Adelshofen abhangig. Das Publikum in der Zeit Walthers von der Vogelweide war zum Teil literarisch gebildet. „Ein Dichter kann es sich erlauben, literarische Anspielungen in seine Texte einzubringen, Texte zu zitieren, andere Autoren zu nennen, zu loben, zu tadeln, literarische Moden zu benennen, zu kritisieren, zu perpetuieren; [...].“4 Diese Feststellung bildet die Grundlage fur die Wissenschaft, Walthers Texte zu analysieren und zu interpretieren.

2. Ich hare iu so vil tugendejehen (Cormeau 20)

Die Formkunst des Minnesangs bietet dem Troubadour Variationsmoglichkeiten. Nicht nur in aufieren Veranderungen der Gestaltung von Singweise, Strophe, Metrum und Reim oder in der Erfindung immer neuer Tone5 erschopft sich die Fulle der Moglichkeiten, sondern vor allem auch in der Wahl der Themen und der veranderten Darstellung von Themenkreisen. Das tatsachliche Verhaltnis zwischen Mann und Frau wird in der Minnethematik nicht erschopfend behandelt, wohl aber die Vorstellungen, die beide vom jeweils anderen Geschlecht idealiter in sich tragen.

2.1 Ubersetzung

I.

Ich hore euch so viele Vorzuglichkeiten zusprechen,
dass Euch meine Ergebenheit standig zur Hand ist.

Wenn ich euch nicht gesehen hatte,
es schadete meinem Ansehen.

Ich will jederzeit umso kostbarer sein
und bitte Euch, Herrin,
dass ihr mich in Besitz nehmt.

Ich wurde gerne der feineren Sitte gemafi leben, wenn ich es nur verstunde,
mein Ansinnen ist brauchbar, nun, ich bin unerfahren:

Nun mogt Ihr mir die sittliche Mafiigung schenken.

,,Verstunde ich mich auf das rechte MaB, was ich eben nicht vermag,
so ware ich in der Welt eine gluckliche Frau.

Ihr benehmt Euch wie ein schmeichelnder Lehnsmann,
dass Ihr meine Person so hochschatzt.

Ich bin viel unerfahrener als Ihr es seid.

Was soll’s, ich will dennoch diese Streitfrage klaren.

Tut zuerst, worum ich Euch bitte
und erklart mir die Gesinnung der Manner,
so unterweise ich Euch uber das Wesen der Frau.“

III.

Wir wunschen, dass die Bestandigkeit
den edlen Frauen wahrhaft das Hochste sei.

Wenn sie mit Anstand lebensfroh sein konnen,
so steht die Lilie hochst angemessen bei der Rose.

Nun gebt Acht, wie das Singen der Voglein zur Linde passt,
darunter Blumen und Klee,

noch besser passt ein freundlicher GruB zu den Frauen.
Ihr lieblicher redender Mund
macht, dass man ihn kussen muss.

IV.

,,Ich sage Euch, wer uns wohl gefallt:
der Boshaftes und Gutes gleichermaBen erkennt
und immer das Beste uber uns spricht,
demjenigen sind wir gewogen, wenn er es mit Aufrichtigkeit tut.
Kann er auf die rechte Art frohlich sein,
und immer maBvoll denken - bescheiden und stolz,
der kann erwerben, was er begehrt.

Welche Frau verweigert ihm einen Faden?

Ein edler Mann ist ja gute Seide wert.

2.2 Uberlieferung und Bedeutungsnuancen

Die Ubersetzung folgt Handschrift 0 (Ms. germ oct. 682). Sie uberliefert das Lied 43,9 um das Jahr 1300 auf zwei Doppelblattern aus Pergament in der Grofie 18,5 x 11,5 cm. Die Schreibsprache ist von einem niederdeutschen Schreiber in mitteldeutsch gehalten. Das Dialoglied ,,ist der am haufigsten uberlieferte Text Walthers und damit des Minnesangs uberhaupt.“6 In der gleichen Strophenanzahl und Reihung findet man das Lied auch in der Groften Heidelberger Liederhandschrift (C), der Weingartner Liederhandschrift (B), der Wiirzburger Liederhandschrift (E), der Weimarer Liederhandschrift (F), wie auch in der Kleinen Heidelberger Liederhandschrift (a), und der Haager Liederhandschrift (s). In Handschrift D (cpg. 350) finden sich Zeile eins bis neun der ersten Strophe. Uberraschend einheitlich zeigt sich die Strophenabfolge angesichts der Tatsache, dass, beim Minnesang Walthers, in den verschiedenen Handschriften, gewohnlich die unterschiedlichsten Strophenreihungen vorkommen. Dennoch gibt es Unterschiede im Wortlaut des Textes, obwohl Sinn und Schlusspointe in jeder Fassung gleichermafien deutlich werden.

