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Friedliche Revolution und Transformation

Geteilte Einheit? Ost- und Westdeutsche nach der Wiedervereinigung 1989/90

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 24 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Angleichung der Lebensbedingungen in Ost und West
2.1 Rechtliche Maßnahmen
2.2 Wirtschaftliche Maßnahmen
2.3 politische Maßnahmen: Gesamtdeutsche Wahlen als demokratische Grundlage der Einheit

3 Ergebnis: Vergleich der Sozialstruktur in Ost und West vor und nach 89/
3.1 Materielle Lebensbedingungen
3.2 Erwerbs- und Schichtstruktur
3.3 Bevölkerungsstruktur
3.4 Macht-Eliten

4 Probleme warum?
4.1 „Überstülpen“ der bundesdeutschen Verhältnisse: Ost wird in West eingegliedert
4.2 Einbruch der Wirtschaft: Arbeitslosigkeit, Finanzierungsprobleme
4.3 Klischees trennen Ost- und Westdeutsche

5 Fazit:

6 Quellenverzeichnis:
6.1 Internetquellen:
6.2 Literatur:

1 Einleitung

Als die Mauer am 9. November 1989 nur noch ein Symbol war und seine Funktion als Grenze verloren hatte, als sich Ost- und Westbürger in den Armen lagen und die neue Freiheit lebten, war kein Platz für die Realität. Die Zukunft hatte auszuharren, bis andere sie ausgruben und das Beste aus ihr machen würden. Doch auch „die Anderen“, Politiker beider deutscher Staaten, Europas und Amerikas, hatten keinen Masterplan für diesen Umbruch in der Hand. Dem Tempo, mit dem der Lauf der Geschichte fortschritt, konnte keine lang durchdachte Alternative Schritt halten.

Zunächst einmal blieben die Bedingungen im Rahmen einer Transformation der DDR. Der Sozialismus und die Planwirtschaft schienen durchaus vertretbar, allerdings wünschten sich Bürgerrechtler und Oppositionelle eine Umgestaltung durch das Hinzufügen demokratischer, sowie marktwirtschaftlicher Elemente.[1] Wie dieser Staat konkret aussehen sollte war noch offen, jedoch traf die Idee von einer, zwar erneuerten, aber dennoch getrennten DDR bei den ehemaligen Siegermächten des zweiten Weltkrieges, allen voran Großbritannien unter Margaret Thatcher, auf offene Ohren. Eine Teilung Deutschlands war weiterhin erwünscht, da die Erinnerungen an die Handlungsfähigkeit eines großen, mächtigen Deutschlands inmitten Europas keinen Wunsch nach einer Vereinigung aufkommen ließ. Für den großen Bruder im Osten waren diese Forderungen ebenfalls noch vertretbar, solange die DDR weiter als zweiter, souveräner deutscher Staat bestünde.

Schon bald jedoch änderte sich die Stimmung im Volk, welches nun eine Einheit aller Deutschen nicht mehr für unerreichbar hielt. Die Wochen nach den ersten massenhaften Grenzübertritten im November taten ihr übriges, um eine Vereinigung zu beschleunigen, denn nun wurde den Bürgern der DDR in aller Realität offenbart, was ihnen mangelte. Im Glanz von Konsum und dem Gefühl, ihre Brüder und Schwestern im Westen führten ein privilegiertes, sorgenfreies Leben, wurde die Idee einer Umgestaltung des DDR-Systems zum Paradoxon und diejenigen, die es erhalten wollten zur Minderheit.[2]

Schon bald mussten Wege in die Einheit gesucht werden, die keinem der Beteiligten Nachteile verschaffen sollten. Als der Fall der Mauer im Jahr 2009 sein 20-jähriges Jubiläum feierte, schien die Freude über dieses Ereignis zwar groß, allerdings wurde auch deutlich, in welchen Kinderschuhen die jugendliche Republik noch steckte. Auch wenn eine geografische Trennung der Deutschen Bevölkerung aufgehoben worden war, konnte die „Mauer in den Köpfen“ noch nicht vollständig beseitigt werden und Klischees vom „Jammerossi“ und „Besserwessi“ prägen immer noch das gegenseitige Verständnis.

Die vorliegende Arbeit geht der Frage nach, ob in den Jahren nach den Ereignissen um den 9. November und den Monaten die danach folgten, eine Annährung von Ost- und Westdeutschland erreicht werden konnte. Dafür sollen zunächst die politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Maßnahmen beleuchtet werden, die zu einer Annäherung führen sollten. In einem zweiten Schritt soll, auf Grund der Erkenntnisse über die Maßnahmen zur Vereinigung, soll untersucht werden, warum „die Mauer in den Köpfen“ bis heute nicht beseitigt werden konnte. Dafür wird die Umsetzung der Ergebnisse aus dem ersten Schritt in der Realität geprüft um anschließend erkennen zu können, ob diese mentale Trennung tatsächlich besteht und wenn ja, welche Probleme beim Prozess der Wiedervereinigung aufgetreten sind.

