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Chancen und Risiken durch Globalisierungsprozesse für die kulturelle Vielfalt im dualen Rundfunksystem

Projektarbeit 2010 29 Seiten

Medien / Kommunikation - Medienökonomie, -management

Leseprobe

Gliederung

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kulturelle Vielfalt und Medien
2.1 Kulturelle Vielfalt
2.2 Kulturelle Vielfalt in den Medien

3. Das deutsche Rundfunksystem
3.1 Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten
3.2 Der Wandel zum dualen Rundfunkystem

4. Globalisierungsprozesse im Mediensektor
4.1 Deregulierung, Privatisierung und Kommerzialisierung
4.2 Internationalisierung und Globalisierung

5. Auswirkungen auf die kulturelle Vielfalt in den Medien durch Globalisierungsprozesse
5.1 Zusammenhang von Globalisierung und kultureller Vielfalt in den Medien
5.2 Risiken für die kulturelle Vielfalt durch Globalisierungsprozesse
5.3 Chancen für die kulturelle Vielfalt durch Globalisierungsprozesse
5.3.1 Chancen durch Glokalisierung und Dritte Programme
5.3.2 Chancen durch neue Technologien

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

7 Milliarden Euro – diese Summe nehmen die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland jedes Jahr alleine durch die Rundfunkgebühren ein.[1] Das ist mehr als alle deutschen Privatsender zusammen umsetzen.[2] Mit diesem Geld soll der Grundversorgungsauftrag von ARD, ZDF und Deutschlandradio sichergestellt und qualitativ hochwertige Medieninhalte für die Bevölkerung bereitgestellt werden.

Das deutsche Rundfunksystem ist zweitgeteilt – nicht nur in finanzieller Hinsicht. Öffentlich-rechtliche Anstalten konkurrieren mit privaten Anbietern um die deutsche Zuschauerschaft. Beide Anbieterformen wurden aus nachvollziehbaren Motiven gegründet und mit entsprechenden Rechten und Pflichten ausgestattet. Doch bereits bei der Gründung spielten trotz der national beschränkten Rezipienten internationale Faktoren eine Rolle. Kulturelle Vielfalt, Meinungs- und später Wettbewerbsfreiheit sollten sichergestellt und der Bevölkerung zugänglich gemacht werden. Doch die Zeiten ändern sich – teilweise zu schnell für den Reformwillen im deutschen Mediensektor. Globalisierungsprozesse verschärfen den internationalen Wettbewerb und machen auch nicht vor dem Rundfunkmarkt halt. Öffentliche und private Anbieter befinden sich heute in einem Wettstreit um Quoten, Werbeeinnahmen und Zuschauer, der durch die Globalisierung immer intensiver wird. Nur mit ökonomisch rationalen Methoden, so scheint es, kann dem globalen Druck standgehalten werden. Doch darunter leidet die Vielfalt – das Aushängeschild, auf dem das gesamte öffentlich-rechtliche und infolge dessen auch das duale System fußt.

Das duale System hatte lange Zeit seine Berechtigung. Doch wie ist es heute im Zeitalter der Globalisierung? Welche Risiken ergeben sich durch den Dualismus von öffentlichen und privaten Anbietern? Sollte eine Anbieterform präferiert werden, um die kulturelle Vielfalt zu fördern? Oder ergeben sich aus der Dualität auch Chancen? Diese Arbeit versucht darauf Antworten zu finden.

2. Kulturelle Vielfalt und Medien

Der Kulturbegriff wurde bereits auf vielfache Weise definiert und analysiert. Für diese Arbeit soll der Kulturbegriff Guy Rochers herangezogen werden. Für ihn ist Kultur „(…) the group linked by more or less formalized ways of thinking, feeling and acting which, learnt and shared by a plurality of persons, serve in both an objective and symbolic way, to constitute those persons in a particular and distinct collective.”[3] Demnach separiert Kultur menschliche Gruppen und vermischt Identitäten. Sie setzt Gruppen in Beziehungen zur restlichen Gesellschaft und findet Ausdruck in Künsten, Bräuchen, dem Sozialsystem, der Sprache oder der Religion. Kultur ist folglich ein Faktor für Einheit und Beziehungen.

Medien sind wiederum der größte und wichtigste Übermittler von Kultur.[4] Auch Niklas Luhmann war der Meinung, dass wir „alles, was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien.“[5] Die folgenden Kapitel geben daher eine Einführung zur kulturellen Vielfalt in den Medien um in späteren Kapiteln auf diese Informationen zurückgreifen zu können.

