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Arbeit in der Moderne - Über den Wandel und die Bedeutung der Erwerbsarbeit in unserer Gesellschaft

Bachelorarbeit 2009 38 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlage

3 Stand der Forschung

4 Vom Taylorismus und Fordismus der Industriegesellschaft zur entgrenzten Arbeit in der Wissensgesellschaft
4.1 Erwerbsarbeit unter den Prinzipien von Frederick Winslow Taylor und Henry Ford in der Industriegesellschaft der deutschen Nachkriegszeit
4.2 Der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft und die Anforderungen an die Erwerbsarbeit im Postfordismus
4.3 Die Wissensgesellschaft und die aktuellen Anforderungen der Erwerbsarbeit

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - Erwerbstätige nach Wirtschaftssektoren 1800 – 2004

Abbildung 2 - Die fragmentierte Erwerbsbiografie

Abbildung 3 - Die Vier-Sektoren-Hypothese

1 Einleitung

„Arbeit! Arbeit! Arbeit!“ – war der Slogan der SPD im Europawahlkampf 1994. Mit dem Wahlkampfmotto „Sozial gerecht ist, was Arbeit schafft“, versuchte die CDU/CSU im Vorfeld der Bundestagswahl 2005 die Wählerstimmen der Bundesbürger zu mobilisieren. Doch was versteht man eigentlich unter Arbeit? Sind der Schulbesuch eines Kindes oder die mit einem Studium verknüpften Tätigkeiten Arbeit? Auch wenn die genannten Personen oder Tätigkeitsbereiche in der individuellen Wahrnehmung der Ausführenden als Arbeit empfunden werden, werden sie trotz dessen in der Regel nicht zu den Arbeitenden gezählt. Für Schulkinder und Studenten beginnt die Phase der Arbeit erst nach dem erfolgreichen Abschluss der jeweiligen Bildungsinstitutionen und dem Eintritt in das Berufsleben. Diese Aspekte offenbaren die vielfältige Bedeutung von Arbeit. Thomas Eberle definiert Arbeit unter dieser Prämisse folgendermaßen: „Im weitesten Sinne meint sie jedes menschliche Eingreifen in die Wirklichkeit, in einem engeren Sinn meint sie lediglich Erwerbsarbeit“ (Eberle, 1991, S. 3).

Die aufgeführten Beispiele zeigen auf, dass Arbeit in unserer Gesellschaft zumeist mit Erwerbsarbeit gleichgesetzt wird und eine positive Bewertung erfährt. Es genügt allerdings ein Blick in die griechische und römische Antike um festzustellen, dass dies in der Vergangenheit nicht immer so war. Arbeit galt in dieser Zeit als minderwertig und wurde lediglich von den unteren Schichten ausgeführt. Demnach waren Handwerker, Kaufleute oder Bauern, durch die Übernahme von „banausischen“ Tätigkeiten, nicht nur unfähig für den Kriegsdienst, sondern vielmehr auch unfähig für anspruchsvolle geistliche Tätigkeiten, soziale Beziehungen und die Mitgestaltung zur idealen Polis (vgl. Nippel, 2000, S. 55). Dies liegt darin begründet, dass Personen, die auf Erwerbsarbeit angewiesen waren, nicht genügend Muße für die Erkenntnis von Wahrheit, Schönheit oder dem Guten hatten. Gerade bei Aristoteles findet sich eine äußerst negative Bewertung von Arbeit oder auch arbeitender Menschen wieder, da er, wie alle Bürger Griechenlands in dieser Zeit, weder Arbeiten noch Herstellen als eine Lebensweise betrachtete, die eines freien Mannes würdig wäre (vgl. Arendt, 1958/1994, S. 19). Erst mit dem Übergang in die Neuzeit setzte sich die Meinung durch, dass ein arbeitsames Leben tugendhaft sei und Müßiggang frevelhaft. Max Weber hat dieses Phänomen in seinem Werk Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus ausführlichst untersucht. Er weist dabei dem Protestantismus einen besonderen Einfluss auf die Entwicklung dieser neuen Arbeitsethik zu. Vor allem innerhalb des Calvinismus und Puritanismus wurde Arbeit als gottgefällig betrachtet und das Nichtstun verpönt (vgl. Weber, 2007). Losgelöst von den religiösen Motiven, ist dieser Arbeitsethos auch heute noch gültig.

