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Netzwerkeffekte auf dem Kreditkartenmarkt

Seminararbeit 2010 18 Seiten

BWL - Bank, Börse, Versicherung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Fragestellungen

2 Die Analyse von Rochet und Tirole Das Grundmodell von Baxter Erweiterung des Grundmodells durch Rochet und Tirole

3 Regulierungserfordernisse

4 Schlussfolgerungen

1 Fragestellungen

Den Impuls für die thematische Ausrichtung dieser Arbeit liefert der Aufsatz „Cooperati- on among Competitors: The Economics of Payment Card Associations“ von Jean-Charles Rochet und Jean Tirole (2002). Die Autoren untersuchen die Festlegung des Interbankent- gelts (engl.: interchange fee) zwischen Banken innerhalb des Systems von Kreditkarten- organisationen1. Das Interbankenentgelt ist eine Gebühr, die innerhalb dieses Systems bei jeder Kreditkartenzahlung verrechnet wird und eine Zahlung von der Bank des Verkäufers an die Bank des Käufers darstellt. Die Höhe der Gebühr wird in der Praxis von der Kredit- kartenorganisation festgelegt, wenngleich den beteiligten Kreditinstituten eine bilaterale Vereinbarung möglich wäre.

Das Interbankenentgelt ist wiederholt in den Fokus verschiedener Wettbewerbsbehör- den geraten, ebenso wie die Verpflichtung der Akzeptanzstellen, Kreditkartenzahlungen ohne Preisaufschlag anzunehmen (im Folgenden auch Preisaufschlagverbot, engl.: no- surcharge rule), obwohl die Gutschrift aus der Kreditkartenzahlung für die Akzeptanz- stelle mit einem Disagio verbunden ist. So werden die Festlegung des Interbankenentgelts als mögliches Instrument zur Preisabsprache und der nicht zugelassene Preisaufschlag als unlauteres Mittel zur Stärkung der Marktstellung von Kreditkartensystemen kritisiert (Rochet und Tirole, 2002, S. 550).

Kreditkartenmärkte gehören zu den zweiseitigen Netzwerkmärkten und diese werfen typischerweise schwerwiegende Fragen im Zusammenhang mit politischen Interventio- nen auf (Samuelson, 2007, S. 173). In ihrer Analyse prüfen Rochet und Tirole die Gül- tigkeit der genannten Bedenken. Sie kommen in ihrer Analyse zu folgendem Ergebnis: Eine Erhöhung des Interbankenentgelts führt zunächst, d.h. von einem geringen Niveau ausgehend, zu einem Anstieg der Kreditkartennutzung. Wird ein bestimmter Schwellwert erreicht, akzeptieren Verkäufer hingegen keine Kreditkartenzahlungen mehr. Die von der Kreditkartenorganisation gewählte Höhe des Interbankenentgelts ist situationsabhängig entweder im sozialen Optimum oder führt zu einer überhöhten (suboptimalen) Nutzung

2 DIE ANALYSE VON ROCHET UND TIROLE 3

von Kreditkarten (Rochet und Tirole, 2002, S. 565). Die Aufhebung eines Preisaufschlag- verbots wirkt sich, abhängig von der Ausgangssituation, im Optimum verschlechternd bzw. bei suboptimaler Kreditkartennutzung zunächst verbessernd aus (Rochet und Tirole, 2002, S. 562).

Das ihrer Analyse zugrunde gelegte Modell stützt sich dabei auf die Beschreibung von Baxter (1983), die den Netzwerkcharakter von Kreditkartenzahlsystemen in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt. Rochet und Tirole fügen weitere Annahmen hinzu und bauen das Modell weiter aus. Die Aufgabe dieser Arbeit ist es, die Mechanismen des Modells zu erläutern, um eine objektive Auseinandersetzung mit der Kritik am Interbankenentgelt zu ermöglichen. Es stellen sich die folgenden Fragen:

1. Warum wird ein Interbankenentgelt in Rechnung gestellt?
2. Wie lassen sich die von Rochet und Tirole beschriebenen Ergebnisse erklären?
3. Bestehen Regulierungerfordernisse hinsichtlich der Höhe des Interbankenentgel- des?

Zur Beantwortung der Fragen ist dieser Aufsatz folgendermaßen aufgebaut: Im Anschluss an dieses erste einleitende Kapitel werden im zweiten Kapitel das Modell von Baxter (1983) und die Erweiterung durch Rochet und Tirole (2002) erläutert. Das dritte Kapitel beinhaltet einen Überblick über den aktuellen Stand der Diskussion hinsichtlich der Regulierung des Interbankenentgelts. Am Ende des Aufsatzes werden im vierten Kapitel Schlussfolgerungen gezogen.

2 Die Analyse von Rochet und Tirole

In dem hier betrachteten kooperativen Kreditkartensystem sind vier Parteien beteiligt:

(1) der Käufer als Kreditkarteninhaber, (2) der Verkäufer als Akzeptanzstelle, (3) die Bank des Kreditkarteninhabers oder auch Emittent (engl.: issuer) sowie (4) die Bank der Akzeptanzstelle oder auch Erwerber (engl.: acquirer). In der schematischen Darstellung (Abbildung 1) ist der typische Zahlungsvorgang mit Kreditkarte im Rahmen dieses Sys- tems dargestellt. Gegen Vorlage der Kreditkarte kann der Kreditkarteninhaber bei einer Akzeptanzstelle (z.B. Einzelhändler) bargeldlos einkaufen (a). Die Akzeptanzstelle über- mittelt den Zahlungsvorgang an ihre Bank (b). Die Bank der Akzeptanzstelle leitet den Zahlungsvorgang an die Bank des Kreditkarteninhabers weiter (c). Die Bank des Kredit- karteninhabers bucht den vollen Zahlbetrag vom Konto des Kreditkarteninhabers (d) und überträgt diesen Betrag abzüglich des Interbankentgeltes an die Bank der Akzeptanzstelle (e). Letztere schreibt der Akzeptanzstelle schließlich diesen Betrag unter weiteren Abzug eines Disagios gut (f).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Grundschema des Kreditkartengeschäfts (Eigene Darstellung)