2.1 Kulturelle Vielfalt

Für diese Arbeit von Bedeutung ist insbesondere das Verhältnis von kultureller Vielfalt und Ökonomie. Das Verhältnis zwischen diesen Faktoren wurde bereits im EU-Vertrag thematisiert. Dieser weist darauf hin, dass eine Balance zwischen ökonomischen und kulturellen Aspekten gefunden werden muss, die sich gegenseitig ergänzen und unterstützen.[6] Die EU ist aufgrund ihrer Zusammensetzung natürlich auch am Erhalt ihrer kulturellen Vielfalt interessiert. In einem Medienbericht heißt es: „Cultural diversity is recognized externally and internally, both by the prevailing institutions of civil society and by the awareness of the group itself as different to the whole in some expressions.”[7] Gerade in Zeiten der Globalisierung kommt dem Erhalt dieser Diversität eine große Bedeutung zu, denn das Risiko einer homogenisierten Welt, in der einheitliche, kulturelle Muster vorhanden sind, steigt durch Globalisierungsprozesse.

2.2 Kulturelle Vielfalt in den Medien

Ein großer Teil der Funktionen, die bislang Museen, Bibliotheken und Theater inne hatten, wurde mittlerweile von Kinos, Fernsehern und Computern übernommen. Diese Medien können Kultur an einen größeren, heterogeneren Kreis von Menschen verteilen. Doch Kultur wird in den Medien nicht nur über die klassischen Themen und Kanäle transportiert. Auch Nachrichtensendungen, Serien, Filme und selbst Computer- und Videospiele verbreiten kulturelle Inhalte und produzieren Identitäten. Ihnen ist es ebenfalls möglich, kulturelle Vielfalt im Denken und Fühlen sozialer Gruppen zu transportieren. Folglich ist der audiovisuelle Sektor eine weitere Quelle kultureller Kreativität, die weiter wachsen und ihre führende Rolle in der Verbreitung von Kultur beibehalten wird. Insbesondere die Aufgabe des Fernsehens geht über die Rolle eines einfachen Übermittlers von Inhalten hinaus.[8]

Bereits bei Gründung der deutschen ARD-Anstalten war den Verfassern der Vertragstexte bewusst, insbesondere durch die negativen Erfahrungen aus der NS-Zeit, dass den Sendern und Hörfunkprogrammen eine wichtige Rolle bei der Verbreitung kultureller Vielfalt und Identitäten zukommt. Im „Staatsvertrag über den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR)“ vom 30. Mai 1991 heißt es daher: „Die Sendungen des MDR haben den Belangen aller Bevölkerungsgruppen, auch der Minderheiten, Rechnung zu tragen.“[9] Weiterhin wird spezifiziert, dass „in allen Angelegenheiten von öffentlichem Interesse (…) die verschiedenen Auffassungen im Gesamtprogramm ausgewogen und angemessen zu berücksichtigen [sind]. Das Gesamtprogramm darf nicht einseitig einer Partei oder Gruppe noch Sonderinteressen gleich welcher Art dienen.“[10] Die Verbreitung und Rezeption von Kultur und kulturellen Inhalten verschiedenster Ausprägungen hängt also eng mit dem Medienangebot zusammen. Insbesondere in Deutschland spielte diese Tatsache immer wieder eine wesentliche Rolle. Deutlich wird dies, wenn man sich die Geschichte und die Besonderheiten des deutschen Rundfunksystems ansieht.

3. Das deutsche Rundfunksystem

Die aktuelle Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland beginnt nach 1945. Nach dem 2. Weltkrieg übernahmen die Alliierten die Kontrolle über die verbliebenen Sendeanlagen und begannen dezentral mehrere Sender in Betrieb zu nehmen, beispielsweise Radio Frankfurt oder Radio München. Ab 1946 erhielt Radio Bremen mit Walter Geerdes den ersten deutschen Intendanten nach dem Krieg. Ab diesem Zeitpunkt lässt sich das deutsche Rundfunkwesen in drei Entwicklungsphasen einteilen. Zunächst entstand ein Monopol der ARD-Anstalten. Diesem folgte eine Konkurrenzsituation zwischen ARD und ZDF. Schließlich wurde das duale Rundfunksystem, welches bis heute Bestand hat, ins Leben gerufen.[11]

3.1 Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten

Die wichtigsten Merkmale des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems in Deutschland sind die regionale Struktur und die öffentlich-rechtliche Organisation. Der Grund für die Regionalisierung waren die Aufteilung des im Krieg besiegten Landes in Militärzonen und die vorgesehene Dezentralisierung der publizistischen Macht, um eine erneute Meinungskontrolle durch die Medien zu verhindern, denn diese ermöglichte NS-Propagandaminister Joseph Goebbels eine rasche Verbreitung seiner Thesen und sicherte seiner Regierung einen starken Einfluss auf die Meinung des Volkes.