2 Angleichung der Lebensbedingungen in Ost und West

2.1 Rechtliche Maßnahmen

Noch 1989 unternahm Helmut Kohl erste Überlegungen für die Hilfe der untergehenden DDR durch Sofortmaßnahmen, die in den berühmt gewordenen „10-Punkte-Plan“ zusammengefasst wurden. Dazu gehörten vor allem finanzielle Hilfen, da die DDR-Wirtschaft in ein bodenloses Haushaltsdefizit gestürzt war, welches mit mindestens 15 Milliarden DM Unterstützung durch die BRD aufgehalten werden könne.[3] Das Verhältnis von BRD und DDR änderte sich nun, denn diese Finanzspritze und der Wunsch nach der Übernahme der D-Mark als alleinige Währung in der DDR verlangte eine Gegenleistung. Da Kohl sogar so weit ging, sämtliche Verantwortung für Wirtschaft und Sozialwesen zu übernehmen, verlangte er einen gegenseitigen Vertrag, der die Anpassung der DDR an die BRD und deren finanzielle Hilfe schriftlich absicherte[4].

Somit kam der erste Deutsch-Deutsche Vertrag der Nachwendezeit zustande, über die Schaffung einer Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion, mit dem Ziel, die wirtschaftliche Situation des Ostens zu verbessern, den Menschen eine Perspektive zu bieten und die Einheit voranzutreiben[5].

Ein zweiter Vertrag regelte die Vorbereitung und Durchführung der ersten gesamtdeutschen Wahl zum Deutschen Bundestag und bildete somit die „demokratische Legitimation der deutschen Einheit durch die Wähler“[6]. Inhaltlich wurde das Wahlgebiet, die Ausdehnung der Bundeswahlordnung auf Ostdeutschland, die Nichtzulassung verfassungswidriger Parteien und andere Punkte besprochen[7]. Somit konnten nun auch die Ostdeutschen erstmals seit Jahrzehnten an rechtmäßigen und geprüften demokratischen Wahlen teilnehmen und somit auch über ihre Zukunft entscheiden. Die Durchführung und das Ergebnis der Wahlen findet im Unterpunkt „politische Maßnahmen“ noch eine nähere Betrachtung.

Im Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik über die Herstellung der Einheit Deutschlands, kurz dem Einheitsvertrag, wurde die Deutsche Frage endgültig und rechtskräftig geklärt. Im Artikel zwei wurde demnach festgelegt, dass Berlin die Hauptstadt der Bundesrepublik werden sollte. Desweiteren wurde im Artikel drei die Übertragung des Grundgesetztes der alten auf die neuen Länder geregelt. Die weiteren Artikel ordnen die Behandlung des öffentlichen Vermögens einschließlich der Schulden und alle Bereiche des öffentlichen Lebens, wie der Arbeit, dem Sozialwesen, Kultur, Sport, Bildung und weitere[8]. Die Bedeutung dieses Vertrages soll später verdeutlicht werden, in jedem Fall lässt sich resümieren, dass mit ihm ein Fundament für gleiche Lebensbedingungen in Ost- und Westdeutschland geschaffen wurde, aber ebenso nahezu alle Strukturen der ehemaligen DDR unreflektiert abgeschafft wurden, was auch heute noch zu Kontroversen, beispielsweise in der Schulformdiskussion, führt.

Schließlich reichte es nicht nur, eine gemeinsame Lösung zwischen den zwei deutschen Vertragspartnern zu finden, sondern auch die ehemaligen Siegermächte mit einzubeziehen, die eine Wiedervereinigung Deutschlands immer noch mit gemischten Gefühlen aufnahmen. Dadurch ist es auch nicht verwunderlich, dass sich die Gespräche einige Wochen hinzogen aber schließlich im Vertrag über die abschließende Regelung in bezug auf Deutschland, oder auch dem "Zwei-plus-Vier-Vertrag" mündeten. Inhaltlich regelte der Vertrag zwischen den Mitgliedern folgende Punkte: Zum einen die endgültige Festlegung aller deutschen Grenzen, insbesondere der Grenze zu Polen, den Verzicht von deutscher Seite auf atomare, biologische und chemische Waffen, die Stärke der Bundeswehr und zum anderen die Garantie von Alliierter Seite, ihre Streitkräfte abzuziehen, alle Rechte und Verantwortlichkeiten zu beenden, wodurch Deutschland die volle Souveränität wieder erlangte[9].

