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Von Heinrich lernen heißt siegen lernen?

König Heinrich I., die Deutsche Frage und deren Rezeptionsverhältnis bis Königgrätz

Hausarbeit (Hauptseminar) 2010 45 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

I. Einleitung

II. Das Reich unter Heinrich I
a. Voraussetzungen
b. Herrschaftskonsolidierung
c. Westpolitik
d. Ostpolitik

III. Die Deutsche Frage
a. Das Erbe des Alten Reiches (Exkurs)
b. Vom Ende des Reiches zur Paulskirche
c. Großdeutsch und Kleindeutsch
d. Entscheidungsjahre zwischen Olmütz und Königgrätz

IV. Die Rezeption König Heinrichs im Spannungsfeld der deutschen Frage
a. Die Rezeptoren und ihr Profil
b. Chronologie der Quellen
c. Heinrich in der Ranke-Schule
d. Heinrich in der kleindeutschen Geschichtsschreibung
e. Heinrich in der großdeutschen Geschichtsschreibung

V. Fazit und Ausblick

VI. Quellenverzeichnis

VII. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

„ Herr Heinrich sa ßam Vogelherd recht froh und wohlgemut aus tausend Perlen blinkt und blitzt der Morgenröte Glut […]

Da schwenken sie die Fähnlein bunt und jauchzen: Unsern Herrn! Hoch lebe Kaiser Heinrich, hoch des Sachsenlandes Stern Sich neigend knien sie vor ihm hin und huldigen ihm still und rufen, als er staunend fragt: ´sist deutschen Reiches Will ´Da blickt Herr Heinrich tief bewegt hinauf zum Himmelszelt: Du gabst mir einen guten Fang Herr Gott, wie dir ´s gef ällt! “1

Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte nicht nur dieses Volkslied zum Allgemeingut, sondern auch die in selbigem anschaulich beschriebene Rezeption des Sachsen: Der „Finkler“, der sich eigentlich seiner Leidenschaft, dem Vogelfang, widmen wollte, dann aber von „den deutschen Stämmen“ gerufen wurde um die nationale Einheit herzustellen erfreut(e) sich enormer Beliebtheit unter den modernen Deutschen. Sein Ruf als „Gründer des deutschen Reiches“ bot die ideale Plattform für nostalgische Sehnsüchte der in Herzogtümer, Besatzungszonen oder weltanschauliche Blöcke aufgeteilten Kulturnation in der Mitte Europas.

Vor allem im klassischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts und hier besonders im Vorfeld der Gründung des Deutschen Reiches im Januar 1871 war das mittelalterliche regnum teutonicorumbevorzugter ideeller Bezugspunkt. Die zeitgenössische deutsche Frage wurde, insbesondere in der Phase zwischen 1848 und 1866/71, maßgeblich auf dem Gebiet der Geschichtswissenschaft diskutiert. Der Deutung des Vergangenen kam in dieser Zeit ein funktionaler Auftrag für die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft zu. Die modernen Historiker waren im geschichtsbewussten Klima der zeitgenössischen Deutschen2 gleichsam Initiator und Resultat dieses Zeitgeistes. Breite bürgerliche, liberale, demokratische, teilweise auch konservative Kreise hatten sich dem Ziel einer neuerlichen Vereinigung „der deutschen Stämme“ nach dem vermeintlichen mittelalterlichen Vorbild verschrieben. Dabei hofften die Akteure nicht nur ein Vorbild des Gelingens einer Reichseinigung aufzuzeigen bzw. aufgezeigt zu bekommen, sondern auch die Fehler, die von der damaligen Einheit zur zeitgenössischen Zersplitterung geführt hatten, zu erkennen und dementsprechend vor deren Wiederholung gefeit zu sein. Im Zentrum der kritischen Rezeption und Kontroverse standen die hochmittelalterlichen Könige der Luidolfinger (Ottonen), Salier und Hohenstaufen.

Diese Arbeit im Rahmen des Hauptseminars „Das Reich unter König Heinrich I.“ des Sommersemesters 2009 an der Universität Duisburg-Essen versucht den Spagat zwischen zwei offenkundig so verschiedenen, weil fast ein Jahrtausend auseinanderreichenden Perioden. Sie will in zünächst das Werk des ersten König der Luidolfinger, eben jenes Heinrich, nach dem derzeitigen Forschungsstand - der naturgemäß ein gegenüber der Mitte des vorletzten Jahrhunderts fortgeschrittener ist - darstellen. Anschließend sollen die grob umrissenen Entwicklungen der Reichsgeschichte von Heinrichs Tod bis zu dem des Reiches uns zur neuzeitlichen deutschen Frage führen. Die beiden großen Lager der deutschen Frage des 19. Jahrhunderts, die borussisch-kleindeutschen Vertreter und die kaiserlich-großdeutsche Partei mitsamt ihren ideellen und materiellen Bezugspunkten Preußen und Österreich sollen erfasst und die entscheidende Jahre vor der einstweiligen Beantwortung der deutschen Frage zwischen der Revolution von 1848 und der „Revolution von oben“ von 1866 bzw. 1870/71 in ihrer wegweisenden Bedeutung für den weiteren Verlauf der europäischen Geschichte dargestellt werden.

