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Religiosität und religiöse Praxis in der Migration

Die Bedeutung der Religiosität für die Behandlung psychisch bedingter Erkrankungen bei Patienten mit Migrationshintergrund

Hausarbeit 2005 26 Seiten

Psychologie - Religionspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Religion - Migration - Psychotherapie
Einleitung
Religiositat und Psychotherapie - zwei gegensatzliche Pole?
Zwischenergebnis
Religiositat als Faktor des Selbstverstandnisses
Religion und ihre Bedeutung fur Migranten
Zwischenergebnis
Religion als kulturimmanenter Faktor
Zwischenergebnis
Fortschrittliche Therapiekonzepte

Schlussbetrachtung

Literatur

Internetquellen

Vorbemerkung

Die hier vorliegende Untersuchung war Bestandteil einer Gruppenarbeit im Seminar „Kultur und Emotionen - Zur Psychodynamik der Migration“ bei Prof. Dr. Maja Nadig im Hauptstudium des Studiengangs Kulturwissenschaften an der Universitat Bremen im Sommersemester 2005.

Die Untersuchung bestand aus drei Teilen, die von den beteiligten AutorInnen jeweils eigenstan- dig in ihrer Thematik entwickelt und ausgearbeitet wurden.

Der vorliegende Text enthalt den allgemeineren Teil der Ausarbeitung und die von mir eigenver- antwortlich verfasste Schlussbetrachtung, die auch ohne die hier „fehlenden“ Bestandteile der beiden Autorinnen Olga Yesina und Tae-Hee Yun Gultigkeit hat.

Unabhangig davon kann hier in Bezug auf die komplexe Thematik nur ein unvollstandiger An- satz geliefert werden fur weitaus umfassendere Betrachtungen und Untersuchungen.

Holger Pinnow-Locnikar, August 2010

Holger Pinnow-Locnikar

Religion - Migration - Psychotherapie

Wissenschaftliche Befunde zu Fragen der Religiositat in der Migration und deren Bedeutung fur die Psychotherapie.

Einleitung

Bezuglich der komplexen Problematik der Migration und Integration und deren psychodynami- schen Begleiterscheinungen gibt es mittlerweile fortschrittliche wissenschaftliche Ansatze, die Migranten nicht mehr mit einem von Vorurteilen und pauschalierten Einschatzungen bestimmten Schubladendenken zu konfrontieren, sondern sie als Individuen zu betrachten und ihre Integrati­on in die aufnehmende Gesellschaft und die damit verbundenen Probleme mit einem einzelfall- orientierten psychologischen und ethnologischen Instrumentarium zu untersuchen. Mit den mo- dernen wissenschaftlichen Methoden wird in diesem Zusammenhang versucht, die psychischen Folgen der Migration auf eine personalisierte, die Ethnie und die Umstande der Migration be- rucksichtigende Weise zu betrachten.

EinigermaBen verwunderlich erscheint dabei, dass die Religion und die Religiositat der Migran­ten in der Betrachtung und Analyse eine untergeordnete Rolle einnehmen. Das konnte unter- schiedliche Ursachen haben. Eine konnte sein, dass sich vor allem Psychologen und Ethnologen mit der Thematik der Migration und ihrer gesundheitlichen Folgen befassen, weniger Theologen oder Religionswissenschaftler, die wiederum auch nicht fur die psychischen Aspekte der Migra- tionsproblematik geschult waren. Es handelt sich offenbar um einen interdisziplinaren For- schungsgegenstand, zu dem bisher eher wenig fachliche Forschung betrieben wurde.

Eine zweite, damit sicher zusammenhangende Ursache konnte die weitreichende Sakularisierung der Gesellschaften der aufnehmenden Lander sein, so dass Religion und Religiositat als zeitge- maBe wissenschaftliche Betrachtungsaspekte zunehmend an Bedeutung verlieren. In den Her- kunftslandern der Migranten stellt die Religion jedoch sehr haufig einen zentralen Bestandteil des Lebens und des Selbstverstandnisses der Bewohner dar.

In Folge der Migration in ein sakularisiertes Land oder in eine Nation mit einer abweichenden dominierenden Staatsreligion kann sich der Verlust der religiosen Identifikation - durch die Trennung von der Religionsgemeinschaft, durch den Mangel an religioser Praxis - negativ auf die Psyche der Migranten auswirken.

