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Soziolinguistische Überlegungen zum Phänomen Bastian Sick

Die Diskussion in Info DaF oder eine neuerliche Kontroverse um Defizit- und Differenzhypothese

Hausarbeit 2009 17 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

І. Einführung

ІІ. Soziolinguistische Überlegungen zum Phänomen Bastian Sick
1. Soziolinguistische Theorien
1.1. Die Defizithypothese nach Bernstein
1.2. Die Differenzhypothese nach Labov
2. Die Diskussion in Info DaF
2.1. Die Position von Maitz/ Elspaß
2.2. Die Position von Roggausch
2.3. Maitz/ Elspaß vs. Roggausch oder eine neuerliche Kontroverse um Defizit- und Differenzhypothese

ІІІ. Schlussbemerkung

ІV. Literaturverzeichnis

I. Einführung

„Für Nichtmuttersprachler mit fortgeschrittenen Sprachkenntnissen ist dieses Buch eine unterhaltsame Art und Weise, Grammatik zu vertiefen und auf die die Fehlbarkeit der Muttersprachler hingewiesen zu werden.“ Dies lesen wir in der Rezension von Hammer (2007: S. 306) über den dritten Band von Bastian Sicks Fortsetzungswerk Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod, die in Heft 34-2/3 der Info DaF[1] erschienen ist. Hammers durchweg positive Kritik wurde zum Auslöser einer heftigen Diskussion über die Beurteilung von Sicks Büchern zwischen den Linguisten Péter Maitz und Stephan Elspaß (2007; 2009) und dem Germanisten Werner Roggausch[2] (2007; 2009), deren Beiträge in Heft 34-5 und 36-1 der Info DaF veröffentlicht wurden. Kern der Auseinandersetzung ist nicht etwa die Frage, ob Sick über ausreichende sprachwissenschaftliche Kompetenz verfügt, sondern die Problematik der Sick’schen Auffassungen von Sprachrichtigkeit. Demnach stehen nicht primär grammatische[3], sondern vielmehr soziolinguistische Aspekte[4] in den Büchern des Bestsellerautors im Zentrum der Diskussion.

Die vorliegende Arbeit wird die Diskussion zwischen Maitz/ Elspaß und Roggausch einer genauen Analyse unterziehen, um der Frage nachzugehen, welche Ansicht der streitenden Parteien überzeugender ist. Als Grundlage werden im ersten Teil zunächst zwei bedeutende Theorien aus dem Bereich der Soziolinguistik eingeführt, die für die Untersuchung der Auseinandersetzung über das Phänomen Bastian Sick relevant sind. Zum einen wird die Defizithypothese nach Bernstein (1.1.) und zum anderen die Differenzhypothese nach Labov (1.2.) kurz vorzustellen sein. Der zweite Teil der Arbeit wendet sich anschließend der konkreten Diskussion in Info DaF zu, wobei der Fokus auf dem jeweils ersten Artikel der streitenden Parteien (Heft 34-5) liegen wird, da die folgenden Beiträge (Heft 36-1) zum einen viele argumentative Wiederholungen und somit wenig Neues enthalten und zum anderen von den Autoren durch die emotionale Aufladung der Auseinandersetzung nicht immer wissenschaftliche Sachlichkeit bewahrt wird[5]. Zuerst werden die Standpunkte von Maitz/ Elspaß (2.1.) und Roggausch (2.2.) zu Sicks Sprachauffassung zu klären sein, bevor das Aufeinandertreffen beider Positionen (2.3.) ins Zentrum des Interesses rückt. Dabei wird zum einen gezeigt, dass es sich bei der Diskussion in Info DaF um eine neuerliche Kontroverse um Defizit- und Differenzhypothese handelt, und zum anderen der Versuch einer Vermittlung zwischen den Vertretern beider Hypothesen unternommen.

