Lade Inhalt...

Parteitypologien im Überblick

Seminararbeit 2009 21 Seiten

Politik - Politische Systeme - Politisches System Deutschlands

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Parteitypologien
2.1 Honoratiorenparteien
2.2 Massenparteien
2.3 Volksparteien
2.4 Diskussion: Wer beerbt die Volksparteien? Zwei Thesen
2.4.1 Klaus von Beyme: Der Wandel zur professionalisierten Wählerpartei
2.4.1.1 Der Wandel auf der Wählerebene am Beispiel der abnehmenden Parteiidentifikation
2.4.1.2 Der Wandel der Parteiorganisation am Beispiel der Etatisierung der Parteienfinanzierung
2.4.1.3 Der Wandel auf der Ebene des Parteiensystems am Beispiel des Machtzuwachses der Parlamentsfraktion gegenüber der Parteiorganisation
2.4.2 Richard S. Katz und Peter Mair: die Kartellpartei
2.4.2.1 Geschichtlicher Überblick von der Kaderpartei bis zur Volkspartei mit Schwerpunkt des Verhältnisses Staat – Gesellschaft - Partei
2.4.2.2 Der neue Typus der Kartellpartei

3 Synthese

4 Literaturverzeichnis
4.1 Bücher
4.2 Internetquellen

1 Einleitung

Als Max Weber vor circa 90 Jahren in seinem „Werk und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie“ die deutschen Parteien charakterisierte, lebte er in einer Zeit, in der die Honoratiorenparteien im Niedergang begriffen waren und sich ein neuer Parteientypus entwickelte: die Massenparteien. Weber’s Urteil über die Modernität der Massenparteien war so positiv, wie es für die Honoratiorenparteien verheerend war. Einige Jahrzehnte später, Mitte des 20. Jahrhunderts, hat sich diese Einschätzung kaum geändert. In dieser Zeit schreibt Maurice Duverger sein Werk „Les partis politiques“, auch er beschreibt die Massenparteien als den Prototyp einer modernen Partei.

Die Schriften der beiden Autoren sind zu Standardwerken geworden, noch heute wird auf beide in der Parteienforschung Bezug genommen. Dennoch hat die Realität die beiden Autoren überholt. Die Massenparteien wurden vom Typus der Volksparteien beerbt und mittlerweile streitet sich die Politikwissenschaft, ob es nicht mittlerweile schon einen Nachfolgetypus gibt - und wenn ja, welche Merkmale ihn auszeichnen.

In meiner Seminararbeit werde ich mich zunächst mit den verschiedenen historischen Parteitypen beschäftigen. Mein erstes Kapitel wird die Honoratiorenparteien behandeln. Im zweiten Kapitel folgen die Massenparteien sowie im dritten Kapitel die Volksparteien. Anschließend werde ich im vierten Kapitel zwei Vorschläge über die Beschaffenheit dessen nachzeichnen, was in der Politikwissenschaft als Nachfolger der Volksparteien diskutiert wird. Zum einen werde ich auf Klaus von Beymes These der professionalisierten Wählerpartei eingehen, und zum anderen Richard Katz und Peter Mairs Konzept der Kartellpartei vorstellen. Schließlich werde ich im Schlussteil knapp vergleichend auf die letztgenannten Vorschläge eingehen, um die Arbeit inhaltlich abzurunden.

2 Parteitypologien

2.1 Honoratiorenparteien

Die Anfänge der Parteien in Deutschland liegen bereits über 160 Jahre zurück. Die ersten Gehversuche wurden im Vormärz, beziehungsweise vornehmlich im Paulskirchenparlament im Jahre 1848 gemacht, in dem im Zuge der aus Frankreich herüber schwappenden Märzrevolution eine Verfassung für einen gesamtdeutschen Staat ausgearbeitet werden sollte. Unabhängig von ihrem letztlichen Scheitern werden in dieser Zeit die Wurzeln der deutschen Honoratiorenparteien verortet.[2] Auf nicht länderspezifischer Basis ordnen Katz und Mair die Honoratiorenparteien schlicht in das 19. Jahrhundert ein, ohne genauere Daten zu nennen.[3] Klaus von Beyme benennt in diesem Zusammenhang lediglich den Zeitpunkt der „Universalisierung des Wahlrechts um 1918“[4] als das Ende ihrer prägenden Zeit.[1]

