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Papst und Konzil

Eine Verhältnisbestimmung anhand der Konstanzer Dekrete

Seminararbeit 2010 27 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Historischer Hintergrund.
2.1 Das Konzil von Konstanz
2.2 Der Konziliarismus
2.3 Die spatmittelalterliche Reformbewegung
2.4 Die Entstehung der Dekrete «Haec Sancta» und «Frequens»

3. Quellenanalyse.
3.1 Das Dekret «Haec Sancta»
3.1.1 Die Frage nach der formalen Verbindlichkeit
3.1.2 Der Inhalt
3.2 Das Dekret «Frequens»
3.3 Ausblick

4. Fazit

5. Quellen- undLiteraturverzeichnis.
5.1 Quellen
5.2 Literatur

6. Anhang: Die Dekrete «Haec Sancta» und «Frequens»
6.1 Das Dekret «Haec Sancta»
6.2 Das Dekret «Frequens»

1. Einleitung

„Wer deshalb sagt, der Romischer Bischof besitze lediglich das Amt der Aufsicht bzw. Leitung, nicht aber die volle und hochste Jurisdiktionsvollmacht uber die gesamte Kirche, nicht nur in Angelegenheiten, die den Glauben und die Sitten, sondern auch in solchen, die die Disziplin und Leitung der auf dem ganzen Erdkreis verbreiteten Kirche betreffen; oder er habe nur einen groBeren Anteil, nicht aber die ganze Fulle dieser hochsten Vollmacht; oder diese seine Vollmacht sei nicht ordentlich und unmittelbar sowohl uber alle und die einzelnen Kirchen als auch uber alle und die einzelnen Hirten und Glaubigen: der sei mit dem Anathema belegt.“1

Der papstliche Primat hat bis zu seiner feierlichen Definition auf dem I. Vatikanum in der romisch-katholischen Kirche eine lange Tradition. Bereits Papst Damasus I. (ca. 305-384) interpretierte die VerheiBung Jesu „Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Machte der Unterwelt werden sie nicht uberwaltigenA (Mt 16,18) juristisch und begrundete hiermit eine Monopolstellung fur den Patriarchen des Abendlandes, den Bischof von Rom.2

Dennoch gab es in der Kirchengeschichte auch Zeiten, in denen dieser Primat umstritten war. Besonders wahrend des sogenannten saeculum obscurum wagte niemand, einen solchen Anspruch fur den Papst zu formulieren. Auch in der spatere Kirchengeschichte blieb das Papsttum keineswegs von der Immoralitat des Klerus der jeweiligen Zeit nicht verschont.3

Vor diesem Hintergrund ist auch die Entwicklung der konziliaren Idee zu verstehen, in der dem Konzil ein Vorrang vor dem Papst eingeraumt wurde. Seinen greifbarsten Niederschlag in der kirchlichen Lehre hat diese Theorie wohl in den Dokumenten des okumenischen Konzils von Konstanz in den Dekreten «Haec Sancta» und «Frequens» , welche aufgrund ihrer Bedeutung allein mit dem Begriff „Konstanzer Dekrete“4 bezeichnet werden, gefunden.

Gegenstand dieser Arbeit soli es daher sein auf Grundlage dieser Dokumente zu untersuchen, welche ekklesiologische Vorstellung des Verhaltnisse zwischen Konzil und Papst in den Konstanzer Dekreten zum Ausdruck kommt. Hierzu soll zuerst ein Uberblick uber die damalige kirchliche Situation, damalige Reformbemuhungen sowie uber die Entstehungsgeschichte der Konstanzer Dekrete gegeben werden. Darauf folgt deren Analyse Hierbei soll das Dekret «Haec Sancta» im Vordergrund der Interpretation stehen, da hierin eine Superioritatsvorstellungen des Konzils uber den Papst am deutlichsten zur Sprache zu kommen scheint und ihm in der Diskussion uber den Konziliarismus stets die groBere Bedeutung zugemessen worden ist.5 AbschlieBend werde ich kurz drauf eingehen, welche Einsichten aus dem Konziliarismus von Konstanz fur die heutige Ekklesiologie gezogen werden konnten.

2. Historischer Hintergrund

2.1 Das Kon^jl von Konstan^

Dem IKonzil von Konstanz (1414-1418) geht ein fast 40-jahriges Papst-Schisma (das sog. GroBe Abendlandische Schisma) voraus, das langste und verworrenste in der Geschichte der Kirche.6 Seinen Ausgang hat dieses Schisma in der Wahl Papst Urbans VI. im Jahre 1378. Mit dieser Wahl eines Italieners zum Papst, statt eines Franzosen wie in den Vorjahren, sollte endlich die Zeit des Avignoneser Papsttums uberwunden werden, welches durch sein fast ausschlieBlich von finanziellen Interessen geleitetes Handeln und Leben die papstliche Institution in Verruf gebracht hatte. Freilich war die Wahl Urbans VI. nicht vorrangig der Einsicht der Kardinale, sondern vor allem dem Druck der Bevolkerung geschuldet, die aufgrund der Abgabenlast und verscharft durch die spatmittelalterliche Armutsbewegung am Papsttum immer starker AnstoB nahm.