Die anschließend zu leistende Untersuchung setzt in jenem als „Entscheidungsjahre“ definierten Zeitfenster an. Gegenstand ist eine Auswahl als repräsentativ für die verschiedenen Lager erachteter geschichtswissenschaftlicher und -politischer Schriften. Unsere Fragestellung lautet: Inwiefern hat der Rückblick auf Heinrich I. den Diskurs in der deutschen Frage beeinflusst?Welche Rolle spielte die Zugehörigkeit zu einem der Lager für die Bewertung seiner Regentschaft? Auf einer abstrakteren Ebene soll uns dies Rückschlüsse auf die Funktion von Historie in politischen Prozessen geben. Die Rolle König Heinrichs als nationale Integrationsfigur soll dabei zu seinen Anfängen verfolgt und mit dem derzeitigen Forschungsstand über Heinrichs Regentschaft verglichen werden.

II. Das Reich unter Heinrich I.

a.) Voraussetzungen

In den Jahrzehnten nach der Herrschaft Karls des Großen (768/71 - 814) kam es im Frankenreich zu fundamentalen strukturellen Umbrüchen. Diese führten sukzessive nicht nur zum Ende der karolingischen Herrschaft, sondern auch zum Ende der fränkischen Einheit. Zwischen 843 und 911 verstetigte sich die Teilung in ein Westfränkisches und ein Ostfränkisches Reich.3 Ab Ende des 9. Jahrhunderts veränderte sich zudem der Charakter des zunehmend Eigenidentität annehmenden Ostreiches derart grundlegend, dass durchaus von einer „Neugründung“ gesprochen werden kann. Neben dem Wiedererstarken der einst durch Karl den Großen auf Vasallenfunktionen reduzierten Herzöge4 intendierte der durch die Herrschaft des minderjährigen Königs Ludwig des Kindes (900-911) nötig gewordene Regentschaftsrat unter Führung des Mainzer Erzbischofs Hatto Mitspracherechte weiterer geistlicher und weltlicher Gewalten. Diese Mittelgewalten führten das karolingische Erbrecht5 ad absurdum, da die Installation von dynastieinternen Teilherrschern angesichts der Aufteilung des Reiches unter den Stammesherzögen immer schwerer zu realisieren war. Nicht nur deswegen6 wurde der natürliche Herrschaftsanspruch der karolingischen Sippe zunehmend in Zweifel gezogen. Der unter anderem im Regentschaftsrat Ludwigs des Kindes vertretenen fränkischen Dynastie der Konradiner gelang es 911, ihren Protagonisten Konrad als König durchzusetzen und damit die karolingische Führung auch faktisch zu beenden. Doch Konrad wurde weder der inneren Auflösungserscheinungen noch der äußeren Gefahren durch Normannen und Ungarn7 Herr. Beides verstärkte einander, denn Konrads Tatenlosigkeit gegen die äußere Gefahr zwang jeden Herzog einer bedrohten Region zu eigener Initiative. Konrad leistete damit der Desintegration Vorschub, ebenso wie umgekehrt der gemeinsame Kampf zur Ungarnabwehr unter Heinrich zum Faktor der (Re-)Integration werden sollte.8 Letztlich hinterließ Konrad das Reich in der Alternative des endgültigen Zerfalls in die einzelnen Stammesherzogtümer oder eines epochalen Neuanfangs. Es sollte Letzteres geschehen und der folgende König Heinrich hierbei eine wichtige Rolle spielen.

b.) Herrschaftskonsolidierung

Nach dem, was die spärliche Quellenlage9 dokumentiert, betrieb Heinrich eine „Politik der kleinen Schritte“ stetiger Machtvergrößerung. Angesichts des oben skizzierten desolaten Zustandes der Reichseinheit und seiner der Tradition des einstigen Karlsreiches widersprechenden sächsischen Herkunft war dies wohl auch der einzig gangbare Weg für ihn. Die dramatischen Beschreibungen der sächsischen Chronisten einer Designation Heinrichs durch seinen Vorgänger Konrad10 werden von der neueren Forschung bezweifelt und die Frage nach dem Übergang der Königswürde auf die Sachsen als „ eine der großen Rätselfragen [ … ] der Geschichtswissenschaft “11 diskutiert. Sicher ist: Der Tod Konrads Ende 918, bezeichnenderweise im Kampf mit regionalen Machthabern, hatte ein Vakuum hinterlassen und seine Erfolglosigkeit die Konradiner in Person seines Bruders Eberhard für ein erneutes Reklamieren der Königswürde diskreditiert. Nun begann Heinrich „ offenbar als König in Sachsen und schob sein Königtum allm ählich in einen nach Konrad I. Tod königsfreien Raum vor “12. Zentrales Instrument der sukzessiven Herrschaftsausweitung Heinrichs waren zeitgenössisch amicitiagenannte Freundschaftsverträge. Diese Bündnisse beinhalteten einerseits die Unterwerfung unter bzw. Anerkennung von Heinrichs Königsherrschaft, anderseits hatten sie großzügiges Entgegenkommen gegenüber den eigenen Zielen der Herzöge zum Inhalt. Mit Hilfe dieser Strategie sicherte sich der Sachse sukzessive die Herrschaft über Franken, Alemannien, Baiern13 und Lotharingien14, die Anerkennung durch die im Westen weiterhin herrschenden Karolinger sowie die zeitgenössischer Ansicht nach „ Nägel vom Kreuze Christi enthalte[nde] “15 Heilige Lanze, „ die in der Folgezeit zur wichtigsten siegbringenden Reliquie der ottonischen Dynastie “16 werden sollte.

