Lade Inhalt...

Drei Königinnen der Lüfte in Bayern

Thea Knorr - Christl-Marie Schultes - Lisl Schwab

von Ernst Probst Josef Eimannsberger

Fachbuch 2010 82 Seiten

Biographien

Leseprobe

Vorwort

Drei Königinnen der Lüfte
in Bayern

Die Fliegerinnen Thea Knorr, Christl-Marie Schultes und Lisl Schwab stehen im Mittelpunkt des kleinen Taschenbuches „Drei Königinnen der Lüfte in Bayern“. Diese drei Frauen sorgten vor allem in den 1930-er Jahren als Luftfahrt-Pionierinnen für Aufsehen in der Öffentlichkeit. Thea Knorr (1903–1989) galt als eine der ersten Fliegerinnen aus München. Christl-Marie Schultes (1904–1976) aus Oberenzenau bei Bad Heilbrunn war die erste Bayerin mit Pilotenschein. Und Lisl Schwab (1900–1967) aus Ingolstadt tat sich als Kunstfliegerin hervor. Autoren des Taschenbuches „Drei Königinnen der Lüfte in Bayern“ sind der Wiesbadener Journalist Ernst Probst und der Münchener Flugzeug-Historiker Josef Eimannsberger. Probst und Eimannsberger hatten sich bei den Recherchen über Thea Knorr für das Taschenbuch „Königinnen der Lüfte von A bis Z“ kennen gelernt, das Biografien berühmter Fliegerinnen, Ballonfahrerinnen, Luftschifferinnen, Fallschirmspringerinnen, Astronautinnen und Kosmonautinnen aus aller Welt in Wort und Bild präsentiert.

Dank

Für wertvolle Hilfe bei der Entstehung

dieses Taschenbuches danken die beiden Autoren:

Diplom-Kaufmann Günter Lang, München

Theo Lederer, Bad Heilbrunn

Doris Probst, Mainz-Kostheim

Stefan Probst, Mainz-Kostheim

Stadt Ingolstadt

Elisabeth Zintl, München

Thea Knorr

Die erste Schleißheimer Fliegerin

Eine bekannte deutsche Pilotin aus den 1930-er Jahren war Thea Knorr (1903–1989), geborene Theresia Rainer. Sie wird in der Literatur als Afrikafliegerin, erste Schleißheimer Fliegerin oder Feld-Wald-Wiesen-Fliegerin bezeichnet. Die Angaben über diese tüchtige Fliegerin aus München in der Literatur sind lückenhaft, weswegen dort oft ihr Geburts- und Todesdatum sowie andere Angaben fehlen.

Theresia (Thea) Rainer kam am 14. November 1903 in Wasentegernbach (Kreis Erding) in Bayern als Tochter eines Müllers zur Welt. Dies fand der Münchener Historiker Josef Eimannsberger, Mitglied der Bayerischen Flugzeug-Historiker e.V. aus Oberschleißheim, nach arbeits- und zeitaufwändigen Recherchen heraus. Dabei bekam er Kontakt mit dem Diplom-Kaufmann Günter Lang aus München, der den Nachlass von Thea Knorr verwaltet und weitere interessante Details über das Leben der Fliegerin mitteilte.

Im Alter von 23 Jahren heiratete Thea Rainer am 18. August 1927 den aus Hof in Oberfranken stammenden 44-jährigen Arzt Dr. med. Emil Wilhelm Wolfgang Knorr (1884–1968) in München, der als ärztlicher Betreuer auf der Flugwerft Oberschleißheim arbeitete. Ein Freund ihres Ehemannes war Eduard Ritter von Schleich (1888–1947), der wie der Gatte von Thea den bayerischen Militär-Max-Joseph-Orden erhalten hatte. Schleich war einer der erfolgreichsten deutschen Jagdflieger im Ersten Weltkrieg (1914–1918), errang 35 Luftsiege und wurde – weil er seine Flugzeuge ab 1917 schwarz anstrich – als „Schwarzer Ritter“ bekannt. Die Familien Knorr und Schleich besuchten sich gegenseitig und oft kam die Rede auf die Fliegerei, da sich Ritter von Schleich zeitweise als Fluglehrer betätigte. Thea hörte dabei aufmerksam zu.