Der neugewahlte Papst erwies sich jedoch bald als Despot: Zwar begann er ernsthafte Reformbemuhungen und verlegte den papstlichen Amtssitz wunschgemaB wieder nach Rom, im Umgang mit dem noch hauptsachlich franzosischen Kardinalskollegium zeigte er sich jedoch als starrsinnig und autoritar; sogar vor Hinrichtungen von unfolgsamen Kardinalen schreckte er nicht zuruck.7 So kam es, dass seine Wahl nach dreieinhalb Monaten von franzosischer Seite mit der Begrundung der Unfreiheit der Wahl aufgrund des auBeren Drucks annulliert wurde. Statt Urban VI. wurde nun Clemens VII. zum Papst gewahlt.

Diese 2. Wahl wurde jedoch trotz des Despotismus Urbans VI. nur von Frankreich, Spanien und Schottland anerkannt. Ein Grund hierfur durfte gewesen sein, dass Clemens als Franzose den Papstsitz wieder nach Avignon zu verlegen gedachte. Da beide Papste auf der RechtmaBigkeit ihres Papsttums beharrten und auch Nachfolger bestimmten, zementierte sich das Schisma. Im Volk entstand so eine groBe Unsicherheit uber die Zugehorigkeit zur authentischen Kirche, welche nach damaligen Verstandnis mit einer Heilunsicherheit einherging.

Aufgrund dessen wurde mit zunehmender Intensitat nach einer Losung des Schismas gesucht. Zuerst suchten die Kardinale und Bischofe noch nach einer einvernehmlich Losung. Aber auch der letzte Versuch einer gutlichen Einigung scheiterte klaglich: Nachdem sich beide Papste schon auf einen Rucktritt auf Grund bilateraler Vereinbarung bei einem Treffen in Savogna an der Riveriera geeinigt hatten, waren sie mit ihrer Gesandtschaft nur noch ca. 50 km voneinander entfernt, kehrten dann jedoch unverrichteter Dinge wieder um. Der Grund fur den mangelnden Einigungswillen auf Seiten der Papste lag wohl auch in der damaligen uberspitzt-papalistischen Ekklesiologie, nach der jeder menschliche Eingriff zur Wiederherstellung der Einheit ein Misstrauen gegenuber der gottlichen Vorsehung darstellte.

Nachdem jedoch eine solche „gottliche Losung“ des Schisma uber 30 Jahre versagt geblieben war, einigten sich die Kardinale beider Lager schlieBlich darauf, in Pisa ein gemeinsames Konzil durchzufuhren. Auf dieser Versammlung (1409) wurde beiden Papsten in ihrer Abwesenheit der Prozess gemacht, der zur Absetzung fuhrte. Zum neuen Papst wurde Alexander V. ernannt. Auf dessen baldigen Tod folgtejohannes XXIII. (1410-1415).

Da jedoch die beiden Papste, welche in Avignon und in Rom verblieben waren, selbst im Gegensatz zu ihren Kardinalen aus ihrem Selbstverstandnis heraus weder das Konzil noch den neuen Papst anerkennen wollten und sich auch die weltlichen Herrscher nicht geschlossen hinter den Pisaner Papst stellten, folgte aus dieser Wahl statt einer Losung zunachst eine Verscharfung des Konflikts: Nun hatte gab es drei Papste, die allesamt lautstark Legitimitat beanspruchten und jeweils ihre eigene Anhangerschaft hatten; statt der „verruchten Zweiheit“ wurde nun von der „trinitatis non benedicta, sed maledicta“ (nicht gesegnete sondern verfluchte Dreifaltigkeit) gesprochen.

Das Konzil von Konstanz stellt somit den zweiten Losungsversuch des GroBen Abendlandischen Schismas dar. Aufgrund des gegenuber Frankreich erstarkten romisch-deutschen Konigtums unter Sigismund, der seine Leitung ubernahm, fand es jedoch unter anderen Vorzeichen als das Konzil von Pisa statt, welche schlieBlich zu seiner allseitigen Anerkennung fuhrten. Trotz seiner umstrittenen Dekrete war auch in der spateren Lehrentwicklung der Papste eine Anerkennung dieses Konzils aufgrund seiner Wichtigkeit fur die Legitimation des Papstes und seiner Nachfolger, die sich schlieBlich durchgesetzt hatten, unumganglich. Die Versammlung von Pisa hingegen wurde trotz ihres ahnlichen Einberufsvorgangs und Selbstverstandnisses spater nicht offiziell als Konzil, sondern nur als Synode anerkannt.