Die Vereinigung Sachsens mit Franken samt amicitiaHeinrichs mit Eberhard stand dabei am Anfang und erkennbar der süddeutschen Herrschaft vorgelagert, was zwei interessante Aspekte beinhaltet: Zum einen die durch die in Quellen auch, aber nicht nur in unserem Zusammenhang17 belegte Konstruktion eines fränkisch-sächsischen Staatsvolkes als Ersatz bzw. Ausweitung des vormaligen fränkischen Staatsvolkes - eine aus Sicht des sächsischen Hofes nachgerade notwendige Erweiterung, um den eigenen Herrschaftsanspruch auch ideell zu legitimieren; zum anderen das auf Eigenständigkeit, eventuell sogar auf Führung des Reiches pochende Herzogtum Baiern.18 So waren es tatsächlich Franken und Sachsen, die Heinrich im fränkischen Fritzlar zum König erklärten, wahrscheinlich im Mai 919 und somit mehrere, mutmaßlich vom Kampf um die Königswürde geprägte Monate nach Konrads Tod.19 Bei dieser Königserhebung kam es anscheinend zu einem ausdrücklichen Verzicht Heinrichs auf die königliche Salbung durch Erzbischof Herriger von Mainz, was Widukind als Bescheidenheitsakt inszeniert20, kleindeutsche Geschichtsschreibung als Befreiung von klerikalem Joch deklariert21, aktuelle Forschung jedoch eher unter taktischen Gesichtspunkten analysiert.22 Mit in seinem Grundschema fast identischem Ablauf von militärischer Drohung bzw. Belagerung, Unterwerfung und Freundschaftsbund samt Beibehaltung der Herrschaft des vormaligen Rivalen in „seinem“regnumstellte der neue König in den folgenden Monaten und Jahren die Reichshoheit über Alemannien und Baiern wieder her.23 Unterschiedlich wird dabei die Stärke des Stammesherzogs und in dessen logischer Folge das Maß an Privilegien, die Heinrich demjenigen zugestand, eingeschätzt - Arnulf von Baiern war Burchard von Schwaben überlegen, was ihn nach dem gescheiterten Unabhängigkeitskurs zum wichtigsten Bündnispartner Heinrichs werden ließ.

c.) Westpolitik

Alsbald gelangte Heinrich auch zur Konsolidierung seiner Herrschaft gegenüber dem Westfränkischen Reich und zum Gewinn Lotharingens. Er reagierte dabei auf die Rivalitäten zwischen dem lotharingischen Adel und den im Westfranken weiterhin herrschenden Karolingern. Deren westfränkischer König Karl III. hatte „ im gesamten Westfrankenreich [ … ] einen denkbar schwachen Rückhalt “24, in besonderem Maße galt dies für Lotharingen. Der dortige Adel beliebte zwischen West und Ost zu optieren, um die eigenen Interessen am besten durchzusetzen. Zuletzt hatte man sich 911 dem Westen angeschlossen. Mit zunehmender Konsolidierung König Heinrichs stieg indes dessen Attraktivität, so dass der lothringische duxGiselbert ihn im Streit mit Karl III. um die Besetzung des Bistums Lüttich offenbar als Bündnispartner gewann, was Karl wiederum zum militärischen Vormarsch gegen das Ostreich bei Worms animierte. Heinrich machte aus der bedrohlichen Lage einen Erfolg, indem er von Giselbert abfiel und wiederum mit Karl ein Bündnis schloss. Diese durch den westfränkischen Chronisten Flodoard von Reims überlieferte amicitiavon 921, in der Literatur „Vertrag von Bonn“ genannt, war für den Sachsen ein epochaler Durchbruch. Die Karolinger gestanden damit einem Nicht-Franken offiziell die Herrschaftöstlich des Rheines zu, was das bei Bonn in der Mitte des Flusses verankerte Schiff, auf dem der Bund geschlossen wurde, ebenso demonstrierte wie Flodoards Bezeichnung Heinrichs als rex Francorum orientalium.25 Wenig später hatten sich die Machtverhältnisse weiter zuungunsten Karl III. entwickelt und Heinrich verbündete sich erneut mit Giselbert, der sich nun der Herrschaft Heinrichs unterstellte und dessen Amtsherzog in Lotharingien werden sollte. 923 gelangte zunächst Ost-Lotharingien unter Heinrichs Kontrolle, 925 war ganz „ Lothringen [ … ] in das ostfränkische Reich integriert und dies auf Dauer. Das werdende deutsche Reich hatte zum Westen seine Grenze erhalten, die es mehr oder weniger das ganze Mittelalter behalten sollte. “26 Das Reich hatte dadurch nicht nur neben Sachsen, Franken, Baiern und Alemannien ein weiteres Herzogtum gewonnen, sondern erhielt durch das „Kernland der Karolinger mit den fr änkischen Erinnerungsorten Aachen, Metz und Trier “27 eine enorme Aufwertung.28

d.) Ostpolitik

Anders als die der kulturellen Unterschiede beiderseits des Rheines zum Trotz innerfränkische Westgrenze des Ostreiches war die fränkische Ostgrenze zwischen Christen und Heiden einerseits sowie zwischen germanischen und slawischen Völkern anderseits stets auch Kulturscheide. Statt festen Grenzlinien prägten Grenzsäume und ein Markensystem hier die Szenerie. Zu karolingischen Hochzeiten war es zu offensivem Vorgehen und Kolonisierungen gekommen29 ; unter den ostfränkischen Spätkarolingern häuften sich die Schwierigkeiten. Zum existentiellen Problem des Ostreiches entwickelten sich die Magyaren30, deren Plünderungen und Verwüstungen das Abendland des späten 9. und frühen 10. Jahrhundert zunehmend in Angst und Schrecken versetzen.31