Um diesem speziellen Aspekt der Migration Rechnung zu tragen, soll nachfolgend der diesbezug- liche gegenwartige wissenschaftliche Kenntnisstand aufgezeigt werden.

Da es keine konkrete Untersuchung exakt zu diesem Betrachtungsgegenstand gibt, werde ich versuchen, mich dem Thema von verschiedenen Seiten zu nahern und die Ergebnisse abschlie- Bend zu einem einheitlichen „Forschungsbefund“ zusammenzufuhren.

Zunachst werde ich mich mit dem Verhaltnis der Psychotherapie zur Religiositat befassen, um dann die Bedeutung der Religiositat fur Migranten naher darzustellen und schlieBlich Ansatze zu einer Berucksichtigung der Religion und der Religiositat in der Psychotherapie bei Migranten aufzuzeigen.

Religiositat und Psychotherapie - zwei gegensatzliche Pole?

Das Verhaltnis von Psychotherapie zur Religion und zur Religiositat ist in Bezug auf das Chris- tentum bereits ausreichend untersucht worden. Nachfolgend sollen die Ergebnisse dieser Unter- suchungen beispielhaft dargestellt werden, um zu evaluieren, ob eine adaptive Betrachtung fur die Religiositat von Migranten in der Psychotherapie moglich ist.

Bei einer 1994 durchgefuhrten Untersuchung in den USA[1] ergab eine Befragung von verantwort- lichen Personen im Gesundheitswesen eine erhebliche Dissonanz bezuglich religioser Einstellun- gen im Vergleich zur Gesamtbevolkerung, also zu den potenziellen oder durchschnittlichen Pati- enten.

Anlass der Untersuchung war eine Naturkatastrophe: ein Tornado verwustete Mitte der 80er Jah- re die kleine Stadt Greenville in South Carolina. Eine anschlieBende Befragung der geschadigten Bewohner legte den deutlichen Schluss nahe, dass ein groBer Teil der Betroffenen unter einem posttraumatischen Stresssyndrom litt. Dennoch suchte keiner der Betroffenen einen Psychologen auf, um sich behandeln zu lassen. Es stellte sich heraus, dass die Bewohner der Kleinstadt uber- wiegend einer konservativen protestantischen Gemeinde angehorten, die sich deshalb keinem Psychologen anvertrauen wollten, weil sie befurchteten, dass ihre religiosen Uberzeugungen dort in Frage gestellt werden konnten.

In einem anderen, 1990 dokumentierten Fall[2] fuhrte das Unverstandnis eines Psychologen, der die starke religiose Hinwendung eines Patienten falschlich als foolishly neurotic“ einstufte, zu einem anschlieBenden Selbstmordversuch.

So stellt die Untersuchung treffend fest, dass eine starke Dissonanz bezuglich der religiosen Uberzeugung resp. der Wertung von Religion zwischen Therapeut und Patient zu einem totalen Scheitern der Betreuung fuhren kann[3].

Eine regelmaBig vom Princeton Religion Research Center durchgefuhrte Erhebung ergab 1994, dass 96% der amerikanischen Bevolkerung an Gott glauben und 66% Religion sogar als uberaus wichtig empfinden. Die Halfte dieser 66% stufte die Religion als den wichtigsten Faktor in ihrem Leben ein[4]. Dagegen empfanden nur 12% Religion als eher unwichtig.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dagegen stellt eine Studie von Bergin und Jensen aus dem Jahr 1990 fest, dass der Anteil von Atheisten und Agnostikern unter Psychiatern, Psychologen und Sozialarbeitern signifikant hoher ist als im Bevolkerungsdurchschnitt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wahrend der Anteil der Atheisten und Agnostiker im Bevolkerungsschnitt bei 6% lag, kamen die Ehe- und Familientherapeuten auf 7%, Krankenhaussozialarbeiter auf 9%, Psychiater auf 21% und Krankenhauspsychologen sogar auf 28%[5].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Andere Statistiken derselben Untersuchung ergeben, dass die Bedeutung der Religion fur das tagliche Leben der Menschen in therapeutischen Berufen signifikant niedriger ist als im Bevolke- rungsschnitt.