Arbeit im Sinne von Erwerbsarbeit kann allerdings nicht als ein statisches Phänomen betrachtet werden, sondern ist einer Vielzahl von Einflüssen und Veränderungsprozessen ausgesetzt. Insbesondere durch den Einfluss der Technisierung hat sich der Charakter von Erwerbsarbeit in den letzten 200 Jahren grundlegend geändert. Die vorliegende Arbeit soll die Erwerbsarbeit in Deutschland nach 1950 untersuchen, wobei sich die Analyse für den Zeitraum vor der Wiedervereinigung ausschließlich auf die BRD bezieht. Die DDR und ihre Besonderheiten werden außer Acht gelassen. Ziel ist es, die strukturellen Veränderungen herauszuarbeiten (Arbeitszeitstruktur, Niveau und Struktur der Beschäftigung sowie Form und Inhalt der Arbeit) und herauszufinden, inwiefern sich durch diesen Wandel die Bedeutung von Erwerbsarbeit geändert hat. Im Vordergrund steht die These das Erwerbsarbeit zunehmend ihre rein instrumentelle Bedeutung und standardisierte Form verliert und sich verstärkt zu einem individualisierten und pluralisierten Lebensbereich entwickelt, innerhalb dessen Erfüllung und Selbstverwirklichung gesucht wird. Die Bearbeitung der These erfolgt durch die Beantwortung folgender Fragen: Sorgt der Wandel der Arbeitsgesellschaft für eine Entgrenzung der Lebenssphären? Lassen sich Arbeit und Freizeit, Berufs- und Privatleben klar zeitlich, räumlich, inhaltlich, sozial und motivational voneinander trennen? Werden in Abhängigkeit vom Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte verstärkt subjektive Ansprüche an die Arbeit gestellt, wie z.B. persönliche Entfaltung und Selbstverwirklichung?

Grundlage der Analyse ist der sektorale Strukturwandel und die Frage nach seiner Bedeutung für die Konfiguration von Erwerbsarbeit. Entsprechend wird der Veränderungsprozess zeitlich in verschiedene Etappen eingeteilt und das Erscheinungsbild von Erwerbsarbeit in den jeweiligen Zeiträumen gesondert betrachtet. Aus den grundsätzlichen Charakteristika der jeweiligen Form der Arbeitsgesellschaft werden Rückschlüsse auf die Bedeutung der Erwerbsarbeit gezogen.

2 Theoretische Grundlage

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts wird in der Volkswirtschaftslehre diskutiert, ob ein langfristiger Strukturwandel existiert, bei dem sich stark agrarisch geprägte Volkswirtschaften zu Industrie- und Dienstleistungsgesellschaften entwickeln. Die Grundannahme dieser Hypothese besagt, dass moderne Volkswirtschaften einen Entwicklungsprozess durchlaufen, der durch eine permanente Produktions- und Beschäftigungsverschiebung zwischen den einzelnen Sektoren gekennzeichnet ist. Zentrale Autoren der Drei-Sektoren-Hypothese sind Allan G.B. Fisher, Colin Clark und Jean Fourastié. Fourastié gilt als einer der bekanntesten Vertreter dieser Debatte. Im Folgenden sollen deshalb die Annahmen seines Werks Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts rekonstruiert werden. Es wird zunächst die von ihm verwendete Sektorenabgrenzung erläutert und daran anschließend sein theoretischer Erklärungsansatz des sektoralen Strukturwandels vorgestellt.

Fourastié verwendet für die Unterscheidung des primären, sekundären und tertiären Sektors die Möglichkeiten des technischen Fortschritts und damit verbunden die Steigerungsrate der Arbeitsproduktivität. Dementsprechend werden „[…] als primär alle Produktionszweige mit mittelmäßigen technischen Fortschritt (Landwirtschaft), als sekundär alle Wirtschaftszweige mit starkem technischen Fortschritt (im wesentlichen Industrie) und als tertiär alle wirtschaftlichen Tätigkeiten [...] [mit einem] geringen technischen Fortschritt […] (Handel, Verwaltung, freie Berufe, Dienstleistungsberufe u.ä.)“ (Fourastié, 1949/1954, S. 30) bezeichnet. Der technische Fortschritt ist somit der zentrale Bestimmungsfaktor für den Übergangsprozess von einer Agrar- zur Dienstleistungsgesellschaft. Eine direkte Auswirkung des technischen Fortschritts ist die Wanderung und Verschiebung der Beschäftigten in den einzelnen Sektoren. Es vollzieht sich demnach eine Beschäftigungsallokation vom primären Sektor zum sekundären Sektor und später zum tertiären Sektor (vgl. Fourastié, 1949/1954, S. 31). Entsprechend der unterschiedlichen Steigerungsmöglichkeiten der Arbeitsproduktivität, würde dies einen Strukturwandel auslösen, bei dem der sekundäre Sektor relativ stark, der primäre Sektor relativ schwach zunimmt und der tertiäre Sektor abnimmt. Demgegenüber steht allerdings die Entwicklung der Nachfrage. Fourastié geht davon aus, dass durch steigende Realeinkommen zunächst eine Sättigung nach primären Gütern erfolgt und später aufgrund der anhaltenden Verbesserung des Lebensstandards nach sekundären Gütern. Lediglich die daran anschließende Verlagerung der Bedarfe nach tertiären Gütern scheint sättigungsresistent zu sein (vgl. Fourastié, 1949/1954, S. 84ff.). Da die Möglichkeiten des technischen Fortschritts und der Steigerung der Arbeitsproduktivität im tertiären Sektor sehr gering sind, wirkt sich eine überproportional steigende Nachfrage nach tertiären Gütern direkt auf die Beschäftigung aus.