Es ist mufiig jeden einzelnen Unterschied im Wortlaut des Textes zu benennen7, dennoch mochte ich auf die gravierendsten Abweichungen in der von Cormeau edierten Fassung eingehen.8

Das Wort „hcere" in Zeile eins der ersten Strophe, ist in beiden Heidelberger Liederhandschriften (C,c) in den Imperfekt „hortd‘ gesetzt. Im Textverstandnis ist dies eine gravierende Veranderung, da das Rollen-Ich in 0 zu einer Dame spricht, von der gegenwartig so viel Gutes geredet wird, dass es sich entschliefit, die Frau direkt anzusprechen. Im Gegensatz dazu wurde „horte bedeuten, dass sich das Rollen-Ich nicht mehr sicher sein kann, ob immer noch so viel Gutes uber die Dame geredet wird, oder dies langst der Vergangenheit angehort. Dies wurde auch im Handlungsverlauf eine Bedeutungsverschiebung fur den Satz „Ich bin vil tumber dannirsit, wazdarumbe?"9 ergeben.

In den Handschriften F und a findet sich noch vor „ich“ die Anrede „Frawe“.10 Dies deutet moglicherweise auf einen schon bestehenden Kontakt zwischen Dame und Rollen-Ich hin. In s wird diese Theorie bestatigt. Der Werbende scheint die Frau tatsachlich zu kennen, da er sich der Dame noch in derselben Strophe ganz schenkt: „doch bin ich din. Sehr unwahrscheinlich ware es, wurde sich das Rollen-Ich gerade in einem Dialoglied schon in der ersten Strophe einer unbekannten Dame veraufiern. Das dem gesamten Lied vorangestellte „Frawe“ stellt immer einen Anruf dar, um Aufmerksamkeit zu erlangen. Dieser Anruf ist meist dann notig, wenn die andere Person sich abwendet oder wenn ausgedruckt werden soll, wie unnahbar, wurdig und angebetet11 die angerufene Person ist. Die in den Handschriften C und c vorkommende Form durfte also die hofischere sein. Moglicherweise ist auch darauf zu schliefien, dass die hochste Person an dem Hofe, an dem das Lied so vorgetragen wurde, eine Dame gewesen sein konnte.

Die Haager Liederhandschrift vertauscht in Strophe zwei die Zeilen eins und zwei mit drei und vier. Die um 1400 entstandene Liederhandschrift 12 ist zwar um 100 Jahre junger als die von Cormeau bevorzugte Handschrift O, zeigt aber die personlichere Variante einer dialogischen Kommunikation. Die besungene Dame reagiert sofort auf die Rede des Rollen-Ich der ersten Strophe und bewertet seine Rede: „ir taot als ein vil reder man, [...] Up. “ Erst dann beantwortet sie die Frage: ,,Kunde ich die maze zo ich n3 in kan, [...] wp. “13 Auch dies ist die hofischere Variante des Dialoges, da die Hofdame zuerst die Qualitat der Rede des Werbenden bewertet und erst danach die Antwort erteilt. Die Dame reagiert auf den Werbenden in s allerdings im Gegensatz zu O etwas herablassender, da sie ihn als „ vil reder man“ bezeichnet. Die Personlichkeit der Angebeteten ist in s also eine komplett andere als in O. Auch ist die Dame aus Handschrift snicht „unerfahrener“, wie in Handschrift O, sondern wohl eher „besorgter“14 als der Werbende.

In Strophe drei ersetzt s das Wort „vrouwen“ durch „wibe“.15 Das Rollen-Ich argumentiert also generalisierender als in Handschrift O. Der Werbende aus dem oben ubersetzten Text verlangt die „ staetechet nur von „guoten Fowen“, also „vornehmen Herrinnen“, wahrend diese „ stastecheit“ in Handschrift s von alien „vomehmen Frauen“ erwartet wird. Selbiges gilt auch fur die Handschriften F und BC im Vergleich zu O.