Honoratiorenparteien gründeten sich, im Gegensatz zu den Massenparteien, meist innerhalb der Parlamente. Dies geschah in der Regel auf Basis von lose organisierten Fraktionen, die gemeinsame politische Forderungen durchzusetzen versuchten und sich zu einer festeren Gruppierung zusammenschlossen.[5] Freilich muss erwähnt werden, dass diese Fraktionen keinen derart bindenden Charakter haben wie heutige Parteien. Vielmehr muss man von einem sehr dynamischen Gefüge sprechen, dass ständig im Wandel war; so gehörten „Abspaltungen und Neugruppierungen (…) zur Tagesordnung.“[6]

Personell setzten sich die Honoratiorenparteien hauptsächlich aus Vertretern des Bürgertums zusammen (Professoren, Ärzte, Anwälte, etc.). Diesen war es im Gegensatz zu den Unterschichten finanziell und zeitlich eher möglich, politisch aktiv zu sein. Von einer kontinuierlichen Parteiarbeit lässt sich jedoch kaum sprechen: Die Anhänger fanden sich in der Regel nur zusammen, wenn Wahlen anstanden und formten dann regionale Komitees; diese bildeten auch gleichzeitig die Basisorganisation der Honoratiorenparteien. Der Kern ihrer Tätigkeit war der Wahlkampf – war dieser vorüber, lösten sich auch die Komitees wieder auf.[7] Der zentrale Parteiapparat konnte – wenn es denn einen gab – nur relativ wenig Einfluss ausüben, da er meist nur schwach organisiert war. Stattdessen hatten die regional Wahlkomitees relativ freie Hand. Dazu Lucardie: Die „Grundorganisationen sind meistens relativ autonom, werden nur locker von einem Landes- oder Bundesvorstand koordiniert.“[8]

Bereits Max Weber beschrieb die Honoratiorenverwaltung Anfang des 20. Jahrhunderts als überholt und bezeichnete sie als einen „im Parteiwesen zum Untergang verurteilte(n) Zustand“[9]. Einige Jahrzehnte später und mit der Möglichkeit retroperspektivisch zu schreiben, bestätigt Claus von Beyme diese These. Zwar räumt er ein, dass viele Honoratiorenparteien aus dem liberalen und konservativen Lager anfangs ihre mangelnde Binnenorganisation durch indirekte Organisationsformen kompensierten, vor allem „durch Kontakte zu existierenden Verbandsstrukturen von den Bauern- und Veteranenvereinen der Konservativen bis zu den Freimaurerlogen, Mittelstandsvereinigungen oder anderen Großorganisationen.“[10] Aus diesem Grunde war es zunächst nicht nötig eine umfassende eigene Parteibürokratie einzurichten. Später aber wurden festere Organisationsstrukturen unabdingbar und haben sich gegen die indirekte Form der Parteiorganisation durchgesetzt.

Die finanziellen Ressourcen der Honoratiorenparteien kamen fast ausschließlich von ihren Anhängern selbst, oder von anderen Mitgliedern höherer Schichten der Gesellschaft, die die Parteien unterstützen wollten. Eine staatliche Parteienfinanzierung existierte jener Zeit nicht und Mitgliederbeiträge wurden erst bei den Massenparteien relevant.

Ziel der Parteien war es vor allem, Privilegien für sich durchsetzen oder konservieren zu können: die an der Macht stehenden versuchten ihre zu verteidigen, die opponierenden hingegen versuchten sie den Privilegierten zu entreißen und für sich zu beanspruchen.[11]

2.2 Massenparteien

Die Massenparteien (oder: Massenintegrationsparteien) sind historisch der zweite dominante Parteitypus und haben die Honoratiorenparteien abgelöst. In der europäischen Parteientwicklung sieht Klaus von Beyme ihre Hochphase von ca. 1918 bis zum Ende der 50er Jahre.[12] Katz und Mair spannen einen weiteren Rahmen, sie ordnen sie zwischen 1880 und 1960 ein.[13]

