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Textkritische Betrachtung Cicero "De legibus" Buch III, 19

Seminararbeit 2009 7 Seiten

Klassische Philologie - Latinistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textkritische Betrachtung
2.1 si parebunt his legibus
2.2 quae est in republica
2.3 si recordari volumus
2.4 videmus
2.5 cum esset cito necatus
2.6 quid enim ille non edidit

3. Abkürzungen

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Diese Betrachtung soll das Kapitel 19 des von dem römischen Schriftsteller und Politiker Marcus Tullius Cicero verfassten Werkes De legibus textkritisch untersuchen. Dieses philosophische Schriftstück besteht aus drei Büchern und entstand wohl in der Mitte des 1. Jh. v. Christus. Cicero handelt darin seine Vorstellungen über die Gesetze und Rechte in der römischen res publica ab. Im dritten Buch nun schreibt er über die Magistrate, also die römischen Staatsbeamten.

Kapitel 19

[M.] At vero, Tite, si parebunt his legibus, nihil erit eis urbe, nihil domo sua dulcius, nec laboriosius molestiusque provincia.

Sed sequitur lex quae sancit eam tribunorum plebis potestatem quae est in re publica nostra; de qua disseri nihil necesse est.

[Q.] At mehercule ego, frater, quaero de ista potestate quid sentias; nam mihi quidem pestifera videtur, quippe quae in seditione et ad seditionem nata sit.

Cuius primum ortum si recordari volumus, inter arma civium et occupatis et obsessis urbis locis procreatum videmus; deinde cum esset cito necatus, tamquam ex XII Tabulis insignis ad deformitatem puer, brevi tempore nescioque pacto recreatus multoque taetrior et foedior natus est. Quid enim ille non edidit? […][1]

[M.] ‚Aber wenn sie, Titus, diesen Gesetzen wirklich gehorchen werden, wird ihnen nichts süßer sein als die Stadt, nichts als ihr Haus und nichts mühseliger und lästiger als die Provinz.

Aber es folgt das Gesetz, das die Amtsmacht der Volkstribunen bestätigt, die in unserem Gemeinwesen ist; über sie ist nichts nötig darzulegen.

[Q.] Aber ich, beim Hercules, Bruder, ich frage, was du über diese Macht denkst; denn mir scheint sie gewiss verderblich, da sie ja in Zwiespalt und für den Zwiespalt geboren wurde.

Wenn wir uns an seinen ersten Ursprung erinnern wollen, sehen wir, dass er (der Tribunat[2] ) unter den Waffen der Bürger und nach Besetzung und Belagerung von Plätzen der Stadt geschaffen worden ist; dann, nachdem er schnell getötet worden war, wie nach den Zwölf Tafeln ein hinsichtlich seiner Hässlichkeit auffallender Knabe, war er in kurzer Zeit, ich weiß nicht wie, gesund und erstand viel abscheulicher und hässlicher. Denn was hat dieser nicht von sich gegeben?’[3]

2. Textkritische Betrachtung

2.1 si parebunt his legibus

Am Anfang dieses Abschnitts ergibt sich in der Überlieferung folgendes textkritisches Problem: anstelle des von Handschrift P[5] überlieferten parebunt weisen die Handschriften B, ε, L und die Handschrift A parebant auf, das wohl auch der Archetyp enthielt. Ein unbekannter Korrektor von A tilgt daraus das ‚b’, schreibt also pareant.[4]

Es handelt sich an dieser Stelle um einen Konditionalsatz, wobei der Nachsatz im Ind. Fut. steht: […]si parebunt his legibus, nihil erit eis […] Der Ind. Imperf. Akt. parebant, den die älteren bekannten Handschriften überliefern, ergibt an dieser Stelle also keinen Sinn, da in diesem Falle auch das Prädikat des Nachsatzes in einer Zeitform der Vergangenheit stehen müsste. Der Konj. Präs. Akt. pareant erscheint sinnvoller, da si mit Konj. Präs. eine Möglichkeit ausdrücken kann, allerdings ist es auch hierbei üblich, den Konjunktiv im Folgesatz beizubehalten[6]. Das Prädikat eines Konditionalsatzes im Indikativ kann ebenfalls das Verhältnis des Konditionalsatzes zur Wirklichkeit als unbestimmt bezeichnen, so dass der Konjunktiv hier also nicht zwingend nötig ist, um eine Möglichkeit auszudrücken. So ist parebunt, dass adäquat zum Prädikat des Folgesatzes erit im Ind. Fut. Akt. steht, plausibler als die im Apparat angegebenen Konjekturen.

2.2 quae est in republica

Das est in der Zeile 5 dieses Abschnitts wird erst in den jüngeren Handschriften überliefert,[7]

während sich alle anderen erhaltenen Handschriften nach dem Archetyp richten und es unerwähnt ließen. Zu vorklassischen sowie zu klassischen Zeiten war es üblich, die Form von esse auszulassen, besonders in der 3. Pers. im Singular[8]. Auch scheint diese Ellipse hier plausibel, da dieses Werk in wörtlicher Rede gehalten ist und das Prädikat est zwischen quae und in, also zwischen zwei Vokalen steht, und es dem Sprecher bequemer scheinen mochte, es auszulassen[9]. Da diese Ellipse zur Zeit Ciceros üblich war, werden die beiden Gesprächspartner den Sprecher in diesem Werk verstanden haben – das Einfügen von est durch die unter ς zusammengefassten Handschriften dient wahrscheinlich einem besseren Verständnis des nicht zeitgenössischen Lesers.

[...]


[1] zitiert nach Powell, J.G.F. (2006): M. Tulli Ciceronis. De re publica De legibus Cato maior de senectute Laelius de amicitia, Oxford, S. 248.

[2] sinngemäß zu ergänzen, vgl. Vorgehensweise bei [Büchner].

[3] selbst angefertigte Übersetzung auf Grundlage des [Georges], abgeglichen mit der Übersetzung Karl Büchners in [Büchner].

[4] [Powell] S. 248 Z. 1.

[5] Alle in dieser textkritischen Betrachtung verwendeten Siglen beziehen sich auf die Handschriften- und Korrektorenbezeichnungen in der Ausgabe von [Powell].

[6] vgl. [LHS] II, S. 660

[7] [Powell] S. 248 Z. 5.

[8] vgl. [LHS] II, S. 62.

[9] vgl. [Dyck] Commentary on Book 3, Sections 18-19b, S. 492.

Details

Seiten
7
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640696352
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156056
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Institut für Klassische Philologie und Komparatistik
Note
Schlagworte
Cicero de legibus anna rumler textkritik

Autor

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