Das Interesse der 1,65 Meter großen Thea Knorr an der Fliegerei wurde indirekt durch ihren Dackel „Waldimännchen“ geweckt. Bei einem Besuch in Oberschleißheim setzte sie sich an den Rand des Flugplatzes und beobachtete die Maschinen. Als plötzlich ein Flugzeugmotor in der Nähe ansprang, stürmte der Hund bellend auf die Maschine zu. Thea rannte hinterher und rettete den Dackel vor den rotierenden Propellern des Flugzeuges.

Bei diesem Zwischenfall erblickte Thea Knorr plötzlich den ihr wohlbekannten Ritter von Schleich, der gerade Flugschüler ausbildete. Weil sie von der Atmosphäre auf dem Flugplatz fasziniert war, fragte sie den Fluglehrer, ob sie bei ihm das Fliegen lernen könne. Zu ihrer großen Freude wurde ihre Frage bejaht und nun musste sie nur noch ihren Mann für ihr Vorhaben gewinnen. Mit Herzklopfen fuhr sie nach Hause und teilte ihrem Ehemann ihren Wunsch mit, das Fliegen lernen zu wollen. Zu ihrer großen Erleichterung hatte ihr Gatte keine Einwände und fand ihre Idee sogar sehr gut.

Als nächstes benötigte Thea Knorr eine ärztliche Bestätigung ihrer Flugtauglichkeit. Die dafür erforderliche Untersuchung durften damals in München nur zwei Ärzte machen. Thea suchte einen dieser Mediziner auf und erklärte ihm, was sie wollte. Daraufhin runzelte der Arzt seine Stirn und betrachtete sie ganz entsetzt. Als er noch erfuhr, dass der Ehemann der Patientin ein Kollege sei, sagte er zu ihr, sie solle am Nachmittag wieder vorbeikommen, weil er sich das alles in Ruhe überlegen müsse, bevor er eine so große Verantwortung übernehme. Vielleicht hatte er sich wegen dieser Angelegenheit mit ihrem Mann in Verbindung setzen wollen.

Eine Stunde später sagte Thea Knorr ihren Termin ab und konsultierte den zweiten Arzt in München wegen ihrer Flugtauglichkeit. Dieser war Ballonfahrer, gratulierte Thea zu ihrer ausgezeichneten Gesundheit und freute sich auf eine „fliegende Münchnerin“.

1931 begann Thea Knorr beim „Leichtflugzeugklub München“ ihre Flugausbildung. Dieser Klub hatte seinen Sitz auf dem Oberwiesenfeld, nahm aber Schulungen in Schleißheim vor. Erster Fluglehrer von Thea war Ritter von Schleich, der jedoch bald seine Fluglehrertätigkeit beendete und bei den Nationalsozialisten eine Karriere machte. Einer der bekanntesten Flugschüler von Schleich war von Januar bis März 1931 der deutsche Schauspieler Heinz Rühmann (1902–1994) gewesen, mit dem Thea den selben Kurs absolvierte. Zweiter Fluglehrer von Thea wurde Fluglehrer Greif, der ganz andere Töne als der beliebte Ritter von Schleich anschlug.

Einmal kamen Thea Knorr und ein Mitschüler in weißen Overalls, auf die sie „mächtig stolz waren“, zum Flugunterricht. Darauf reagierte Fluglehrer Greif mit der sarkastischen Bemerkung: „Was habt ihr denn da an? Da könnt ihr ja gleich im Schlafanzug kommen!“ Während eines Fluges schrie Greif einmal Thea an: „Wie halten Sie denn den Steuerknüppel? Rühren können Sie daheim mit dem Kochlöffel, aber nicht hier!“ Thea nahm den rauen Ton ihres Fluglehrers nicht so tragisch. Dieser musste sich offenbar noch daran gewöhnen, dass er erstmals einen weiblichen Flugschüler hatte.

