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Welches Potential hat der Lissabon-Vertrag zur Ausformung einer kollektiven Identität der Europäischen Union?

Seminararbeit 2009 15 Seiten

Politik - Internationale Politik - Thema: Europäische Union

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Konstruktivistische Grundannahmen

3. Der Versuch der Forcierung 7 einer kollektiven Identität

4. Das Scheitern der Verfassung und 8 das Potential des Lissabon-Vertrags

5. Schlussbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Europa war in den letzten fünf Jahrzehnten einem dramatischen Wandel ausgesetzt. Ein Kontinent verwüstet von Krieg, gespalten durch nationale Feindschaften, ohne feste psychologische Basis, hat sich zu einer friedlichen, prosperierenden Gemeinschaft entwickelt, in der viele Nationalstaaten eine neue Form der internationalen Beziehungen eingegangen sind. Dieser dramatische Wechsel drückte sich auch in der wissenschaftlichen Forschung zur Europäischen Integration aus, die letztere, je nach dem welcher Ansatz in der wissenschaftlichen Diskussion populär war, in einer bestimmten Art und Weise interpretierte. So war die vorherrschende Theorie der 1960er Jahre die des Neofunktionalismus von Haas (vgl. Hass, 1958), die von einer funktionalen Dynamik der Integration ausging, wodurch die politischen Eliten gezwungen werden zusammenzuarbeiten, um die steigenden politischen Kosten zu senken. Dagegen blieb Deutsch (vgl. Deutsch, 1969) eher vorsichtig gegenüber der Vorstellung, dass sich die Loyalität der Massen von der nationalen Ebene auf die supranationale Ebene verlagern könnte und war eher skeptisch gegenüber der Frage nach einer europäischen Identität. Heutige populäre Ansätze sind vor allem das Konzept des Multi-Level- Governance, der historische Institutionalismus und konstruktivistische Ansätze. Das Konzept des Multi-Level-Governance zeichnet sich durch eine Komplexität aus, mit der es die institutionellen Strukturen Europas analysieren kann (vgl. Kohler-Koch, 2003). Der historische Institutionalismus bringt die zeitliche Dimension bei der Erforschung Europas mit ein, jedoch beschränkt er sich dabei auf die rationalistische Betrachtungsweise von Kosten und Nutzen (vgl. Pierson 1994). Genau aber diese rationale Ontologie beschränkt viele bestehende Ansätze in ihrem Erklärungsgehalt in Bezug auf den Wandel der europäischen Identität (vgl. Risse 2005: 161).

Rationalistische Ansätze können den Wandel von Interessen zwar konzeptionell in ihre Modellbildungen aufnehmen, doch Vertreter von konstruktivistischen Ansätzen nehmen für sich in Anspruch, die Herausbildung und den Wandel von Identitäten im Rahmen ihrer ontologischen Prämissen erklären zu können, indem diejenigen kausalen Mechanismen identifiziert werden, die eine Veränderung der Identitäten herbeiführen (vgl. Ulbert, 2005: 18). Kausale Mechanismen für die Herausbildung einer europäischen Identität sind gemeinsam geteilte Normen. Bei Spannung zwischen Normen kann es zu Identitätskonflikten kommen, bei verfestigten gemeinsamen Normen kann es zur kollektiven Identität kommen (ebd.: 18-19).

Hier liegt genau der Forschungsschwerpunkt der konstruktivistischen Ansätze: „Die Herausbildung und der Wandel kollektiver Identitäten sind zentrale Themen in der konstruktivistischen Forschung“ (Ulbert, 2006: 423). Dabei konzentrieren sich die Ansätze auf folgende Perspektiven und Gesichtspunkte. Erstens, auf die Analyse der Rolle nicht materieller Faktoren wie Ideen, Weltbilder und Normen im Politikprozess, wobei die Entstehung, die Durchsetzung und die Wirkung sowie der Wandel dieser Faktoren im Fokus des Interesses steht. Zweitens, auf die intersubjektive Konstruktion gemeinsam geteilter Wirklichkeitskonstruktionen, wobei besonders Identitäten und Diskurse betrachtet werden. Dabei gibt es zwei Herangehensweisen: entweder über die Zuweisung intersubjektiver Bedeutungsgehalte durch Akteure (akteurszentriert), wie zum Beispiel sogenannte ‚epistemic communities‘, oder über die Strukturen wie beispielsweise Regeln, Normen, Institutionen und „Kultur“ (strukturalistisch) (vgl. Ulbert, 2005: 11). Diese Trennung hat aber keine ontologische sondern eine rein analytische Bedeutung (vgl. Checkel, 1999: 552). Ein dritter Aspekt, der der Dekonstruktion bestehender Konzepte und Wissensstrukturen, soll in dieser Arbeit unberücksichtigt bleiben (vgl. Ulbert, 2005: 11).