Die Sachsen standen eingedenk ihrer territorialen Lage ohnehin an der vordersten Front, schon beim Kampf gegen slawische Völker32, und auch an eine umfassende Ungarnabwehr war angesichts der Stärke dieser „ flinken und todesmutigen berittenen Bogenschü tzen “33 ohne sie nicht zu denken. Die Gefangennahme eines wichtigen Anführers der Magyaren, die wahrscheinlich 926 stattfand, ermöglichte Heinrich Verhandlungen und letztlich einen neunjährigen Waffenstillstand, den er sich durch Tributzahlungen erkaufte.34 Es folgte der in der Neuzeit legendär gewordene „Burgenbau“35, der vorbereitende, ausnahmslos siegreiche Kampf gegen die kleineren Völker im Osten36 und die „ Gebetsverbrü derung “37 gegen die heidnische Geißel, von welcher es heute heißt, sie „ vereinte die Völker des Reiches, die deräußere Feind bedrohte, und endete mit dem Sieg. “38 Getragen von dem Bündnis aus Adel und Kirche funktionierte Heinrich die gemeinsame Bedrohung zum Integrationsfaktor um, was vor allem auch deshalb gelang, weil der Kampf siegreich bestritten wurde.

und Mähren zugegangen, wo im 9. Jahrhundert das Großmährische Reich führend war. Vgl. zur Vorgeschichte im Osten: Higounet, Charles (1986): Die deutsche Ostsiedlung im Mittelalter. Berlin Die Verweigerung des fälligen Tributes39 führte 933 zum prompten Angriff der Ungarn, die in zwei Gruppen geteilt gegen Sachsen zogen. Während die eine im Bogen von Südwesten her angreifende Hälfte von einer sächsisch-thüringischen Einheit zerschlagen werden konnte, wurde der andere aus Thüringen direkt auf Sachsen vorrückende Teil der Magyaren mit ausgeklügelter Taktik in Riade an der Unstrut40 gestellt und in die Flucht geschlagen. Dieses zweite siegreiche Heer führte Heinrich offenbar persönlich an.41 Auch wenn „ [v]öllig in der Schwebe steht [ … ] aus welchen Völkern des Reiches sich das Heer zusammensetzte, dem der Coup von Riade glückte “42 ist im kollektiven Bewusstsein der Zeitgenossen in Anbetracht der Vorgeschichte durchaus von einem Gefühl des gemeinsamen Sieges auszugehen. „ Der Unbesiegbarkeitsnimbus der Ungarn war gebrochen “43, sie sollten erst unter Heinrichs Nachfolger Otto das Reich wieder heimsuchen und dann endgültig besiegt werden.44

Heinrich, den Widukind unter dem Eindruck des epochalen Befreiungsschlages im Osten durch sein Heer zum „Vater des Vaterlandes“ ausrufen lässt, eilte in den letzten Lebensjahren von Erfolg zu Erfolg. Er konnte gemäß der in der Forschung unter den Begriffen Hausordnung und Individualsukzession45 subsumierten, schon 929 eingeleiteten Maßnahmen seinen ältesten Sohn Otto als Nachfolger durchsetzen und weitere militärische Erfolge, diesmal im Norden gegen die Dänen46 feiern.

III. Die Deutsche Frage

a. ) Das Erbe des Alten Reiches

An dieser Stelle soll nicht der unrealistische Versuch unternommen werden, in einer Seminararbeit 900 Jahre mitteleuropäischer Geschichte zusammen zu fassen. Vielmehr geht es darum, auf einige wichtige Wesensmerkmale und Wegmarken einzugehen. Das ist nötig, um die groben historischen Linien zu erfassen, die den Charakter der deutschen Frage formten.

Laut Widukind47 plante König Heinrich zum Ende seiner Herrschaft einen Romzug, dem sein Tod im Jahre 936 zuvor gekommen sei. Die Frage, ob diese auf die Erlangung der Kaiserwürde abzielte, wird uns vor allem im Hinblick auf die neuzeitliche Kontroverse um die Kaiserpolitik interessieren. Die derzeitige Forschung geht mittlerweile unisono davon aus, dass dies nicht der Fall war.48 Sicher ist: Die Kaiserkrönung blieb Heinrichs Sohn und Nachfolger Otto vorbehalten, der damit im Jahre 962 die Weichen für Jahrhunderte stellte. Denn das dadurch je nach Sichtweise geschaffene oder aber gemäß der translatio imperii49 reaktivierte Romanum Imperiumsollte bis 1806 existieren, wenngleich es sich von selbst versteht, dass ein derart langer Zeitraum politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Veränderungen gravierenden Ausmaßes und in großer Quantität implizierte. Kontinuität hatte ungeachtet dieser Wandlungen die „äußerst diffuse Struktur “50 des Reiches, die der Nachwelt mitunter kompliziert und undurchschaubar erscheint.51 Ein Nationalstaat war das Reich nach Heinrich in mehrfacher Hinsicht nicht. Es umfasste einerseits neben den „deutschen Landen“, dem regnum teutonicorum,stets auch romanische Gebiete, die sein „christlich-römischer“ Charakter geradezu notwendig52 machte, anderseits dehnte sich deutschsprachige Bevölkerung im Zuge der mittelalterlichen Ostsiedlung weitüber die Ostgrenze des Reiches aus. Die aus beidem folgende „ Diskrepanz zwischen Volksnation und historischem Staat in Mitteleuropa “53 wurde ebenso zum Erbe der modernen Deutschen wie der Partikularismus. Die regionalen Strukturen aus Heinrichs Zeiten waren zwar ebenfalls Wandlungen ausgesetzt, überdauerten im Kern aber die Jahrhunderte. Es ist daher eine der Grundaussagen zur deutschen Geschichte, dass, anders als etwa in England und Frankreich, „ in Deutschland der moderne Staat auf einer niedrigeren Ebene “54 entstand. Eine weitere Besonderheit des Reiches, die Königwahl55 statt der klassischen Erbmonarchie, verstärkte die Macht der Partikulargewalten. Die Monarchie des Hochmittelalters stand in doppelter Rivalität zu den Reichsfürsten und zur römischen Kurie, beides verknüpft durch die mächtigen rheinischen Erzbischöfe. Der Dualismus von regnumund sacerdotiumwar durch die Konstruktion des Reiches geradezu vorgegeben. Er eskalierte zwischen der Dynastie der Hohenstaufen (Staufer), die das Reich, um es der Kurie ebenbürtig zu machen, zum Sacrum Imperium[Heiligen Reich] erklärten56, und zeitgenössischen Päpsten.57 Mit dem Machtverfall der staufischen Dynastie ging daher der Machtverlust des Reiches einher. Kaiser und Reich nach dem 13. Jahrhundert werden daher für gewöhnlich unter dem Stichwort des Machtvakuums diskutiert.58