2.2 Wirtschaftliche Maßnahmen

Bereits anfang der Achtziger Jahre stand die Wirtschaft der DDR nach Jahren der Planwirtschaft und Fehlfinanzierung kurz vor dem Zusammenbruch und konnte sich nur durch kurzfristig durchgeführte Maßnahmen, wie der Verstaatlichung letzter mittelständischer Betriebe 1972, den Verkauf politischer Häftlinge, der Anleihe von Krediten aus den westlichen Industriestaaten und sogar dem Verkauf von – vermeintlich für solidarische Zwecke entrichteten – Blutspenden Ostdeutscher Bürger, retten.[10] Der Schuldenberg der DDR war 1982 bis auf 23 Milliarden DM angewachsen[11], was die Versorgung mit Konsumgütern und Gütern des täglichen Bedarfs nur weiter erschwerte.

Nur sieben Jahre später, im Wendejahr 1989 war das Defizit des DDR-Haushaltes letztlich auf 120 Milliarden DM Schulden, sowie weiteren 20 Milliarden Dollar Verschuldung im Ausland, angewachsen[12]. Mit diesen Fakten und der Tatsache, dass die gesamte Wirtschaft der DDR durch fehlende Produktivität und Effizienz am Boden war, mussten sich die Regierenden Westdeutschlands mit der Unterschrift zum oben beschriebenen Staatsvertrag über eine Währungs- Wirtschafts- und Sozialunion auseinandersetzen. Konkret hieß das zunächst die Umstellung der ostdeutschen Währung auf die D-Mark, wobei das Umtauschverhältnis je nach Betrag und Alter der jeweiligen Person zwischen 1:1, 2:1 und 3:1 variierte.

Weiterhin führten die Bestimmungen über die Wirtschaftsunion zur Übernahme des Westdeutschen Wirtschaftsmodells in der DDR. Dies bedeutete real den Übergang verstaatlichten Eigentums in private Hände und freier Wettbewerb, inklusiver freier Preis-, Produkt-, Mengen-, Verfahrens- und Investitionsgestaltung. Ziel war es, die Produktion der DDR-Betriebe anzukurbeln, sie wettbewerbsfähig zu machen und schlussendlich die Lebensbedingungen zu erhöhen und Arbeitsplätze zu schaffen.

Während der Übergangszeit der Wende wurde 1990 die Treuhandanstalt gegründet, um die Umformung von der Plan- zur Marktwirtschaft regeln zu können. Diese verwaltete große Vermögenssummen und hatte die Aufgabe, die ehemaligen Volkseigenen Betriebe teils zu privatisieren und sanieren, musste teilweise aber auch Unternehmen aufteilen oder stilllegen, da viele von ihnen der geforderten Quantität und Qualität nicht mehr Stand halten konnten[13].

[...]


[1] Ritter, Gerhard A.: Wir sind das Volk! Wir sind ein Volk. Geschichte der deutschen Einigung. München 2009, S. 9.

[2] Vgl. Bender, Peter: Deutschlands Wiederkehr. Eine ungeteilte Nachkriegsgeschichte 1945-1990. Stuttgart 2007, S. 239.

[3] Görtemaker, Manfred: Die Berliner Republik. Wiedervereinigung und Neuorientierung (= Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert, hrsg. von Manfred Görtemaker, Frank-Lothar Kroll und Sönke Neitzel, Bd. 16), Berlin 2009, S. 36.

[4] Ebda.: S. 39.

[5] Gros, Jürgen; Wagner, Peter M.: Verträge zur Deutschen Einheit. In: Weidenfeld, Werner , Korte, Karl-Rudolf (Hrsg.): Handbuch zur deutschen Einheit 1949 - 1989 – 1999. Frankfurt am Main; New York 1999, S. 818.

[6] Ebda.: S. 821.

[7] Ebda.: S. 820.

[8] Stiftung Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): Einigungsvertrag. Online in Internet: URL: http://www.hdg.de/lemo/html/dokumente/DieDeutscheEinheit_vertragEinigungsvertrag/index.html. (Stand 03.02.2010).

[9] Stiftung Deutsches Historisches Museum (Hrsg.): Zwei-Plus-Vier-Vertrag. Online in Internet: URL: http://www.hdg.de/lemo/html/dokumente/DieDeutscheEinheit_vertragZweiplusVierVertrag/index.html. (Stand 03.02.2010).

[10] Vgl. Heydemann, Günther: Die Innenpolitik der DDR (= Enzyklopädie Deutscher Geschichte, hrsg. von Lothar Gall, Bd. 66), München 2003, S. 29f. und Mählert, Ulrich: Kleine Geschichte der DDR. München 2001, S. 138.

[11] Mählert, Ulrich 2001: S. 135.

[12] Görtemaker, Manfred 2009: S. 32.

[13] Turek, Jürgen: Treuhandanstalt. In: Weidenfeld, Werner , Korte, Karl-Rudolf (Hrsg.): Handbuch zur deutschen Einheit 1949 - 1989 – 1999. Frankfurt am Main; New York 1999, S. 742f.

Details

Seiten
24
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640689057
ISBN (Buch)
9783640689347
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155817
Institution / Hochschule
Universität Leipzig
Note
1,7
Schlagworte
Wiedervereinigung West Ost Fall der Mauer Mauerfall Einheit

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