Der erste Alleinflug, der für jeden Flieger zu den schönsten Erinnerungen gehört, verlief bei Thea
Knorr unglücklich. Sie landete mit überhöhter Geschwindigkeit und konnte das Flugzeug nicht mehr rechtzeitig abfangen. Die beiden Räder der Maschine brachen ab und rollten davon. Das Flugzeug rutschte auf dem Bauch hinterher und Thea stieg total deprimiert aus der Maschine. Als sie ihren Fluglehrer fragte, ob sie das Landekreuz noch benötigten, schrie dieser sie an: „Reden Sie doch nicht so saudumm daher! Schauen Sie lieber, dass sie die Räder einholen!“ Danach rannte sie den Rädern hinterher, die immer weiter rollten, bis sie sie endlich erreichte. Mit den beiden Rädern unter den Armen trat sie völlig eingeschüchtert wieder dem Fluglehrer vor die Augen. Sie hatte aber im Nachhinein großes Verständnis für den Fluglehrer, der eine große Verantwortung und innerliche Belastung hatte, wenn er einen Flugschüler zum ersten Alleinflug schickte.

Fluglehrer Greif war letztlich aber sehr stolz, dass Thea Knorr ihren ersten Alleinflug absolviert hatte und auch die Starts, Flüge und Landungen in der Folgezeit sehr gut verliefen. Er gratulierte seinem ersten weiblichen Flugschüler mit ein paar selbst gepflückten Feldblumen.

1931 nahm Thea Knorr stolz ihren Pilotenschein entgegen. Ihr verständnisvoller Ehemann schenkte ihr danach ein Flugzeug des Typs „Klemm“ mit Siemens-Motor „Sh 13 a“. Ihre ersten Flüge mit ihrer eigenen Maschine waren noch „richtige Abenteuerflüge“. Damals war man völlig auf sich allein gestellt, hatte keinerlei Funkverbindung und flog auf Sicht. Thea hatte bei ihren Flügen keinen Fallschirm dabei, ein solcher wäre – nach ihrer Ansicht – für ihr Leichtflugzeug zu schwer gewesen.

Mit ihrer Klemm-Maschine beteiligte sich Thea Knorr an Flugtagen, setzte Fallschirmspringer ab, flog Reklame – zum Beispiel für „Blaupunkt-Radio“ –, schleppte Segelflugzeuge und unternahm Langstreckenflüge auf den Balkan und sogar nach Afrika, was ihr die Bezeichnung „Afrikafliegerin“ einbrachte. Bei „Papa Kohnke“ ließ sie sich erfolgreich zur

Fallschirmspringerin ausbilden. Nach eigener Aussage waren Lisl Schwab (1900–1967) und sie damals die einzigen Fliegerinnen, die zugleich Fallschirmspringerinnen gewesen sind.

Die Sportfliegerei in den 1930-er Jahren war im Gegensatz zu heute noch recht urtümlich. Damals durften noch so genannte Außenlandungen außerhalb eines Flugplatzes erfolgen. Thea Knorr schätzte solche Außenlandungen sehr, weil sie dabei Erfahrungen für eine eventuelle Notlandung sammeln konnte. Unter Fliegerkameraden galt sie bald als „Feld-Wald-Wiesen-Fliegerin“.

Bei ihren Flügen erlebte Thea Knorr so manches Abenteuer. Zum Beispiel musste ein männlicher Fliegerkamerad während eines Fluges nach Garmisch dringend austreten. Als Thea kurz vor Garmisch einen geeigneten Landeplatz fand und dort landete, eilte aber ein Polizist herbei. Thea und ihr Begleiter wollten sich verstecken und entdeckten einen Baum mit einer Leiter, die zu einem Jägerhochsitz führte. Schnell stiegen sie zum Hochsitz hinauf und beobachteten den Polizisten, der aufgeregt nach dem Flugzeugführer suchte. Schließlich kletterte Thea doch herunter und ging auf den Polizisten zu, der aber gar nicht mit ihr sprechen wollte, sondern energisch nach dem Flugzeugführer verlangte. Thea erklärte, sie sei der Flugzeugführer, doch der Polizist wollte dies nicht glauben und nicht veräppelt werden. Erst als ihm Thea ihre Papiere zeigte, glaubt er ihr und war sichtlich überrascht, eine Fliegerin vor sich zu haben. Der Polizist blieb bis zum Start und winkte der Fliegerin noch freundlich zu.