Auch bei Strophe vier findet sich in Zeile neun der Handschrift E das Wort ,Jrauwe“ anstatt das Wort,, wp“, das in Handschrift O uberliefert ist.16 Dieses Phanomen ist aber gerade umgekehrt zu deuten wie das in Strophe drei gedeutet wurde. Hier handelt es sich um eine Degeneralisierung. Wahrend Handschrift E ausdruckt, dass nur „Herrinnen“ so geneigt sind, dass die rhetorische Frage entstehen kann: „ welh irauwe ime verseit einen vadem?“, beschreibt Handschrift O den Zusammenhang etwas allgemeiner mit der Konstruktion: „ welh wfb versaget im einen vadem?“ Die Aussage tritt klar hervor. Handschrift O stellt ein besseres allgemeines Frauenbild vor als Handschrift s So wie in O jede Frau so vernunftig ist, einen edlen Mann nicht abzuweisen, so scheinen in s nur adelige, gebildete Frauen, also die ,,Herrinnen“, diese Vernunft zu besitzen.

Viele weitere Bedeutungsnuancen konnen auf diesem Wege erschlossen werden. Dies setzt allerdings die Kenntnis aller Uberlieferungstexte17 und sprachlichen Dialekte und Besonderheiten voraus. Eine solche Analyse ist weder dem besseren Verstandnis des Verhaltnisses zwischen Mann und Frau in der Minnethematik zutraglich, noch kann es in gebotener Kurze bearbeitet werden. Die Suche nach der ursprunglichsten Fassung wird auf verschiedene Wege beschritten. Die lectio difftcilior ist sicher eine Methode, die sich eignet, um die Texte der Handschriften O und s voneinander abzusetzen. Zudem sei darauf hingewiesen dass s die bei weitem jungere Handschrift darstellt. Letztlich ist aber kaum nachweisbar, welche Handschrift, oder ob uberhaupt eine Handschrift die ursprungliche Liedfassung liefert. Jenseits dieser editorischen Diskussionsmethoden soll diese Arbeit ihr Hauptaugenmerk auf die Interpretation der in Punkt 2.1. geleisteten Ubersetzung des Liedes 43,9 der Fassung O richten.

[...]


1 Vgl. Bein, Thomas: Walther von der Vogelweide, Reclam Verlag, Stuttgart,1997, S.54.

2 Vgl. Brunner, Horst (u. a.): Walther von der Vogelweide. Epoche, Werk, Wirkung. Arbeitsbucher zur Literaturgeschichte, Beck Verlag, Munchen , 1996, S.14.

3 Brunner, Horst (u. a.): Walther von der Vogelweide, S.16.

4 Bein, Thomas: Walther von der Vogelweide, S.57.

5 „Unter >Ton< versteht man - bereits in mittelhochdeutscher Teminologie (don) - die Verknupiung von Wort und wise, von Text, Textmetrik und Musik.“ (Bein, Thomas: Walther von der Vogelweide, S.59).

6 Schweikle, Gunther (Hg.): Walther von der Vogelweide. Werke. Band 2. Liedlyrik, Reclam Verlag, Stuttgart, 1998, S.630.

7 Umfangreicher und genauer Apparat dazu in: CORMEAU, CHRISTOPH (Hg.): Walther von der Vogelweide. Leich, Lieder, Sangspruche, Walter de Gruyter Verlag, Berlin, 141996, S.85-88.

8 Zu allen folgenden beschriebenen Unterschieden im Wortlaut vgl. Cormeau, Christoph (Hg.): Walther von der Vogelweide, S.85-88.

9 Cormeau, Christoph (Hg.): Walther von der Vogelweide, S.86, Z.5f.

10 Vgl. dazu auch einschlagige christliche Gebete: Vater unser [...], Ave Maria [...], Jungfrau Mutter Gottes mein[...].

11 Vgl. Cormeau, Christoph (Hg.): Walther von der Vogelweide, S.XXXVIII.

12 Vgl. ebd., S.85, Z.1.

13 Vgl. ebd., S.86.

14 Vgl. Ebd., „drouer“, S.86.

15 Vgl. ebd., S.87.

16 Vgl. ebd., S.88.

17 Eine synoptische Ubersicht uber die verschiedenen Fassungen findet sich in: Heinen, Hubert (Hg.): Mutabilitat im Minnesang. Mehrfach uberlieferte Lieder des 12. und fruhen 13. Jahrhunderts, Kummerle Verlag, Goppingen, 1989, S.164-167 und S.279-284.

Details

Seiten
27
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640689903
ISBN (Buch)
9783640690169
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156158
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
1,3
Schlagworte
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Titel: Mann und Frau - Tugend und Minne - Ein Spiel