Für Jean Fourastié existieren zwei Hauptgründe die für den Anstieg des tertiären Sektors verantwortlich zu machen sind. Ein „individueller Hunger nach Tertiärem“ ergibt sich daraus, dass der Mensch über die Sättigung mit sekundären Gütern die Knappheit seiner Zeit entdeckt, d.h. er keine Möglichkeit hat, die von ihm erworbenen Dinge wirklich nutzen zu können. Dienstleistungen schaffen hierfür Abhilfe, da der tertiäre Verbrauch im Gegensatz zum sekundären Verbrauch, Zeitersparnis bedeutet, bspw. die Inanspruchnahme von Wäschereien oder Lieferdiensten (vgl. Fourastié, 1949/1954, S. 274f.). Den zweiten wichtigen Aspekt umschreibt Fourastié als „kollektiven Hunger nach Tertiärem“. Darunter versteht er die aufgrund des technischen Fortschritts erfolgende Vergeistigung der Arbeit. Demnach ist die Produktion von materiellen Gütern in einem vorgerückten Stadium des technischen Fortschritts ein äußerst komplizierter Mechanismus, bei dem der geringste Teil der Arbeitskraft auf die Ausführungen entfällt. Vielmehr stehen Tätigkeiten wie z.B. Vorbereiten, Planen, Beobachten, Forschen im Vordergrund. Somit gewinnen Bank- und Kreditwesen, Verwaltungseinrichtungen, Technologie- und Forschungszentren, Universitäten vermehrten Einfluss (vgl. Fourastié, 1949/1954, S. 276f.).

Zusätzlich spricht Fourastié Aspekte an, die in der weiteren Analyse dieser Arbeit unter dem Begriff des quartären Sektors oder der Wissensgesellschaft subsumiert werden bzw. als Ausdifferenzierung des tertiären Sektors gelten. Er geht davon aus, dass parallel zur Reduktion der Beschäftigtenzahl in der Industrie, die Zahl der Hilfsarbeiter sinkt. Im Zuge der zunehmenden Automatisierung und Modernisierung werden die repetitiven Arbeiten durch Aufgaben verdrängt, die Nachdenken und selbstständige Entschlüsse erfordern. Der Mensch gewinnt innerhalb der ökonomischen Sphäre mit seinen Bedürfnissen als Arbeitskraft und als Konsument an Bedeutung (vgl. Fourastié, 1949/1954, S. 249). „So verlässt der Menschen nach und nach die knechtischen Tätigkeiten zugunsten geistigerer Aufgaben, und zwar selbst innerhalb des primären und sekundären Sektors“ (Fourastié, 1949/1954, S. 250). Er sieht eindeutige Zeichen, die dafür sprechen, „[…] dass die den Menschen gestellten beruflichen Aufgaben in naher Zukunft seine geistige Bildung und sein seelisches Gleichgewicht fördern müssen, statt sie zu behindern“ (Fourastié, 1949/1954, S. 250). Die Berufsstruktur verschiebt sich folglich in Richtung hochqualifizierter Tätigkeiten und intellektueller Arbeit. Inwiefern der technische Fortschritt, den Menschen neben der Befreiung von stupiden und einfachen Arbeiten und der höheren geistigen Bildung, auch „ethische Vervollkommnung“ (Fourastié, 1949/1954, S. 310) gestattet, muss an dieser Stelle leider unberücksichtigt bleiben.