1938 unternahm Thea Knorr einen Afrika-Flug, was damals noch ein richtiges Abenteuer war. Dieser Flug führte über Italien (Napoli), Sizilien (Palermo), Tunesien (Tunis), den Sudan (Khartum) und Britisch-Ostafrika (Nairobi).

Durch den Zweiten Weltkrieg (1939–1945) ging – laut Thea Knorr – die „wunderschöne Zeit der Sportfliegerei“ mit der „wirklichen Freiheit, die oft besungen wird“ zu Ende. Zunächst arbeitete sie als Werkspilotin bei der Flugzeugfirma Klemm in Böblingen (Württemberg). Zu ihren Aufgaben gehörte es, neue Flugzeuge „auszulitern“. Dabei musste sie mit einer Maschine so lange in der Luft bleiben, bis der Motor kein Benzin mehr bekam und stehen blieb. Danach überprüfte man, ob sich noch restliches Benzin im Tank befand. Wenn dies der Fall war, musste das Flugzeug in die Werft zurück, und zwar so lange, bis die Treibstoffzufuhr so eingestellt war, dass der Tank leergeflogen werden konnte. Als Werkspilotin überführte sie auch

Klemm-Flugzeuge von Böblingen auf den Balkan und zu anderen Einsatzorten.

Später wurde Thea Knorr als Flugzeugführerin bei der Luftwaffe zum „Überführungsgeschwader I, Überführungsgruppe Mitte“ einberufen. Die beim „Überführungsgeschwader I“ tätigen Pilotinnen – wie Thea Knorr, Lisl Schwab und Beate Uhse (1909–2001), geborene Köstlin, – überführten zunächst vor allem Schulflugzeuge, bekamen aber bald anspruchsvollere Aufgaben. Thea flog bis Kriegsende beim „Überführungsgeschwader I“. Beim letzten Überführungsflug geriet sie in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Ihr Stoffabzeichen mit der Aufschrift „Flugzeugführerin“ befindet sich heute im „Deutschen Museum“ in München.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb Thea Knorr als erste deutsche Fliegerin den Schweizer Pilotenschein, durfte nun wieder fliegen, plante noch einmal einen Afrika-Flug und erwarb die Lizenz als Hubschrauberpilotin. Am 8. Juni 1968 starb ihr Mann Emil nach 40-jähriger Ehe im Alter von 83 Jahren.

Der Jubiläumsband „Geflogene Vergangenheit. 75 Jahre Luftfahrt in Schleißheim“ (1988) präsentierte den Beitrag „Die erste Schleißheimer Fliegerin“ von Thea Knorr. Darin schilderte sie Begebenheiten aus ihrem bewegten Fliegerleben. Laut Flugbuch unternahm sie Überführungs-, Erprobungs-, Einweisungs-, Reklame- und Deutschlandflüge.

Thea Knorr ist am 29. Januar 1989 im Alter von 85 Jahren in Feldafing gestorben. Ihr Grab, in dem auch ihr Ehemann bestattet wurde, liegt auf dem neuen Teil des Waldfriedhofs in München.

Christl-Marie Schultes

Die erste Fliegerin in Bayern

Die Ehre, die erste Fliegerin in Bayern gewesen zu sein, gebührt Christl-Marie Schultes (1904–1976), geborene Maria Rosalia Schultes. Wegen ihrer Herkunft aus einer Försterfamilie hat man sie oft als „Förster-Christl“ bezeichnet. Mitunter findet man in der Literatur auch die Vornamen Christlmariele oder Christl. In ihrem abenteuerlichen Fliegerleben gab es Höhen und Tiefen.