II. Soziolinguistische Überlegungen zum Phänomen Bastian Sick

1. Soziolinguistische Theorien

1.1. Die Defizithypothese nach Bernstein

Der Beginn der Soziolinguistik als wissenschaftliches Fachgebiet geht auf die Arbeiten des englischen Soziologen und Pädagogen[6] Basil Bernstein (1924-2000) in den 1960er-Jahren zurück. An die Überlegungen von Sapir und Whorf[7] anknüpfend, die ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen sprachlichem Ausdrucksvermögen und psychisch-sozialer Erfahrung behaupten, gelangt Bernstein zu dem genuin soziologischen Ansatz, dass zwischen der sozialen Herkunft von Personen und deren Sprachgewohnheiten ein Zusammenhang besteht. Die soziökonomische Schichtung einer Sprachgemeinschaft führt zu Unterschieden im sprachlichen Verhalten, die sich in der Verwendung verschiedener sprachlicher Kodes manifestieren. Nach Bernstein (1971: S. 16) „lassen sich zwei allgemeine Kodetypen unterscheiden: ein elaborierter und ein restringierter Kode[8].“ Während Personen aus der Mittelschicht (middle class) über beide Kodes verfügen, sind Personen aus der Unterschicht (working class) auf den restringierten Kode beschränkt (vgl. ebd. S. 21). Die Kodes sind auf einer sprachlichen, einer psychologischen und einer kognitiven Ebene definiert (vgl. Bernstein 1982: S. 226-228). Auf sprachlicher Ebene geht es um die grammatische Korrektheit und die Vorhersagewahrscheinlichkeit von (lexikalischen[9] und) syntaktischen Elementen, die ein Sprecher benutzt. Während die Vorhersagewahrscheinlichkeit im Falle des elaborierten Kodes gering ist, da der Sprecher aus einem großen Alternativenbereich auswählen kann, ist sie im Falle des restringierten Kodes aufgrund der Begrenztheit der Alternativen sehr hoch. Auf psychologischer Ebene können die Kodes nach dem Ausmaß unterschieden werden, in dem der jeweilige Kode die Symbolisierung von Absichten in sprachlich expliziter Form erleichtert (elaborierter Kode) oder einschränkt (restringierter Kode). Unter dem kognitiven Gesichtspunkt ergibt sich insofern eine Unterscheidung der beiden Kodes, als dass Bernstein eine Beziehung zwischen Sprache und Denken voraussetzt: „Durch den elaborierten Kode wird zugleich ein Lernpotential ganz anderer Art bereitgestellt als im Falle des restringierten Kodes. Das durch diese beiden Sprechsysteme beförderte Lernverhalten ist völlig verschieden“ (Bernstein 1971: S. 19).

Der elaborierte Kode, der als die Standardvarietät einer Sprache interpretiert werden kann, ist dem restringierten Kode (Nonstandardvarietäten) - wie in der Bezeichnung restringiert (beschränkt) schon impliziert - in allen Unterscheidungsdimensionen überlegen (grammatische Korrektheit, Explizitheit, logische und argumentative Strukturiertheit). Aus dieser Bewertung der Kodes wurde der Begriff Defizithypothese[10] abgeleitet (nach Dittmar 1973). In der Beschränktheit der Kinder der Unterschicht auf den restringierten Kode sieht Bernstein den Grund für deren schulischen und gesellschaftlichen Misserfolg (vgl. Bernstein 1982: S. 21), wodurch seine Hypothese einen zirkulären Charakter erhält: Die Sozialstruktur bestimmt das Sprachverhalten, welches wiederum die Sozialstruktur prägt. Zur Überwindung der Chancenungleichheit und der Erhöhung der Karrierechancen der Unterschichtkinder müssen sich diese in sprachlichen Förderungsprogrammen den elaborierten Kode aneignen, um auf diese Weise die Sprachbarriere zu überwinden. Der zu diesem Zweck eingerichtete kompensatorische Sprachunterricht brachte jedoch nicht die erwünschten „Verbesserungen“ der sprachlichen Fähigkeiten, sondern produzierte vielmehr psychologische Probleme bei den Kindern, die ihrer sprachlichen Umgebung entfremdet wurden und ihre eigene Sprache als defizitär erlebten. In der Folge dieser bildungspolitischen Misserfolge, die Bernsteins Konzept in Misskredit brachten, häufte sich die methodische und theoretische Kritik an der Defizithypothese, die vor allem von Vertretern der Differenzhypothese eingebracht wurde.

