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Vergleich der Reziproken des Ewenischen mit verwandten Sprachen

Seminararbeit 2010 21 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1. Etymologische Vorbemerkungen
1.2. Reziproke, Reflexive, Soziative

2. Even
2.1. morphologisch - Reziproksuffixe
2.2. syntaktisch - Pronomen
2.3. Soziativ
2.4. Fazit Even

3. Evenki
3.1. morphologische Reziproke
3.2. syntaktisch – Pronomen
3.3. Soziativ
3.4. Fazit Evenki

4. Udihe
4.1. morphologisches Reziprok
4.2. syntaktisch – Pronomen und Reduplikation
4.3. Soziativ
4.4. Fazit Udihe

5. Unterschiede und Gemeinsamkeiten
5.1. Das Suffix
5.2. Syntaktisches
5.3. Der Soziativ

6. Fazit

7. Referenzen

1. Einleitung

Anderson (2006) zufolge gibt es einige für die sibirischen Sprachen typische Merkmale, hierbei u.a. eigenständige morphologische Reziprokformen. Tatsächlich, dem WALS (2008) zufolge[1] wäre es eher bemerkenswert, wenn sie diese nicht hätten, da viele Sprache solche aufweisen. Da er aus der tungusischen Familie nur Even als Beispiel gibt, ist kaum ersichtlich ob er damit meint, dass die verwandten Sprachen dies nicht hätten (auch wenn er im Appendix Even und Udihe als mit Reziproken versehen auflistet – jedoch nicht erwähnt, ob damit eigenständige morphologische Formen gemeint sind).

Nedjalkov (2007) gab einen Sammelband zu Reziprokkonstruktionen heraus, in dem unter anderem auch Even und die nah verwandten Sprachen Evenki und Udihe behandelt werden. Eine interessante Frage die sich bei der Lektüre dieser Artikel stellt ist, wie sehr sich die drei Sprachen ähneln. Eine einfache Hypothese lautet, dass in diesen eng verwandten Sprachen große Gemeinsamkeiten betreffend der Reziproka gefunden werden. Eine zweite Frage ist, was die Sprachen denn sonst besonderes dem Reziprok ähnliches haben, wenn diese doch so gewöhnlich sind. Zu diesem Punkt lässt sich schon jetzt sagen, dass es der Soziativ ist.

Diese Arbeit soll das Reziprok des Ewenischen samt Soziativ und ähnlicher Formen erläutern und vorstellen und vor allem Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu verwandten Sprachen zeigen. Dazu werden die Schwestersprache Evenki sowie das Udihe vorgestellt und mit Even verglichen.[2] Das System im Ewenischen wird hierbei ausführlicher dargestellt als die der anderen Sprachen.

1.1. Etymologische Vorbemerkungen

Es wäre vielleicht sinnvoll bereits zu bemerken, dass die Suffixe (und teilweise auch Pronomen) der einzelnen Sprachen auf eine gemeinsame Basis zurückgehen, deren Bedeutungsmöglichkeiten sich aber wandelten. Laut Nedjalkov & Nedjalkov (2007: 1625) ist das Suffix für das Reziprok in allen tungusischen Sprachen außer dem Manchu vorhanden und hat meist eine Form der Art -maat, -maač oder -masi. Entstanden sein soll es durch das unbekannte Suffix -maa und dem Durativ/Iterativ -či. Der Soziativ ist wesentlich umstrittener. Offensichtlich hat das Reziprok der drei Sprachen also schonmal eine gemeinsame Basis, die auch heute noch zumindest ähnlich klingt.

1.2. Reziproke, Reflexive, Soziative.

Was sind Reziproke überhaupt? Laut Bußmann (2002) kommt das Wort von reciprocus (zurückkehrend) und bedeutet eine wechselseitige Beziehung zwischen mindestens zwei Elementen, ausgedrückt durch spezielle Morpheme oder Pronomen (was periphrastisch wäre). Die Definition von Bulatova & Grenoble (1999: 28) lautet: Eine Aktion, die von mehreren Agens (gegenseitig! = wechselseitig) vollführt wird, die gleichzeitig auch Rezipienten sind.