Maria Rosalia Schultes kam am 6. November 1904 als eines von vier Kindern des bayerischen Forstverwalters Otmar Schultes und seiner zweiten Ehefrau Theresia Schultes, geborene Koller, in Geigant bei Waldmünchen (Oberpfalz) zur Welt. Ab 1907 wuchs sie in Oberenzenau bei Bad Heilbrunn (Oberbayern) auf, wohin ihr Vater versetzt worden war. Auf alten Fotos in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirkt ihr am Wald stehendes Elternhaus in Enzenau wie eine Postkarten-Idylle.

Der Vater Otmar Schultes galt als bekannter Kunstmaler. Noch heute besitzen viele Einwohner in Bad Heilbrunn von ihm gemalte Bilder. Die Mutter Theresia war eine gefeierte Schönheit. Man bezeichnete sie als „saubere und lustige Kollerresl“.

Aus der zweiten Ehe von Otmar Schultes gingen zuerst die Töchter Helene (1902–1971) und Maria Rosalia (1904–1976), dann der Sohn Josef (1908–1929) und schließlich das „Nesthäkchen“ Laura (1910–1924) hervor. Mit diesen Kindern wuchs die Tochter Anna aus der ersten Ehe auf.

Die jüngere Schwester Laura von Christl-Marie starb bereits im Alter von 14 Jahren an spanischer Grippe. Ihr Bruder Josef erlag als 21-Jähriger nach einem Fechtunfall einer Lungenentzündung.

Auch Christl-Marie wäre beinahe früh gestorben. Im Alter von elf Monaten fiel sie in einen Starrkrampf, wurde vom Arzt bereits für tot erklärt, in einen Sarg gebettet und aufgebahrt. Sie wäre fast beerdigt worden, wenn sie nicht wenige Stunden vor der geplanten Bestattung wieder die Besinnung erlangt hätte. Ihr Vater hatte ihr Leben gerettet, weil er sie während des Starrkrampfes erfolgreich nach der Kneipp-Methode behandelt hatte.

Von dieser Krankheit erholte sich die kleine Christl-Marie bald. Sie durfte bis zum neunten Lebensjahr die gute und würzige Berg- und Waldluft ihres Heimatortes atmen. Dann schickten ihre Eltern sie nach München und sie ging dort unwillig zur Schule. Mehrfach brannte Christl-Marie in München durch, weil sie nicht in der Stadt bleiben wollte. Dies brachte ihr strenge Verweise von der Schule und Tadel der Eltern ein. Nachdem sie erneut über eine Mauer kletterte und durchbrannte, erreichte sie ihre Entlassung aus der Schule in München.

Die nächste Schule in Rosenheim im Gebirge behagte Christl-Marie merklich besser. Dort erlernte sie den Haushalt und die Landwirtschaft. Während der Ferien unternahm sie Reisen im In- und Ausland sowie Bergtouren mit ihrem Vater, die sie besonders genoss.

Mit 18 Jahren wollte Christl-Marie Schultes eine Stellung in Afrika antreten, um später auf dem „Schwarzen Erdteil“ Farmerin zu werden. Doch ihr Vater verhinderte dies, indem er das Visum seiner minderjährigen Tochter sperren ließ. Die Folge war, dass Christl-Marie in der Heimat bleiben musste.

Die bildhübsche und dunkelhaarige Christl-Marie ging bei etlichen dörflichen Schönheitswettbewerben als Siegerin hervor. Sie wurde als „Förster-Christel“ über die Grenzen ihres Dorfes bekannt, in Romanen und Gedichten verewigt, in Paris von einem bekannten Künstler als „Carmen“ gemalt und von einer Filmgesellschaft nach Hollywood (USA) verpflichtet. Letzteres wusste der Vater zu verhindern.

Keine Einwände hatte der Vater, wenn Christl-Marie im Heimatdorf bei Fahnenweihen als Fahnenbraut, bei Denkmalsenthüllungen oder bei anderen Veranstaltungen teilnahm. Er hinderte seine sportliche Tochter auch nicht am Jagen, Reiten, Segeln und Motorradfahren. Angeblich ritt sie am liebsten die wildesten Pferde.