Sehr deutlich lässt sich der sektorale Wandel an der Zahl der Beschäftigten in den jeweiligen Sektoren veranschaulichen. Abbildung 1 verdeutlicht wie stark sich die Beschäftigungsanteile in den letzten 200 Jahren, insbesondere in den letzten 50 Jahren, zu Gunsten des tertiären Sektors verschoben haben. Betrug der Anteil der Beschäftigten im primären Sektor 1800 noch 62%, reduzierte er sich bis 1885 auf ungefähr 38%. Ein weiterer besonders starker Beschäftigungsrückgang findet in dem Zeitraum zwischen 1950 und 2004 statt, so dass aktuell nur noch 2,3% der Erwerbstätigen im primären Wirtschaftssektor tätig sind. Nach dem bis 1970 ein konstant hoher Anteil der Beschäftigten im sekundären Sektor vorzufinden war, hat dieser sich bis zum Jahr 2004 von 48% in den 1960er und 1970er auf 31% reduziert. Parallel dazu erhöhte sich der Beschäftigungsanteil im tertiären Sektor von ursprünglich 17% im Jahre 1800 auf ungefähr 67% im Jahr 2004. Zusammengefasst lässt sich die Entwicklung der Beschäftigungsanteile folgendermaßen beschreiben: Die Beschäftigungsanteile im primären Sektor sanken innerhalb der letzten 200 Jahre kontinuierlich ab. Der sekundäre Sektor hingegen war lange Zeit durch einen kontinuierlichen Anstieg charakterisiert und somit sehr bedeutend und prägend für die Wirtschaft. Allerdings zeigt sich seit Mitte der 1970er Jahre die Tendenz der immer stärkeren Erhöhung des Beschäftigungsanteils im tertiären Sektor. Heutzutage übertrifft diese die Beschäftigung im sekundären Sektor erheblich.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 - Erwerbstätige nach Wirtschaftssektoren 1800 – 2004. 1950 – 1989 alte Länder, nach 1989 Gesamtdeutschland. Die Abbildung wurde entnommen bei (Geißler, 2006, S. 26)

Entlang der durch diese Theorie beschriebenen Entwicklungsstufen, sollen im Folgenden die Veränderungen in der Erwerbsarbeit untersucht werden. Der Schwerpunkt liegt auf der Analyse des Zeitraums ab 1950 für die Bundesrepublik Deutschland. Aufgrund der Eingrenzung des Beobachtungszeitraums, entfällt die Betrachtung der Erwerbsarbeit des primären Sektors in der Agrargesellschaft. Der Dienstleistungssektor hingegen wird ausdifferenziert, indem die stark wissensbezogenen Tätigkeiten gesondert betrachtet werden. Im Zuge dessen wird heutzutage auch nicht mehr ausschließlich von der Dienstleistungsgesellschaft gesprochen, sondern immer häufiger von der Wissensgesellschaft. Gerhard Willke nimmt darauf Bezug und spricht in einer Weiterführung der Drei-Sektoren-Hypothese von Jean Fourastié, davon, dass neben dem primären, sekundären und tertiären Sektor, ein quartärer Sektorexistiert existiert – der so genannte Wissensektor.[1] Seiner Ansicht nach ist der Aufstieg des tertiären Sektors bzw. der Bedeutungsrückgang des sekundären Sektors sehr stark durch die Entstehung des Wissenssektors mitbedingt (vgl. Willke G. , 1999, S. 49).

3 Stand der Forschung

Die Erforschung der Thematik der Erwerbsarbeit nimmt innerhalb der Soziologie eine große Bedeutung ein. Eine Vielzahl von Forschungsarbeiten und Publikationen belegen das Interesse an neuen Erkenntnissen über das Phänomen der Erwerbsarbeit. Dabei existieren verschiedenste Thesen zur Erwerbsarbeit und ihrer Entwicklung bzw. zukünftigen Bedeutung.