1.2. Die Differenzhypothese nach Labov

Einer der wichtigsten Kritiker der Defizithypothese Bernsteins war der US-amerikanische Soziolinguist William Labov (* 1927). Labov zeichnet die Argumentation der Theoretiker der verbalen Depravierung – wie er die Vertreter der Defizithypothese selbst nennt (Labov 1971: S. 83) - in sechs Schritten nach:

(1) Die verbale Reaktion des Unterschichtkindes auf eine formale und bedrohliche Situation [gemeint ist die Testsituation] wird dazu verwandt, […] sein verbales Defizit zu demonstrieren.
(2) Dieses verbale Defizit wird als Hauptursache für die schlechte Schulleistung des Unterschichtkindes ausgegeben.
(3) Da Kinder der Mittelschicht in der Schule besser sind, werden die Sprachgewohnheiten der Mittelschicht für das Lernen als notwendig erachtet.
(4) Unterschiedliche grammatische Formen je nach […] Klasse werden gleichgesetzt mit Unterschieden in logischer Analysefähigkeit.
(5) Das Kind das Nachahmen bestimmter formaler Sprechmuster zu lehren […] wird als Unterweisung im logischen Denken angesehen.
(6) Kinder, die diese formalen Sprechmuster lernen, sollen dann logisch denken, und es wird vorausgesetzt, dass sie in den folgenden Jahren im Lesen und in der Arithmetik viel mehr leisten werden. (Labov 1971: S. 84)

Die Kritik Labovs richtet sich sowohl gegen die Testanordnung als auch gegen die Theoriebildung seiner wissenschaftlichen Gegner. Zum einen verweist er darauf, dass das methodische Vorgehen der Datenerhebung in Interviews durch deren asymmetrische Situation[11] ein passives sprachliches Verhalten der Interviewten erst „produziere“, da es sich für sie um eine bedrohliche Situation handle (vgl. Labov 1971: S. 81). Zum anderen macht Labov auf die theoretische Voreingenommenheit der Wissenschaftler aufmerksam, denen es weniger um einen Nachweis quantitativer Unterschiede, als vielmehr um die materialgestützte Explikation und das punktuelle Belegen eines Vorverständnisses von defizitärer Sprache der Unterschicht zu gehen scheint, dass auf subjektiven Eindrücken beruht[12].

Indem die Vertreter der Defizithypothese eine bestimmte Sprachform (die Sprache der Mittelschicht) zum linguistischen Maßstab erklären, an dem sie das Sprachverhalten aller messen, gelangen sie zur defizitären Interpretation des Sprachverhaltens der Unterschicht. Im Rahmen der Differenzhypothese werden die Unterschiede nicht mehr wertend als Defizite, sondern neutral als Andersartigkeiten, eben als Differenzen interpretiert[13]. Nach der Auffassung Labovs sind alle Sprachformen funktional gleichwertig, da sie „über äquivalente Möglichkeiten verfüg[en], den gleichen logischen Inhalt auszudrücken“ (Labov 1971: S. 93). Eine Verbindung zwischen Sprache und Denken sieht er nicht als gegeben: „Der Sprecher der Mittelschicht mag gebildeter sein, in keiner Weise argumentiert er jedoch ‚rationaler’ oder ‚intelligenter’[14] “ (Labov 1971: S. 82). Aus der kommunikativen Leistungsfähigkeit der Unterschichtkinder und aus der Feststellung, dass der Gebrauch einer Nonstandardvarietät kein Lernhindernis darstellt (vgl. Labov 1971: S. 96), wird abgeleitet, dass nicht das Sprachverhalten der Unterschichtkinder, sondern eher die Sprachkenntnisse der Lehrer und Theoretiker, die in ihrer verdrehten Logik die Kinder zu „reparieren“ versuchen, mangelhaft sind. Kompensationsprogramme müssen dementsprechend nicht bei den Kindern, sondern bei den Lehren und Wissenschaftlern ansetzen. Dem kompensatorischen Sprachunterricht, bei dem der elaborierten Kode zur unhinterfragten und für alle Mitglieder der Sprachgemeinschaft anzustrebenden Norm erhoben wird, wird eine linguistische Aufklärung entgegengesetzt, die darauf zielt, den vermeintlichen Experten bewusst zu machen, dass es sich beim restringierten Kode um keine defizitäre - allenfalls eine für ein an den elaborierten Kode gewöhntes Ohr ungewohnte - Sprachform handelt.