Bereits als Kind hatte Christl-Marie eine große Sehnsucht, es den Vögeln gleichzutun und in den Himmel zu fliegen. Oft hatte sie geglaubt, fliegen zu können, wenn sie einen Schal ausbreitete oder auf einem Treppengeländer schnell hinunterrutschte.

Im Alter von 19 Jahren fasste die abenteuerlustige Christl-Marie Schultes über Nacht den Entschluss, Fliegerin zu werden. Dieses kühne Vorhaben teilte sie ihrem Vater mit. Der Vater, die Mutter und andere Verwandte reagierten auf diesen Wunsch entsetzt. Alte Leute schüttelten fassungslos den Kopf. Ein Mädchen sollte nach damaliger Auffassung Kochen, Nähen und alles, was zum Haushalt gehört, gründlich erlernen, dann heiraten und Kinder kriegen.

Doch Christl-Marie Schultes ließ sich von der Erfüllung ihres Wunsches nicht abbringen. Im März 1928 reiste die 23-Jährige heimlich nach Berlin-Staaken. Ihre Eltern wähnten sie damals auf einem Kochkurs. Mit klopfendem Herzen betätigte Christl-Marie die Klingel am Zauntor zur Flugschule. Nach dem Betreten eines kleinen Gebäudes stellte sie sich kurz vor, schüttelte Hände, unterschrieb einen Vertrag und freute sich riesig, die erste Bayerin auf dem Weg zur Pilotenprüfung zu sein.

In dem Buch „Frauen fliegen“ (1931) schilderte Christl-Marie Schultes später ihre Anfänge als Flugschülerin. Zuerst rollten zwei Flugzeuge des Typs Raab-Katzenstein heran. Doch Christl-Marie hatte Pech. Nach einigen Flügen setzte ausgerechnet der Motor jener Maschine aus, die für den Unterricht ihrer Gruppe bestimmt war. Deshalb musste die Gruppe unverrichteter Dinge zum Gebäude der Flugschule wandern. Keinen einzigen Meter war Christl-Marie in der Luft gewesen. Sie schlüpfte aus ihren Hosen und hinein in ihr Dirndlkleid, das sie während ihres Aufenthaltes in Berlin trug.

Als einzige Teilnehmerin aus Bayern freute sich Christl-Marie Schultes sehr, als aus Pleystein ein weiterer bayerischer Flugschüler nach Berlin-Staaken kam. Die Beiden zogen am Fahnenmast ihre weißblaue Fahne auf, an dem bereits die Landesfarben anderer Flugschüler vertreten waren. Unter den insgesamt 22 Flugschülern befanden sich auch ein Ägypter, ein Chinese, mehrere Polen, Russen und ein Afrikaner aus Liberia.

Drei Tage lang ging Christl-Marie Schultes vergeblich zum Startplatz der Flugschule, bis sie endlich in eine Maschine steigen durfte. Jeweils zehn Flugschüler waren einem Fluglehrer mit einem Flugzeug zugeteilt. Die Schüler durften in der Reihenfolge ihres Eintritts fliegen. Der Lehrer war ein früherer Militärpilot und nahm als Passagier Platz. Der Schüler kletterte in den Führersitz. Bei jedem Fehler des Schülers konnte der Lehrer mit einer Steuerung über seinem Sitz eingreifen.

„Mitfühlen mit dem Knüppel!“ lautete die Parole des Fluglehrers. Doch bei Christl-Marie Schultes haperte es beim ersten Flug noch sehr damit. Sie umspannte mit ihren beiden dick behandschuhten Fäusten den Knüppel und hielt sich bei jeder Schwankung des Flugzeuges daran fest. Ihr Fluglehrer rüttelte, schrie und schimpfte, aber dies nützte nicht viel. Trotzdem landeten beide wohlbehalten. Danach wurde Christl-Marie von allen Seiten gefragt, wie ihr der erste Rutsch bekommen sei. Denn es gab Schüler, denen das Fliegen nicht gut bekam, die aber trotzdem nicht aufhören konnten oder wollten.