Vor dem Hintergrund stetig steigender Arbeitslosigkeit prognostizieren viele Autoren das Ende der Arbeit oder der Arbeitsgesellschaft. Stellvertretend für diese Ansicht und den damit verbundenen Konsequenzen steht das Zitat von Hannah Arendt aus dem Jahre 1958: „Was uns bevorsteht, ist die Aussicht auf eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, also die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch versteht. Was könnte verhängnisvoller sein?“ (Arendt, 1958/1994, S. 11). Weitere bekannte Vertreter sind der Amerikaner Jeremy Rifkin, Bernd Guggenberger oder Jörn Ahrens. An Popularität in der deutschen Soziologie gewann diese These mit dem Soziologentag von 1982, der unter dem Motto „Krise der Arbeitsgesellschaft“ stattfand. Im Kern gehen die genannten Autoren davon aus, dass im Zuge von Automatisierung und Rationalisierung immer mehr Arbeitsplätze bedroht sind, da Maschinen und Computer effizienter und profitabler arbeiten. Bspw. versucht Bernd Guggenberger in seinem Buch Wenn uns die Arbeit ausgeht die im Vorwort aufgezeigte Frage zu beantworten, ob „[…] es unausweichliches Schicksal [ist], dass menschliche Arbeit schrumpft, weil wir uns einer Technik und einer Wirtschaft bedienen, welche menschliche Arbeitskraft zunehmend ersetzen, an den Rand drängen und überflüssig machen?“ (Guggenberger, 1988). In der Einleitung seines Buches Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft beantwortet Jeremy Rifkin diese Frage eindeutig, indem er feststellt, dass „[…] das Informationszeitalter […] begonnen [hat], und dank immer leistungsfähigerer Computerprogramme werden wir schon bald in einer Welt ohne Arbeit leben“ (Rifkin, 2004, S. 11). Demgegenüber steht die von G. Günter Voß vertretene These der „Hyperarbeitsgesellschaft“, bei der Erwerbsarbeit einen immer größeren Einfluss auf die Lebensbereiche nimmt (vgl. Voß, 2001). Gerhard Willke richtet sich in seinem Buch Die Zukunft unserer Arbeit gleichfalls gegen die Vorstellung, dass uns die Arbeit ausgehen wird. Er verweist darauf, dass in den letzten Jahrzehnten ein beträchtlicher Anstieg der Erwerbstätigkeit zu verzeichnen ist (vgl. Willke G. , 1999, S. 23). Zusätzlich wendet er gegen die Behauptungen von Rifkin ein, dass der Prozess der Rationalisierung von Produktion und Verteilung bereits über 200 Jahre alt sei, und in diesen 200 Jahren die Zahl der Arbeitsplätze gewaltig angestiegen ist (vgl. Willke G. , 1999, S. 28).

Das zukünftige oder aktuelle Erscheinungsbild der Arbeit oder der Arbeitsgesellschaft wird in der Wissenschaft und der Öffentlichkeit allerdings auch noch unter einer Vielzahl von weiteren Schlagworten diskutiert. Hierzu zählen die Begriffe Dienstleistungsgesellschaft, Informationsgesellschaft, Kommunikationsgesellschaft, Wissensgesellschaft, Tätigkeitsgesellschaft, Freizeitgesellschaft. Es existiert somit eine unübersichtliche Vielfalt von Annahmen und Behauptungen zur Erwerbsarbeit. Nach Ansicht von Fritz Böhle sind diese Diagnosen und Prognosen allerdings sehr fehlerbehaftet, da sie von einzelnen Phänomenen übergreifende Entwicklungstrends ableiten und empirisch nicht ausreichend bestimmt sind. Er verweist darauf, dass viele Abgrenzungen „von Arbeit“ verstärkt an Schärfe verlieren und es somit notwendig wird, die Kategorien und Konzepte der Analyse von Arbeit und ihrer Organisation neu zu fassen. Nur so ist es seiner Meinung nach möglich, den Wandel von Arbeit angemessen zu erfassen (vgl. Böhle, 2006, S. 25). Damit sind die Prozesse der Entgrenzung und Subjektivierung von Erwerbsarbeit oder die zunehmde Bedeutung von Eigenarbeit und ehrenamtlichen Engagement gemeint.

[...]


[1] Willke weist daraufhin, dass unter dem quartären Sektor auch gemeinwirtschaftliche Arbeit, wie z.B. Eigenarbeit und Gemeinschaftsleistungen, gemeinnützige, freiwillige und ehrenamtliche Tätigkeiten verstanden werden kann. Hier wird allerdings der quartäre Sektor mit dem Wissenssektor gleichgesetzt(vgl. Willke G., 1999, S. 49).

Details

Seiten
38
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640680412
ISBN (Buch)
9783640681822
Dateigröße
637 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v155445
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Soziologie
Note
1,8
Schlagworte
Taylorismus Fordismus Wissensgesellschaft Informationsgesellschaft Flexibilisierung von Arbeitszeiten Entgrenzung von Arbeit

Autor

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