Man muss das Reziprok von Reflexiven unterscheiden, bei denen der Agens allein steht und gleichzeitig Rezipient ist sowie vom Soziativ, der per Definition nach Bulatova & Grenoble (1999: 28) eine Aktion ist, die von mehreren Agens (zusammen!) ausgeführt wird, die (aber) auch gleichzeitig (semantischer) Patiens oder Rezipient sein können. Alle drei Formen scheinen also eng verwandt, weshalb es nicht überrascht, im folgenden Reziprok und Soziativ ineinander verschwimmend und häufig Reflexivpronomen bei der Nutzung des Reziprok vorzufinden.

Ein deutsches Beispiel: 'Die Männer schlagen sich (gegenseitig [Reziprok] oder zusammen [soziativ]).' Hierbei wird man die Verwendung des Reflexivpronomens und die Pluralmarkierung am Subjekt erkennen. Offenbar gibt es keine eigenständigen Verbmarkierungen.

Nach Haspelmath (2007), der eine ganze Typologie aufstellt, gibt es implizite und explizite Reziproka, wobei letztere grammatisch ausgedrückt werden durch eine freie Äußerungsform oder durch eine spezialisierte (die sogenannten reziproken Konstruktionen). Diese können wiederum aus mehren Sätzen oder – meist – nur einem bestehen. Letztere werden dabei noch einmal unterteilt in lexikalische Reziproke und grammatische. Die Konstruktionen sind meist anaphorisch (referieren also auf Gegebenes). Am Verb (durch Morpheme) markierte Reziproke signalisieren meist Reziprokalisation des direkten Objektes (DO), jedoch sind auch andere Varianten möglich, die man nach ihren Diathesen ordnet, von denen es für gewöhnlich bis zu vier gibt (kanonisch, indirekt, possessiv und postpositional)[3]. Haspelmath (2007) geht weiterhin davon aus, dass Reziproka sämtlich Subjekt-orientiert sind, also von dem ausgedrückten Argument stammen. Wie wir sehen werden gibt es aber auch andere Möglichkeiten, diese jedoch nur in sehr restrigierten Formen.

2. Even

Even (auch bekannt als Ewenisch oder Lamutisch) ist eine Nord-tungusische Sprache. 1989 gab es laut Malchukov (1995) etwa 17.000 Ewenen, von denen schon damals aber nur gut 43,8% Even als Muttersprache hatten. Malchukov (2007) listet bloß noch auf, wieviele Ewenen es 2002 gab, doch sagt nicht, wieviele davon Ewenisch sprachen. Da Russisch und Jakutisch (Sakha) auf dem Vormarsch sind, gilt die Sprache als gefährdet.

Even ist morphologisch mit Suffixen agglutinierend, syntaktisch ist sie Nominativ-Akkusativ mit Basis-Wortreihenfolge SOV. Sie hat reziproke und soziative Formen, die beide reziproke Bedeutungen ausdrücken können, wobei auch der Kopf einer Phrase zusätzlich markiert werden kann. Ebenso gibt es reziproke Pronomen, allerdings nur, wenn etwas nicht verbal reziprok ausgedrückt werden kann. Dies soll im Folgenden exemplifiziert werden. Malchukov (1995) und (2007) sind hierbei die Grundlage.[5]

Reziproke Ausdrücke können im Even morphologisch, lexiko-syntaktisch (durch reziproke Pronomen) oder morphosyntaktisch (durch ein Possessiv-Pronomen, das auch zu morphologischen Markierungen führt) ausgedrückt werden. Letzteres rechne ich hier der Einfachheit halber zu den anderen Pronomen.

Weiterhin besitzt Even Vokalharmonie, hier soll aber nur jeweils eine Realisierung einer Form in den Beispielen gezeigt werden.

Im Folgenden skizziere ich kurz den morphologischen Reziprok im Ewenischen samt seinen Diathesen, danach die syntaktischen Konstruktionen durch Pronomen und Präpositionen und abschließend den Soziativ. Es kann hierbei aus Platzgründen nicht absolut ins Detail gegangen werden, dafür empfiehlt sich auch eher Malchukov (2007), doch soll das Wichtigste über die Reziproken herausgearbeitet werden.