Weitere Untersuchungen in den USA[6] haben ergeben, dass die religiosen Einstellungen der be- handelnden Arzte und Therapeuten direkten Einfluss auf die Berucksichtigung religioser Aspekte bei der Behandlung haben. Selbst dann, wenn die behandelnden Spezialisten eigentlich bereit waren, diese Aspekte zu berucksichtigen, fehlt ihnen die Ausbildung, um zu entscheiden, wann und in welcher Weise eine Berucksichtigung religioser Aspekte sinnvoll ware. So konnen zwar 96% der Arzte und Therapeuten der These zustimmen, dass die Gesundheit der Seele (spirit) wichtig ist fur die physische Gesundheit, aber weniger als 20% der Befragten berucksichtigten entsprechende Aspekte in der Behandlung, und diese auch nur bei etwa 10% der behandelten Personen. Dieser Mangel an interdisziplinarer Ausbildung oder Behandlung wird hier als integ­ration Gap“ bezeichnet. Neben der Ausbildung werden auch Zeitmangel, Unsicherheit bei der Einschatzung der Notwendigkeit seelischer Betreuung und die Angst, eigene Uberzeugungen auf den Patienten zu projizieren, als Ursachen vermutet.

Die weiter oben angefuhrten Statistiken, die belegen, dass Arzte und Therapeuten allgemein we­niger religios sind als die Patienten, wird als „Spirituality Gap“ bezeichnet. Das fuhrt sehr oft dazu, dass Patienten mit seelischen Erkrankungen von Spezialisten behandelt werden, die Zu- sammenhange mit religiosen Einstellungen nicht erkennen konnen.

Eine von Neeleman und King unter Londoner Psychologen durchgefuhrte Untersuchung zeigt auf, dass uber die Bedeutung von Religion fur die Psyche ein wenig einheitliches Bild vorhanden ist. Allerdings gab es so gut wie keine Ansatze, mit Seelsorgern zusammenzuarbeiten. Ursachlich dafur durften uberwiegend negative oder bestenfalls neutrale Einstellungen der Psychologen ge- genuber der Religion als solche sein. Manche Psychologen wie etwa der Amerikaner Watters vertreten sogar die These, dass die christliche Religion, ihre Doktrin und Lehre, mit ihrer tiefen Verwurzelung in der westlichen Gesellschaft fur die Herstellung geistiger Gesundheit kontrapro- duktiv sei. Er betrachtet religiose Uberzeugung per se als pathologisch[7]. Diese Ansicht zumindest findet aber unter Psychologen keine Mehrheit, sondern markiert lediglich eine extreme Ausfor- mung der Abneigung einer sakularen Wissenschaft gegen die Religiositat als einen schwer greif- baren, gesellschaftsimmanenten psychischen, kulturellen und sozialen Faktor[8].

[...]


[1] National Institute for Healthcare Research: The Forgotten Factor, 2004 (http://www.leaderu.com/orgs/nihr/docs/ff/module1.html)

[2] American Journal of Psychiatry, 147(4), 542, 1990

[3] “A gap between how the majority of mental health professionals view religion - as negative or unimportant - and how the general public's view of religion - as positive and important - can create a barrier which prevents those need­ing treatment from getting the psychological help that they need.”

[4] Das ist in etwa identisch mit den 72%, die in einer Untersuchung von Bergin und Jensen die Religion als den wich- tigsten Einfluss in ihrem Leben bezeichneten.

[5] Moglicherweise kommt hier auch das sog. Theodizee-Problem zum Tragen, da die in Krankenhausern arbeitenden Menschen leichter an einem „gottlichen Einfluss“ zweifeln konnten, weil sie taglich mit den Folgen „ungerechter“ Schicksale konfrontiert sind.

[6] Eine gute Zusammenfassung gibt es im Southern Medical Journal Vol. 94, No. 4 - 374-379 April 2001. Quelle: http://www.musc.edu/psvchiatrv/slater/spirit1.htm.

[7] W.W. Watters: Deadly Doctrine: Health, Illness, And Christian God-Talk. Amherst, NY: Prometheus Books, 1992

[8] Sicher ist es nicht abwegig zu vermuten, dass die Berucksichtigung von Religion als einem „medizinischen Faktor“ mit der Zeit in dem MaBe geschwunden ist, je mehr die biologische und medizinische Forschung im Laufe der Jahr- hunderte uber die Funktionen des Korpers herausfand. Die Vorstellung einer dem Korper innewohnenden Seele

Details

Seiten
26
Jahr
2005
ISBN (Buch)
9783640682942
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155492
Institution / Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Schlagworte
Migration Ausländer Religion Krankheit psychische Erkrankung Religiosität

Autor

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Titel: Religiosität und religiöse Praxis in der Migration