Als das Schlimmste empfand Christl-Marie Schultes, dass sie zum Polizeiarzt musste: „Wie ein Rekrut muß man sich ausziehen, Kniebeugen vormachen, wird untersucht, wie stark das Herz klopft, wie weit der Hals ist, der Brustumfang, wie gut die Augen, die Ohren, wie die Nase arbeitet usw. Ungefähr 200 Fragen sind zu beantworten, darunter, ob die Eltern und die Großaltern schon gestorben sind, und was für Krankheiten diese erlagen. Ohne ein einwandfreies Zeugnis des Polizeiarztes kann man den Führerschein nie erhalten. Ja, es werden sogar sehr oft noch Nachprüfungen vorgenommen.“

Nach fast vier Monaten durfte Christl-Marie Schultes erstmals allein fliegen. Was dabei geschah, berichtete sie in dem Buch „Frauen fliegen“: Bereits um vier Uhr früh kam sie zum Startplatz und um fünf Uhr holte sie die Maschine aus der Halle. Weil der Wind stärker geworden war, machten die Fluglehrer bedenkliche Gesichter. Doch Christl-Marie wollte, dass es heute sein musste, rollte ihre Maschine zum Startplatz, wartete auf das Startzeichen und gab Vollgas. Es war für sie ein herrliches Gefühl, endlich frei und allein in der Luft zu sein. Sie flog die vorgeschriebene Runde, nahm das Gas weg und gab Tiefensteuerung.

Als schwierigster Teil erwies sich die Landung, die über ein Eisenbahngleis mit vielen Drähten führte. Über dem Gleis mit den Drähten fing Christl-Marie Schultes die Maschine ab und steuerte sie fast waagrecht in Richtung Landekreuz zur Erde. Zu ihrem Leidwesen bewegte sich die Maschine nicht schwebend nach vorn, sondern senkte sich fahrstuhlmäßig zur Erde und setzte mit Ach und Krach auf. Beim Anblick ihres entsetzten Fluglehrers und ihrer Flugschüler-Gruppe trat sie das Seitensteuer, worauf sich die Maschine nach rechts drehte und zum naheliegenden Startplatz sauste. Der Startpolizist vertrieb aufgeregt mit seiner Fahne die umherstehenden Zuschauer. Nachdem Christl-Marie die Zündung ausgeschaltet hatte, standen endlich der Propeller und die Maschine. Weil der Start und die Landung gut verlaufen waren, gratulierte man Christl-Marie. Einziger Schaden am Flugzeug war eine verbogene Achse.

Einem Artikel in der Wochenzeitung „Heim und Welt“ zufolge flog Christl-Marie Schultes beim ersten Alleinflug mit der damals sensationellen Fluggeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern die vorgeschriebene Strecke ab. Ängstlich steuerte sie immer geradeaus, wagte nicht umzukehren und hoffte inbrünstig auf ein Wunder. Nach etwa 50 Kilometern war der Benzintank leer und der Prüfling landete schweißgebadet auf einer Waldwiese. Diese Prüfung hatte sie bestanden.

Zur Freude von Christl-Marie Schultes sagte ihr Papa bald nicht mehr „Nein“ zu ihrem Wunsch, einen derart extravaganten Beruf wie den einer Pilotin zu ergreifen. Ihr Vater war stolz auf seine tüchtige Tochter und bezahlte stillschweigend die „nichtsnutzige Fliegerei“, für die Christl-Marie sich in Schulden gestützt hatte. Die Flugausbildung für Frauen war damals ein teures Vergnügen. Allein das Schulgeld bis zum amtlichen Flugschein A1 kostete 1927/1928 rund 3.500
Mark.

Als die Privatfliegerschule Berlin-Staaken pleite ging, wechselten deren Flugschüler nach Stuttgart-Böblingen. Von dort aus absolvierte Christl-Marie Schultes einen vorschriftsmäßigen großen Überlandflug nach Frankfurt am Main und zurück sowie einen 3.000-Meter-Höhenflug. Im Sommer 1928 erhielt sie den A-Schein, der sie berechtigte, eine A-Maschine mit einem Passagier zu fliegen. Das Fliegen hatte sie nicht gelernt, um es den Männern nachzumachen, sondern aus einem inneren Drang heraus.