2.2 Der Konziliarismus

Wie neuere Forschungen belegen, lasst sich nur schwerlich eine einheitliche Definition fur die unter dem Begriff „Konziliarismus“ subsumierten Ideen und Theorien finden.8 Vielmehr scheint es zu damaliger Zeit so viele konziliaristische Ideen und Theorien gegeben zu haben, wie es Kopfe gab, die sich hieruber Gedanken gemacht haben.9 Plausibel erscheint daher die Theorie, dass es sich bei den konziliaristischen Ideengut um Voruberlegungen aufgrund des damaligen Kirchenrechts zur Absetzung einer Harektiker-Papstes handelte. Diese waren zuerst nur theoretischer Natur und kamen erst durch die Notsituation des Schismas zur Anwendung. Hierzu passt auch die lange Zeit, die es benotigte, bis mit dem Konzil von Pisa den via concilii zur Losung der Krise beschritten wurde.10

Von der Art der Entwicklung her lasst sich die Situation daher in etwa mit der beim Rucktritt Papst Coelestins V. vergleichen. Auch hier war bei dahingehenden WunschauBerung des Papstes kein genaues Rucktrittsprozedere vorbereitet. Aufgrund der theoretischen Uberlegungen von Kirchenrechtlern kam es jedoch sehr schnell zu einer allseitigen Anerkennung einer positiven Beurteilung der Moglichkeit eines Rucktritts.

Bei den Rechtsvorschriften, auf denen sich die konziliaristischen Theorien stutzten, handelt es sich vor allem um den seit Hadrian II. (867-872) offiziell anerkannten Rechtssatz, dass ein Papst nicht verurteilt werdet kann, auBer wenn er der Haresie verfallen ist (Papa a nemine iudicatur, nisi deprehendatur a fide). Der Haresiebegriff war dabei damals weiter gefasst als heute und umfasste so auch ein sittenwidriges Verhalten des Papstes, das die ordnungsgemaBe Amtsfuhrung unmoglich machte. Ein solches Urteil konnte nach damaligen Verstandnis nur ein Konzil fallen, welches sich damit in diesem Moment uber den Papst stelle, welcher freilich im selbigen als solcher nicht mehr legitim war. Auf einem solchen Falle beriefen sich auch die Konzilsvater von Pisa und Konstanz. Von einer eigener ausgepragten konziliaristischen Ekklesiologie, welche die generelle Superioritat des Konzil uber dem Papst behauptet, kann zumindest im Vorfeld des Konstanzer Konzils kaum die Rede sein.11

[...]


1 I. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution «Pastor Aeternus» Nr. 15 (zitiert nach: DH 3064).

2 Vgl. Hauschild, Wolf-Dieter, Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Bd. 1. Alte Kirche und Mittelalter, Gutersloh 1995 (zukunftig: Hauschild, Kirchen- und Dogmengeschichte), S. 408f.

3 Vgl. Ebd., S. 422.

4 Vgl. Smolinsky, Heribert, Konstanzer Dekrete. In: LThK3 6 (2006). S. 322.

5 Vgl. Ebd.

6 Vgl. im Folgenden vor allem Schatz, Klaus, Der papstliche Primat. Seine Geschichte von den Ursprungen bis zur Gegenwart. Wurzburg 1990 (zukunftig: Schatz, Primat), S. 126-139.

7 Diese Problematik wird von Schatz kaum erwahnt. Vgl. aber Frenken, Ansgar, Urban VI. (Bartolomeo Prignano). In: BBKL 12 (1997), Sp. 925-928. Siehe auch: http://www.bbkl.de/u7urban_vi.shtml (Stand: 18.02.2010).

8 Vgl. im Folgenden vor allem Miethke, Jurgen, Konziliarismus — die neue Doktrin einer neuen Kirchenverfassung. In: Hlavacek, Ivan/Patschovsky, Alexander (Hrsg.), Reform von Kirche und Reich. Zur Zeit der Konzilien von Konstanz (1414 - 1418) und Basel (1431 - 1449). Konstanz 1996, S. 29-59 (zukunftig: Miethke, Konziliarismus).

9 Vgl. Schwaiger, Georg, Papstlicher Primat. Und Autoritat der allgemeinen Konzilien im Spiegel der Geschichte. Munchen/Paderborn/Wien 1977, S. 129.

10 Bei den vorab getatigten Losungsversuchen handelte es sich um folgende:
1. viapacti: militarische Losung
2. via subtractionis: Entzug der Obodienzen
3. via conventionis: Direkte Ubereinkunft der Papste
4. via cessionis: Rucktritt der Papste
5. via compromissi: Anerkennung eines Urteil einer Kommission durch die Papste

11 Vgl. hierzu auch Walther, Helmut G., Konziliarismus als politische Theorie? Konzilsvorstellungen im 15. Jahrhundert zwischen Notlosungen und Kirchenmodellen In: Muller, Heribert/Helmrath, Johannes, Die Konzilien von Pisa (1409), Konstanz (1414-1418) und Basel (1431-1449). Institutionen und Personen. In: Konstanzer Arbeitskreis fUr mittelalterliche Geschichte, Vortrage und Forschungen. Band LXVII. Ostfildern 2007, S. 31-60

Details

Seiten
27
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640685257
ISBN (Buch)
9783640685578
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v156052
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Katholisch-Theologische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
Papst Konzil Konstanz Haec Sancta Frequens Konziliarismus Großes Abendländisches Schisma Papalismus

Autor

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