[...]


1 Zit. n. dem elektronischen „Volkliederarchiv“ von Herrn Michael Zachcial, Langemarckstrasse 319, 28199 Bremen, http://www.volksliederarchiv.de/text2685.html, letzter Aufruf 28.04.2010. Zachcial zitiert hier aus: Bohl, Josef (1910): Schulgesangbuch für höhere Lehranstalten, Trier.

2 Vgl. ausführlich: Nordalm, Jens (Hrsg., 2006): Historismus im 19. Jahrhundert. Geschichtsschreibung von Niebuhr bis Meinecke, Stuttgart.

3 Vgl. hierzu meine Ausführungen in der Arbeit: Barth, Arno (2009): „Der Einfluss der <deutschen Sprache> auf die Teilung des Frankenreiches“, München/Ravensburg (GRIN-Verlag), S.4 ff.

4 Sukzessive gelangten regionale Führer (Duces) zur Herrschaft über ganze zeitgenössische Gentes, welche lange Zeit mit Stämme ( Stammesherzogtümer) übersetzt wurden. Heute geht man für die karolingische Zeit eher von Völkern aus. Wer es zum Anführer eines dieser Völker schaffte, war aus dem Machtgefüge des Reiches nicht mehr zu verdrängen. Insbesondere in Sachsen, Alemannien und Baiern entwickelten bzw. restaurierten sich solche Gewalten, auch in Franken kam es zu ähnlichen Entwicklungen. Vgl. zur Ethnogenese der Völker: Fried, Johannes (1994): Der Weg in die Geschichte. Die Ursprünge Deutschlands bis 1024, Frankfurt am Main und Berlin, S.73-80 sowie zu den „Neueren Stammesherzogtümern“ S.452 ff.

5 Jenes besagte, dass der Besitz unter allen legitimen Söhnen aufgeteilt wurde, was in der Regel Reichsteilungen zur Folge hatte. Mitunter wurden auch zu Lebzeiten Söhne als Mitregenten für ein Teilreich eingesetzt.

6 Im späten 9. Jahrhundert wird, etwa von Eduard Hlawitschka, unter der körperlichen und persönlichen Schwäche mancher Regenten der Beginn einer gedanklichen Abstrahierung des Reiches angesetzt. Der „Staat“ galt zunehmend als eigene ideelle Größe, die nicht mehr mit den Karolingern oder einer sonstigen Herrscherfamilie gleichgesetzt wurde. Vgl. Hlawitschka, Eduard (1986): Vom Frankenreich zur Formierung der europäischen Staaten- und Völkergemeinschaft. Ein Studienbuch zur Zeit der späten Karolinger, der Ottonen und der frühen Salier in der Geschichte Mitteleuropas, Darmstadt, S.92/93 sowie S.97.

7 Ende des 9. Jahrhunderts war das aus dem Ural stammende Reiternomadenvolk der Magyarenaus Asien in das Karpatenbecken vorgerückt und fiel von dort immer wieder in das Frankenreich ein.

8 Siehe unten, S. 9 ff.

9 Als direkte Quellen von Heinricus rexstehen nur 41 Urkunden (so genannten Diplome) zwischen 920 und 936 zur Verfügung, was mit im Schnitt etwa 2 ½ Dokumenten pro Jahr ungewöhnlich wenig ist. Die überlieferten königlichen Gerichtsurteile enden unter Heinrichs Vorgänger Konrad und beginnen scheinbar erst unter seinem Nachfolger Otto wieder, von Heinrich sind keine überliefert. Neben der Möglichkeit der Interpretationen aus Synodalprotokollen stehen der Forschung hauptsächlich die erst einige Jahrzehnte später verfassten Aufzeichnungen von Chronisten zur Verfügung, deren bekannteste Protagonisten Widukind von Corvey und Liudprand von Cremona sind. Beide standen in enger Beziehung zum sächsischen Königshaus, weswegen ihren Beschreibungen der Regentschaft Heinrichs eine Tendenz zu parteiischer Darstellung attestiert wird. Zudem waren sie auf orale Überlieferung angewiesen, die ihrerseits Verfälschungen Vorschub leisten kann. Desweiteren sind aus den Darstellungen des westfränkischen Chronisten Flodoard von Reims Erkenntnisse gezogen worden, insbesondere über die Westpolitik Heinrichs. Vgl. zur „Quellenproblematik“ Giese, Wolfgang (2008): Heinrich I. Begründer der ottonischen Herrschaft, Darmstadt S.11 ff. sowie Fried 1994, S.462 f.

