Lade Inhalt...

âventiure? waz ist daz?

Die Bedeutungsentwicklung des Begriffes "âventiure" vom Lateinischen über das Altfranzösische bis zum Mittelhochdeutschen

Hausarbeit 2008 20 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Das lateinische adventura

2. Das altfranzösische aventure
2.1 Die Herleitung der Bedeutungen ausgehend vom lateinischen adventura
2.1.1 aventure als Begebenheit, Ereignis
2.1.2 aventure als Zufall
2.1.3 aventure als Los, Schicksal
2.2 Die Verwendung von aventure bei Chrétien de Troyes
2.2.1 Die Verritterlichung des Begriffs: aventure als ritterliche Bewährungsprobe
2.2.2 aventure noch nicht als Erzählung

3. Das mittelhochdeutsche âventiure
3.1 Die Entlehnung des Begriffs aus dem Französischen: âventiure als Geschehen
3.2 âventiure als Erzählung
3.2.1 âventiure als Quelle, Vorlage
3.2.2 âventiure als eigene Erzählung
3.2.3 âventiure als Erzählabschnitt

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einführung

âventiure? waz ist daz?[1] So lautet die Frage, die der wilde Mann dem Ritter Kalogrenant in Hartmanns von Aue Artusroman Iwein stellt. Die vorliegende Arbeit tut es dem wilden Mann insofern gleich, dass auch sie nach der Bedeutung von âventiure fragt, allerdings wird sie sich im Gegensatz zum Iwein nicht nur um eine Definition des Begriffs auf synchroner Ebene bemühen, sondern die Diachronie des Begriffes einer genauen Analyse unterziehen. Da sich die Bedeutungsentwicklung eines Ausdruckes immer nur aus den einzelnen Stationen seiner Bedeutung nachvollziehen lässt, wird natürlich auch eine Untersuchung des Bedeutungsspektrums von âventiure im Mittelhochdeutschen unternommen werden. Man könnte Kalogrenants Frage für die vorliegende Arbeit, die das Thema in semasiologischer Verfahrensweise[2] bearbeiten wird, folgendermaßen präzisieren: âventiure? Was ist das geworden bzw. wie und über welche Stationen ist das geworden, was es im Mittelhochdeutschen ist?

Diese Fragestellung verlangt es zunächst zum Ursprung des Begriffes âventiure zurückzukehren, so dass der erste Teil der Analyse das lateinische adventura in den Fokus des Interesses rücken wird (1.). Dabei wird zu klären sein, von welchem Wort adventura abstammt, um was für eine Form es sich dabei handelt und welche Bedeutung sich daraus ergibt. Im Folgenden wendet sich die Untersuchung dem Nachfolger des lateinischen adventura, dem altfranzösischen aventure zu (2.). In diesem zweiten Teil der Analyse wird zunächst die Bedeutungen des Begriffes aventure aus seinem lateinischen Vorgänger hergeleitet (2.1), bevor dann die Verwendung des Begriffs bei Chrétien de Troyes einer näheren Untersuchung unterzogen wird (2.2). Dabei wird zu zeigen sein, wie Chrétien zum einen die Bedeutung des Begriffes für seine Zwecke nutzbar macht (2.2.1) und zum anderen, welche Bedeutungsvariante er mit aventure noch nicht ausdrückt (2.2.2). Im dritten Teil der Analyse wird anschließend auf den mittelhochdeutschen Begriff der âventiure einzugehen sein (3.), der anhand von Werken der hochhöfischen Dichtung (um 1200) erschlossen wird. Dabei wird zum einen dargelegt, welche Bedeutungen der Begriff als französisches Lehnwort ins Mittelhochdeutsche transportierte (3.1), und zum anderen gezeigt, welche andere Hauptbedeutung zum Begriff der âventiure hinzutrat und wie sich diese weiter differenzierte (3.2). In einer Schlussbetrachtung werden die Ergebnisse schließlich zusammengefasst, indem die Bedeutungsentwicklung von âventiure noch einmal resümierend nachgezeichnet wird.