2.1. morphologisch - Reziproksuffixe

Die morphologische Form des Reziprok ist im Ewenischen das Suffix -mat (je nach Dialekt auch -mač). Das Subjekt wird hierbei wie man sieht in der morphologischen Konstruktion für Pluralität markiert; genau wie im Deutschen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie schon angesprochen unterscheidet man bei Reziproken verschiedene Typen von Diathesen. Hierbei unterscheidet Malchukov (1995) nur drei Arten (die unteren 'kanonischen' i. bis iii.), während Malchukov (2007) diese weiter spezifiziert, dabei dem Rahmen des Buches, in welchem der Artikel publiziert wurde, folgend. Er unterscheidet in Objekt-orientierte (die nur bei Kausitiven vorkommt und auf die kaum näher eingegangen wird) und Subjekt-orientierte Diathesis, ähnlich wie Haspelmath (2007). Letztere ist die hauptsächliche und 'normale' Form eines Reziproks; diese unterteilt er in weitere Arten (nach Häufigkeit geordnet):[6]

a) Kanonisch: Dies ist sozusagen die normale Diathese.

i. DO-orientiert: Das Subjekt ist hier koreferenziell mit dem DO. Hier nehmen transitive Verben belebte Objekte. [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]

ii. OO-orientiert: Das Subjekt ist koreferenziell zum 2. Argument von bivalenten Intransitiven[7]. [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]

iii. IO-orientiert: Das Subjekt ist koreferenziell zum 3. Aktant von Ditransitiven. Das Objekt steht im Allativ, Instrumental oder Lokativ.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Malchukov (2007) fasst diese drei Unterformen zu einer Obergruppe zusammen, dem Kanonischen.

b) Indirekt: Diese Diathese ist auch relativ häufig.

3er Transitive aus lediglich drei semantischen Gruppen (Geben, Wegnehmen, Sprechen) können diese Diathese bilden. Das Objekt steht im Dativ, Ablativ oder Allativ.

S=O1, 3TR+DAT/ABL/ALL

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

c) 2 Diathesen: Diese Diathese verbindet Eigenschaften auf zwei Diathesen gleichzeitig, vor allem der kanonischen. 3er Transitive Verben, die ambig sind (können das Subjekt cross-korefenziell mit dem DO oder IO verbinden). [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]

d) Possessiv: Diese Diathese betrifft Situationen mit einem Besitz.

Das Subjekt ist Possessor. Diese Diathese wird durch ein (Reflexiv-)Pronomen ausgedrückt, siehe unten. Gebildet werden kann sie von Transitiven und 2er Intransitiven. Meist erscheint das Objekt im Benefaktiv. [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]

e) Postpositionaler Possessiv: Diese Diathese ist ähnlich wie d), allerdings wird hier der Besitz durch eine Postposition hergestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Gegensatz zu den gleich folgenden syntaktischen Konstruktionen können einige Reziproka nicht morphologisch ausgedrückt werden. Bewegungsverben können z.B. nicht reziprok sein (*Sie gehen sich). Auch kann Koreferenz zwar zu einem Argument, aber nicht zu einem Adjunkt ausgedrückt werden. Dies kann im Ewenischen nur syntaktisch ausgedrückt werden. Außerdem führen die Diathesen zu verschiedenen Valenzminderungen des Verbes, was in syntaktischen Konstruktionen nicht geschieht.

[...]


[1] http://wals.info/feature/106?tg_format=map&v1=cfff&v2=cd00&v3=cf60&v4=cff0&s=20&z1=3000&z3=2999&z4=2998&z2=2997#

[2] Hierbei ist anzumerken, dass von den drei hauptsächlich benutzten Artikeln der von Nikolaeva am besten, der von Malchukov am 'schlichtesten' ist.

[3] Von Bulatova & Grenoble (1999: 28) werden Diathesen definiert als 'grammatische Markierung einer Beziehung zwischen Aktion, Agens und Patiens.' Also die Klarstellung der semantischen Rollen. Hier werden sie vor allem genutzt um die Reziprokformen weiter zu unterteilen; je nachdem welche Diathesen genutzt werden können.

[4] Dieses Kapitel basiert größtenteils auf Malchukov (2007), ergänzt um Malchukov (1995).

[5] Beispiele wurden wie in den Originalen belassen und lediglich übersetzt.

[6] Abkürzungen: DO = Direktes Objekt, IO = Indirektes Objekt, OO = Doppelt-Objekt.

[7] Bivalente Intransitive brauchen zwei Argumente, aber kein direktes Objekt.

Details

Seiten
21
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640693627
ISBN (Buch)
9783640694778
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155705
Institution / Hochschule
Universität Leipzig – Linguistik
Note
2,3
Schlagworte
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