10 Widukind berichtet von einem Dialog Konrads mit seinem Bruder Eberhard auf dem Sterbebett: „ Sunt nobis, frater, copia exercitus congregandi atque ducendi, sunt urbes et arma cum regalibus insigniis et omne quod decus regium desposcit preter fortunam atque mores. Fortuna, frater, cum nobilissimis moribus Heinrico cedit, rerum publicarumsecus Saxones summa est.“ [Wir können, Bruder, Truppen und Heere aufbieten und anführen, wir haben Burgen und Waffen nebst den königlichen Insignien und alles, was die königliche Würde erheischt; nur kein Glück und keine Eignung. Das Glück, mein Bruder, samt der herrlichsten Befähigung ist Heinrich zuteil geworden, die Entscheidung über das Gemeinwesen liegt in der Sachsen Hand.] Anschließend habe Konrad seinen Bruder aufgefordert, Heinrich die Königsinsignien auszuliefern und Frieden mit ihm zu schließen. Von einer Desiggnation berichtet auch Liudprand. Vgl. Buchner/Schmale (Hrsg., 1977): Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Freiherr vom Stein Gedächtnisausgabe, Band VIII: Quellen zur Geschichte der sächsischen Kaiserzeit, darin: Widukindi res gestae Saxonicae I [Widukinds Sachsengeschichte, Band I], Abschnitt 25, S.56/57 sowie Liudprandi antapodosis II, Abschnitt 20, S.315. Quellenangabe im Folgenden: Autor, Band, Abschnitt, Seitenzahl im Buchner/Schmale - Quellenband.

11 Fried 1994, S.460, der weiter (S.462) dazu ausführt: „ Der sterbende König könnte seinen Verwandten Heinrichs Wahl empfohlen haben, gewißoder sehr wahrscheinlich ist es nicht, und es verpflichtete, wäre es geschehen, weder diese noch dasü brige Volk. “

12 Fried 1994, S.462.

13 Die Änderung der Schreibweise in „Bayern“ geht auf das 19. Jahrhundert zurück. In dieser Arbeit wird daher für den Zeitraum des Mittelalters die alte Schreibweise verwendet, für den modernen Zeitraum die neue.

14 Mitunter wird auch für diesen frühen Zeitraum schon die hieraus resultierende Bezeichnung Lothringen verwendet. Zur besseren Unterscheidung von der modernen Region bleiben wir hier bei der alten Bezeichnung.

15 Althoff, Gerd (2005): Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat, Stuttgart u.a., S.52.

16 Ebd.

17 Zur Königswahl: Widukind I, 26 (S.58/59), zu anderen Anlässen Widukind I, 16 (S.44/45), Widukind II, 1 (S.84/85) sowie Widukind III, 63 (S.166/167). Auch die Prümer Analen sowie Diplome von Heinrichs Nachfolger Otto I. weisen derartige Formulierungen auf. Vgl. auch Giese 2008, S.133 ff.

18 Liudprand berichtet von „ Bayern und Ostfranken “, die im Frühjahr 919 auf den Baiernherzog Arnulf eingeredet hätten „ ihr König zu werden “In den Salzburger Annalen gibt es einen Eintrag des Jahres 920, in dem Arnulf, sonst ausschließlich als duxbezeichnet, Herrscher des regnum Teutonicorumgenannt wird, wobei mittlerweile Konsens ist, Teutonicorumals nachträglich (es ist nur eine Handschrift des 12. Jahrhunderts überliefert) verfälschte Bezeichnung anzusehen. Zit. n. Giese 2008, S.73 (vgl. auch Gieses Ausführungen dazu im Folgenden).

19 Heinrichs Königurkunden, deren erste von April 920 stammt, datieren seine Herrschaftsbeginn auf Mai 919. Erst ab 922 urkundete Heinrich mit königlichem Siegel. Vgl. Scheidmüller, Bernd: Heinrich I. (919-936), in: Scheidmüller/Weinfurter (Hrsg., 2003): Die deutschen Herrscher des Mittelalters. Historische Portraits von Heinrich I. bis Maximilian I. (919-1519), München, sowie Fried 1994, S.462.

20 Vgl. Widukind I, 26 (S.58/59).

21 Siehe unten, S. 37.

22 Vgl. etwa Giese 2008, S.63 ff.

23 Vgl. Widukind I, 27 (S.58/59) sowie Giese 2008, S.70-81.

24 Giese 2008, S.81.

25 Vgl. Hlawitschka 1986, S.106 f.

26 Giese 2008, S.88.

27 Scheidmüller 2003, S.24.

28 Johannes Fried verweist in diesem Zusammenhang auf „ Reste römischer Stadtkultur “,auf „ ihre Bedeutung fürKönigtum, Adel und Kirche, für Herrschaft, Wirtschaft und geistiges Leben“ sowie die „ <Entwicklungshilfe>, die Lotharingien für den kulturellen Fortschritt Sachsens und des gesamten luidolfingischen Reiches leistete “(Fried 1994, S.468/469). Eingedenk des Charakters dieser Region als Übergang zwischen romanischem Westen und germanischem Osten kann Lotharingen zudem als Vorraussetzung für die weitere Reichsgeschichte als „Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation“ gelten, wie Scheidmüller betont: „ So gehörte dem Westen schließlich Name wie Geschichte der Franken/Franzosen und dem Osten die römische Welt. “(Scheidmüller 2003, S.24). Wolfgang Giese weist zudem darauf hin, dass Heinrich sich mit diesem Erwerb auch territorial in karolingische Tradition stellte: „ Es war mithin die Dimension des alten ostfränkischen Reiches, die Tradition eines Arnulfs von Kärnten und Ludwig des Kindes, nicht die Konrads I., in die Heinrich den Umfang seines eigenen Reiches stellen wollte. “(Giese 2008, S.82).