1. Das lateinische adventura

Die Wurzeln des Begriffes der âventiure liegen, wie u.a. Kluge[3] und Grimm[4] feststellen, im Lateinischen adventura. Das Wort adventura stellt eine Form des Verbs advenire dar, welches sich aus der Präposition ad (dt .: zu, zu… hin, an, bei, nahe bei) und dem Stammverb venire (dt.: kommen) zusammensetzt. Wie diese Komposition bereits nahe legt, bedeutet advenire[5] eigentlich herzukommen, hinkommen, ankommen, und zwar sowohl von Menschen als auch von Dingen. Die Tatsache, dass auch Lebloses ankommen kann, leitet zur übertragenen Bedeutung jdm. zufallen über. Dabei wird impliziert, dass dasjenige, was jdm. zufällt, von außen kommt, ein Merkmal von advenire, das im Adjektiv adventicus[6] (dt.: von außen kommend) explizit wird.

Beim Wort adventura selbst handelt es sich um eine flektierte Verbform von advenire, und zwar um das Partizip Futur (Aktiv), das Partizip ІІІ, eine Verbform, die im Deutschen nicht existiert. Dieses Partizip Futur liegt im Nominativ Plural Neutrum vor und stellt eine substantivierte Verbform dar. Aufgrund dieser formalen Bestimmung kann man die Bedeutung von adventura ungefähr als das, was ankommen wird bzw. das, was jdn. zufallen wird bestimmen. Der Inhalt wird vielleicht in der Form das, was geschehen wird noch deutlicher.

Im Folgenden werde ich zeigen, wie sich aus dieser lateinischen Grundbedeutung von adventura das Bedeutungsspektrum des altfranzösischen aventure herausgebildet hat.

2. Das altfranzösische aventure

2.1 Die Herleitung der Bedeutungen ausgehend vom lateinischen adventura

2.1.1 aventure als Begebenheit, Ereignis

Im Altfranzösischen erfährt aventure als Nachfolger des lateinischen adventura eine Bedeutungserweiterung. In dieser Entwicklungsstufe reichen die Bedeutungen von aventure[7] zunächst von Begebenheit bzw. Ereignis über Zufall bis hin zu Los bzw. Schicksal.

Im Folgenden werde ich zunächst die Herleitung der Bedeutung Begebenheit, Ereignis aus dem lateinischen adventura darlegen, bevor ich anschließend die Entstehung der Bedeutungen Zufall und Los bzw. Schicksal erläutern werde. Dabei werde ich den Ausführungen von Lebsanft[8] folgen, aus dessen Untersuchung auch die Textbeispiele (wenn nicht anders angegeben) entnommen sind.

Wie in 1. dargestellt hat adventura die Bedeutung das, was jdn. zufällt. Mit diesem das sind Dinge, genauer gesagt Geschehnisse gemeint, so dass sich für aventure die Bedeutung Begebenheit, Ereignis entwickelt, die bereits direkt in adventura angelegt war:

El chief de cest comencement,

Sulunc la lettre e l’escriture,

Vos mosterai une aventure

Ki en Bretaigne la Menur

Avint al tens ancïenur

(MarieGuigR 24)

Da es sich um ein Geschehnis handelt, das berichtenswert ist, wird dieses Ereignis in den Bereich des Außergewöhnlichen gerückt, wodurch der Semantik von aventure das Merkmal des Wunderbaren hinzugefügt wird. Da das Geschehnis mit dem Berichten von ihm zusammenhängt, gerät das Ereignis in die Nähe zur Erzählung, eine Verwandtschaft, die im Mittelhochdeutschen bei der Herausbildung einer anderen Hauptbedeutung eine Rolle spielen wird (s. 3.2), eine Verwandtschaft, die sich zudem bereits im Altfranzösischen in der Verbindung mit Verben des Hörens und Sagens zeigt (siehe unterstrichene Begriffe):

L’ aventure li veut cunter

De l’enfant cum il le trovat

(MarieFraisneR 214)

« Mes onques de tele aventure

Nus d’iax n’avoit oï parler. »

Li oeil en pristrent a larmer

(GuillDoleL 4950)

2.1.2 aventure als Zufall

Das Substantiv aventure geht im Altfranzösischen typischerweise Kollokationen mit dem Verb avenir[9] ein, das ähnlich wie das lateinische advenire die Bedeutungen herankommen, eintreffen, geschehen, jdm. widerfahren trägt. In dem Satzschema une aventure avenir a ac. kann aventure zum einen wiederum ein Ereignis bezeichnen:

les aventures avienent ensi con dieu plaist[10]

Zum anderen verweist aventure in dem genannten Schema aber auch auf den Verursacher des Geschehens. Die aventure wird hier zum führenden Prinzip, das die Geschehnisse bestimmt und der der Mensch in passiver Form ausgeliefert ist. Auf diese Weise erklärt sich die zweite Bedeutung von aventure, nämlich die des Zufalls:

Mout chevauchoient a grant paine

Quant aventure les amaine

A un vergier qui mout ert gent

(ThebesR 2168)

« Il en deveient geter sort,

Sor qui l’ aventure cherreit

Qui les autres aquitereit »

(EneasS 1025)

Ausgehend von der Bedeutung Zufall erklärt sich auch die adverbiale Wendung par aventure, die man mit aus Zufall bzw. zufällig wiedergeben kann.