Aus diesem Grund wollten die USA wie in ihrer Heimat einen kommerziellen Rundfunk etablieren. Dieser Plan scheiterte jedoch an den technischen und ökonomischen Voraussetzungen, da eine Finanzierung durch Werbung im zerstörten und wirtschaftlich schwachen Deutschland nicht möglich war. Da das französische Medienmodell zu staatsnah war, wurde das britische Modell eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks eingeführt. Dieses schien ideal, um eine erneute Meinungsmacht durch den Staat auszuschließen.[12] Nach zahlreichen Auseinandersetzungen „(…) waren Kompromisse zwischen den Absichten der Alliierten, die eine möglichst breite, von den politischen und staatlichen Institutionen weitgehend unabhängige gesellschaftliche Kontrolle des Rundfunks vorsahen, und den Vorstellungen der deutschen Politiker.“[13]

Mit dem Deutschlandvertrag vom 5. Mai 1955 wurde die volle Souveränität des deutschen Rundfunkwesens hergestellt. Eine Ausnahme bildete die sowjetisch besetzte Zone. Bereits 1950 kam es zum Zusammenschluss der Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland (ARD). Diese produzierte bislang nur ein Hörfunkprogramm und war organisationsrechtlich ein Verein. Der Fernsehvertrag von 1953 ebnete den Weg für ein gemeinsames Fernsehprogramm. Die offizielle Eröffnung fand 1954 statt. Erst 1959 erfuhr das Fernsehprogramm der ARD eine rechtliche Absicherung durch den „Staatsvertrag der Länder über die Koordinierung des Ersten Fernsehprogramms.“[14]

In den 50er Jahren gab es einen langen Machtkampf zwischen Bund und Ländern. Die Bundesregierung unter Konrad Adenauer fühlte sich von der Mitwirkung im Rundfunk ausgeschlossen und leitete daher die Gründung eines zweiten Fernsehsenders in die Wege.[15] In der Folge wurde im ersten Fernsehurteil von 1961 die Gründung eines zweiten deutschen Fernsehens durch den Bund für verfassungswidrig erklärt. „Zur Begründung führte das Gericht an, dass der Bund lediglich eine Kompetenz für den sendetechnischen Betrieb des Rundfunks habe (…), der Rundfunk als kulturelles Gut jedoch der Gesetzgebungskompetenz der Länder unterliege.“[16] Da der Bund Alleingesellschafter des neuen Senders gewesen wäre, wäre außerdem keine Staatsferne gegeben. Die Sicherung der kulturellen Vielfalt sowie der Meinungsvielfalt war also bereits in diesen frühen Jahren des Rundfunksystems für die Judikative ein wichtiges Merkmal, das der Verteidigung bedurfte. Das Urteil hatte daher auch eine Signalwirkung, denn es „(…) markiert den Beginn einer neuen Ära in der deutschen Rundfunkgeschichte, in der sich der Bund aus der Rundfunkpolitik zurückzog und die Länder gemeinsam zu kooperativen Lösungen fanden (sogenannter kooperativer Föderalismus).“[17]

Das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) wurde im Anschluss 1961 durch einen Staatsvertrag der Ministerpräsidenten gegründet und von allen Ländern gemeinsam getragen. Es stellt also im Gegensatz zur ARD eine zentrale Fernsehanstalt dar.[18]

Ab 1964 erfolgte die Ausstrahlung der Dritten Fernsehprogramme.[19] Diese waren zunächst als Kontrast zum Gemeinschaftsprogramm der ARD und ZDF konzipiert und sendeten Bildungssendungen, regionale, landesbezogene Sendungen und Kulturprogramme. Ab den 1990er Jahren entwickelten sie sich jedoch von Minderheiten- und Bildungsprogrammen zu Vollprogrammen und erreichten 2006 einen Marktanteil von 13,5% an der Sehdauer.[20] 1984 gab es eine erste Nationen übergreifende Kooperation mit dem Sender 3sat. An diesem beteiligten sich Deutschland, Österreich und die Schweiz mit den Sendern ARD, ZDF, ORF und SRG. Seit 1992 existiert zudem der Gemeinschaftssender ARTE, eine Kooperation zwischen Deutschland und Frankreich.

Da die ARD dezentral organisiert ist und die verschiedenen Anstalten nicht zeitgleich gegründet wurden, unterscheiden sich die Rahmenbedingungen für jede Rundfunkanstalt. Beispielhaft soll hier der MDR herangezogen werden. Dieser wurde durch einen Staatsvertrag 1991 zwischen Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt gegründet. Sein Auftrag besteht darin, für diese drei Länder Hörfunk und Fernsehprogramme herzustellen.

[...]


[1] Vgl. KEF (2009): S. 162

[2] Vgl. Siebenhaar, H. (2008): [www]

[3] Rocher, G. (1990): S. 111 f.

[4] Vgl. Jakubowicz, K. (1990): S. 71 f.

[5] Luhmann, N. (2009): S. 9

[6] Vgl. La Porte Alfaro, M. (2001) : [www]

[7] La Porte Alfaro, M. (2001): [www]

[8] Vgl. ebd. : [www]

[9] Staatsvertrag über den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) (1991): [www]

[10] Staatsvertrag über den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) (1991): [www]

[11] Vgl. Donsbach, W. (2009): S. 600

[12] Vgl. Donsbach, W. (2009): S. 601

[13] Ebd.: S. 602

[14] Ebd.: S. 603

[15] Vgl. ebd.: S. 604

[16] Donsbach, W. (2009): S. 605

[17] Ebd.: S. 605

[18] Vgl. ebd.: S. 605

[19] Vgl. ebd.: S. 614

[20] Vgl. ebd.: S. 615

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