29 Insbesondere im Südosten mit der Ostmark und Mark Kärnten, während im Nordosten zunächst die Sachsen selbst noch Objekt der Unterwerfung und Christianisierung waren, Wechselhaft war es in den Regionen Böhmen

30 Vgl. Anm. 7.

31 Vgl. Faber, Gustav (1983): Der Traum vom Reich im Süden. Die Ottonen und Salier, München, S.51.

32 Zwischen Elbe und Oder siedelten seit der Völkerwanderung kleinere slawische Völker, die sich in einer Art latentem Kleinkrieg mit den Sachsen befanden, so etwa die Abodriten, Wilzen, Hellever oder Daleminziger.

33 Faber 1983, S.51.

34 Heinrich hat wahrscheinlich für Sachsen, Thüringen und Franken diesen Frieden ausgehandelt, eventuell auch schon 924, während Arnulf gemäß seiner außenpolitischen Sonderrechte einen bairischen Separatfrieden abschloss, der erst 926 begonnen haben kann, da es zuvor noch zu ungarischen Einfällen nach Baiern gekommen war. Vgl. Giese 2008, S.95.

35 „ Et primum quidem ex agrariis militibus nonum quemque eligiens in urbibus habitare fecit, ut ceteris confamiliaribus sius octo habitacula extrueret, frugum omniam tertiam partem exciperet servaretque, caeteri vero octo seminarent et meterent frugesque colligerent nono et suis eas locis reconderent. Concilia et omnes conventus atque convivia in urbibus voluit celebrari, in quibus extruendis die noctuque operam dabant, quantinus in pace discerent, quid contra hostes in necessitate facere debuissemt.[Zuerst wählte er unter den „ agrariis militibus “jeden neunten Mann aus und ließ ihn in den Burgen wohnen, damit er hier für seine acht Genossen Wohnungen errichte und von allen Früchten den dritten Teil empfange und verwahre. Die achtübrigen sollten säen und ernten und die Früchte sammeln für den Neunten und dieselben an ihrem Platze aufheben. Er gebot, dass die Gerichtstage und alle Märkte und Gastmähler in den Burgen abgehalten würden, mit deren Bau man sich Tag und Nacht beschäftigte, damit man im Frieden lerne, was man im Fall der Not gegen die Feinde zu tun hätte.] Widukind I, 35, S.68/69. In Wirklichkeit scheint es eher um die Restauration und Befestigung bestehender Burgen gegangen zu sein. Viel interpretiert sind vor allem die in der Regel „bäuerliche Krieger“ übersetzten agrariis militibus. Vgl. Giese 2008, S.102 ff.

36 Aufsehen erregt(e) dabei nach Sieg und Tributverpflichtung von Hevellern, Daleminziern usw. insbesondere der bis nach Prag führende Feldzug gegen Böhmen, nach dem sich P emysliden-Fürst Wenzel König Heinrich unterwerfen musste ( Beginn der „deutschen“ Geschichte in Böhmen und Mähren).

37 Fried 1994, S.472.

38 Fried 1994, S.472.

39 Widukinds programmatische Ansprache, die er Heinrich zu jenem Anlass in den Mund legt, lautet: „ Quod superest, necesse habemus, ut contra communes hostes Avares pariter consurgamus. Vos hucusque, filios, filiasque vestras expoliavi et aerarium eorum replevi ; nunc templa templorumque ministros ut expoliem cogor, abssque nudis corporibus nulla nobis alia remanente pecunia. Consulite igitur vobis ipsis, et quid super hac re nobis sit faciendum, eligite. Thesaurum divinis officiis sanctificatum tollamne et dabo pro nostra redemptione Dei inimicis ? an certe addam cultui divino pecunia honorem, ut ab ipso potius redimamur, qui vere noster extat creator pariter et redemptor? “[ Was wir jetzt noch tun mü ssen, ist uns gegen unsere gemeinsame Feinde, die Awaren [so bezeichnet Widukind irrt ümlich die Magyaren, AB] vereint zu erheben. Bisher habe ich, um ihre Schatzkammer zu füllen, euch, eure Söhne und Töchter ausgeplündert, nunmehr müsste ich die Kirchen und Kirchendiener plü ndern, da uns kein Geld mehr, nur das nackte Leben geblieben ist. Geht daher mit Euch zurate und entscheidet Euch, was wir in dieser Angelegenheit tun sollen. Soll ich den Schatz, der dem Dienst Gottes geweiht ist, nehmen und als Lösegeld für uns den Feinden Gottes geben? Oder soll ich nicht eher mit dem Gelde die Würde des Gottesdienstes erhöhen, damit uns vielmehr Gott erlöst, der wahrhaft sowohl unser Schöpfer als Erlöser ist?] Derart an der Ehre gepackt hätten die Anwesenden nur für die zweite Option, den heldenhaften Kampf, votieren können. (Widukind I, 38. , S.74/75).