Da sowohl Ereignis als auch Zufall semantisch bewertungsoffene Begriffe darstellen, muss aus dem Kontext, also aus den genannten guten oder schlechten Konsequenzen erschlossen werden, um was für einen Vorfall es sich handelt. Je nach dem erhält aventure die Bedeutung Glück oder Unglück, die allerdings zumeist durch ein Adjektiv verdeutlicht wird (bone aventure oder male aventure):

Mais ce ne fu el que message Et li autre ont assés de hontes,

De ceste grant bone aventure Malaventure et mesprisons :

(GautArrErR 6071) (GautArrIllC 965)

2.1.3 aventure als Los, Schicksal

Sowohl von der Bedeutung Ereignis als auch von der des Zufalls ausgehend lässt sich die dritte Bedeutung von aventure, nämlich Los, Schicksal herleiten. Zum einen bestimmen die Ereignisse, die dem Menschen widerfahren, sein Leben, so dass diese zu seinem Schicksal werden. Dieses Los wird im folgenden Beispiel beklagt:

„A! lasse, mezre, cum oi fort aventure !

Or vei je morte tute ma porteüre »

(AlexisS 441)

Zum anderen kann der Zufall im Rahmen des mittelalterlichen Weltbildes auch von Gott gesteuert werden,[11] so dass die Grenzen zum Schicksal fließend sind. Im nächsten Beleg wird die aventure dementsprechend Gottes Führung anvertraut:

„De ceste chose ne vos chaut d’aïrer :

De l’ aventure vet tot en Damedé »

(CharroiM 807)

[...]


[1] Hartmann von Aue: Iwein. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Hrsg, übersetzt, mit einem Nachwort u. Anmerkungen versehen von Manfred Stange. Wiesbaden 2006. V. 527.

[2] In der semasiologischen Verfahrensweise wird von einem Wort ausgegangen (im Falle dieser Arbeit: adventura, aventure bzw. âventiure) und von diesem ausgehend dessen Bedeutung(en) aufgezeigt.

[3] Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearb. v. Elmar Seebold. 24., durchges. u. erw. Aufl. Berlin/New York 2002. S. 4.

[4] Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Bd. 1. Leipzig 1854. Nachdruck München 1984. S. 27.

[5] Ausführliches Lateinisch-Deutsches Handwörterbuch. Ausgearb. v. Karl Ernst Georges. 9. Aufl. Bd. 1. Hannover/Leipzig 1913. S. 155f.

[6] Ebd. S. 156.

[7] Tobler-Lommatzsch. Altfranzösisches Wörterbuch. Adolf Toblers nachgelassene Materialien bearb. u. hrsg. von Erhard Lommatzsch. Bd. 1. Stuttgart 1925. S. 720-724.

[8] Lebsanft, Franz: Die Bedeutung von altfranzösisch aventure. Ein Beitrag zu Theorie und Methodologie der mediävistischen Wort- und Begriffsgeschichte. In: Wortfeld des Textes. Worthistorische Beiträge zu den Bezeichnungen von Rede und Schrift im Mittelalter. Hrsg. Gerd Dicke, Manfred Eikelmann u. Burkard Hasebrink. Berlin/New York 2006. S. 311-337.

[9] Tobler-Lommatzsch. Altfranzösisches Wörterbuch S. 715-718.

[10] Zit. nach ebd. S. 715f.

[11] Ehrismann, Otfrid: âventiure. Die ritterliche Bewährung. In: Ders.: Ehre und Mut, Aventiure und Minne. Höfische Wortgeschichten aus dem Mittelalter. München 1995. S. 23.

Details

Seiten
20
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640694389
ISBN (Buch)
9783640695522
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155588
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Philologisches Institut, Deutsches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
aventiure Semantik historische Semantik Begriffsentwicklung Diachronie adventura aventure Bedeutungserweiterung Altfranzösisch Mittelhochdeutsch Hartmann von Aue Gottfried von Straßburg Wolfram von Eschenbach Chretien de Troyes Entlehnung

Autor

Zurück

Titel: âventiure? waz ist daz?