Die Bedeutung der Kreditkarte im Zahlungsverkehr ist, gemessen an der absoluten Kreditkarten- und Vertragspartneranzahl oder den Transaktions- und Umsatzzahlen, in den vergangenen Jahren stetig gewachsen (Visa, 2009, S. 13). Der Erfolg dieses Zah- lungssystems lässt sich durch einige Vorteile erklären, die es im Vergleich zur Barzahlung aufweist. So kann ein Einkauf per Kreditkarte spontan erfolgen und ist nicht auf die Sum- me des mitgeführten Bargelds beschränkt. Der Kreditkarteninhaber kann auf das Mitfüh- ren von Bargeld weitgehend verzichten und ist dadurch gegen Bargeldverlust geschützt. Eine Kreditkartenzahlung kann über Ländergrenzen hinweg auch via Telefon oder Inter- net getätigt werden, die eventuell notwendige Währungsumrechnung erfolgt automatisch. Auf der anderen Seite profitiert die Akzeptanzstelle von Spontankäufen, die ohne dieses Zahlungssystem womöglich nicht oder in geringerem Umfang getätigt werden würden. Weitere Vorteile ergeben sich aufgrund der verringerten Bargeldhaltungskosten sowie der Möglichkeit, Telefon und Internet als zusätzliche Verkaufskanäle, auch international, zu nutzen. Und schließlich ergibt sich für die Akzeptanzstelle aus der automatischen Auto- risierung gegen den Verfügungsrahmen oder eine mögliche Kreditkartensperre eine Zah- lungsgarantie.

Für die Nutzung der Kreditkarte zahlt der Kreditkarteninhaber einen Preis, der in der Regel in Form einer jährlichen Gebühr erhoben wird. Die Akzeptanzsstelle hat für die Teilnahme an dem Kreditkartensystem einen Preis in Form des oben beschriebenen Disagios zu zahlen. Den beteiligten Banken entstehen durch den Aufbau sowie Aufrechterhaltung der notwendigen Infrastruktur Kosten, die durch die vereinnahmten Gelder von Kreditkarteninhabern bzw. Akzeptanzstellen gedeckt werden.

Aufgrund von Netzwerkeffekten unterscheidet sich der Kreditkartenmarkt von vielen anderen Märkten. Der Nutzen der Kreditkarteninhaber steigt mit der Anzahl der Akzep- tanzstellen, wie auch der Nutzen der Akzeptanzstellen mit der Zahl der Kreditkartenin- haber steigt. Jeder Konsument, der eine Kreditkarte erhält, und jeder Verkäufer, der zur Akzeptanzstelle wird, erhöht damit den Wert des Netzwerks. Bei Vorhandensein dieser Interdependenzen spricht man von Netzwerkexternalitäten durch Adoption (engl.: adopti- on externality) (Hunt, 2003, S. 84).

Baxter (1983) entwirft ein erstes, einfaches Grundmodell, das den soeben dargestellten kooperativen Kreditkartenmarkt formal beschreibt. Rochet und Tirole (2002) greifen das Modell auf und entwickeln es weiter.

Das Grundmodell von Baxter

Das Modell von Baxter (1983) mündet in der grafischen Darstellung von Angebots- und Nachfragefunktion eines Netzwerkmarktes, siehe Abbildung 2. In diesem Koordi- natensystem sind an der Abzisse die Anzahl an Zahlungsvorgängen und an der Ordinate der Preis pro Zahlungsvorgang aufgetragen. Diese Darstellung wird, bezogen auf den Kreditkartenmarkt, im Folgenden schrittweise hergeleitet und erläutert. An dieser Stelle sei angemerkt, dass das Anwendungsgebiet des Modells auch auf andere Vier-Parteien- Zahlungssysteme, beispielsweise auf den Scheckverkehr, bezogen werden kann.

Baxter leitet zunächst eine aggregierte Nachfragefunktion d her, die sich aus der ver- tikalen Addition der Nachfragefunktion dB des Kreditkarteninhabers und der Nachfra- gefunktion dS der Akzeptanzstelle ergibt (rot gekennzeichnet). Die Nachfragefunktionen beziehen sich dabei nicht auf das zu kaufende Gut. Sie stellen vielmehr den Willen zur Nutzung (seitens des Kreditkarteninhabers) bzw. zur Annahme (seitens der Akzeptanz- sstelle) der Kreditkarte für Zahlungsvorgänge dar in Abhängigkeit von dem Prei]s der Kreditkartennutzung.

[...]


1 Auf dem Markt für Kreditkarten wird zwischen den kooperativen Systemen von Kreditkartenorganisationen wie beispielsweise Visa oder MasterCard und proprietären Systemen der Kreditkartengesellschaften wie beispielsweise Diners oder American Express unterschieden. Während bei Kreditkartenorganisationen Banken sowohl auf Händler- als auch auf Kundenseite als Vermittler in Erscheinung treten, setzen Kreditkartengesellschaften Kreditkarten und Dienstleistung selbst ab. Da es im letzteren System kein Interbankenentgelt gibt, werden Kreditkartengesellschaften in dieser Arbeit nicht betrachtet.

Details

Seiten
18
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640693412
ISBN (Buch)
9783640693603
Dateigröße
804 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155648
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
2,0
Schlagworte
Kreditkarte

Autor

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Titel: Netzwerkeffekte auf dem Kreditkartenmarkt