40 Vgl. Scheidmüller 2003, S.31.

41 Vgl. Widukind I, 38, (S.76/77), auch: Liudprand II, 26-31 (S.320-325)

42 Giese 2008, S.118 f.

43 Giese 2008, S.119.

44 Dazu und insgesamtüber das auf Heinrich folgende Regiment Otto des Großen, vgl. Scheidmüller, Bernd: Otto I. der Große (936-973) in: Scheidmüller/Weinfurter (Hrsg., 2003): Die deutschen Herrscher des Mittelalters. Historische Portraits von Heinrich I. bis Maximilian I. (919-1519), München,

45 Vgl. etwa Hlawitschka 1986, S.110.

46 Althoff 2005, S. 64.

47 Vgl. Widukind I, 40.

48 So Wolfgang Giese, der einen solchen Plan „ im Aktionsrahmen Heinrichs [ … ] wie ein Fremdkörper oder wie eine Kehrtwendung um 180 Grad “(Giese 2008, S.166) einstuft und ebd. auf die Zweifel „ von ausgewiesenen Kennern der Ottonenzeit “hinweist. Als „ausgewiesene Kenner“ nennt er mit entsprechenden Belegen unter anderem Gerd Althoff, Johannes Fried, Carlrichard Brühl und Bernd Scheidmüller (Vgl. Giese 2008, S.166, Anm.31).

49 Hierbei handelt es sich um eine Lehre der christlichen Heilsgeschichte, die von mittelalterlichen Autoren wie etwa Bischof Otto von Freising (12. Jahrhundert) vertreten wurde. Ihr lag die Theorie der vier Reiche, in der die Menschheitsgeschichte unterteilt wurde, zugrunde. Nach dem Ende des vierten Reiches (als welches das Römische Reich nach Babylon, Persien und Macedonien galt) wurde der Antichrist und mit ihm der Weltuntergang erwartet. Nun versuchten die „ mittelalterlichen Reichsphysiker das Weltende durch Aufrechterhaltung des Imperiums herauszuzögern “(Heinz Gollwitzer, zit. n. Bohnenberger, Maria L. (Hrsg., o.J.): Der große Weg 1804-1914. Europa zwischen Tradition und Neuordnung, Bad Reichenhall, S.19), weswegen man das Römische Reich in eine Kontinuitätstheorie einbettete. Es sei, so Otto von Freising, vom Oströmischen Reich an Karl den Großen und die Franken übertragen worden, mit der Kaiserkrönung Ottos sei es dann „ ad Teutonicos retranslatum est “(„an die Deutschen zurück übertragen worden“, zit. nach Winkler, Heinrich August (2000): Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte 1806-1933. München, S.6).

50 Geiss, Imanuel (1992): Die deutsche Frage 1806-1990, Mannheim, S.20.

51 Kontinuität hatte zudem der „Reichsmythos“, der mit dieser Eigentümlichkeit und auch mit der translatio imperii zusammenhing, wenngleich er die Deutschen bis ins 20. Jahrhundert begleiten und somit den heilsgeschichtlichen Glauben bei Weitem überleben sollte.

52 „ Das römisch-deutsche Reich konnte den nationalen Weg nicht beschreiten, ohne seinen eigenen universalen Anspruch zu gef ährden [ … ] “(Winkler 2000, S.10).

53 Nipperdey, Thomas (1994): Deutsche Geschichte 1800-1860, München, S.310.

54 Winkler 2000, S.5. Der Aufbau staatlicher Strukturen begann etwa im 12. Jahrhundert und wurde von den Territorialherren bestimmt, weil diese vielfach staatlichte Aufgaben wie Rechtspflege oder Landfriedenswahrung übernahmen. Ursachen hierfür waren der eigenmächtige Ausbau von Landbesitz und die Gründung von Städten, ein seit den Anfängen des Reiches hoher Adelsanteil bei der Wahrnehmungöffentlicher Aufgaben sowie die Tatsache, dass dem Königshaus eigene Organe zur Wahrnehmung von Hoheitsrechten vielfach fehlten.

55 Im Alten Reichwurde zunächst ein recht unorganisiertes Königserhebungswesen praktiziert, aus dem sich sukzessive eine Gruppe von sieben Kurfürsten entwickelte, die zunächst de factound seit der Goldenen Bulle von 1356 auch de juredas Privileg zur Wahl des Deutschen Königs hatten. Die ursprünglichen Kurfürsten waren die drei Erzbischöfe von Köln, Mainz und Trier, der Pfalzgraf vom Rhein (später der König von Baiern), der Herzog von Sachsen, der Markgraf von Brandenburg sowie der König von Böhmen.

56 Vgl. Winkler 2000, S.8.

57 Höhepunkte dieser Auseinandersetzung bildeten der sogenannte Investiturstreitund die mit der Rivalität von Staufern und Welfen verknüpfte Doppelwahl von 1198, in der der katholische Klerus sich zur entscheidenden Instanz einer Königswahl aufschwingen konnte.

58 Vgl. Geiss 1992, S.21 ff.

Details

Seiten
45
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640684083
ISBN (Buch)
9783640684342
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155647
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Historisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Heinrich König Deutsche Frage Rezeptionsverhältnis Königgrätz

Autor

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Titel: Von Heinrich lernen heißt siegen lernen?