Peter Lösche, für den die SPD und das Zentrum in Zeiten der Weimarer Republik die wichtigsten deutschen Vertreter der Massenparteien darstellen, beschreibt deren Entstehung vornehmlich in Anlehnung an den milieuorientierten Ansatz von Rainer Lepsius.[14] Demnach waren die beiden Parteien tief in ihrem jeweiligen Milieu verankert. So vertraten sowohl das Zentrum (religiöses bzw. katholisches Milieu) als auch die SPD (sozialistisches Milieu) sehr homogene gesellschaftliche Gruppen. Daneben betont Lösche zwei weitere signifikante Merkmale, die beide Parteien auszeichneten. Zum einen haben sie neben dem Parteiapparat ein umfassendes organisatorisches Netzwerk, das beinahe alle Lebensbereiche der Mitglieder erfasst. Dazu schreibt Lösche knapp und anschaulich: „Diese Organisationen begleiteten einen Katholiken oder Sozialisten von der Wiege bis zur Bahre.“[15] Zum anderen entscheidend sind die gesellschaftlichen Umstände, in denen die Parteien entstanden. In Deutschland geschah dies zur Zeit des Kaiserreiches, und dort hatten beide Milieus bzw. ihre Organisationen mit massiven Repressalien zu kämpfen. Der damalige Reichkanzler Otto von Bismarck initiierte den Kulturkampf gegen das Zentrum, gegen die SPD ging er mit den Sozialistengesetzen vor.[16] Diese widrigen Umstände blieben nicht ohne Folgen. Die staatliche Verfolgung mit dem Fixpunkt Bismarck bot den beiden Gruppierungen jeweils einen gemeinsamen Feind, gegen den die eigene Überzeugung verteidigt wurde – dies schweißte die jeweiligen Milieus stark zusammen und beeinflusste so nicht nur ihre politischen Überzeugungen, sondern ihr ganzes Leben: „Die Milieus konstituierten eigene Lebenswelten, eine eigene „Heimat“, sie waren nach außen ideologisch und organisatorisch abgeschottet, bildeten ihren spezifischen Kosmos.“[17] Im Umkehrschluss wussten die Parteien ihre Wählerschaft stark an sich gebunden. Dies hielt, so Lösche, so lange an, bis „die sozialmoralischen Milieus im Zeitalter der Säkularisierung und Entideologisierung immer mehr auseinander gebrochen (sind)“[18] und schließlich die Volksparteien folgten.

Auch Max Weber beschäftigte sich mit dem Typus Massenparteien; für ihre Genese sieht er vor allem systemische Gründe: die Parteien seien nun „Kinder der Demokratie, des

[...]


[1] Für die Kapitel Honoratiorenparteien, Massenparteien und Volksparteien bitte ich das Kapitel 2.4.2.1 zu beachten, in dem zu dem hier beschriebenen noch schwerpunktartig das jeweilige Verhältnis zwischen Partei, Staat und Gesellschaft behandelt wird.

[2] Vgl. Jesse, Eckhard: Parteien in Deutschland. Ein Abriss der historischen Entwicklung, in: Oberreuter, Heinrich/Mintzel, Alf (Hrsg.): Parteien in der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 1990, S. 47.

[3] Vgl. Katz, Richard S. und Mair, Peter: Changing Models of Party Organization and Party Democracy: The Emergence of the Cartel Party, in: Party Politics 1, S. 18.

[4] Von Beyme, Klaus: Parteien im Wandel. Von den Volksparteien zu den professionalisierten Wählerparteien, Wiesbaden 2000, S. 28.

[5] Als Nebeninformation: Die Honoratiorenvereinigungen der Paulskirchenversammlung hatten keine wie heute üblichen Parteinamen, sondern benannten sich nach den Lokalen, in denen sie tagten.

[6] Jesse, a.a.O., S. 48.

[7] Vgl. Lucardie, Paul: Zur Typologie der politischen Parteien, in: Decker, Frank/Neu, Viola (Hrsg.): Handbuch der deutschen Parteien, Wiesbaden 2007, S. 71.

[8] Ebd.

[9] Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, S. 840; erhältlich unter: http://www.zeno.org/Soziologie/M/Weber,+Max/Grundri%C3%9F+der+Soziologie/Wirtschaft+und+Gesellschaft (Stand: 19.09.09).

[10] Von Beyme, Klaus: Parteien in westlichen Demokratien, München 1982, S. 235.

[11] Vgl. von Beyme, Klaus: Parteien im Wandel, a.a.O., S. 41.

[12] Vgl. ebd.

[13] Vgl. Katz, Richard S. und Mair, Peter, a.a.O., S. 18 .

[14] Peter Lösche spricht bei den Massenparteien von einem Phänomen, das außer in Deutschland nur noch in Österreich und den Niederlanden vorkam.

[15] Lösche, Peter: Geschichte und Entwicklung in Deutschland, Kapitel Parteitypen; erhältlich unter http://www.bpb.de/publikationen/F4K6OH,2,0,Geschichte_und_Entwicklung_in_Deutschland.html#art2 (Stand 28.09.09).

[16] Vgl. ebd.

[17] Ebd.

[18] Ebd.

Details

Seiten
21
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640689637
ISBN (Buch)
9783640689477
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156135
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Politische Wissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Parteitypologien Partei Honoratiorenpartei Massenpartei professionalisierte Wählerpartei Kartellpartei Duverger von Beyme Volkspartei Katz Mair Parteityp Parteitypen Parteientyp Parteientypen Parteientypologie Parteientypologien Parteien

Autor

Zurück

Titel: Parteitypologien im Überblick