In dem Buch „Frauen fliegen“ erklärte Christl-Marie Schultes: „Ich freute mich besonders, dass nun eine Bayerin das geschafft hatte, was unsere norddeutschen Schwestern schon lange erreicht hatten. Nach dem A-Schein wollte ich aber auch den Kunstflug-Schein erwerben. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, ging das Schulen weiter. Diesmal wurden nicht Landungen oder Spiralen versucht, sondern die ersten Loopings! Mit Ausdauer und Geduld wird geübt, besonders der langsame Rolling. So werden Loopings, Rollings, Turn, Trudeln, Slip und Rückenflug von dem Kunstflugschüler verlangt! Den Fallschirm angeschnallt geht es zuerst in große Höhen, und dann probierte man da nach Herzenslust. Mit der Zeit gewöhnt man sich auch an jede Lage der Maschine und es gibt kaum etwas Schöneres, als den großen Flugplatz auf den Kopf gestellt zu sehen.“

Nachdem Christl-Marie Schultes den Kunstflugschein erworben hatte und dies bekannt wurde, erhielt sie zahlreiche Briefe und Heiratsanträge. Als frischgebackene Pilotin trat sie mit einer von ihrer Flugschule geliehenen Maschine bei Flugtagen in der Provinz auf. In ihrer Heimat hat man sie als einzige bayerische Fliegerin sehr gefeiert.

Zu einem Fest ganz besonderer Art geriet ein Empfang von Christl-Marie Schultes in Bad Heilbrunn, also in der Gegend, in der sie aufgewachsen war. Eines Tages erhielten ihre Eltern, mit denen sie sich ausgesöhnt hatte, einen Brief, in dem zu lesen war: „Liebe Eltern, ich komme morgen nachmittag mit dem Flugzeug“. Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Dorf. Vereine, Behörden und Einwohner bereiteten sich in aller Eile zum Empfang vor.

Als Landeplatz hatte Christl-Marie Schultes eine Wiese am Feuerwehrhaus in Bad Heilbrunn ausgewählt. Alle Einwohner wollten unbedingt den Anflug der Tochter des Oberforstverwalters Schultes mit eigenen Augen verfolgen. Viele von ihnen hatten noch nie ein Flugzeug gesehen. Die Feuerwehrmänner erschienen in voller Uniform und führten Absperrmaßnahmen durch. Bürgermeister, Gemeinderat und Blumenmädchen stellten sich in Positur.

Doch die Wartezeit wurde immer länger und länger. Der für die Landung angekündigte Zeitpunkt verstrich und auch lange danach war noch kein Flugzeug am Horizont zu erblicken. Einwohner aus Bad Heilbrunn schimpften deswegen: „Die hat uns schön dableckt ... a ganze Gmoa hat’s angeschmiert“. Die meisten Männer trösteten sich im Wirtshaus und spülten mit Bier ihren Ärger hinunter. Auch die Musikanten folgten diesem Beispiel und ölten kräftig ihre Kehlen. Plötzlich wurde doch noch der Anflug der Maschine gemeldet und die Dorfbewohner eilten zum Landeplatz, weil niemand das Spektakel verpassen wollte. Aber es gab erneut eine Enttäuschung: Aus Sicherheitsgründen musste die Landung unterbleiben. Die Pilotin warf nur einen Blumenstrauß in die Menge, dann schraubte sich das kleine Flugzeug immer höher und verschwand den Blicken der Zuschauer.

[...]

Details

Seiten
82
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783640677764
ISBN (Buch)
9783640677856
Dateigröße
7.8 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155490
Note
Schlagworte
Ernst Probst Josef Eimannsberger Fliegerinnen Pilotinnen Fliegerei Luftfahrt Frauenbiografien Biografien

Autoren

  • Ernst Probst

    347 Titel veröffentlicht

  • Josef Eimannsberger

Teilen

Zurück

Titel: Drei Königinnen der Lüfte in Bayern