[...]


[1] Bei der Info DaF (Information Deutsch als Fremdsprache) handelt es sich um eine linguistische Fachzeitschrift, die vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in Zusammenarbeit mit dem Fachverband Deutsch als Fremdsprache (FaDaF) herausgegeben wird

[2] Roggausch kann nicht als linguistischer Fachmann betrachten werden (vgl. Heft 34-5, in dem er selbst einräumt, dass ihm „die Autoren [Maitz/ Elspaß] an sprachwissenschaftlichem Sachverstand überlegen sind.“ S. 527).

[3] Für das detaillierte Aufzeigen grober grammatischer Fehler bei Sick siehe u.a. Schneider (2005), Meinunger (2008) und Ágel (2008).

[4] Untersuchungsgegenstand der Soziolinguistik, die durch Methoden und Theorien aus der Soziologie und der Linguistik geprägt ist, ist der Zusammenhang zwischen sprachlichen und sozialen bzw. gesellschaftlichen Gegebenheiten.

[5] Vor allem festzustellen bei Roggausch (2009), der zusätzlich den Bezug zum Thema Sick verliert.

[6] Linke et al. (2004) weisen explizit darauf hin, dass Bernstein kein Sprachwissenschaftler war (vgl. S. 339).

[7] Zur genaueren Darstellung der Überlegungen von Sapir und Whorf siehe Dittmar (1973; S. 3-5).

[8] In seinen früheren Arbeiten bezeichnet Bernstein - dem gleichen Grundgedanken folgend - die Kodes als formale und öffentliche Sprache.

[9] Die nicht konsequente Angabe von lexikalischen Elementen in Bernsteins Aufsätzen kann als ein Beispiel für die mehr oder weniger erheblichen Schwankungen in Bernsteins theoretischer Konzeption angesehen werden.

[10] Auch als Bernstein-Hypothese oder Hypothese der soziokulturellen Determiniertheit (Löffler 1994: S. 166) bezeichnet.

[11] Eine asymmetrische Situation liegt in den Interviews insofern vor, als dass sich Interviewer und Interviewter vor allem in den Variablen Alter und Zugehörigkeit zu Ethnie und sozialer Schicht unterscheiden (z.B. weißer Erwachsener und afroamerikanisches Kind; vgl. Labov 1971: S. 80f.)

[12] Mit Dittmar (1973: S. 8) kann die Defizithypothese als gerichtete Hypothese angesehen werden.

[13] Labov arbeitet „gegen die Auffassung, dass ‚Vernacular’-Dialekte minderwertige und unlogische Kommunikationsmittel seien“ (Labov 1971: S. 94).

[14] Auch im vermeintlich restringierten Kode lassen sich vollkommen in sich stimmige, komplexe Argumentationen durchführen, indem schwierige Gedankengänge mit wenigen Wörtern wiedergegeben werden.

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640684618
ISBN (Buch)
9783640684717
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155585
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg – Philologisches Institut, Deutsches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
Differenzhypothese Defizithypothese William Labov Basil Bernstein Soziolinguistik Info DaF Sprachrichtigkeit Sprachliche Normen linguistische Sprachberatung kompensatorischer Sprachunterricht restringierter Code elaborierter Code funktionale Gleichwertigkeit Bastian Sick Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod Register Sprachwandel Sprachverfall

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Titel: Soziolinguistische Überlegungen zum Phänomen Bastian Sick