Diese Arbeit wird mit Hilfe der zweitgenannten Perspektive versuchen die Frage zu beantworten: Welches Potential hat der Lissabon-Vertrag, die Ausformung der kollektive Identität der Europäischen Union (im Folgenden: EU) mitzugestalten. Kern der Frage ist, inwieweit der Lissabon-Vertrag als strukturgebendes Element der EU die kollektive Identität der EU befördern kann. Der Lissabon-Vertrag soll dabei als eine Wegmarke eines Prozesses verstanden werden, die eine bestimmte Vorgeschichte hat und mögliche Entwicklungsperspektiven eröffnet. Identität muss immer in Kontext von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesehen werden, um das Wesen der Identität zu verstehen. Die EU ist durch eine gemeinsame Geschichte verknüpft, an die sich die Menschen zurückerinnern und aus der sich eine bestimmte gemeinsame Kultur ergibt. Die Identität der Europäischen Union wird in der Gegenwart ständig reproduziert, in dem ihre Akteure laufend ihre soziale Umwelt konstruieren und durch die Konstituierung von sozialen und politischen Ortsbestimmungen ein gewisses Maß an kollektiver Identität gestiftet wird. Zum anderen prägen Zukunftserwartungen die Identität der EU, da Absichten und Ziele zur Entscheidungshilfe und zum Auswahlkriterium für die Gegenwart werden. (vgl. Weidenfeld, 2008: 17-18) Bei der nachstehenden Analyse muss somit beachtet werden, dass der Vertrag von Lissabon ein Bündel von Normen ist, die versuchen, die Zukunft in einer gewissen Art und Weise festzuschreiben beziehungsweise Möglichkeiten einer Verwirklichung bestimmter Ziele aufzuzeigen (vgl. Brodocz, 2005: 192).

Der folgende zweite Teil dieser Arbeit wird kurz die konstruktivistischen Grundannahmen darlegen und dabei den thematischen Schwerpunkt auf das Konstrukt ‚Identität‘ und insbesondere die kollektive Identität der EU legen. In einem dritten Teil wird kurz der Prozess hin zum Scheitern der europäischen Verfassung beleuchtet, um dann analysieren zu können, was die Bedingungen sind, unter denen ein strukturgebendes Element wie ein Vertrag oder eine Verfassung eine kollektive Identität befördern kann und damit sogleich in einem vierten Abschnitt die Chancen der Intensivierung einer kollektiven Identität durch den Lissabon- Vertrags zu bewerten. In einem Fazit sollen die neu dazu gewonnen Erkenntnisse zusammengefasst und weitere Forschungsmöglichkeiten aufgezeigt werden.

2. Konstruktivistische Grundannahmen

Den Ausgangspunkt aller sozialkonstruktivistischen Ansätze bildet die Annahme, dass das Wirken von Akteuren und Strukturen in den Internationalen Beziehungen nicht unabhängig von sozial vermittelten Ideen, i.e. Normen, Werten, Identitäten etc., verstanden werden kann (vgl. Jachtenfuchs, 1995). Weltpolitik erschließt sich dem Beobachter also nicht unmittelbar, sondern sie wird „sozial-konstruiert“, indem kulturell geteilte Vorstellungen (Sprache, historische Erfahrungen, Freund-Feind-Bestimmung etc.) auf sie angewendet werden. Diese sozialen Konstruktionen entfalten konstitutive und regulative Wirkung auf das Verhalten der Akteure in der Weltpolitik. Sie verändern oder bestätigen (reinfizieren) die bestehende Struktur der internationalen Gesellschaft und wirken so auch auf die Akteure und ihre geteilten Vorstellungen zurück Mit der Annahme der sozialen Konstruktion der Weltpolitik ist die Behauptung verbunden, dass Akteure und Strukturen sich gegenseitig konstituieren (vgl. Adler 1997: 324f.). Daher könne Akteursverhalten nicht auf strukturelle Zwänge (Strukturalismus) und Strukturen nicht auf Akteursverhalten (Individualismus) reduziert werden, sondern vielmehr müssten beide Phänomene als ko-determiniert betrachtet werden.

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Details

Seiten
15
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640686629
ISBN (Buch)
9783640686582
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155612
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Europäische Union Vertrag von Lissabon Konstruktivismus kollektive Identität

Autor

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Titel: Welches Potential hat der Lissabon-Vertrag zur Ausformung einer kollektiven Identität der Europäischen Union?